Slowakei 2016

Slowakei? Wieso sollte man da wohl hin fahren? Es war im Winter 2014/2015, als ich mir diese Frage stellte. Ich nutze die unkommodere Jahreszeit gerne, um die Reisen fürs nächste Jahr zu planen. Dazu vertiefe ich mich in (Motorrad) Reiseberichte, StreetView und meine National Geographic Sammlung, die ich seit 1975 kultiviere.

Eines war klar. Ich konnte nicht immer nach Norden oder Nordwesten fahren. Für den Süden fühlte ich mich noch nicht alt genug. Im Osten hingegen war ich nur selten gewesen. Und dies zudem zu Zeiten, als der Osten noch „böse“ war. War er eigentlich gerade wieder, denn nicht nur Ostdeutschland entdeckte damals seine rassistische Seele, auch Ungarn und Polen mussten sich da nicht verstecken. Wer sich in diesem Winter als besonders menschenverachtend hervor tat, flog frühzeitig aus der Wertung. Die Slowakei, Baltische Staaten und Slowenien waren damals noch nicht so deutlich auf den Populisten-Express aufgesprungen. Wäre heute wohl anders zu bewerten.

Begünstigt durch zwei Umstände gewann schließlich die Slowakei. Der erste war die völlige Abwesenheit entsprechender Reiseberichte, der zweite die Unfähigkeit der Deutschen Bahn, Autozüge erfolgreich zu betreiben. Ich war noch nie mit einem Autozug gefahren, und die ewig Verspäteten kündigten diesen Service gerade scheibchenweise ab. Es gab nur noch wenig Auswahl, Nord-Süd war aber noch gut vertreten. Und so auch Düsseldorf -> Wien. Wien liegt nur einen Katzensprung von Bratislava entfernt.

Als ich dann die Preise sah, ging ich zuerst davon aus, dass die wohl für den ganzen Zug gemeint wären, und keinesfalls nur für den Herrn Skierlo mit seiner Kleinkuh – aber ich sollte irren. Jetzt wusste ich es sicher. Die Deutsche Bahn AG hat einen an der Waffel. Zum Glück stieß ich im Motorradreise Forum auf den Hinweis zur Österreichischen Bahn (ÖBB), die ausgesprochen erfolgreich einen täglichen Autozug von Düsseldorf nach Wien (oder von Hamburg nach Wien) betreibt. Dieser sollte in 2015 gerade einmal EUR 104,- kosten (Fahrer, Motorrad, Liegewagenplatz, Frühstück). Die Österreicher machen also nicht nur besseres Fernsehen, sie fahren auch besser Zug.

Ich rechnete nach: 1.000 km Sprit, 1.000 km Reifenverschleiß, Ungemach durch eckige Reifen. Der Autozug ist wesentlich günstiger, als selbst zu fahren. Im September 2015 sollte es losgehen. Bis März stand die Feinplanung – das ganze Land ist per StreetView erkundbar.

Im August 2015 zwang mich dann ein Lumbago (klingt viel dramatischer als Hexenschuss) für drei Wochen auf die Auslegeware. Nix ging mehr. Blockiert in allen drei Bewegungsachsen. Anfang September war ich zwar wieder fit, aber das Risiko eines Rückfalls während der Tour erschien mir zu hoch. Ich verschob die Slowakei auf den Herbst 2016.

Ursprünglich hatte ich die Reise als Solotour geplant. Ich wollte wieder mehr filmen und fotografieren, und dies klappt i.d.R. in der Gruppe nicht. Zum Glück kam mir die Idee, im Forum nach motorrad-affinen Fotografen zu suchen. Menschen also, die das Aufstellen eines Stativs nicht mit dem Verdrehen der Augen goutieren. Und so lernte ich Alex kennen. Er lebte im Pott, und schlug ein erstes Kennenlernen auf halber Strecke vor. Treffpunkt war Polo in Jüchen, am 8. Januar 2016. Nachdem auch er mit seiner GS dort aufschlug, war mir sehr schnell klar, dass es passen würde. Völlige Sicherheit erlangte ich, als er mich zu einem Wochenende in seinem Weiler einlud. Er war ein ausgezeichneter Pott-Tourguide, gut geerdet, lustig und unterhaltsam. Die gemeinsame Tour in die Slowakei war somit gesichert. Wir hatten nur 9 Tage Zeit, was aber kein Problem darstellte, für die Zweittour des Jahres. Am 25.09.2016 sollte es los gehen.

Kurz vor der Reise buchten wir den ÖBB Autozug nach Wien. Der Preis hatte deutlich angezogen, und lag jetzt bei EUR 154,- pro Strecke, Bike und Nase. Immer noch im grünen Bereich – und im Vergleich zu DB Alternativen geradezu ein Schnäppchen. Der Zug fährt abends in Düsseldorf ab, und ist am frühen Morgen in Wien. Man verschläft also den langweiligen Transfer. Besser kanns nicht sein.

Mit etwas Sorge betrachtete ich die Wettervorhersage. Nachdem bereits Frühling und Sommer komplett ausgefallen waren, bereitete mir die 16 Tages Prognose Kopfzerbrechen. Ohne Unterbrechung wurde eine große, gelbe Kugel dargestellt. Keine Ahnung, was das sein soll – bestimmt war bei denen das Internet kaputt. Ich kenne zumindest sonst nur die schwarze Wolke mit drei Strichen Regen.

  • Vielen Dank für den tollen Bericht über das Slowakische Paradies. Wir überlegen gerade, ob es Tschechien oder die Slowakei werden wird für unseren Urlaub 2017. Jetzt spricht vieles für die Slowakei.

  • Ich war dabei und habe die Reise lesend ein 2. x erlebt. Danke Thomas für den tollen und sehr detaillierten Bericht. Du hast einen einzigartigen Stil und du solltest für den Tourenfahrer schreiben. Auch für mich warst du der ideale Reisebegleiter und ich würde gerne mit dir in 2017 eine schöne Tour fahren. Ich bin bereit.
    LG Alex

    • Hallo Tom,

      die ÖBB bietet seit 2017 sogar noch weitere Strecken an – teilweise täglich – nämlich
      Hamburg -> Innsbruck (und retour)
      Düsseldorf -> Innsbruck (und retour)

      Damit sind auch die Alpen wieder komfortabel und zu akzeptablem Preisniveau erreichbar. Weitere Verbindungen sollen angeblich folgen. Macht auch Spaß, mit denen zu reisen. Die Zugbegleiter waren klasse.

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