Nordengland & Wales 2016

Auf meiner letztjährigen Rückfahrt aus Schottland wurde mir an mehreren Stellen bewusst, dass ich viele schöne Regionen Großbritanniens immer nur anlässlich von Fahrten nach Irland oder Schottland durchfahren hatte. Dabei war mir durchaus aufgefallen, dass viele davon einen ganz eigenen Reiz ausstrahlen. Dazu noch das vielleicht wichtigste Ereignis der Europäischen Union seit ihrer Gründung. Der mögliche Brexit, das Ausscheiden des wirtschaftlich zweitstärksten Landes der EU. Solche Abstimmungen hautnah mitzuerleben, bei abendlichen Gesprächen im Pub – das hatte was.

Klare Sache. Es würde nach York und in die Yorkshire Dales gehen, dann zum Lake District, dem Schottland-light im Nordwesten Englands. Von dort weiter nach Süden, zum Snowdonia National Park in Nord-Wales. Zum Tourende dann die Pembrokeshire Küste im Süden von Wales, gefolgt vom Brecon Beacon National Park naher der Grenze zu England. Danach noch 1-2 Nächte in den Cotswolds, einer wirklich verschlafenen Gegend südlich von Birmingham. Dies alles würde ohne Zweifel 12 Reisetage prall füllen, und ich gab mir wie gewohnt 14 davon, um nach Bedarf mit 2 Jokertagen arbeiten zu können.

Ich war zwar Mitfahrern gegenüber keinesfalls abgeneigt, gab mir aber nur wenig Mühe, sie zu finden. Nein, ich würde diesmal wieder solo reisen – und die sich daraus ergebenden Freiräume voll auskosten. Der Winter diente wie gewohnt zur Vorbereitung, und jede neue Entdeckung in Street-View steigerte die Vorfreude.

Vor der Tour

Mein Gepäckkonzept vom Vorjahr hatte sich als perfekt erwiesen. Optimierung durch Reduzierung. Das Geheimrezept für Reduzierung heißt „Duschgel“. Mit Duschgel kann man nicht nur sich selber reinigen, es eignet sich auch wunderbar zur Handwäsche von Klamotten. Zusätzlich lässt es sich als Rasierschaum missbrauchen, und ein Nassrasierer dürfte 90% leichter sein als sein elektrischer Kollege. Da ich mehrere Doppelübernachtungen auf Campingplätzen eingeplant habe, waren diese ideal als Waschtage.

Erstmals mit an Bord würde ein 14 m langes Campingkabel sein. Zelt mit Strom, um bei Bedarf die zahllosen Akkus meiner Kameraausrüstung laden zu können. Ich wollte deutlich mehr fotografieren und filmen, als auf meiner letzten Reise. Da es nicht auf allen Plätzen Stromanschlüsse für Zeltcamper gab, konzentrierte ich mich zusätzlich auf meinen Tankrucksack als Ladestation. Dazu führt ein kurzes Kabel von der DIN-Buchse im Cockpit meiner Kuh in den Tankrucksack, und endet dort in einer Doppel-Zigarettenanzünderbuchse. An einer der beiden Buchsen hing permanent ein Doppel-USB Lader (geeignet zum Laden meiner beiden Action-Cams, sowie meines Smartphones und – falls ich zu viel lesen sollte – meines Kindle). Zusätzlich zwei kompakte China Ladegeräte für die Akkus meiner Nikon und die Ersatzakkus der Action-Cams. So konnte ich auch nachladen, während ich die Kameras nutzte.

Die Anreise sollte diesmal mit P&O über Zeebrugge nach Hull erfolgen. Das belgische Zeebrugge war nur 8 km weiter von meinem Heimatweiler Vaals entfernt, als Rotterdam, der deutlich populäreren Verbindung nach Ostengland. Man spart sich die besonders schrecklichen niederländischen Autobahnen, das immer währende Verkehrschaos um Rotterdam und die astronomischen Benzinpreise des schönen Königreichs. Zudem kommt man 75 Minuten früher in Hull an, und hat somit mehr vom Tag. Zusätzlich waren die Tickets etwas günstiger. Auch hier empfiehlt sich ein Vergleich der landessprachlichen Websites von P&O (nicht vergessen, zwischenzeitig die Cookies zu löschen). Wie im Vorjahr bei DFDS war auch heuer wieder die NL-Site die günstigste. Ein weiterer Vorteil von P&O für Alleinreisende ist die Möglichkeit, eine Sammelkabine zu wählen. Für EUR 96,- (inkl. Frühstück) buchte ich mich am Tag vor der Reise in meine schwimmende Jugendherberge.

Meiner erst Nacht im UK wollte ich in York verbringen, einer sehr geschichtsträchtigen Stadt mit zahllosen Sehenswürdigkeiten. Nachteilig war, dass York fast keine Campingmöglichkeit bietet. Entweder lagen die Plätze weit außerhalb, oder es waren Caravanplätze mit Micro-Zelt-Resterampe. So bot der einzige innerstädtische Platz zwar 3 (in Worten drei) „Tent-Pitches“, dazugehörige Fahrzeuge müssten jedoch außerhalb des Platzes auf einem „Pay & Display“ Parkplatz abgestellt werden. No way. Kam gar nicht in die Tüte.

Ich hatte zwar einen Vorrat an bezahlbaren B & B gesammelt, „bezahlbar“ spielte aber weiterhin in der Liga £40.- und höher. Für praktizierende Geizhälse wie mich viel zu teuer. Also checkte ich als Alternative die örtliche Jugendherberge. Und tatsächlich. Sie hatten ein Bunk-Bed für mich, zumindest am Mittwoch – und nur an diesem, denn alle anderen Tage des Monats waren ausgebucht. Juni ist zwar deutlich Off-Season im UK, aber gerade der Juni wird gerne von Schulklassen für ihre Klassenfahrten genutzt. Ich war für £10.- dabei, plus £4,45 für ein Full-English Breakfast. Sonst buche ich nie vor, aber dieses Schnäppchen wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Ein weiterer Vorteil von Zeebrugge ist die Nähe zum wunderschönen Brügge. Alle Englandfähren legen erst am frühen Abend ab, und so würde ich die Gelegenheit nutzen, mir vorher noch Brügge anzuschauen.

Am Vorabend der Reise war mein Gepäck schon gepackt (das war es seit Tagen), und mit üblicher Nervosität ging ich ein letztes mal schlafen. Da ich wusste, wie sehr mir meine Stinkerherde fehlen würde, drapierte ich sie alle um mich rum. Der Wetterbericht kündigte leichten Regen für Aachen an, und geschlossene Wolkendecke für Brügge und Zeebrugge. Nach dem Komplettausfall eines Frühlings auf dem Kontinent, gepaart mit sintflutartigem Gewitterregen, war dies schon fast ein Feature.

  • Hallo Demokrit

    Gestern war ein ungewöhnlicher Abend. Ich vor dem PC, meine Frau mit dem Tablet. Der Fernseher blieb aus. Gemeinsam versanken wir in deinen Reiseberichten, und waren beide ziemlich gefesselt. Deine Rückfahrt aus England war ja wohl wirklich ein Horrortrip. Alle Achtung! Wir hätten die fahrt sicher vorher abgebrochen.

    Ein paar Fragen bleiben: So schön England und Irland auch sein mögen – nimmt einem der viele Regen nicht jeden Spaß am Motorradfahren? Gehört es für dich dazu, regelmäßig nass zu werden? Uns zieht es immer in den süden, wo das Wetter besser ist als in Deutschlnd. Unsere letzte Tour durch Südfrankreich war allerdings auch recht nass. Die Dolmitentour im Jahr davor war dafür genial.

    Glaubst du, das der Nagel im Reifen etwas mit dem Brexit zu tun hatte?

    Bikergrüsse vom nassen Niederrhein

    Clemens und Ela

    • Hallo Clemens und Ela,

      fährt man auf einem Motorrad durch den Regen, in Irland, Schottland, Wales oder irgendwo, dann stellt man sich selbst die Frage, ob dies wirklich sein muss. Gerade, wenn man schon etwas älter ist. Wenn dann 4 Minuten später der Himmel aufreißt, und wieder die Sonne lacht, dann findet man schnell die Antwort. Ja, es lohnt sich unbedingt. Ich war jetzt 30 mal auf den britischen Inseln, 10 mal davon in Irland. Bilde ich den wettertechnischen Durchschnitt dieser Reisen, so war das Wetter IMMER besser als bei mir zu Hause. 2012 war ein Katastrophensommer, zumindest überall nördlich des Mains. 2013 hatte ich eine fast regenfreier Irland-Tour, während daheim die Welt unterging. Schottland 2014 war trocken, ich kam mit Sonnenbrand zurück. Wir leben in Zeiten eines starken El Niño, der trockene Reiseplanung fast unmöglich macht. Egal, wohin man fährt.

      Ich will es noch provokanter ausdrücken: Irland und Schottland zählen zu den wenigen Ländern dieser Erde, die selbst bei Regen noch fast so schön sind, wie bei Sonne. Wenn es regnet, und man hat Zeit, so fährt man zum nächsten Pub, setzt sich ans Torffeuer, und hält zwei Stunden Schwätzchen. Regnet es in Schottland, so gilt die Regel: „Du willst besseres Wetter? Dann fahre über einen Berg“. Klingt lustig, stimmt aber in der Regel.

      Und nein, ich vermute ausdrücklich keinen Zusammenhang zwischen Nagel im Reifen und Brexit. Es gibt zwar auch im UK eine steigende Fremdenfeindlichkeit, aber ähnlich wie bei uns betrifft dies eher die totalen Loser, auf die man als Tourist nur selten trifft. Mit Ausnahme des Compingplatzbetreibers in Chipping Norton bin ich dort noch nie unfreundlich behandelt worden. Ganz im Gegenteil. Ein wichtiger Aspekt meiner Reisen dorthin ist die grenzenlose Freundlichkeit der Menschen.

      Der Nagel steckte zudem in der Lauffläche, und dort im Vollmaterial, und nicht einer Vertiefung. Jeder böswillige Nagler hätte eine Stelle mit geringerem Widerstand gewählt, oder sich der Reifenflanke gewidmet – was eine Reparatur unmöglich gemacht hätte.

      Grüße,
      Demokrit

  • WOW – hab selten einen so tollen Reisebericht gelesen. Die Rückfahrt sollte man als Thriller verfilmen.
    Die Seite ist gebookmarked – Freue mich auf mehr

    Grüße
    Rolf

  • Wir werden im Juli den Lake District unter die Räder nehmen. Danke für den Tip mit den steilen Pässen.
    Auch die anderen Reisen begeistern. Du hast einen unterhaltsamen Schreibstil.

  • Danke für die tolle Reise Inspiration. Wir werden zwar Wales auslassen, haben uns aber viele Ideen für Nordengland abgeguckt.

    Grüße aus Koblenz,
    Harald und Regine

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