Sonntag, 11.06.2017 32 km 10 km

Die Nacht verlief ausgesprochen kommod. Kein Verkehrsgeräusch drang in unser kleines Campingwäldchen, und die Nacht war angenehm kühl. Am Morgen war es etwas bedeckt, aber blaue Momente dazwischen verkündeten einen trockenen Tag. Heute sollte es nach Danzig gehen. Aber vorher fehlte noch ein Frühstück. Wir fanden es im Pomarańczowa Plaża, etwa 200 m von unseren Zelten entfernt.

Da es nur 10 km bis Danzig waren, fuhr ich direkt in Sneakers und Jeans. Soll man zwar nicht, aber ich habe bekanntlich mein Leben gelebt.

Wir fanden einen Parkplatz direkt hinter dem Krantor in der Szeroka Straße. Es standen zwar Parkautomaten herum, aber wir beschlossen, dass so was an Sonntagen kein Bedeutung haben konnte. Zur zusätzlichen Sicherheit brachten wir auch unsere Bremsscheibenschlösser an. Jacken und Helme blieben am Bike. Eine ältere Deutsche erzählte uns, dass sie als kleines Mädchen von Danzig nach München gezogen sei, und jetzt ihre alte Heimat wieder sehen wollte. Sie spreche zwar noch Polnisch, habe aber bereits Lücken. Wir wünschten uns gegenseitig schön Ferien, und als wir schließlich los marschierten, lachte erneut die Sonne vom Himmel.

Durch das Krantor kamen wir an die Promenade entlang der Mottlau (Motława). Jedes Haus lohnte hier ein Foto. Auf der anderen Seite sieht man alte Speicherhäuser, und selbst Neubauten daneben waren in ähnlichem Stil, aber ohne Verkitschung, errichtet worden. Unzählige Restaurants buhlten um die Gunst der Touristen, und alle wirkten ausgesprochen einladend.

Eine alte Kogge am Kai entpuppte sich als purer Touristennepp. Der Kahn fährt im Halbstundenrhythmus mit Motorkraft bis zur Westerplatte – maximal 2x 10 Minuten Fahrtzeit.

Durch‘s Grüne Tor (Brama Zielona) gelangten wir auf den Langen Markt (Długi Targ), die Prachtstraße Danzigs. Hier verschlägt es einem vollends den Atem. Danzig ist ein einziger architektonischer Hammer. Nach dem Krieg lag hier alles in Trümmern, und die Polen haben (zusammen mit der EU) keine Mühen und Kosten gescheut, alles wieder originalgetreu aufzubauen. In vielen deutschen Städten, wo ähnliches geschah, endete der Wiederaufbau oft eine Straße hinter dem Dom oder Rathaus. Nicht so in Gdansk. Hier schien die ganze Stadt wie frisch aus dem hansetypischen Mittelalter. Selbst feinste Putten und Giebelverzierungen waren bis ins kleinste Detail rekonstruiert. Eine wirklich großartige Stadt.

Auf beiden Seiten des Weges einladende Restaurants. Besonders ein Steakhaus direkt am Anfang erweckte unsere Aufmerksamkeit. Hier hatten sie alles, was das Herz begehrt. Aus Irland, Schottland oder Südamerika. Dry aged, T-Bones – ein riesiges Sortiment an mutmaßlichen Köstlichkeiten. Es war aber noch deutlich zu früh zum Essen, und so setzten wir uns vor ein Straßencafé, und bestellten uns (zu eigenem Erstaunen) etwas nicht-alkoholisches. Die Floor-Show war beeindruckend. Im Durchgang des Grünen Tores spielte ein hervorragendes Klassik-Trio, wurde aber an unserer Position übertönt von zwei vermeintlichen Indios, die Indiomusik (wer kennt sie nicht) aus einem Ghetto-Blaster krakeelen ließen, während einer der beiden auf wechselnden Instrumenten herum zu blasen schien. Es war alles Fake, denn alles kam von der Konserve. Um deren Verkauf ging es wohl auch in erster Linie. War aber nicht sehr erfolgreich, denn die Türkerei war mehr als auffällig.

Dann entdeckte Alex noch eine junge Frau, die ausschließlich Männer anquatschte. Dies fand vor einem Lokal namens Obsession statt, welches wirklich nicht in dieses touristische Ambiente passte. Zu Hause sollte ich feststellen, dass es sich um einen Strip-Club mit äußerst miesen Kritiken handelte. Alex, der in geeigneter Blickrichtung saß, bemerkte, dass viele Männer, die sich wohl hinein animieren ließen, nach Kurzem wieder raus kamen.

Dann noch die allgegenwärtigen GroßluftblasenbläserInnen und andere Kleinkünstler, dazu ein quirliges Gemisch aus hässlichen, fetten Deutschen und jungen, höchst leckeren Polinnen.

Nach dieser Erbauung wurden wir sportlich, und erstiegen die elend lange Treppe des Turms des alten Rathauses, heute das historische Museum der Stadt. Auf halber Strecke verspürte ich einen stechenden Schmerz im rechten Knie, und beschloss, den weiteren Aufstieg langsamer zu gestalten. Ganz oben, auf dem offenen Balkon, wurde man für all die Mühe mit einem grandiosen Ausblick über die Stadt und das Umland belohnt. Von hier sah man auch, welche Mühe sich die Polen gemacht haben, dieser Stadt wieder originalgetreu aufzubauen.

Danach marschierten wir noch kurz zur Marienkirche, und hatten danach die Essreife wiedererlangt. Da uns das Steakhaus vom Anfang des Marsches zugesagt hatte, gingen wir dorthin zurück. Wir hatten uns gerade gesetzt, es mag 12:30 gewesen sein, da kam die Kellnerin, und teilte uns mit, dass man jetzt Mittagspause bis 16 Uhr machen würde. Ein Steakhaus, welches mittags schließt, um nachmittags wieder auf zu machen? Wir waren sprachlos. Gute Steaks gab‘s auch schräg gegenüber, und sie kosteten dort auch nur die Hälfte. Ein weiterer halber Liter Bitter Lemon passte hervorragend zu den tropischen Temperaturen. Alex gönnte sich einen Weißwein.

Danach wanderten wir noch eine Weile durch die alten Hafenanlagen der Altstadt und beschlossen dann, nach Zoppot zurück zu fahren, um vor dem Abendessen noch etwas bubu zu machen. Bevor uns dies gelang, kam aber noch mein Horrorerlebnis des Tages.

Als wir los fuhren, hatte ich erstmals mein Bremsscheibenschloss vergessen. Nach etwa 40 cm Fahrt gab es einen heftigen Schlag, und ich stand still. Gleichzeitig lies sich der Handbremshebel voll durchziehen, ohne dass die Bremse Wirkung zeigte. Ich stellte die Kiste ab, und untersuchte sie auf mögliche Schäden. Im Geiste folgte ich der Bahn des Schlosses, und entschied, dass es von hinten an die vordere, linke Bremszange geschlagen sein musste. Sämtliche Bremsleitungen waren weit davon entfernt. Auch alle Speichen schienen unbeschädigt. Erstaunlicherweise baute sich der Bremsdruck nach Abschalten des Motors direkt wieder auf. Hatte womöglich nur das ABS eine Blockade entdeckt, und alle Ventile geöffnet? Ich fand tatsächlich keinerlei Auffälligkeiten, fuhr aber anfangs mit stark gebremstem Tempo und häufigen Bremsversuchen gen Zoppot. An der Ausfallstraße gerieten wir dann noch in eine Demo gegen die Regierung. Gut so. Für Aufstände gegen diese rassistischen Giftzwerge nehme ich gerne Umwege in Kauf.

Zurück am Platz beschloss Alex, doch einmal auf den langen Seesteg zu gehen. Ich hingegen machte zwei Stündchen lang ein ausgezeichnetes Bubu. Danach entdeckte ich, dass unser Eichhörnchen sehr zielgenau war, wenn es darum ging, meine Kuh voll zu scheißen. Fünf Einschläge zählte ich – zum Glück war aber die Bremse ok.

Nach dem ersten Bierchen sollte eine neue Restaurantsuche beginnen. Ich war wenig begeistert, erneut weit zu laufen, und schlug das Restaurant direkt am Platz vor, in dem wir heute morgen gut gefrühstückt hatten. Meine Pizza war ok, aber weit von der aus Mikołajki entfernt. Zumindest war ich danach satt. Alex hatte weniger Glück mit seiner Fischsuppe, gefolgt von einer Portion Shrimps. Hat ihm beides nicht wirklich gemundet, aber die Reste meiner Pizza haben ihn gerettet.

Morgen sollte der dritte Tag in der Region Danzig sein. Geplant hatte ich eigentlich einen Trip zur Halbinsel Hel, die fast 80 km in die Danziger Bucht hinein reicht. Kurz vor unserer Abreise habe ich jedoch noch einen Reisebericht von ein paar Gespannfahrern gefunden. In deren Resümee wurde die Halbinsel Hel als Ballermann Polens bezeichnet, und als einzig überflüssiger Teil ihrer Tour. Ich besprach dies mit Alex, und wir entschieden, bereits Morgen nach Swinemünde zu fahren, um ggf. einen ruhigen Tag am Meer zu verbringen. Zudem sollte der Ort sehr nett sein. Mag aber auch sein, dass wir beide nur die ausgesprochen unangenehme Fahrerei in Polen hinter uns bringen wollten.

Ein letzter Absacker in einer Strandbar, dann ging‘s ab ins Zelt.