Samstag, 10.06.2017 322 km

Trotz recht schwüler Nacht hatte ich ausgezeichnet geschlafen. Ich musste auch nur einmal Tyskie vor die Tür bringen. Vor 8 hatten wir beide abgebaut und aufgesattelt. Das Frühstück würden wir unterwegs nachholen.

Fündig wurden wir in Nowe Bagienice direkt an der 16. Eine Art Autohof bot eine große Tankstelle und eine Bar in einem separaten Gebäude. Viele Trucks standen auf dem Parkplatz – oft ein gutes Zeichen, wenn es um Essen geht. Eine Bar ist bei uns anders konnotiert. Hier steht Bar einfach für Restaurant. Das Frühstück war günstig, umfangreich und lecker.

Weiter ging es über das durch Berufsverkehr zu gestaute Allenstein (Olsztyn). Kurz dahinter machten wir eine kurze Pause an einem Parkplatz im Wald mit Blick über einen großen See. Ein Vater kam mit seinem Sohn auf einer uralten Triumph angefahren, und parkte 10 Meter neben uns. Wäre dies ein Bewohner der britischen Inseln gewesen, so wäre es sicher zu einem Gespräch gekommen. Hier in Polen war man wohl eher scheu – Meet the Aborigines fand eher selten statt. Eigentlich sehr schade.

Unser erstes Etappenziel sollte der Oberland Kanal sein. Zwei kurze Stopps waren hier eingeplant. Der erste sollte bei Pochylnia Kąty sein. Um ihn zu erreichen, muss man die größeren Straßen verlassen. Was dies in Polen bedeuten mag, sollten wir bald erfahren. Kilometer für Kilometer wurden die Straßen abenteuerlicher. Anfangs dominierte ein Belag, der ausschließlich aus Teerflicken zu bestehen schien. Es gab keine zwei Meter intakter Fahrbahn. Jetzt reisen wir auf Pseudo-Enduros, Fahrzeugen also, die einen Federweg bieten, von welchem man bei „normalen“ Bikes nur träumen kann. Trotzdem wurden wir dermaßen durchgeschüttelt, dass man Angst um die Fahrwerke bekommen konnte. Und diese Mörderstraßen zogen sich endlos, von Dorf zu Dorf. Zwischendurch auch kurze Schotterstrecken, die im Vergleich angenehmer zu befahren waren. 10 km vor dem ersten Ziel blockierten Bauarbeiten die Weiterfahrt. Ein Bagger stand quer auf der Straße, und eine Umleitung gab es nicht. Obwohl ich die Umleitungsfunktion meines Navis nutzte, wollte es mit unendlicher Penetranz immer wieder an den Ort der Unterbrechung zurück. Ich fuhr schließlich ausschließlich nach der Sonne weiter.

Im Folgenden lernten wir die zweite Kategorie übler Straßen in Polen kennen. Kopfsteinpflaster, gelegt vor hunderten von Jahren, und aufgetrieben von zahllosen Baumwurzeln. Ein weiteres Erlebnis für Liebhaber des praktizierten Masochismus. Hier hätte man keine der unsäglichen 40 km/h Schilder aufstellen müssen. Wer hier schneller als 30 fährt, riskiert sein Leben.

Es ging endlos weiter über diese Marterstraßen, bis wir schließlich den Kanał Elbląski bei Pochylnia Kąty erreichten. Alles schien ganz frisch renoviert, am Parkplatz bereits ein Sanitärhäuschen zur Enlastung durchgerüttelter Blasen. Als wir unsere Kisten abstellten, kam ein älterer Pole, der mein niederländisches Kennzeichen entdeckt hatte. Er hatte lange Zeit in den Niederlanden gelebt, und seine Schwester wohnte derzeit in Köln. Beim Sprechen wechselte er dynamisch zwischen Deutsch und Englisch.

Der Oberlandkanal war wirklich beeindruckend. Uralte Technik, aufs feinste restauriert und voll funktionsfähig. Leider derzeit ohne Schiff. Der zuständige Maschinist döste in einem Liegestuhl neben dem Maschinenhaus, und über der ganzen Anlage lag eine bleierne Ruhe. Es war sehr schwül, und erste Wolken türmten sich in Gewitterform, als wir schließlich weiter fuhren.

Eigentlich wäre ein zweiter Stopp am Kanal bei Jelonki geplant gewesen, Wetterperspektive, miese Straße und fortgeschrittener Tag führten jedoch zum Auslassen. Statt dessen stoppten wir noch kurz an einem beeindruckenden Lavendelfeld.

Lavendelfeld
Levendelfeld mit harmlos wirkendem Kopfsteinpflaster.

Unser nächstes Ziel sollte die Marienburg sein, Europas größtem Backsteinbau. Mein Navi führte uns von einer Straßenruine zur nächsten und an ein Vorankommen war nicht zu denken. Schließlich packte ich die Straßenkarte aus, um manuell weiter zu navigieren. Es sollte aber noch fast 20 km dauern, bis wir die erste „normale“ Straße erreichten. Als wir nach Malbork kamen, riss der Himmel auf, und es begann zu schütten. Da gerade ein Mittelalterfest statt fand, bot der örtliche McDonalds keinen Schutz. Die Schlange an der Theke reichte bis aus dem Lokal. Die Bühne auf dem kleinen Markplatz wurde gerade bespielt von einer Band, die mich an Ougenweide erinnerte, eine meiner frühen Lieblingsbands. Zuschauer gab es dank des Regens keine mehr. Die standen alle bei McDonalds.

Wir tranken eine Cola unter schützenden Sonnenschirmen eines Cafés, schmissen uns in Gummi, und fuhren weiter. Teile der Marienburg konnte man noch von der Brücke aus sehen. Für eine Besichtigung fehlte uns die Lust und geeignetes Wetter.

Auf dem weiteren Weg nach Zoppot gerieten wir auf eine mautpflichtige Autobahn. Umgerechnet ein Euro kostete das Vergnügen, rüttelfrei bis Danzig zu gelangen. Dafür durfte man auch Gas geben, was wir dankbar annahmen. Kurz vor Danzig kam die Sonne wieder hervor. Bei Oliva fuhren wir ab, um unsern Campingplatz Sopot34 – Ośrodek Wypoczynkowy zu finden. Dies gelang auf Anhieb, und wir errichteten unsere Zelte in einem kleinen Wäldchen, keine 100 m vom Strand entfernt. Der Platz war ok, las sich aber im Internet besser, als er in der Realität war. Die angekündigte Strandbar entpuppte sich als Kleinlaster mit Ausschank, der an einer Holzterrasse parkte. Wifi gab es erstmals gar nicht. Speziell die Sanitärgebäude hätten deutliches Verbesserungspotential. Sie waren zwar sauber und wurden mehrmals am Tag gereinigt, boten jedoch keinerlei Ablagen in den zwei Duschkabinen. Der Schwerpunkt dieses Platzes schien in der Vermietung von Ferienhütten zu liegen, die wohl eigene Sanitärräume hatten. Immerhin, wir hatten Strom am Zelt. Mein Adapter für das Camping Kabel passte.

Während wir unsere Mobilien errichteten, entdeckte Alex ein Eichhörnchen. Es klebte kopfüber an dem Baum, neben dem ich meine Kuh geparkt hatte, und guckte uns aus sicherer Höhe zu. Es hielt sogar still, als Alex es ablichtete. In der weiteren Nachbarschaft wohnte ein sprachloses Camperpärchen aus Leipzig sowie ebenso sprachlose polnische Surfer, die ihre umfangreiche Ausrüstung um ihren Wohnwagen drapiert hatten. Jetzt vermisste ich schon den caravanfahrenden ex Biker, der sonst immer kommt.

Zoppot ist Teil der Dreistadt Danzig, Gdynia und Zoppot. Hier boxt der Bär des polnischen Tourismus. Die nahe Strandpromenade, welche zur markanten Mole führt, war überlaufen wie bei uns die Innenstädte vor Weihnachten. Landseitig standen prächtige Villen, und auch an Gastronomie mangelt es auf keinen Fall. Kneipe reihte sich an Kneipe, bis zum Horizont. Dazu viele Strandbars, welche direkt im Sand errichtet waren.

Wie immer konnten wir uns nicht entscheiden, welches Restaurant denn passen sollte. Deshalb nahmen wir erst mal ein Bier in einer Strandbar. Auch hier gab es Snacks und fischige Kleinigkeiten, lediglich das Ambiente war nicht so toll. Das erste Tyskie des Tages war wie immer ein Genuss.

Alex war heute essenstechnisch nach Qualität. Er war deutlich mehr Gourmet als ich, und ließ schon mal größere Summen für ein gutes Essen eines Haubenkochs. Es wurde schließlich das Nobelrestaurant White Marlin, welches Teil des Hotelkomplexes des Zhong Hua Hotels war. Die Moët & Chandon“ Beflaggung verhieß für mich nix Gutes, aber ich war zu ausgehungert für echten Widerspruch.

Wir setzten uns an einen Tisch direkt am Strand. Am Nebentisch, der in dezentem Abstand stand, unterhielten sich ein Mann und eine Frau auf englisch. Beide hatten einen slawischen Akzent. Sie bewegten sich wie Fische im Wasser in diesem noblen Milieu, und auch die anderen Gäste schienen sich deutlich vom einfachen Volk auf der Promenade zu unterscheiden. Wie schon so oft an ähnlichen Plätzen hatte ich das Gefühl, dass man in solchen Etablissements die überhöhten Preise als Eintrittsgeld versteht, mit dem man die Spreu vom Weizen trennt. Überhöht waren die Preise nur nach polnischen Kriterien, für uns entsprachen sie denen eines gut bürgerlichen, deutschen Restaurants. Wer hier aß, gehörte deutlich zu den schönen Menschen.

Ich schämte mich fast, als ich ein profanes Bier bestellte. Alex orderte passenderen Weißwein. Dazu eine Fischsuppe als Vorspeise, sowie ein Hauptgericht. Ich bestellte etwas asiatisches. Schweinefleisch süß sauer, mit mundgeklöppeltem Reis und pouchierter Gemüsebeilage.

Alles wurde auf sehr, sehr großen Tellern serviert, in deren Zentrum eine sehr, sehr kleine Vertiefung war. In dieser ruhten die Speisen – in minimalistischer Quantität. Dies betraf zumindest Alex‘s Bestellung. Seine beiden Lieferungen waren extrem klein, schienen aber zu munden. Mein Schweinefleisch hingegen war gut und halbwegs ausreichend. Kein geschmacklicher Brüller, aber doch besser als im chinesischen Schnellbeschiss daheim in Vaals.
Ich war bestimmt der erste Gast, der hier bar bezahlte. Der Kellner schien zumindest leicht verstört.

Ein letzter Absacker in einer nahe gelegenen Strandbar, dann ging‘s zurück zum Zelt. Wir waren beide müde von diesem anstrengenden Tag.