Freitag, 09.06.2017 169 km

Mein Tag begann mit der Sichtung des britischen Wahlergebnisses. Meine Anglophilität hatte durch den Brexit zwar etwas gelitten, ich hatte aber immer noch versteckte Hoffnung, dass es am Ende nicht zu diesem kommen würde. Das Wahlergebnis war der Hammer. Statt wie erwartet den Vorsprung auszubauen, hatte Frau May gewaltig in den Sack gehauen. Jeremy Corbyn, der (in der eigenen Partei bislang ungeliebte) charismatische Chef der Labour Party, hatte sie fast eingeholt. Ohne Koalitionspartner würden die Torries keine Mehrheit haben. Ein sogenanntes Hung parliament. Nix geht mehr. Offensichtlich kommen doch mehr und mehr Brexiters zu späten Sinnen. Der Tag begann gut.

Nach dem Duschen fuhren wir in den Ort, um Geld am Automaten zu ziehen. Als wir unsere Kühe auf dem Marktplatz abstellten, kam ein echter Paradiesvogel auf uns zugewalzt. Die ältere Dame in extrem schrillen, bunten Klamotten und einem Hut, der selbst in Ascot Neid erzeugt hätte, war wohl für die Parktickets zuständig. Vor lauter Sprachlosigkeit zahlten wir die gewünschten 4 Sloty für eine Stunde.

Der Bankomat war erfreulicherweise mehrsprachig. Man ist gut damit beraten, den angebotenen garantierten Wechselkurs in Euro abzuwählen. Tut man dies nicht, so wird man gewaltig abgezockt, und bekommt zu Hause einen Pfefferminzschlag.

Dann quatschte uns noch ein Vino mit übler Schlagseite an. Er wollte Geld für ein Bier, war aber bereits sturzbetrunken genug. Kein Bier für ihn – dafür Frühstück für uns.

Zwei Lokale hinter unserem gestrigen bekamen wir ein gutes Frühstück. Für umgerechnet 7 Euro konnten wir uns am Buffet rund futtern, was auch gelang.

Gegen 9 fuhren wir aus dem netten Ort, und begannen unsere Masuren Rundfahrt. Hinter jeder Kurve tauchte ein neuer See auf, dazwischen Wälder, Wiesen und ursprüngliche Natur. Störche waren hier allgegenwärtig. Fast alle Straßen waren Alleen, und die Kronen der Bäume bildeten richtige Tunnel, die von durchfahrenden LKW in Form geschliffen wurden.

Schilder warnten vor kreuzenden Elchen, Tieren also, die ich hier nicht erwartet hätte. Ein Foto dieser Schilder ist uns nicht gelungen, da eine Eigenart polnischer Landstraßen das Fehlen einer Stellmöglichkeit für Bikes ist. Es gibt keinerlei Randstreifen. Die kleine 643 mäanderte sich am Westufer des Jezioro Jagodne Sees entlang, und es entstand tatsächlich so etwas wie Fahrspaß. Keine Frage, die Masuren waren wirklich schön.

Unser erstes Ziel war die Festung Boyen (Twierdza Boyen) in Lötzen (Giżycko). Die preussische Ringfestung wurde zwischen 1847 und 1855 zum Schutz gegen Russland errichtet, und ihre Abmessungen waren durchaus imposant. Von StreetView wusste ich, dass der äußere Parkplatz nur für die Doofen ist. Traut man sich durch den gemauerten Tunnel, so stößt man auf einen zweiten, direkt vor der Anlage. Wir lösten zwei Tickets, und machten uns auf den Weg. Wahrscheinlich hätte man hier einen Tag verbringen können, wir beschränkten uns aber auf einen einstündigen Rundgang. Vieles war hier noch unrestauriert, aber überall waren Arbeiten im Gange. Die Polen müssen ausgezeichnete und fleißige Handwerker sein. Was sie anfassen, gelingt.

Das Gehen in warmen Motorradklamotten schlauchte uns so, dass wir zu einer weiteren Attraktion in Lötzen fuhren. Dem alten Wasserturm, von dem man einen tollen Ausblick über den See und die kleine Stadt hat. Ein Lift, ein großes Eis und ein Kaffee aus dem Café im Turm taten den Rest. Bevor wir weiter fuhren, kauften wir noch im Lidl gegenüber etwas Minimalwasser. Leider ohne Kohlensäure, die Beschriftung in polnisch war nicht zu entziffern.

Über die alte Schwenkbrücke (öffnet alle 30 Min.) fuhren wir schließlich weiter. Ursprünglich stand noch die Wolfsschanze auf dem Programm, wir hatten aber beide keine echte Lust auf Nazi Devotionalien, und beschlossen, sie ersatzlos zu streichen. Über das mittelalterliche Ratzenburg (Kętrzyn) fuhren wir die 45 km bis Święta Lipka, einem bekannten Wallfahrtsort mit Kloster und barocker Basilika. Dies dauerte über eine Stunde, denn 40 und 60 km/h Bereiche geben sich die Klinke in die Hand. Es war ausgesprochen heiß, als wir dort ankamen. Mein erster Eindruck war: Katholisches Disneyland. Der (kostenlose) Parkplatz war voll mit Bussen und zahllosen PKW, und auch einige Bikes standen dazwischen. Mit viele anderen Menschen strömten auch wir zum Eingang der imposanten Basilika. Im Innenraum wurde wohl gerade eine Messe vorbereitet, denn nacheinander wurden die Türen geschlossen. Gottlose Menschen wie mich macht religiöses Brimborium eh immer nervös, und ich stelle mir heimlich die Frage, wie viel Elend in der Welt wohl durch einen Verzicht auf solche Prunkbauten zu lindern gewesen wäre. Blieb aber wie immer eine akademische Frage, und so gingen wir hinaus und legten uns für eine Pause ins frisch gemähte Gras, um uns mit stillem Wasser aus der Plastikpulle zu kasteien.

Wir hatten da noch nicht lange gelegen, als ein martialisch wirkendes Motorrad mit Fahrer und Sozia einparkte. Ein fettes Adventure Bike. Das genaue Modell war nicht zu entschlüsseln, denn rings herum waren Packtaschen und Gepäckteile angebracht. Alles in schwarz. Als der Fahrer den Helm abnahm, mag man als frommer Basilikabesucher an den Leibhaftigen gedacht haben. Ein Kreuz wie ein Schwergewichtsringer, ein langer Zopf und ein talibanesker Rauschebart. Jeder Zentimeter des Körpers war tätowiert – das meiste auf kyrillisch. Das Fahrzeug hatte ein deutsches Kennzeichen, der Fahrer sprach jedoch russisch mit seiner Frau. Ansonsten waren sie ganz friedlich, rauchten, tranken aus Trinkflaschen im Tarnfleck und beguckten sich die Basilika aus sicherer Entfernung.

Ein Pole hatte entdeckt, dass ich rauchend im Gras saß. Er kam auf mich zu, und bot Zigaretten an, die er in seinem Passat am Rande des Parkplatzes lagerte. Er sprach gut Deutsch. Ich war nicht besonders interessiert, fragte aber trotzdem nach dem Preis für Luckies. Der erste Preis, den er aufrief, war 30 Eurocent teurer als im polnischen Laden. Nice try. Als er merkte, dass das so nix würde, bot er mir 10% Rabatt an. Angeblich hätten die Ziggies eine polnische Steuerbanderole – ich bin aber sicher, wer Ziggies fälschen kann, bekommt auch Steuerbanderolen gedruckt. Nope, ich war nicht interessiert.
Bei anderen Besuchern hatte er mehr Glück. Mehrmals ging er zum Auto, um Nachschub zu holen. Viele Touristen wurden hier per Bus direkt aus Deutschland angelandet. Sie haben gar keine Gelegenheit, einen normalen Laden zu betreten – und kauften deshalb mutmaßlich günstige Ziggies auf gesalbten Parkplätzen im Zielgebiet.

Ausgeruht und religiös ertüchtigt ging‘s dann weiter zur nahen Ordensritterburg Reszel. Auf der Straße dorthin fielen uns zahllose Schreine auf, die wohl den Pilgerweg zur Basilika markieren sollten. Kennt man eine Ordensritterburg, dann kennt man alle. Wir machten nur ein Foto von außen, wehrten einen Bettelversuch eines stark lallenden Aborigines ab, und machten uns vom Acker, bevor jemand die fälligen Parkgroschen einsammeln konnte.

Ordensritterburg Reszel
Eine weitere imposante Burganlage in Reszel

Die Rückfahrt nach Mikołajki führte uns durch eine wirklich nette Gegend über Lembruk und Mrągowo. Hier machte sogar Motorrad fahren Spaß. Die verschilfte Seenlandschaft mit ihren fruchtbaren Feldern und vereinzelten bunten Bauernhäusern vermittelte ein kommodes heile Welt Gefühl, welches man als abgehetzter Westeuropäer so gar nicht mehr kennt. Ob die Welt hier wirklich heiler war, wird man nur als Einheimischer wissen. Schön war‘s hier auf jeden Fall.

In Mrągowo ging schließlich nix mehr. Stop & Go auf der 16, die sich durch den Ort mäanderte. In Mikołajki fuhren wir nicht direkt zum Campingplatz, sondern an ihm vorbei, um uns noch das ominöse Schwanenreservat vor den Toren der Stadt anzuschauen. Dazu verlässt man den Ort auf der 16 in Richtung Nordosten, und biegt nach etwa 1,8 km an einem unscheinbaren Schild (Rezerwat Biosfery – Jezioro Łuknajno) rechts ab. Die nächsten 1,8 km geht‘s weiter auf Schotter- und Sandwegen, sehr anspruchsvoll zu befahren – bis schließlich ein hölzerner Turm am Wegesrand auftaucht. Auch er war mit EU Mitteln finanziert, und stand recht einsam und verloren in der Gegend rum. Von oben hatte man einen guten Blick über den See und die anschließende Landschaft. Kleine, weiße Punkte im See mögen wohl wirklich Schwäne gewesen sein, aber von einem Schwanenreservat hätte ich eigentlich mehr erwartet. Wahrscheinlich muss man es sich mühsam erwandern.

Zurück am Platz, gegen 17 Uhr, zog es uns erst mal zur Bar. Die junge Frau hinter der Theke wirkte etwas hektisch, als sie uns zwei Biere zapfte. Als wir uns draußen auf die Terrasse setzen, kam sie aus dem Gebäude, schloss dieses ab, und verschwand wortlos an dem Ort, wo gestern ein Schwein gebraten wurde. Musste sie mal Pipi? Keine Ahnung, was hier abging. Es war Wochenende, der Platz gut gefüllt. Dies konnte kein Dauerzustand sein.

Kurz darauf traf ein deutsches Camperpaar ein. Sie rüttelten an der Tür, und wir klärten sie über das komische Geschehen auf. Sie erzählten von früheren Urlauben in Mikołajki, ihrem Stammplatz für alle Lebenslagen. Eine geschlossene Bar hätte es hier noch nie gegeben.

Schließlich kam eine junge Polin mit Begleiter, schloss einmal die Türe des Lokals auf, um sie gleich wieder zu verschließen. Dann heftete sie einen Zettel an die Tür, auf dem irgend etwas in polnisch stand. Teil des Satzes war 9:00. Wir saßen direkt daneben, und warteten vergeblich auf irgend eine Erklärung. Diese kam jedoch nicht – die beiden verschwanden wortlos.

Da sich langsam ein Hüngerchen einstellte, marschierten wir zurück zum Zelt, um uns stadtfein zu machen. Dort wurden wir gleich von den Wohnmobilisten von gestern in ein Gespräch versenkt. Später kam auch noch ein Mann aus Stuttgart dazu, der den Platz der Briten vom Vortag eingenommen hatte. Natürlich war auch er Biker, zumindest irgendwie oder irgendwann einmal. Im Gegensatz zu dem Paar aus Pirna konnte ich ihn zumindest verstehen. Tiefes sächsisch ist nicht unbedingt mein Lieblingsdialekt.

Um 19:30 standen wir erneut vor dem Restaurant vom gestrigen Abend. Alex‘s Weinflasche wurde gut gekühlt angeliefert, und wir bestellten unser Essen. Alex wählte das Lendensteak, welches ich gestern verputzt hatte, und ich wählte eine scharfe Pizza mit Beilagensalat. Dazu Bier, und für Alex zusätzlich ein Wodka.

Extrem leckere Pizza
Das Restaurant Sielana in Mikołajki ist ausgezeichnet.

Die Pizza war der Hammer und üppigst belegt mit vielen Köstlichkeiten. Dazu ein Teig, der genau die richtige Konsistenz hatte. Für eine solche Pizza würde ich morden. Auch Alex schien zufrieden mit seinem Steak. Er erzählte, dass er von einem Russen erfahren hatte, dass man Wodka grundsätzlich nur gegen den Durst trinken würde. Also bestellte er sich noch einen, denn er war sehr durstig. Ich hingegen blieb dem guten Tyskie treu, war aber letztendlich nicht weniger angeschickert, als wir uns auf den Heimweg machten. Dort angelangt checkten wir die Platzkneipe, welche immer noch geschlossen war. Dann folgte die nächste Quasselrunde am Zelt mit unseren Nachbarn.

Um 23 Uhr machten wir den Deckel drauf. Morgen würde ein anspruchsvoller und langer Fahrtag werden. Unser Transfer in die Region Danzig.