Donnerstag, 08.06.2017 332 km

Wir waren früh auf, und hatten bis 8 bereits unsere Kühe gesattelt. Auch die Mädels bauten ihr Zelt ab, und wir wünschten uns gegenseitig eine gute, weitere Tour. Um 8 lockte noch der Gratiskaffee, ein echtes Frühstück sollte auf der Strecke folgen.

Bereits nach wenigen Kilometern steckten wir im Berufsverkehr, der erneut einen großen Anteil an Baufahrzeugen aufwies. Voran ging es trotzdem. Wir verließen Vilnius über die A19, und wechselten bei Aukštieji Paneriai auf eine kleine Landstraße ohne Nummer. In der Peripherie standen noch viele Plattenbauten aus dunklen Tagen. Sie wirkten aber komplett durchsaniert und durch ihre bunten Anstriche weit weniger abschreckend. Nach etwa 30 km erreichten wir Trakai, unserem erstes Tagesziel. Trakai bot die zweite, harte Attraktion Litauens. Die Inselburg von Trakai (Trakų salos pilis) und die Holzhäusern der Karäer. Die Häuser stehen mit dem Giebel der Straße zugewandt und weisen in der Regel drei Fenster auf – eins für Gott, eins für Vytautas und eins für uns, wie es heißt.

Wir trafen auf ein Wespennest. Obwohl es noch früh am Tag war, war die Touristenlawine bereits angelaufen. Busladungen vorwiegend deutscher Rentner wurden auf den Vorplatz der ersten Brücke zu den Inseln gespuckt. Wir parkten unsere Kühe an der Hauptstraße und zogen gar ein Parkticket. Die Sorgen um unser Gepäck waren längst verschwunden.

Die Wasserburg Trakai war im Mittelalter die Residenz litauischer Großfürsten und wurde auf einer Insel inmitten eines Seelabyrinthes erreichtet. Damals war Trakai noch die litauische Hauptstadt. Schon von der ersten Brücke aus wirkte das alles ziemlich imposant. Ab der zweiten Brücke konnte man erahnen, wie liebevoll die Burganlage im späten 20. Jahrhundert restauriert worden war. Alles wirkte wie gestern erst hingestellt.

Hinter der Zugbrücke lauerte das Ticket Office. Alex spendierte den Eintritt (EUR 6,-/Nase), und wir machten uns auf ins Gewühl. Im großen Innenhof standen unkommode Utensilien, wie ein Schandpfahl, an und in dem man sich ablichten konnte. Die Schlange war entsprechend lang – besonders Japanerinnen schienen auf S&M zu stehen. In einem weiteren Innenhof konnte man für kleines Geld mit Bogen, Armbrust oder Luftgewehr auf Scheiben schießen. Für irgend welche Treffer war mein Kaffeespiegel aber noch viel zu niedrig.

Wasserburg in Trakai
Panoramafoto vom Innenhof

In den Gebäuden der Burg war es voll. Eine junge Polin führte eine Gruppe Ostdeutscher durch die Räume. Sie sprach ausgezeichnetes Deutsch, mit einem ungeheuer sexy wirkendem, slawischen Akzent. Ich hätte ihr stundenlang zuhören können.
Die Wege durch die Innenräume waren eine Einbahnstraße. Es war zu viel Gewusel, um gegen die Laufrichtung zu gehen. Überall standen Exponate und Artefakte aus fünf Jahrhunderten, viel Gold, viel Prunk und viele Waffen und Rüstungen. Alles wurde sehr nett präsentiert. Das Halbdunkel der Räume wurde gut erhalten, und nur die Glasvitrinen mit den Ausstellungsstücken wurden dezent beleuchtet.

Ich denke, den Eintritt ist es absolut wert. Wir werden nur einen Teil der Ausstellung gesehen haben, aber wir hatten noch eine lange Strecke vor uns. Auch das Frühstück fehlte noch.

Auf dem Rückweg zu den Bikes fiel uns ein dicker Mann auf, der starr auf sein Tablett guckte, welches im Controller einer Drohnensteuerung eingeklippst war. Er wirkte extrem konzentriert, und beantwortet meine Frage You are flying a drone, aren‘t you? mit einem einsilbigen yes. Zu sehen war nix, die Drone deutlich außer Sichtweite. Ab und zu hörte man das leise Surren ihrer Motoren aus Richtung der Burg über den See schallen. Manchmal hörte man den künstlichen Klick des Auslösers der bordeigenen Kamera. Er flog eine Dji Phantom 4 – eine gute Wahl für allerbeste Aufnahmen. Ich haderte schon lange mit der Anschaffung einer reisetauglichen Drone, und meine Wahl würde wohl auf die ultrakompakte, neue Mavic fallen. Zusammengeklappt nur 83x83x198 mm groß, und mit einem Gewicht von 743 g leichter als mein DSLR Body.

Wir guckten bereits mindestens 15 Minuten zu, als der Dronenpilot merklich nervöser wurde. Oft sprang er auf, um sich gleich darauf wieder hin zu setzen. Vermutlich ging langsam der Flugakku zur Neige. Dann konnte man endlich den kleinen Punkt hinter der Burg auftauchen sehen. Langsam senkte sich die Drone auf den Startplatz ab, und der Pilot griff sie aus der Luft. Ich hätte vieles für eine Kopie dieser Aufnahmen gegeben.

Die Restaurants an der Brücke erschienen uns zu bustauglich und touristisch. Wir machten noch ein paar Fotos von den bunten Holzhäusern der Karäer, welche entlang der Straße standen, und fuhren dann weiter. Die 220 führte uns in einen Mix aus dunklen Wäldern und hügeligen Feldern. Die Straßenqualität war erneut ausgezeichnet.

Auf den folgenden 20 km hatte ich zwei mal näheren Kontakt mit der lokalen Tierwelt. Zuerst startet ein Storch direkt neben mit, um dann vor mir die Straße zu kreuzen. Mehr als 20 cm dürfte der Abstand zu meinem Helm nicht betragen haben – ich spürte den Wind des Flügelschlag in meinem (wie meistens) offenen Visier. Die zweite Begegnung war noch spannender. Ein riesiger Hirsch sprang über die rechte Leitplanke, lief über die Straße und hüpfte über die linke ins Unterholz. Dann galoppierte er noch etwa 100 m neben uns und der Straße her. Dies alles geschah etwa 8m vor mir. Nicht auszudenken, was geschieht, wenn man sich noch näher kommt.

Zum Glück stand kurze Zeit darauf ein Hinweisschild zu einem Restaurant am Wegesrand. Wir bogen ab zum Aerodream, einem großen Ferienpark mit Restaurant bei der Ortschaft Antakalnis. Der komische Name kam wohl vom nahe gelegenen Flugplatz. Beim parken der Bikes hatten wir das wohl skurrilste Erlebnis unserer Tour.

Eine Frau, gefühlt Mitte 40, kam mit einem Fahrrad angeschoben. Gutes, nicht gerade billiges Tourenfahrrad, mit Campingrolle und prall gefüllten Satteltaschen. Sie kam stracks auf uns zu, und sprach uns auf Deutsch an. Sie war wohl Deutsche.

Ich bin gerade ganz furchtbar mit dem Rad gestürzt. Einfach so. Es hat wohl den Elfen oder Magnetfeldern so gefallen. Keine Ahnung, warum. Wir waren durchaus besorgt um diese Frau, denn sie wirkte, als wenn sie auf den Kopf gefallen wäre. Dann erfuhren wir, dass sie bei dem Unfall gar nicht gefahren war, sondern das Rad geschoben hatte. Dann ein neuer Schwall von Elfen, bösem Magnetismus der Oberleitungen und geheimen Zwischenwelten. Ich war geneigt, meinen Aluhut aus dem Topcase zu holen. Die Frau hatte nicht die leichteste Verletzung, wirkte aber mental stark abgeschattet. Irgendwann verlor sie ihr Interesse an uns, und ging zur Kellnerin hinter‘m Tresen, um sie mit der gleichen Geschichte voll zu texten. Dummerweise sprach diese kein Deutsch, was den Redefluss der Frau jedoch keinesfalls bremste.

Während wir auf der Terrasse auf unseren Lunch warteten, saß sie drei Tische hinter mir, und brabbelte ohne Unterlass vor sich hin. Bei der Kellnerin bestellte sie auf Englisch etwas zu essen und war dann plötzlich verschwunden. Ich hoffe sehr, dass es ihr gut geht.

Unser junger Kellner war ziemlich vertrottelt. Erst hatte er vergessen, was wir bestellt hatten, dann brachte er Essen, aber kein Besteck. Bei der Abrechnung stellten wir fest, dass er nur mein Steak berechnet hatte, nicht hingegen Alex‘s Pasta. Er wirkte sehr dankbar, als wir ihn darauf hin wiesen – und verschwand für 10 Minuten, um sich der nun folgenden mathematischen Herausforderung zu stellen.

Als wir schließlich die lange Einfahrt zurück zur Straße fuhren, winkte sogar der Gärtner, der mit der in den baltischen Staaten allgegenwärtigen Motorsense den Rasen bearbeitete.

Jetzt trat das ein, was ich erhofft hatte. Die Straße wurde etwas kurviger, und es ging auch schon mal leicht bergauf und bergab. Über Alytus und Lazdijai fuhren wir auf der 132 gen polnische Grenze. Wie an anderen innereuropäischen Grenzen war diese nur noch an umgewidmeten ehemaligen Zollbaracken und Wechselstuben zu erkennen. Drei davon bemühten sich um Kunden, aber außer uns war niemand hier. Wir tauschten je 100 Euro, und der Wechselkurs war mit 1:4,14 besser als bei jeder Bank.

Hier ereilte mich auch ein kleiner Pfefferminzschlag. Vor dem Weiterfahren klopfte ich aus alter Gewohnheit alle Taschen meiner Kombi ab, speziell die mit wichtigem Inhalt. Da, wo sonst meine Brieftasche mit Ausweisen, Fahrzeugpapieren, Kredit- und Girokarten steckt, steckte jetzt nix. Anstatt seriöse nachzudenken, beginnt man in solchen Situationen mit einer hektischen Suche, durchwühlt Koffer Tankrucksack und Topcase. Orte also, in denen man wichtige Dinge bei klarem Verstand nie verstauen würde. Aber für klaren Verstand war ich längst zu alt. Trotz aller Suche, die Brieftasche war futsch. Panik. Ich war kurz davor, den Verlust telefonisch zu melden, und die Bankkarten sperren zu lassen, als es mir wie Schuppen von den Augen fiel. Die Brieftasche war noch im Fotorucksack, wo ich sie gestern verstaut hatte – zur Stadtbesichtigung von Vilnius. Alles war wieder gut – trotzdem war’s einer dieser Momente, die man im Leben nicht wirklich braucht.

Die Straßen in Polen waren von gleicher Qualität wie die in Litauen, aber die abzweigenden Straßen waren ebenfalls geteert. Alles schien ein bisschen weiter entwickelt. Das Tempolimit auf der Landstraße war 90 km/h, jedes Ereignis, wie Abzweigung, Halte- oder Baustelle sorgte aber für irrational tiefe Einschränkung mit 40, 60 oder 70 km/h. Starenkästen wurden immer per Schild angekündigt, und bei den Ortsdurchfahrten wurde die zulässige Höchstgeschwindigkeit wohl ausgewürfelt. Mal waren es 40, mal 50 km/h. 40 km/h überwog aber deutlich. Wir brauchten eine Weile, bis wir relevante Ortsschilder erkannt hatten. Ein weißes Schild mit der schwarzen Silhouette einer Ortschaft definierte den Beginn, ein identisches, aber durchgestrichenes Schild bekundete das Ende. Oft begann aber genau an dieser Stelle der nächste Ort. Zusätzlich gab es grüne Schilder mit Ortsnamen drauf, die aber wohl nur informativen Charakter hatten. An mehreren Stellen fiel uns auf, dass Tempolimits nicht immer aufgehoben wurden, und so hatten wir oft ein schlechtes Gewissen. Mein Garmin war da auch keine Hilfe, denn nur 40% der Geschwindigkeitsangaben stimmten. Voran kommt man bei dieser Folklore natürlich nicht, aber die besser werdende Landschaft der Masuren entschädigte etwas. Störche waren hier jetzt allgegenwärtig.

Bei einem letzten Tankstopp (Euro Super: 1,02 EUR) erstand ich eine Stange Luckies (3,20 EUR/24 Stck.), und gegen 18 Uhr erreichten wir unseren Campingplatz in Mikołajki, dem angeblichen Venedig Polens. Die Anlage des Holiday Resort Wagabunda war ziemlich groß. Rechts hinter der Einfahrt eine große Hüttensiedlung, zur Linken eine große runde Fläche für Wohnmobile und Caravans. In der Peripherie der Fläche lagen Standplätze, die durch Hecken eingegrenzt waren. In einer davon errichteten wir unsere Zelte – als es zu regnen begann. War klar. Zum Glück regnete es nur kurz und leicht, und man war um so motivierter, seine Mobilie schnell zu errichten.

Fast alle Wohnwagen und Wohnmobile kamen aus Deutschland. Neben unserer Parzelle logierten zwei Briten mit einem Windhund. Sie waren aber nicht wirklich gesprächig. Heute sollten die britischen Parlamentswahlen statt finden, mit denen Frau May ihren harten Brexit Kurs durchs Volk legitimieren lassen möchte. Wenn das mal gut geht, für die Frau May. Ich hatte nach täglicher Lektüre des Guardian und Independent da so meine Zweifel.

Wohnmobilisten scheinen nur darauf zu lauern, dass irgend was geschieht, was den Wohnmobilistenalltag etwas auflockert. Zwei alte Männer mit Zelt und Motorrad schienen sehr gut dafür geeignet. Zuerst grüßten sie beim schnellen Vorbeimarsch in Richtung Sanitärgebäude, dann standen sie plötzlich neben uns, und hielten Schwätzen. Unsere Nachbarn waren aus Pirna und unterhielten sich lange mit uns. Sie wollten weiter nach Litauen, und fragten uns nach einem Campingplatz in Vilnius. Ich erzählte vom Forest Hostel & Camping, aber die Frau schien nicht sehr überzeugt, dort hin zu passen. Wahrscheinlich zu Recht.

Vor dem Marsch in die Ortschaft wollten wir noch die Bar vom Platz testen. Sie lag gut versteckt hinter den Ferienhäusern. In einer Tiefgarage daneben drehte sich ein ganzes Schwein am Spieß. Es war aber für eine angemeldete Gruppe reserviert. Wir bekamen lediglich ein Bier. Es gab prinzipiell auch etwas zu futtern, aber ausschließlich kalt und eher mit Snackcharakter. Zu wenig für einen 400 km Tag.

Um 20 Uhr hatten wir die 900 m ins Zentrum von Mikołajki geschafft. Die Uferpromenade war gesäumt mit einladenden Restaurants und Ausflugsdampfern für die Seeenrundfahrt. Sämtliche aushängenden Speisekarten wirkten lecker. Nachdem wir alle Kneipen abgewandert hatten, entschieden wir uns für die vollste. Das Restauracja Sielana hatte eine riesige Auswahl an lokalen und überregionalen Speisen, und wir erhielten gar eine deutsche Speisekarte. Ich hatte die Qual der Wahl. Acht Gerichte hätten mich näher gereizt, es würde aber nur eines passen. Ich entschied mich für Rinderlende mit Gemüse, Bratkartoffeln und Salat, Alex wählte die Fischplatte. Am Nebentisch saßen sechs Polen, die alle das gleiche bekamen. Eine riesige Schweinshaxe, die mindestens 1 kg auf die Wage bringen dürfte. Da dies kein Mensch schafft, ließen sie sich die Reste einpacken. Alles, was ich an Essen sah, wirkte ausgesprochen lecker. Biertechnisch war hier Tyskie der Platzhirsch. Ausgezeichnetes Aroma, mit viel Wiederholungspotential. Alex stieg nach dem ersten Bier auf Wein um, und bestellte sich eine Flasche trockenen Weißwein. Vorher hatte er die Kellnerin gefragt, ob sie eventuelle Reste bis morgen kalt stellen würde.

Anfangs war Alex begeistert von seiner Fischplatte. Er war erst bei den kleinen Stinten angekommen, die am Stück gebraten und verzehrt wurden. Der Aal und die restlichen Fische waren ihm zu trocken. Meine Rinderlende hingegen war das beste, was ich in den letzten 10 Jahren gegessen hatte. Man konnte sie mit der Gabel zerteilen, und der Fleischgeschmack war nicht von dieser Welt.

Als die Dämmerung einsetzte, erstrahlte die moderne Fußgängerbrücke wechselnd in allen Farben des Regenbogens. Die Stille über dem See mit seinem Schilfbewuchs war sehr angenehm. Nur einige große Luxushotels am Rande des Sees störten die friedliche Idylle, durch die wir zurück zum Zelt marschierten.

Hier folgte noch ein kurzes Schwätzchen mit den Nachbarn – und wir machten den Deckel drauf. Morgen würden wir eine Masuren Runde drehen, und uns einiges angucken.