Mittwoch, 07.06.2017 14 km

Die frühe Sonne trieb uns um 7:30 Uhr aus dem Zelt. Ab 8 Uhr würde es an der Rezeption kostenlosen Kaffee geben. Dieser war besser, als man erwarten sollte. Heute stand die Stadtbesichtigung auf dem Programm. Unser einziger, motorradfreier Tag.

Die Mädels von gestern erzählten uns, dass es ab mittags kräftig regnen sollte. Derzeit lachte aber noch die Sonne vom Himmel. Unser erster Weg führte uns zur Užupio Picerija, wo wir ein leckeres Omelette zum Frühstück erstanden. Danach schlenderten wir lange durch die Altstadt, und arbeiteten uns in Richtung Gediminas-Turm (Gedimino pilies bokštas) vor, der auf einem Hügel inmitten des Bernardinų sodas Parks thronte. Hier begegneten wir auch erneut den beiden Bikerinnen. Nach mühsamen Aufstieg hatte man einen perfekten Blick über Vilnius. Im Norden die eher hässliche Neustadt, im Westen und zu unseren Füßen die Altstadt, im Osten, auf einem weiteren Hügel, die Drei Kreuze (Trys kryžiai).

Vilnius hat mir entschieden besser gefallen als Bratislava, welches wir im Vorjahr besucht hatten. Dort war der Tourismus lärmend und aufdringlich, hier eher bescheiden ausgeprägt. Auch ein gewisses skandinavisches „Easy going“ schien allgegenwärtig.

Vilnius
Panorama vom Gediminas-Turm

Beim Abstieg vom Turmhügel war der Himmel bedeckt und dunkel. Erste Tropfen trafen uns. In einem kleinen Park am Fuße des Hügels stand ein vergitterter Pavillon, der noch auf seine Restaurierung wartete. Vorbei am Nationalmuseum und der Kathedrale von Vilnius gingen wir in die Gedimino Straße. Hier hörte es plötzlich auf, langsam zu regnen, und wir flüchteten uns ins Post Scriptum, wo wir anfangs auf der Terrasse unter großen Schirmen saßen. Am Nachbartisch nahm ein Banker, Anwalt oder ähnlich wichtige Gestalt im Boss Anzug seinen Lunch ein. Dies fiel schwer, denn sein Smartphone forderte die volle Aufmerksamkeit. Als es schließlich runter fiel, wurde er ausgesprochen blass. Jetzt wurde aus starkem Regen ein Platzregen, und wir flüchteten uns ins Lokal. Auch die Temperaturen waren merklich gefallen, und mir wurde etwas schattig in meinen Shorts mit T-Shirt.

Als es etwas weniger regnete, gingen wir in ein kleines Shopping Center. Alex entdeckte einen Zigarrenladen, bei dem er sich neu eindecken konnte. Dieser führte tatsächlich nur Zigarren, und keine anderen Rauchwaren. Meine Luckies gab es in Litauen gar nicht, also kaufte ich mir für 1/3 des deutschen Preises zwei Schachteln Marlboro im Supermarkt. Alex erstand noch etwas Schinken und Käse, wovon er an den folgenden Tagen bei Pausen zehren sollte.
Spannend war ein Steak-Spezialgeschäft, welches ausschließlich einzeln verpackte High-End Steaks und passendes Zubehör verkaufte. Dry-aged Black Angus aus Irland, T-Bones aus Argentinien, Porterhouse aus Kentucky. Im Tresor hatten sie bestimmt noch Kobe Rind. Dazu teure Spezialpfannen und Messer. Mit deren Produkten könnte ich mich rund futtern. Hatte allerdings auch ziemlich gehobene Preise.

Als wir gerade erwogen, für die Heimfahrt ein Taxi zu rufen, setzte der Regen aus. Vorbei an Parlamentsgebäuden gingen wir zurück in Richtung Užupis. Der Regen kam schnell zurück, als wir aus der Reichweite geeigneter Taxis waren. So hangelten wir uns von Toreinfahrt zu Toreinfahrt und fluchten über fehlende Dachüberhänge. An unserer Frühstückspizzeria waren wir bereits ziemlich nass, und beschlossen, dass ein Bier im Trockenen nicht schaden könnte. Bei mir hatte sich auch ein Hüngerchen eingestellt, und so bestellte ich mir eine große Pizza Diavolo. Geliefert wurden dann schließlich eine kleine, zusammen mit der Entschuldigung wegen des Versehens. Der Koch hätte sich vertan, und eine zweite Kleine würde gleich folgen. So gut die Pizza auch war, ich bestellte die zweite ab. Heute Abend musste auch noch etwas in den Magen passen, und die kleine Pizza war sättigender als erwartet.

Zurück am Zelt mussten wir entdecken, dass unsere gestern gewaschenen Shirts und Handtücher restlos durchnässt über den Abspannleinen baumelten. Zum Glück konnte man für kleines Geld einen Trockner im Hostel nutzen. Während dieser wirkte, machten wir ein kleines Schläfchen. Der ab und an einsetzende Regen aufs Zelt unterstützte dieses vortrefflich.

Am Spätnachmittag hatte der Regen wie angekündigt aufgehört, und blaue Stellen im Himmel verkündeten besseres Wetter. Die Wäsche war trocken, ein letztes Bier für den schweren Marsch in die Altstadt getrunken.

Als wir durch die Piles Gatve schlenderten, klang eine elegisch-rauhe Frauenstimme aus einem der Hinterhöfe. Neugierig folgten wir dem Gesang, und platzten in die Feier zum einjährigen Jubiläum einer kleinen Galerie. Etwa 30 Personen nebst vielen Kindern lauschten dem eindringlichen Gesang einer attraktiven, jungen Frau. Die Musik zu ihrem Gesang kam aus einem Ghetto-Blaster neben ihr, und ihre Stimme hatte was. Eine andere Frau, die auf einem Tablett Melonenscheiben verteilte, erklärte uns die Zusammenhänge in perfektem Englisch. Erneut viele junge Menschen. Litauen litt ganz eindeutig nicht an Nachwuchssorgen.

Unser heutiges Abendrestaurant lag etwas weiter die Straße runter. Das Pilies kepykla stellte sich als eine Filiale des Restaurants in Klaipeda raus – die Speisekarte war absolut identisch. Ich bestellte mir eine Wurstplatte mit Käse, und Alex irgend was mit Fisch. Begeistert waren wir beide nicht. Für mich sollte dies die einzige essenstechnische Pleite der Tour werden. Aber zumindest die Floor-Show hatte ihre Reize.

Gegen 22 Uhr waren wir zurück am Hostel und beendeten den Abend mit einem letzten Absacker. Morgen würde es nach Polen gehen. Ich war sehr gespannt auf Masuren. Die Nacht blieb trocken und warm.