Dienstag, 06.06.2017 402 km

Wir hatten uns für 8 Uhr verabredet, da dann unser Frühstück im Korb (EUR 3,-) zu den Zimmern geliefert werden sollte, waren aber beide schon früher auf, und nutzten die Zeit, unsere Kühe zu satteln. Und tatsächlich, um Punkt 8 Uhr brachten zwei nette, junge Damen unser Frühstück. Alex hatte schon Kaffee aufgesetzt – sein Zimmer war geeigneter als Frühstückssaal. Brot gab es nur in homöopathischen Dosen, dazu Kekse, Marmelade, etwas Wurst und Käse. Kein echter Hammer, aber für Frühstückstotalverweigerer wie mich zählte eh in erster Linie der Kaffee.

Viel Verkehr gab es nicht, als wir gegen 8:30 Uhr durch die Stadt in Richtung Osten fuhren. Bevor wir die A1 erreichten, tankten wir noch voll. Dabei kam ein etwas schratiger Mann auf mich zu, um mir die Hände zu schütteln. Er sprach nur Litauisch, aber ich verstand, dass er wohl selbst Biker wäre – und dies allein schon den Händedruck rechtfertigen würde. Nette Geste, irgendwie. Viele Motorräder hatten wir jedoch bislang in Litauen nicht gesehen.

Die autobahnähnliche A1 ist unvermeidbar, wenn man aus Klaipeda raus möchte. Wir verließen sie aber nach ca. 20 km bei Vėžaičiai und fuhren auf der 166 gen Nordosten. Anfangs reihten sich noch viele kleine Ortschaften an die Strecke, und bremsten uns gewaltig aus. Hinter Plunge wechselten wir auf die E272/A11, die jetzt vorwiegend durch tiefe Wälder und abgelegene Felder führte. Das Risiko eines plötzlichen Wildwechsels erschien mir groß, aber weite Teile der Strecke waren durch Zäune am Waldrand abgesichert. Die Straßenqualität war ausgezeichnet. Einziges Manko war die Abwesenheit jedweder Kurven. Kam dann doch mal etwas kurvenähnliches, so wurde es angekündigt, wie bei uns der Jahrmarkt. Mehrere Kurvenschilder und Blechpfeile, die den Weg durch die anspruchsvolle 2° Kurve wiesen. Dazu ein irrational tiefes Tempolimit von 70. Verkehr fand hier fast nicht mehr statt, und wenn, dann waren es Baustellenfahrzeuge, welche die zahllosen Baustellen auf und am Rande der Strecke bedienten. An fast jeder stand ein Schild mit Hinweisen zur Förderung durch die EU. Die einsame Gegend war wirklich schön, aber ein Paradies für Motorradfahrer war sie sicher nicht.

In Abständen von etwa 2 km lagen Bushaltestellen an der kleinen Landstraße. In der Nähe immer ein rechtwinklig abzweigender Schotterweg, der zu den oft abgelegenen Dörfchen führt. Wer hier Bus fahren möchte, braucht vorher stramme Waden. Vielleicht ein Grund für die vielen schlanken Frauen, die unseren Augendruck zum blähen brachten?
An den Abzweigungen stehen rechteckige Blechkästen auf Pfählen. Ich vermute, dass hier die Post für die Örtchen abgelegt wird. Radarfallen waren es zumindest nicht, denn diese wurden grundsätzlich vorher per Schild angekündigt. Eigentlich ganz nett, denn es fällt durchaus schwer, die vorgeschriebenen 90 km/h auf einer ansonsten schnurgeraden Straße ein zu halten.

Als plötzlich mitten im dunklen Wald ein Gasthaus auftauchte, nutzten wir die Gelegenheit für eine Erfrischung. Das Gebäude war ein großes Blockhaus, gefertigt mit ähnlicher Präzision, wie auch in der Slowakei üblich. Vor und hinter dem Haus gab es reichlich Außenbestuhlung. Wir waren jedoch die einzigen Gäste. Die junge, attraktive Frau hinter der Theke sprach ausgezeichnet Englisch. Während wir unsere Cola tranken, fegte eine alte Frau mit größter Akribie den Hof. Kein Staubkorn blieb unentdeckt – ich denke, sie fegt einfach gerne.

Unendlich
Die unendliche Weite des Landes und der hohe Himmel über Litauen.

Auf der Weiterfahrt entdeckten wir die ersten Störche, die sich auf Lichtmasten eingenistet hatten. Ansonsten war die Fahrt eher unspektakulär. In der Landschaft wechselten sich unendliche Felder und tiefe Wälder ab.

Das Land war flach wie die Niederlande – und es gibt nur eine Richtung: Geradeaus. Beeindruckend war jedoch der Himmel, der viel höher und weiter als in unseren Breiten schien.

Hinter Šiauliai wechselten wir auf die A12 nach Jurgaičiai, wo der Hügel der Kreuze liegt, unserem ersten Etappenziel.

Der Kreuzhügel ist vielleicht die bekannteste Sehenswürdigkeit von Litauen, und mir gefiel der Gedanke nicht, unsere Kühe mit vollem Gepäckornat auf dem offiziellen, gebührenpflichtigen Parkplatz 500 m vor dem Hügel abzustellen. Litauen (und Polen) sind zwar gemäß EU Verbrechensstatistik insgesamt weniger kriminell als Deutschland, führen aber in der Rubrik der Fahrzeugeinbrüche und Kleindiebstähle. Wäre ich ein Kleinkrimineller, ich würde mir Parkplätze mit Touristen suchen. Zum Glück hatte ich bei der Reisevorbereitung mit Google Maps und StreetView entdeckt, dass ein kleiner Schotterstreifen direkt am Hügel liegt. Es stehen zwar Halteverbotsschilder an der Straße, aber der Schotterstreifen liegt deutlich rechts von ihr. Hier parkten wir, und hatten so unsere Kühe auf jedem Meter des Weges im Blick.

Ich bin nicht religiös, und ich glaube an nix. Nicht an Jesus, Mohammed oder Jehova, und auch nicht an die Versprechungen von Telefonanbietern. Ich glaube nur an Dinge, die mir hinlänglich bewiesen erscheinen. Nähert man sich mit dieser Weltanschauung einem Gebilde voller religiöser Inbrunst, so entsteht oft ein plümerantes Gefühl. Mich befiel es sehr deutlich.

Es gibt mehrere Legenden, wie dieser Wallfahrtsort entstanden ist – und es gibt eine politische Geschichte, die ich spannender finde. In den 1950er Jahren wurde der Kreuzhügel zu einem politischen Symbol gegen die kommunistische Herrschaft der Sowjets in Litauen. Mehr und mehr von Stalin deportierte Litauer kehrten in ihre besetzte Heimat zurück, und hinterließen hier ein Kreuz für die in den Gulags Ermordeten. Dies waren wohl recht viele, denn die Anzahl der Kreuze wuchs schnell gewaltig. Dies missfiel den Sowjets, und sie vernichteten und verbrannten 1961 alle Kreuze. Bereits eine Nacht später standen neue Kreuze am alten Ort, und der Hügel füllte sich erneut. 1973, 1974 und 1975 wurden diese Zerstörungsaktionen des Regimes wiederholt, jedoch blieb der Kreuzzug der Kommunisten gegen den Hügel der Kreuze erfolglos, wodurch der Berg zunehmend zum Symbol des nationalen Widerstands wurde. Heute dürften es Millionen sein, vom riesigen Stein- oder Metallkreuz bis zu winzigen Kreuzchen von nur 2 cm Länge. Liest man die Inschriften, so erkennt man, dass dies längst ein internationales Denkmal geworden ist. Ein Kreuz vom Kegelklub St. Kützelmütz, ein anderes vom Lions Club in Exeter. Dazwischen viele Kreuze und Tafeln von Nato-Soldaten, die wohl im Baltikum stationiert sind. Während wir durch die surreale Landschaft taperten, sprühten Arbeiter ein Insektenvernichtungsmittel zwischen die Kreuze. Dies war auch nötig, denn im Baltikum wohnen vorwiegend Mücken.

Alex hatte mehr Ausdauer als ich. Er bestieg den Berg komplett. Neben unseren Motorrädern hatte ein französischer Biker eingeparkt. Auch ihm schien die Nähe zum Objekt wichtig, denn er war ähnlich stark bepackt wie wir. Schließlich fuhr auch noch das Local-Law vorbei, interessierte sich aber nicht die Bohne für unser Freistil-Parken.

Nach der Besichtigung führte mich mein Navi nach Nordosten, also genau in die entgegengesetzte Richtung, die für Vilnius richtig gewesen wäre. Zudem übersah es, dass direkt hinter dem Hügel aus der asphaltierten Straße ein übler Sandweg wurde. Als wir an einem Schweinebauernhof wendeten, wollte es danach in jeden Sandweg abbiegen, der sich links und rechts der Straße zeigte. Nur Garmin weiß, wie und wohin Garmin navigiert – und der Kunde weint derweil bitterlich. Zum Glück verfüge ich noch über einen normalen Orientierungssinn: Zurück zur A12, und dann nach Südosten. Irgendwann fand dann mein Navi auch die Orientierung wieder.

Kurz hinter dem Kreuzhügel stoppten wir an einem großen Restaurant mit Motel in einem parkähnlichen Gelände. Das Landhotel Girele. Es schien gut besucht. Viele PKW und zwei Busse, und sogar eine dicke Honda standen auf dem Parkplatz. Am Eingang zum Restaurant entdeckte ich den beeindruckendsten Fahrradständer meines bisherigen Lebens. Ein Künstler hat riesige Broncekürbisse und Schlingpflanzen um den Fahrradständer geschweißt. Dies war ein grandioses Kunstwerk. Auch hinter dem Haus gab es einen Brunnen, der ebenfalls mit Broncegebilden bestückt war. Hier verstand jemand wirklich sein Handwerk.

Die Kellnerin sprach uns auf Englisch auf unsere Bikes an, und erwähnte, dass die Honda vor der Tür die ihre wäre. Als ich sie auf die Jagdtalente der örtlichen Polizei ansprach, lachte sie. Do as you please, but if you see police, keep to speed limits. Sozusagen wie bei uns. Wir blieben trotzdem auf der gesamten Tour sehr dicht am Limit.

Alex wollte eigentlich das litauische Nationalgericht bestellen: Zeppelinförmige Klöße gefüllt mit Fleisch. Diese wurden jedoch nur nach Anmeldung zubereitet, da dies wohl 2 Stunden dauern sollte. Mein Pfeffersteak mit Salat und Fritten war ausgezeichnet und mit 11 Euro ausgesprochen preiswert. Das Fleisch schmeckte noch…nach Fleisch. Ganz anders, als bei uns daheim, wo man so was gerne mit Wasser aufpumpt.

Die Kellnerin winkte uns hinterher, als wir schließlich aufbrachen. Unser nächstes Ziel sollte der geographische Mittelpunkt Europas sein, welcher 27 km nördlich von Vilnius liegt. Bevor wir ihn erreichen konnten, hatten wir aber noch ein kleines Benzinproblem. Ein Teil der Strecke war wohl eine unlängst fertig gestellte Autobahn. Mein Garmin kannte sie noch nicht – und dies, obwohl ich bereits mit dem Kartenstand 2018 unterwegs war. Eine Autobahn in Litauen weicht in 4 Punkten von den unseren ab:

  • Man kann und darf auf der Autobahn wenden – an dafür vorgesehenen Wendepunkten.
  • Abfahrten gehen rechtwinklig ab, und sind zu 95% aus Schotter.
  • Es gibt Bushaltestellen an der Autobahn.
  • Es gibt keine Tankstellen. Zumindest nicht auf unserer Teilstrecke.

Bei einer kurzen Rast erwähnte Alex, dass er nur noch für 70 km Sprit hätte. Seine R1200 GS K25 brauchte tatsächlich fast einen Liter mehr als meine K50. Ich bat Garmin, eine Tankstelle in unsere Route einzubauen – was auch gelang. Sie lag 39 km entfernt und halbwegs in unserer Zielrichtung. Nach dem Tanken wurden die letzten Meter abenteuerlich. Alle Straßen bisher waren ausgezeichnet gewesen, wahrscheinlich ganz frisch fertig gestellt. Überall im Land wurde gebaut, und so auch an den folgenden Straßen. Es gab noch keinen Teer, und die Straße war schlechter als die bisherigen Schotterstrecken unserer Tour. Speziell einige Sanddurchfahrten machten unseren Dickschiffen zu schaffen. Trotzdem erreichten wir bald den Mittelpunkt Europas. Eine in den Boden eingelassene Windrose, gesäumt von den Flaggen aller Europäischer Staaten. Ein perfekt gepflegter Golfplatz rahmte alles ein, und edle Villen rankten sich um das Ufer eines kleinen Sees, auf dem ein paar Angler fischten. Hier waren wir bereits im Speckgürtel von Vilnius.

Bei der Reiseplanung mit Garmin Bootcamp Basecamp hatte ich nicht nur meine Urlaubsreife entwickelt, ich habe auch die Anreise zum Downtown Forest Hostel & Camping so geplant, dass wir NICHT durch die gesamte Neu- und Innenstadt geleitet werden. Dies hat mein Navi wohl ignoriert, denn es navigierte uns mitten in den stehenden Berufsverkehr der Neustadt. Fast eine Stunde Stop & Go. Es gibt nix ätzenderes. Als wir schließlich im parkähnlichen Gelände des Hostels ankamen, standen bereits zwei Einzylinder Enduros aus Deutschland am Rande der Einfahrt.

Wir brauchten zuerst mal ein Bier, oder zwei. Als ich unsere Biere am kleinen Ausschank holte, fragte mich der junge Wirt freundlich: And, how did Lithuania treat you so far?. Ich konnte nicht klagen, und antwortete mit pretty well. Er schien zufrieden.

Die Anlage hatte was, speziell durch ihre Lage mitten in der Stadt, am Rande des Künstlerviertels Užupis.
Ein großes Hostel mit guten Kritiken, davor, in einem kleinen Wäldchen, die Campingwiese mit Bänken und Blockhütten zum Unterstellen bei Regen. Strom gab es kostenlos, und zahllose Steckdosen säumten den Platz. Mein mitgebrachtes Campingkabel passte bestens. Auch Wifi war vorhanden – und schnell dazu. Einen Grill inkl. Holz konnte man für kleines Geld ausleihen. Als Zeltcamper durfte man die gesamte Infrastruktur des Hostels nutzen – bei Regen auch den Aufenthaltsraum mit offenem Kamin. Hier wollten wir zwei Nächte bleiben.

Unsere Zelte standen schneller, als man es für den ersten Aufbau einer Tour erwarten sollte. Ich musste lediglich etwas mit der Stange im gerissenen Apsistunnel kämpfen. Vielleicht doch mal reparieren, oder das Zelt ersetzen?
Nachdem ich mein Motorrad Shirt und mein Handtuch durchgewaschen hatte, kamen wir mit zwei Mädels ins Gespräch, zu denen die Enduros in der Einfahrt gehörten. Sie teilten sich ein edles Husky Zelt, und waren auf der Reise durch die baltischen Staaten. Auch sie wollten den morgigen Tag in Vilnius verbringen. Sie waren durch Polen angereist, wo sie auch bereits Kontakt zur Polizei gefunden hatten. Sie hatten wohl ein Ortsende falsch eingeschätzt, und zu früh Gas gegeben. Es blieb jedoch bei einer Verwarnung. Typischer Effekt bei Mädels – uns hätten sie bestimmt zur Kasse gebeten, oder erst mal vorläufig erschossen.

Gegen 19:30 Uhr machten wir uns auf den Weg nach Užupis. Der Name bedeutet jenseits des Flusses. Einfach 150 m die Straße Paupio Gatve runter, und man war da. Viele Häuser mit renovierten Fassaden in Erdtönen, Torbögen, die in oft weniger gut sanierte Innenhöfe führten. Restaurants gab es zu Hauf, und wir entschieden uns nach längerer Suche für die Užupio kavinė, die malerisch am Ufer eines Seitenarms der Neris liegt. Diese umschlängelt die inoffizielle Republik Užupis.


Nähert man sich Užupis von Westen, so stößt man an der Brücke auf ein Schild: You are leaving the lithuanian Republic. Spannender ist jedoch die Geschichte der winzigen „Republik“. Einige Bewohner riefen als Kunstaktion die unabhängige Republik Užupis aus, die über eine Verfassung, eine Flagge und einen Präsidenten verfügt. Die zwölf Mann starke Armee wurde mittlerweile wieder aufgelöst, weil Užupis sich in seiner Verfassung als weltweit einziges Land zu einem völligen Gewaltverzicht verpflichtet hat. An der Straßenseite der gewählten Kneipe hing die Verfassung – in derzeit 23 Sprachen:

Die Verfassung von Užupis
Jeder Mensch hat das Recht, beim Fluss Vilnia zu leben, und der Fluss Vilnia hat das Recht, an jedem vorbei zu fließen.

  1. Jeder Mensch hat das Recht auf heißes Wasser, Heizung im Winter und ein gedecktes Dach.
  2. Jeder Mensch hat das Recht zu sterben, aber das ist keine Pflicht.
  3. Jeder Mensch hat das Recht, Fehler zu machen.
  4. Jeder Mensch hat das Recht, einzigartig zu sein.
  5. Jeder Mensch hat das Recht zu lieben.
  6. Jeder Mensch hat das Recht, nicht geliebt zu werden, aber nicht notwendigerweise.
  7. Jeder Mensch hat das Recht, gewöhnlich und unbekannt zu sein.
  8. Jeder Mensch hat das Recht, faul zu sein.
  9. Jeder Mensch hat das Recht, eine Katze zu lieben und für sie zu sorgen.
  10. Jeder Mensch hat das Recht, nach dem Hund zu schauen, bis einer von beiden stirbt.
  11. Ein Hund hat das Recht, ein Hund zu sein.
  12. Eine Katze ist nicht verpflichtet, ihren Besitzer zu lieben, aber muss in Notzeiten helfen.
  13. Manchmal hat jeder Mensch das Recht, seine Pflichten nicht zu kennen.
  14. Jeder Mensch hat das Recht auf Zweifel, aber das ist keine Pflicht.
  15. Jeder Mensch hat das Recht, glücklich zu sein.
  16. Jeder Mensch hat das Recht, unglücklich zu sein.
  17. Jeder Mensch hat das Recht, still zu sein.
  18. Jeder Mensch hat das Recht zu vertrauen.
  19. Niemand hat das Recht, Gewalt anzuwenden.
  20. Jeder Mensch hat das Recht, für seine Unbedeutsamkeit dankbar zu sein.
  21. Niemand hat das Recht, eine Ausgestaltung der Ewigkeit zu haben.
  22. Jeder Mensch hat das Recht zu verstehen.
  23. Jeder Mensch hat das Recht, nichts zu verstehen.
  24. Jeder Mensch hat das Recht zu jeder Nationalität.
  25. Jeder Mensch hat das Recht, seinen Geburtstag nicht zu feiern oder zu feiern.
  26. Jeder Mensch sollte seinen Namen kennen.
  27. Jeder Mensch kann teilen, was er besitzt.
  28. Niemand kann teilen, was er nicht besitzt.
  29. Jeder Mensch hat das Recht, Brüder, Schwestern und Eltern zu haben.
  30. Jeder Mensch kann unabhängig sein.
  31. Jeder Mensch ist für seine Freiheit verantwortlich.
  32. Jeder Mensch hat das Recht zu weinen.
  33. Jeder Mensch hat das Recht, missverstanden zu werden.
  34. Niemand hat das Recht, jemand anderem die Schuld zu geben.
  35. Jeder hat das Recht, individuell zu sein.
  36. Jeder Mensch hat das Recht, keine Rechte zu haben.
  37. Jeder Mensch hat das Recht, keine Angst zu haben.
  38. Lass dich nicht unterkriegen!
  39. Schlag nicht zurück!
  40. Gib nicht auf!

Das ganze ist eine nette Idee – und natürlich ein Touristenmagnet erster Güte. Unter der Brücke hing eine Schaukel zur freien Bespaßung, nasse Füße inklusive. Die Skulptur einer Wassernymphe war in die Kaimauer eingelassen, und ein eigener QR Code sollte sie gar singen lassen. An der Mauer hingen Bilder einer Fotoausstellung, und das Brückengeländer war mit hunderten Vorhängeschlössern behangen. Viele davon werden wohl deutlich länger halten, als die vergänglichen Beziehungen, welche sie verursacht haben.

Wir hatten es uns gerade gemütlich gemacht, als die Kellnerin kam, um uns zu fragen, ob wir auch essen wollten. Wollten wir natürlich – aber wir durften nicht. Die Küche hätte gerade geschlossen, keine Ahnung warum. Auch die Kellnerin wusste es nicht. Wir waren perplex. 20 Uhr, beste Sendezeit, Heldenwetter, der Laden war voll – und die Küche schließt? Shit happens, und wir wechselten die Lokalität. Fündig wurden wir an dem Platz mit der Engelsskulptur Užupio Angelas. Die Skulptur stellt einen Engel dar, der Trompete spielend die Erneuerung und die künstlerische Freiheit des Stadtteils symbolisiert. Daher kommt auch der andere Name von Užupis: Engelsrepublik.

Unser Restaurant des Augenblicks hieß One for All, und bot Speisen aus allen Ecken unserer Welt. Alex wählte Muscheln aus Belgien, ich entschied mich für ein Black Angus Steak aus Irland. Alex schien weniger glücklich, aber mein Steak war ziemlich ok. Dazu ein paar leckere Biere, die den langen Tag im Sattel zu lindern halfen. Gegen 22:30 Uhr kehrten wir zurück zu unserem Hostel, und testeten auch dort noch ein paar Biere. Um uns herum brannten Feuer und einige Grills. Es war zwar etwas kühler geworden, aber immer noch ein angenehmer Abend. Die folgende Nacht im Zelt war makellos. Das kleine Wäldchen unseres Campingplatzes schluckte alle städtischen Geräusche.