Montag, 05.06.2017 14 km

Eigentlich hätten wir ja ausschlafen können, denn uns stand noch eine längere Wartezeit bis zum Anlanden bevor. Ich trat aber bereits gegen 8 zur Guten-Morgen-Ziggi auf das Außendeck. Der Himmel war leicht bedeckt, aber größere blaue Lücken waren immer noch vorhanden. Es war sehr mild, vielleicht 20°C.

Das Frühstücksbuffet wirkte ein bisschen wie die kleine Schwester des Abendessens. Lediglich die Hauptspeisen waren gegen Eier, Würstchen und andere frühstücksrelevante Speisen getauscht. Dazu gab es diverse Müslis, Dinge also, die ich nie an meinen Körper lassen würde. (Guten) Kaffee konnte man sich bis zum Abwinken selber zapfen, und auch diverse Säfte kamen aus dem Automaten. Egal ob man Apfel- oder Orangensaft wählte, das, was raus kam, wirkte geschmacklich und optisch eher wie Bremsflüssigkeit. Der Kuchen war genau so gut wie der vom Abendessen. Genau genommen war es der gleiche.

An Bord war alles litauisch. Die Zeit (UTC+2), die Bordsprache (neben Englisch und oft auch Deutsch), und auch das Essen. Nach dem Frühstück saßen wir längere Zeit mit dem Ehepaar von gestern zusammen, und ratschten über‘s Reisen durch Europa und die Welt.

Auf unserem Deck war das Rauchen nicht gestattet, und so wechselte ich für eine Ziggi auf das darüber liegende. Als ich mich an die Reling lehnte, stand ein Mitglied der Besatzung neben mir, und rauchte ebenfalls. Wir kamen ins Gespräch (Englisch), und er erzählte mir einiges über sein Leben in Litauen und seinen Job an Bord. Er verdient etwa 500,- EUR netto im Monat – plus diverse Zulagen, fuhr 14 Tage zur See, um dann 4 Tage frei zu haben, die er mit seiner Familie in Klaipeda verbrachte. Er gehörte noch zu den Besserverdienenden, denn ungelernte Kräfte arbeiten in Litauen oft noch für weniger als 150 EUR netto pro Monat. Dies ist für Touristen aus dem Westen nur schwer vorstellbar, obwohl Deutschland innerhalb der EU nach Litauen das Land mit dem größten Niedriglohnsektor ist. Es war schön zu hören, dass seit der EU Mitgliedschaft vieles besser geworden ist. Litauen hätte einen regelrechten Push bekommen, und auch die Löhne zogen langsam an. Er schien mit seinem Leben und seinem Land ganz zufrieden.

Ankunft in Klaipeda
Alex bei der Ankunft in Klaipeda

Ich erfuhr auch, dass die Fähre fast leer wäre. Zwei Fahrzeugdecks blieben ungenutzt, und 2/3 der Kabinen standen leer. Für uns eine prima Nachricht, denn so würde die Entladung schneller gelingen.

Die Zeit bis zur Ankunft verging wie Käse, und die Freude war groß, als wir endlich die enge Zufahrt zum Kurischen Haff bei Melnragės Molas erreichten. Vorbei an Raffinerien, Containerbrücken und Hafenanlagen fuhren wir durch den engen Vorhafen zu unserem Anleger, an welchem unsere Fähre rückwärts einparken musste.

Wir blieben auf dem Außendeck, bis sich die ersten LKW in Bewegung setzten. Erstaunlicherweise konnten wir bereits nach kurzer Wartezeit unsere Kühe starten, um uns aus dem Bauch der Fähre zu mäandern. Draußen schien die Sonne, und es war angenehm warm.

Am ersten Tag wollten wir nur ankommen und keine weiten Strecken fahren. Da es in und um Klaipeda keinen Campingplatz gibt, hatte ich uns zwei Zimmer in einem einfachen Hotel gebucht. Wesentliches Merkmal war hierbei die sichere Übernachtung unserer Bikes. Das LITiNTERP Guesthouse liegt mitten in der Altstadt und verfügte über einen großen Innenhof mit Videoüberwachung. Alex bezog ein Doppelzimmer zur Einzelnutzung (EUR 34,-), ich ein Einzelzimmer (EUR 28,-). In den Zimmern stand Ausrüstung für Tee und Kaffee. Mein Bad war größer als das Zimmer, das Zimmer war trotzdem ok und mit modernen Kiefernmöbel eingerichtet. Direkt vor meinem Fenster standen unsere Bikes, und sogar ein Stinker stand als Ersatz für meine heimischen bereit.

Nachdem wir uns eingerichtet hatten, machten wir uns auf den Weg in die Innenstadt, die sich um die Dange (litauisch Danė) gebildet hatte. Klaipeda, die mit 160.000 Einwohnern drittgrößte Stadt Litauens, wirkte sehr großräumig angelegt, mit schönen Plätzen und vielen Grünanlagen. Alles war sehr sauber und aufgeräumt, und viel Kunst stand in der Gegend rum. Die Menschen, denen wir begegneten, wirkten wie aus dem gewohnten Westeuropa – nur wesentlich jünger. Die Frauen waren ähnlich nett anzuschauen, wie die in der Slowakei – eine schwere Herausforderung für unsere gichtigen Bikerherzen. Aber besser so, als anders.

Am Fluss entdeckten wir einen alten Dreimastsegler, der heute wohl als Restaurant dient. Die Meridianas wurde 1948 in Finnland gebaut, und fungierte 20 Jahre als Segelschulschiff, bevor sie zum inoffiziellen Wahrzeichen Klaipedas wurde. Direkt gegenüber lag der britischer Pub Portobello, welcher sich gar nicht erst um eine Speisekarte auf Litauisch bemühte. Mit Englisch würden wir hier wohl kein Problem bekommen.

An der Flusspromenade reihte sich Restaurant an Restaurant. Die Auswahl fiel durchaus schwer. Wir entschieden uns für das gut gefüllte Katpėdėlė Restoranas, dessen Zeltvorbau gar eine Nach-dem-Essen-Ziggi erlaubte. Die Speisekarte war mehrsprachig, und Alex bestellte eine litauische Pizza, ich ein ausgesprochen leckeres Schaschlik. Hier schlossen wir auch erste Freundschaft mit Svyturys ‘EXTRA’, dem litauischen Platzhirsch unter den Bieren.

Nach dem Essen schlenderten wir noch etwas durch die Altstadt, um auf dem Platz vor dem Theater auf den Irish NESĖ Pub zu stoßen. Dort gab es zwar kein echtes Pint Guinness, aber durch überfüllen des halben Liters kam es ihm schon recht nahe. Am Nebentisch, und auch schon im Restaurant davor, sprachen viele Menschen Englisch. Vielleicht lag es an der örtlichen Hochschule, oder den günstigen Bierpreisen.

Gegen 23 Uhr waren wir wieder an unserem Guesthouse. Die Nacht verlief ruhig und entspannend. Morgen würde es ins litauische Hinterland gehen. Ein mit 400 Landstraßenkilometern recht langer Fahrtag.