Sonntag, 04.06.2017 589 km 1200 km

Als Religionstotalverweigerer war mir natürlich entgangen, dass unser Abreisedatum auf den Pfingstsonntag fiel. Wahrscheinlich ein Glücksfall, denn die Autobahnen würden frei sein von LKW und Pfingstreiseverkehr, der am Freitag davor statt gefunden haben dürfte.

Gepackt hatte ich bereits seit Tagen. Ich hasse die letzten Tage vor einer Reise. Man ist wie gelähmt, andere Dinge zu erledigen, und für die Reise gibt‘s nix mehr zu regeln. Um 6:30 war alles Gepäck befestigt, ein schneller Kaffee, und um 7 Uhr setzte ich die Segel. Meine Ankunft bei Alex in Herne hatte ich für 8:30 bis 9 Uhr avisiert. Zu meinem Erstaunen regnete es nicht. Völlig untypisch für meine Abreisen, im leicht bewölktem Sonnenschein zu radeln.

Die Autobahn hatte ich zu dieser frühen Stunde fast exklusiv. Meine bourgeoise Cruise Control stellte ich auf 120 km/h, und ließ mich gemächlich gen Pott schraddeln. In Herne angelangt wollte ich noch tanken und etwas Luft auffüllen. Mein ebenfalls bourgeoiser Reifendruckanzeiger bemängelte ein Delta von 0,1 bar – eigentlich vollkommen lässlich, aber trotzdem mit einem digitalen Unwohlsein versehen. Aus Erfahrung wusste ich, dass Tankstellen in Osteuropa nur selten Druckluft boten. Also besser noch hier nachfüllen. Tankstellen in die Route einbauen klappt bei Garmin. Erstaunlich eigentlich. Ich ließ mich zu einer Total Station navigieren.

Mit aller Freundlichkeit, zu der ich in frühen Morgenstunden fähig bin, fragte ich den etwa 25 Jahre alten Revierförster der Tankstelle nach Druckluft. Er hielt mir das Ende eines Druckluftschlauchs unter die Nase, und grunzte mir ein Pfand entgegen. Nicht unfreundlich, aber versehen mit einer subtilen Portion Hass auf mich im Speziellen und die Welt im Allgemeinen. Ich bemühte mich, das Geschehen in Worte zu packen: Ich verstehe Sie richtig. Sie haben Druckluft, aber um diese zu nutzen benötige ich das Schlauchende, welches Sie mir erst nach Hinterlegung eines Pfandes aushändigen wollen? Richtig?. Ein kurzes, nicht zu deutendes Grunzen, gepaart mit unfreundlichem Blick. Ich zückte 100 Euro, um diese als Pfand zu hinterlegen. Ausweis, Führerschein – kein Geld, keine Kreditkarten – Grunz, bellte er. Ich hielt ihm meinen Helm entgegen. Kein Helm!. Meine Leber wollte er wohl auch nicht, und bevor er noch unfreundlicher werden konnte, kramte ich mühsam meiner Reisepass aus irgend einem Layer meiner Kombi. Er war einfach ein kleines Arschloch, wie es so viele gibt, in dieser, unserer, Republik. Später wird er dann mal Blockwart, bläst Laub, hängt aus Küchenfenstern und denunziert Falschparker. Von solch einem Honk ließ ich mir die Vorfreunde auf unsere Tour nicht verderben.

Alex erwartete mich bereits in der Auffahrt. Ein schneller Kaffee sollte noch passen, und so lernte ich auch seine nette Frau kennen. Auch sie hatte jetzt irgend wie Urlaub. Kein Mittagessen kochen, und alle Zeit der Welt für eigene Interessen. Sieht bei mir zu Hause ähnlich aus.

Gegen 9:30 fuhren wir los, über wechselnde Autobahnen ohne nennenswerten Verkehr. Selbst die A1 war unauffällig. Der Himmel war jetzt etwas wolkiger, aber es herrschten ideale Temperaturen zum Motorrad fahren. Mit mehreren kurzen Pausen zur Entspannung der gichtigen Gräten erreichten wir schnell den Speckgürtel Hamburgs. Da sich ein Hüngerchen eingestellt hatte, und wir eh gerade tanken mussten, fielen wir in einen Autohof ein. Dieser bot sogar einen eigenen Bereich für Raucher. Im lustbereinigten, politisch-korrektem NRW vollkommen undenkbar.

Eine leckere Currywurst später, kurz hinter dem Elbtunnel, erreichten wir die ersten Großbaustellen. Gut so, denn ohne Stau in Deutschland wäre mein Weltbild schnöde zerbröselt. Im schönen Königreich errichtet man bescheidenere Baustellen. Maximal zwei Kilometer werden abgesperrt. Hier finden dann auch die tatsächlichen Bautätigkeiten statt. Während dies geschieht, wandert die Baustelle weiter. In Niedersachen, Hamburg und Schleswig Holstein hingegen sperrt man lieber 20 km, um dann an einem Ende mit zwei Behelmten in Neonkleidung einen Sandhaufen von links nach rechts zu schippen. Kurz gesagt, wir kamen nur langsam voran. Das Fährterminal in Kiel erreichten wir gegen 15:30. Zum Glück gab es einen Pizzaservice im Terminal, der uns zwei Bier verkaufte. Die Sonne war wieder hervor gekommen, und wir genossen unser Bier in der Außenbestuhlung des Abfertigungsgebäudes.

Drei Biker auf KTMs aus der Schweiz waren bereits vor uns hier, ein Harley Fahrer aus Litauen kam kurz nach uns an. Dann trafen noch sieben BMW R1200 GS K50 ein. Alle aus Verden, alle besetzt mit ähnlichen Grufties wie uns. Lediglich die Campingrolle fehlte. Warmduscher halt, die ein kommodes Hotelzimmer für 28 EUR einem Platz im Zelt für 10 EUR vorzogen. Nicht zelten könnte ich noch, wenn ich mal so alt bin, wie ich nie werden möchte. 80 oder so. Ich hoffe, dass die Bettpfannenmafia mir eines Tages im Zelt die Windeln wechseln muss, wenn ich von der guten alten Zeit im Sattel schwadroniere, während ich aus dem Schnabeltässchen sabber. Mit 60 gilt man in Europa als alt. 4 month to go – welch eine Perspektive. Immerhin wird ab 60 der Eintritt zu Attraktionen im UK billiger. 10% Rabatt für die 30% an Attraktion, die man dank trüber Augen gar nicht mehr wahr nimmt. Alt werden ist wie eine Wurzelbehandlung, die niemals aufhört. So überflüssig wie Helene Fischer.

Zum Glück entdeckten wir rechtzeitig, dass unsere Tickets noch gegen Boarding-Pässe umgetauscht werden mussten. Zwei DFDS Kabäuschen waren dafür bemannt, bzw. eher befraut. Beide Damen wirkten ausgesprochen unbeschäftigt.

Bevor ich auch nur mein extra für die Tour angelerntes moin anwenden konnte, hörte ich eine im Traktoristinnenjargon formatierte Frage: Sind Sie 415? Ich zögerte und kratzte mich am Kopf. Was kann sie meinen? Die Schwanzlänge? Da wäre 415 wohl eine ziemlich optimistische Schätzung. Würde auch in keine Hose passen. Dann dämmerte es mir. Ein Schalter, gelegen in Deutschland, benötigt selbstredend eine Wartenummer – und so auch dieser. Ich ging zum Automaten und zog – trara – die 416. War ja auch sonst nix los, abgesehen vom Pizza Stand. 415 ist irgend wie nie aufgetaucht – bestimmt in einer Paralleldimension verschwunden.

Jetzt bekamen wir Tickets, Kabinenpässe und Essensbons, denn wir hatten alle drei Mahlzeiten gebucht. Buffetstil, und deutlich günstiger als auf den Nordsee Routen. Konnte also nicht viel schief gehen.

In der Schlange vor dem Gate entwickelten sich dann die Gespräche. Die Schweizer waren per Autozug aus Bern nach Hamburg angereist. Für unverschämte 250,- EUR pro Strecke. Die Strecke wird von einem privaten Betreiber befahren, der einen Teil der früheren Autozugwaggons der DB gekauft hat. Den anderen Teil hat die ÖBB erstanden, und bedient jetzt auch neue Strecken, wie Düsseldorf-Innsbruck, zum ausgesprochen günstigen Preis. Die Schweizer wollten die baltischen Staaten bereisen, also Litauen, Lettland und Estland. Das einzige Problem mit baltischen Staaten ist, dass sie keine Kurven kennen. Das ist nicht besonders motorradaffin, und deshalb haben wir Masuren mit eingeplant, wo es laut StreetView schon mal die eine oder andere Kurve geben soll.

Dann kam noch der Mann, der immer kommt. Er reist mit Wohnmobil oder PKW, betont aber immer, dass er eigentlich Biker ist oder war. Und wenn die Frau und die Kinder nicht dabei wären, so würde er auch zelten und/oder biken. Viel Konditional und Konditional II, viel Ausdruck für verpasste Chancen, viel versteckte Wehmut zwischen den Zeilen. Der Mann unseres Augenblicks war eigentlich ganz nett. Später an Bord saßen wir noch länger mit ihm und seiner Frau zusammen.

Als es los ging, sollten wir einem Follow-me Auto folgen. War wohl auch nötig, denn ohne hätten wir die Fähre nie gefunden. Sie war niedriger als die Hafengebäude, und gut dahinter versteckt. Ich erkannte sie sofort wieder. Genau diese Fähre hat in den ausklingenden 1970ern die Ärmelkanalverbindung befahren. Es war keine RoRo Fähre, sondern eine, in der man wenden muss, um wieder raus zu gelangen. Wir landeten nach drei U-Turns im untersten Deck. Ein klarer Moment für ein herzhaftes scheiße, denn wer öfters Fähren nutzt, weiß, dass man erst raus kommt, wenn alle anderen Decks leer sind. Und zwischenzeitlich laufen gern sinnlos die LKW-Diesel warm, und beweisen, dass die menschliche Lunge doch ein ganz schön toughes Scheißerchen sein kann. Diesem Schicksal würden wir wohl morgen entgehen, denn alle LKW und ein paar Wohnmobile standen auf dem oberen Freideck.

Entgegen der üblichen Praxis bei DFDS wurden unsere Fahrzeuge durch Fachkräfte auf dem Deck fixiert. Völlig übertrieben, mit 3 Spanngurten pro Bike. Ich konnte gerade noch verhindern, dass das Standrohr der Telegabel dafür missbraucht wurde. In Irland hat mir dieser Unfug mal eine undichte Gabel beschert. Es ist auch immer eine gute Taktik, den Nierengurt (oder Ähnliches) über die Sitzbank zu legen, bevor der Spanngurt drüber kommt. Die Dinger sind oft ölgetränkt und 100 Jahre alt.

Die Kabine war sehr ok. Zwei Einzelbetten – die darüber liegenden eingeklappt. Dusche mit WC, und sogar Duschgel war vorhanden. Die Kabine lag am wohl diametral entferntesten Punkt von den Maschinen, akustisch bestens entkoppelt. Unser Bullauge wies nach steuerbord – an die Seite also, an der später Land zu erwarten wäre. Alles war gut, die mitgenommen Dosen Aldi-Bier noch redlich kühl. Zumindest für mich, denn Alex stieg nach dem ersten auf bordeigenes Bier um, welches wohl doch besser gekühlt und zu redlichem Preis angeboten wurde (EUR 3,-/0.5L).

Das Bordrestaurant war ab 19 Uhr geöffnet. Das Buffet umfasste eine Salatbar, zu der erstaunlicherweise auch Matjes gehörten. Ich häufte eine anständige Portion Grünzeug auf meinen Teller (fürs gute Gewissen), und eine stattliche Portion Matjes (für den guten Geschmack). Als Hauptgang gab es Hühnerschenkel oder Pasta, dazu Fritten, Reis, Kartoffeln und weiteres Zubehör. Als Dessert standen zwei ausgezeichnete Kuchen bereit. Insgesamt nicht wirklich umfangreich, aber geschmacklich ok. Mehr kann man auf Fähren nicht erwarten, es sei denn, sie fahren nach Skandinavien.

Beim ersten Durchgang wird der Essensgutschein einkassiert. Man kann aber danach beliebig oft nachladen. Da es unwahrscheinlich ist, dass sich die Küchentante an all die Menschen erinnern kann, würde man wahrscheinlich auch kostenlos durch kommen. Frechheit siegt, aber wir taten so was natürlich nicht.

Um 19:55 Uhr, also 5 Minuten vor dem geplanten Ablegen, sahen wir durch die Fenster des Restaurants, wie die Küste sich bewegte. Unser Käptn war in See gestochen, und wir genossen die Sonnenstrahlen auf dem Freideck. Nachdem wir die offene See erreicht hatten, wurde der Wind deutlich frischer. Die Fähre machte ziemlich Fahrt, denn eine andere Fähre, die uns im Kielwasser folgte, wurde schnell am Horizont kleiner.

Wir passierten einen Offshore Windpark, und fuhren nach Einbruch der Dunkelheit kurz neben einem hell erleuchteten Kreuzfahrtschiff. Es machte nur wenig Fahrt, damit die Passagiere die nächste Hafenstadt der Route morgens erreichen würden. Abends geht’s dann weiter zur nächsten Destination. Kreuzfahrten plane ich ab 80 ein, und hoffe insgeheim, dieses Alter nie zu erreichen.

In einem der Wohnmobile auf dem offenen LKW Deck brannte Licht. Man durfte sich zwar während der Überfahrt nicht auf den Fahrzeugdecks aufhalten, aber es schien beim Außendeck niemanden wirklich zu stören.

Wir waren ziemlich groggy von der Anfahrt, und wurden nicht alt. Gegen 22:30 Uhr machten wir den Deckel drauf. Eine ruhige Nacht auf spiegelglatter See.