Dienstag, 13.06.2017 297 km

Mit dem frühen Aufstehen wurde ich nervös. Heute hatte mein Lieblingskater Loui einen Arzttermin, bei dem entschieden werden sollte, ob der Lampenschirm, den er seit 14 Tagen tragen muss, abgenommen werden kann. Unser kleiner Kater Daffyd hatte ihm beim Rumtollen am Auge verletzt, und wir hatten diese Verletzung anfangs etwas unterschätzt.

Alex hatte schon etwas Vorsprung beim Abbau, aber am Ende waren wir fast zeitgleich abfahrbereit. Meine Bremse zeigte tatsächlich keinerlei Auffälligkeiten, und ich fuhr wieder tiefentspannt und beruhigt. Frühstücken wollten wir eigentlich irgend wo auf der Strecke, was so viel hieß wie in Deutschland, denn die Grenze verläuft mitten durch Swinemünde. Doch wir wollten noch preiswert tanken, und die Tanke am Fähranleger bot auch Frühstück. Bei der Weiterfahrt tauschte ich noch meine Sloty zurück in Euro. Der Kurs war zwar verbrecherisch, aber Münzen wäre ich in Deutschland nicht los geworden. Und ich hatte einige davon.

Der letzte Kilometer bis ins deutsche Ahlbeck bestand erneut aus Kopfsteinpflaster der übelsten Sorte. Als Abschiedsgeschenk vielleicht verständlich, für Ankommende sicherlich kein guter, erster Eindruck. Zumal die Polen wirklich ausgezeichnete Straßen bauen können – in den Masuren gab es nix zu klagen. Ab dem Grenzstein surrten unsere Reifen über perfekten Asphalt, aber sie taten dieses fast im Stehen, denn der gesamte Ort war restlos zugestaut. Am Ortsausgang eine Baustelle mit Bedarfsampel, die jeweils nur 4 Fahrzeuge durch ließ. Das gleiche galt für jeden Ort, der folgen sollte. Dauerstau bis zum Horizont. Keine Ahnung, was die hier alle wollten. Das Wetter war eher durchwachsen, und die Temperaturen luden auch nicht gerade zum Baden ein. Bis hinter Heringsdorf trieben wir im Malstrom, dann endlich besannen wir uns der Vorzüge einspuriger Fahrzeuge, und mogelten uns durch den Stau nach vorne. Und dieser endete nicht. Bad Ückeritz, Stubbenfelde, Kölpinsee, Koswerow. Überall stand die Blechlawine. Kurz vor Koserow stießen wir dann auf etwas, was es ausschließlich in Dunkeldeutschland gibt. Den Blocker. Der Blocker sieht im Rückspiegel ein Motorrad kommen, und zieht im letzten Moment nach innen, um den Fahrer zu ermorden. Versuchte das Arschloch auch bei mir, aber da ich immer mit so etwas rechne, gelang es ihm nicht. Als er nach links zog, nutzte Alex die rechts entstehende Lücke, und zog an ihm vorbei. Darauf hin fuhr er zackig nach rechts, und ich hatte freie Bahn. Zum Dank fuhr er dann noch besonders dicht auf, was uns aber latte war, denn er verschwand eh bald am Horizont und in wohlverdienter Bedeutungslosigkeit. An einer Ampel bemühte sich dann noch ein Golf, schneller als wir weg zu kommen. Nice try, lieber Golfist aus Potsdam.

In Koserow überholte mich Alex, und fuhr aufs Gelände von Karls Erlebnis-Dorf, einem dieser disneylandisierten Bauernhöfe mit Busanschluss, die es auch in unseren Breiten gibt. Ein Sack Wurstwaren für 10 Euro, inklusive Kuh streicheln und lecker was futtern. Mich zog es da nicht wirklich rein, aber Alex kannte es von früher, und er begann einen Sentimental Journey in seine Vergangenheit. Er war gerade im Laden verschwunden, als eine GS mit viel Gepäck im Stau vorüber schwamm.

Schließlich kam Alex breitbackig mampfend aus dem Laden. Der Erdbeerkuchen sah wirklich verlockend aus. Mir knurrte der Magen, und ich vernichtete ein paar Bifis aus meinem Fundus. Nach dem Kuchen verschwand Alex erneut, um die Toilette zu besuchen. Etwa 40 Minuten nach der GS Passage fuhren wir weiter, zurück in den Stau. Die meisten ließen uns ohne Murren passieren, viele machten sogar extra Platz für uns. Nach etwa 16 km Vorbeimogeln am Stau trafen wir auf den GS Fahrer von vorhin. Er war tatsächlich die ganze Zeit im Stau mitgeschwommen, änderte dies jedoch, als wir uns vor ihn setzten. Ab jetzt mogelten wir uns zu dritt durch die Blechlawine. Zempin, Zimmowitz, Bannemin, Wolgast. Nix als Dauerstau. Hinter Wolgast wäre es ab gegangen Richtung Schwerin, aber wir wollten zur nahen Autobahnauffahrt bei Gützkow.

Als wir schließlich dort ankamen, war die Auffahrt wegen Bauarbeiten gesperrt. Nicht nur wir guckten doof. In jedem zivilisierten Land hätte man diese Tatsache bereits in Wolgast angekündigt, wo noch die Möglichkeit bestanden hätte, zur Auffahrt bei Schwerin abzubiegen. Aber nicht so in Dunkeldeutschland. Da erfährt man erst am Sandhaufen, dass es hier nicht weiter geht. Jetzt folgten 22 km Umleitung, bis wir endlich auf die A20 abbiegen konnten. Ich glaube, es war das erste mal in meinem Leben, dass ich mich über eine Autobahn freute. Hinter Rostock wurde deutlich, dass man wohl die Autobahntankstellen vergessen hatte. Es gab einfach keine. Viel Reserve hatte Alex wohl nicht mehr, als wir 50 km vor Lübeck doch noch eine fanden.

Wir wollten nach Lübeck rein fahren, um uns dann mittels Booking ein preiswertes Hotel zu suchen. Dazu stoppten wir zufällig vor einem Hotel in der Mengstraße. Als ich abstieg, sprach mich ein Biker an, der hier wohl gerade für 68 Euro eingecheckt hatte. Er kam aus der Schweiz, und fuhr eine BMW F800 GS Adventure, ausgestattet mit üppigem Gepäck und einer Campingrolle. Er war heute mit dem Autozug aus Bern in Hamburg angekommen, und wollte morgen weiter zur Fähre nach Skandinavien, wo er zwei Monate rumtouren wollte. Netter und interessanter Mensch, mit dem wir gerne das eine oder andere Bier geleert hätten. Er wollte gerade einen Parkplatz für seine Maschine suchen, da man ihm gesagt hätte, dass hier alles Anwohnerparken wäre. Wir standen jedoch nicht auf richtigen Parkplätzen, sondern auf halben Flächen, deren Ende jeweils ein Blumenkübel zierte. Als zufällig ein Polizist vorbei kam, fragte ich ihn nach seiner Rechtsauffassung. Dürften wir hier stehen? Er zögerte, und meinte, dass das für ihn ok wäre. Da würde nix anderes hin passen, außer einem Motorrad. Er würde dafür keine Knolle ausstellen. Netter Typ, der sich noch lange am Gespräch beteiligte, und wissen wollte, woher wir kommen, und wohin die Reise geht. Mehr von diesem angenehmen, ruhigen Typus, und die Akzeptanz der deutschen Polizei wäre um Klassen besser.
Als ich das Hotel betrat, um nach zwei Einzelzimmern zu fragen, wurde ich enttäuscht. Sie hätten nur noch ein Doppelzimmer. Mir entwich ein er schnarcht, und die Rezeptionistin lachte laut auf. Das Eis war gebrochen, und sie bemühte sich redlich, uns eine Alternative zu suchen. Auch sie rief Booking auf, und meinte angesichts der Preise (>EUR 200,-): Keine Ahnung was hier wieder los ist, normal sind diese Preise nicht. Dann telefonierte sie noch mit befreundeten Hotels, aber leider ohne Erfolg.

Bei der Einfahrt nach Lübeck hatten wir ein Ibis Budget Hotel gesehen, welches Zimmer für EUR 43,- per Leuchttafel anbot. Laut meinem Navi auch nur fusstaugliche 2,6 km vom Zentrum entfernt. Als wir dort eintrafen, war der Preis des Zimmers auf EUR 45,- angestiegen. Offensichtlich gleiches Mafiagedöns wie an unseren Tankstellen. Später, auf dem Weg in die Stadt, sollte EUR 40,- angezeigt werden, bei unserer Rückkehr dann wieder 45,-. Nun denn, wenn‘s denn hilft.

Auf einem schönen Pfad entlang der Trave gingen wir in die Altstadt. Ich hatte Kohldampf bis unter die Arme, und von mir aus hätten wir ins erstbeste Restaurant einfallen können. Alex aber hatte besondere Pläne. Er kannte von früher ein ausgezeichnetes Lokal – die Schiffergesellschaft etwas abseits der Altstadt. Es lag in einem alten Patrizierhaus und war tatsächlich urig eingerichtet. Viel dunkles Mahagoni, viel nautisches Zubehör an den hohen Wänden. Dazu Schiffsmodelle und riesige Ölschinken an den Wänden. Am Stammtisch hatte sich der alte Lübecker Adel eingefunden. Als Speisekarte diente eine Art Zeitung, versehen mit alten Fotos aus zwei Jahrhunderten.

Mein Schiffers Steaktopf für EUR 23,50 war ausgezeichnet, und auch Alex schien hochzufrieden mit seiner Wahl. Der Service war perfekt. Sogar der Chef kam, um zu fragen, ob es mundet. Das tat es allerdings.
Zur vereinbarten Zeit klingelte mein Telefon, und ich erfuhr, dass mein armer Kater weitere zwei Wochen mit Lampenschirm herumlaufen musste. Große Scheiße, mein Lieblingsstinker tat mir ausgesprochen leid.

Nach dem Zahlen liefen wir noch etwas durch die Stadt, waren aber beide ziemlich groggy. Der heutige Tag war eine Herausforderung für die Nerven gewesen. Wir wollten zwar noch einen Absacker, fanden aber in der Nähe unseres Hotels keine Gelegenheit dafür. Also wurde es ein letztes Bier aus dem Automaten, welches wir vor dem Hotel zusammen mit einer Gruppe Monteure kippten. Bevor ich schlief, kurierte ich noch etwas mein Nachrichtendefizit per Fernsehen. Wir würden morgen heim fahren, einen Tag vor dem geplanten Ende – und wir waren beide nicht traurig drüber.