Montag, 12.06.2017 339 km

Als ich die Nase aus dem Zelt streckte, blickte ich in einen bleiernen Himmel. Es war dicht bewölkt, regnete aber noch nicht. Die Fahrt sollte weitgehend entlang der Küste verlaufen, der erste Teil, die Passage vorbei an Gdynia, mutierte jedoch zur Geduldsprobe. Nicht nur der Berufsverkehr setzte uns zu, auch jede der zahllosen Ampeln wurde vor uns rot. Da wir noch nicht gefrühstückt hatten und das Angebot neben der Strecke eher spärlich war, hielt ich an einem McDonalds. Wir bestellten irgend was mit Kunstei von der Frühstückskarte – mein erstes Frühstückserlebnis bei McDonalds. Der Kaffee war gut, nur die große Portion Fritten wirkte irgendwie fehl am Platze zu dem Eierbrötchen mit Bacon. Bevor wir uns versahen begann es zu regnen. Erst langsam tröpfelnd, dann sturzbachartig. Für mich auf jeden Fall ein klares Indiz für die Nutzung der Regenklamotten. Alex hingegen vertraute seiner BMW Lederkombi, und ließ die Regensachen im Koffer. Es schüttete durchaus einige Zeit, aber als wir nach 70 km die Küstenstraße endlich erreichten, endete auch der Regen. Alex war zwar kurz etwas geflutet worden, trocknete jedoch im Fahrtwind binnen Minuten, wie er sagte. Die Klamotten müssen wirklich was taugen, denn er hatte sie einst ohne schützende Membran erstanden.

Die sogenannte Küstenstraße war der totale Reinfall, die Küste nicht ein einziges mal in Sicht. Dafür eine Ortsdurchfahrt nach der anderen, 40, 50, 70, 60. Voran kamen wir damit nicht. In Koszalin fuhren wir durch die gesamte Stadt, und unser Zwischenziel, Kolberg, erreichten wir erst gegen Mittag. In Kolberg hatte ich zwei Attraktionen eingeplant. Das alte Rathaus und den Leuchtturm am Meer. Auf der Suche nach dem ersten bekam mein Garmin total den Träller. Es wollte, dass ich in einer Endlosschleife immer um einen bestimmten Block herum fahren sollte. Einen Block versteht sich, der nicht mal in der Nähe des Rathauses war. Genervt wählte ich ein Überspringen des Zwischenziels, und ließ mich zum Leuchtturm navigieren.

Dort angelangt parkten wir in einer Seitenstraße unter vorsätzlicher Missachtung der Parkautomaten. Hier tanzte deutlich der Bär. Die Straßen waren überflutet mit Menschen, und es war noch mehr los als an der Promenade von Zoppot. Wir hatten es uns gerade in einem Fischrestaurant gemütlich gemacht, als eine Kindergartengruppe mit drei Begleiterinnen in unser Paradies eindrang. Unser Wirt kam gehörig ins Schwitzen, als er jedem Kind eine kleine Fritte brachte. Der eigentliche Grund für die Rast war wohl eher die Toilette, die fast jedes der Kinder mit der Tante Lotte des Augenblicks besuchte. Die Kinder waren ausgesucht angenehm, kein Geschreie, kein Gezanke. Vielleicht war statt Majo Beruhigungsmittel auf den Fritten?

Jetzt fielen uns auch andere Kinder- und Jugendgruppen auf. Es gab sie in allen Altersklassen, und es wuselte überall. Wahrscheinlich irgend ein Event, dessen Natur wir nicht ergründen konnten.
Unser Essen war vorzüglich. In Großbritannien hätte man es Fish & Chips genannt. Ich hatte Heilbutt, Alex knusperte am Dorsch. Die Preise für Fisch und Fritten wurden pro 100 g angegeben. Mein Heilbutt war 453g schwer, nachdem er die Fritteuse verlassen hatte. Toller Geschmack – und vielleicht der beste Fisch unserer Tour.

Über die 102 (Küstenstraße ohne Küste) fuhren wir schließlich weiter in Richtung Swinemünde. Bei einem Tankstopp in der Peripherie von Trzebiatów hatte ich dann ein merkwürdiges Erlebnis. Alex war gerade im Supermarkt nebenan verschwunden, um neues Minimalwasser zu kaufen, als ein älterer Mann auf mich zu marschiert kam. Als er vor mir stand, hob er die Faust, und hielt sie mir hin. Nein, er wollte mich wohl nicht verprügeln, er wollte, dass ich mit meiner Faust seine berühre. Danach umarmte er mich, und brabbelte mir etwas auf polnisch ins Ohr. Ich verstand nur Bahnhof, was ihm jedoch total egal schien. Plötzlich verstand ich ein Wort. Bier. Zwecks Bestätigung wiederholte ich Bier?, und er begann intensiv zu nicken. Dazu zählte er lauter international bekannte Biermarken auf: Pivo, Heineken, Guinness, Becks, Tyskie u.v.a.m. Dann präsentierte er mir den Inhalt seiner Hosentaschen. Eine Hand voll Münzen, einige 5 und 2 Sloty Münzen darunter, und er wies auf den nahen Supermarkt. Jetzt hätte sein Geld locker für das eine oder andere Bier gereicht, er aber nahm eine 2 Sloty Münze in die Hand, hielt sie mir vor‘s Gesicht und umarmte mich erneut. Ich war so perplex, dass ich ihm den Wunsch erfüllte, und ihm 2 Sloty schenkte – allein schon, um von weiteren Umarmungen verschont zu bleiben. Der Mann sah keinesfalls wie ein Penner aus, schwirrte aber schließlich glücklich und in leichten Schlangenlinien gen Supermarkt.

Der jetzt folgende letzte Rest der Strecke nach Swinemünde wurde zum echten Horrortrip. Fast 25 km Touristenorte, die wie Perlen an einer Schnur der Küstenstraße ihre Funktion raubten. Endete der eine Tempo 40 Bezirk, begann der nächste. Die ganze Strecke bestand nur aus Restaurants und Touristenläden, und sie hatte wieder Kopfsteinpflasterqualität. Auf einem Streckenabschnitt von 4 Km betrug die zulässige Höchstgeschwindigkeit sogar nur 20 km/h – ohne dass auf dieser Strecke irgend etwas nennenswertes passiert wäre. Dazu Mengen an Sleeping-Policemen, die wellig in die Straße eingearbeitet waren.

Die letzten Kilometer durch die tiefen Wälder der Halbinsel Wolin waren dagegen echter Balsam. Schöne Streckenführung, echte Kurven, und es ging sogar mal auf und ab. Leider nur für wenige Kilometer. Dann standen wir an der Fähre, die uns über die Świna bringen sollte. Nahe des anderen Ufers wartete unser Campingplatz auf uns.

Als wir auf den Parkplatz vor der Fähre fuhren, fiel mir ein mehrsprachiges Schild auf: Fähre für die Einwohner von Świnoujście. Waren wir Einwohner, wenn wir in Swinemünde zelten würden? Ich hatte da so meine Zweifel, und ging zu Fuß zu einem der Einweiser, die gerade damit beschäftigt waren, eine Fähre zu beladen. Er sprach gut Englisch, und bestätigte mir, dass diese Fähre nur für Ortsansässige wäre. Als ich zerknirscht guckte (angesichts der anstehenden 20 km Umweg über die 93), hörte ich die Frage: How many bikes? Für zwei Biker hatte er natürlich Platz, schließlich war er selber einer. Eine sehr nette Geste, speziell, da die Nutzung der Fähre nix kostete. Keine 5 Minuten später waren wir am anderen Ufer.

Unser Camping nr 44 „Relax“ lag mitten im Ort, keine 300 m von der langen Strandpromenade entfernt. Abgesehen von nur wenigen Zelten war er gut gefüllt, vor allem mit Deutschen. Vier dieser Prachtexemplare saßen paarweise am Nebentisch des Platzcafés, in welchem wir unser „Ante-Aufbau-Bierchen“ zu uns nahmen. Beide Paare wirkten ziemlich prollig. Eines von ihnen fuhr gerne nach Polen, weil‘s hier keine Ausländer gibt. Die anderen nickten verständig, und ich wollte kotzen. Sächsische Nazis empfinde ich schon in Deutschland als besondere Belastung. Wie mögen diese Dumpfbacken wohl in Polen wahr genommen werden? Man weiß es nicht. Vielleicht werden sie heutzutage ja sogar gemocht?

Nach dem schnellen Aufbau gingen wir zur Promenade, um ein Lokal fürs Abendessen zu finden. Eines reihte sich ans nächste, und alle waren ausgesprochen billig. Viele Speisekarten waren ausschließlich auf Deutsch – so was macht mich immer nervös, denn es spricht eher für Abzocke im Anmarsch. Echte Unterschiede schien es beim Angebot nicht zu geben, also wählten wir ein gut besuchtes Restaurant. Alex bestellte einen Weißwein, ich ein Tyskie. Als Alex den zu warmen Wein reklamierte, fasste die Kellnerin das Glas an, und sagte, er wäre kalt genug. An übertriebener Freundlichkeit litt sie zumindest nicht. Nachdem sie unsere Essensbestellung aufgenommen hatte, verschwand sie in den Feierabend. Zum Glück brachte uns trotzdem jemand unser Essen. Mein Grillteller war sehr ok, Alex hingegen war erneut nicht glücklich mit seinem Essen.

Direkt an der Strandpromenade entstand ein riesiges Radison blue Hotel. Geschätzt 500 Zimmer in allerbester Lage. Ich fragte mich, wie all diese Hotels, Restaurants und Kneipen nur über die Runden kommen konnten. Was passiert hier im Winter? Wahrscheinlich nix als tote Hose. Diese brach mit Einbruch der Dunkelheit aber generell an. Alles schloss zeitgleich, und wir hatten größere Mühe, noch eine Kneipe für ein letztes Bier zu finden. Nein, so toll wie erwartet gefiel uns Swinemünde nicht. Alles im Ort schien sich an deutschen Billigtouristen zu orientieren. Geschmack und Stil blieben da leider auf der Strecke. Wir beschlossen, bereits morgen nach Lübeck zu fahren. Die Nacht verlief ausgesprochen ruhig für die Innenstadtlage unseres Platzes. Dank des perfekten Wifi konnte ich noch ein paar Nachrichten lesen. Im UK bricht die Welt zusammen. Keinerlei Plan mehr für den irrsinnigen Brexit. Gut so!