Reise nach Litauen und Nord-Polen 2017

Noch vor Kurzem erschien es mir völlig undenkbar, moralische Schwellenländer mit volksgewähltem Demokratiedefizit, wie derzeit Ungarn, Tschechien und Polen, zu besuchen. Orban‘s Ungarn ist dabei an Menschenverachtung und diktatorischem Streben nicht zu toppen. aber auch Polen, mit Jarosław Kaczyński‘s Marionettenregierung um Beata Szydlo und Andrzej Duda, spielt in der ersten Liga der Europäischen Staaten mit galoppierendem Rechtspopulismus. Dazu ein inbrünstiger Katholizismus, dessen rechte Auswüchse schon etwas talibaneskes haben. Andererseits liegen im ehemaligen Ostpreußen angeblich meine Wurzeln. Mein Vater stammte aus Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, und meine Mutter aus der Gegend um Danzig.

Ohne meine Vorliebe für Länder im Norden und den kafkaesken Brexit wäre ich wohl nie auf die Idee gekommen, Polen zu bereisen. Derzeit bin ich sauer auf alles, was im UK passiert – kein Reisebudget für die verrückte Insel, bevor die wieder zu Sinnen kommen. Basta. Zudem war unsere Fahrt in die Slowakei vom letzten Spätsommer ausgesprochen angenehm und preiswert. Vielleicht doch etwas mehr Osten wagen? Ein weiteres pro Polen Argument war die Abwesenheit von Reiseberichten. Man findet zwar ein paar, wenn man sehr tief googelt – aber im Vergleich zu Frankreich und einigen Alpenregionen treten sie nur in homöopathischen Mengen auf.

Alex, mein ausgesprochen angenehmer Wingman vom Vorjahr, war nicht abgeneigt, mich erneut zu begleiten. In vielen Skype Sitzungen besprachen wir mögliche Ziele, und entschieden uns schließlich für Litauen, Masuren und die polnische Ostseeküste. Litauen, wie andere baltische Staaten politisch unbelastet, diente auch ein bisschen als Alibi. Eigentlich fuhren wir nach Litauen, und dann (nur) durch Polen zurück. Hat etwas von ich mag Tiere und esse trotzdem gerne Fleisch.

Wir hatten nur 12 Tage Zeit für unsere Tour. Zu wenig also, um sowohl die An- als auch Abreise auf konventionellem Wege zu bewältigen. Die Fahretappen wären dann so lang, dass keine Energie mehr für Besichtigungen bliebe. Zum Glück fanden wir die Fährverbindung von Kiel nach Klaipeda – 22 Stunden auf einer entschleunigenden Fähre, und 1358 km konnten eingespart werden. Zwei Wochen vor der geplanten Abreise buchten wir die Fähre, und da das DFDS Buchungssystem zu doof war, zwei Motorräder nebst Fahrer auf nur eine Kabine zu buchen, taten wir dies telefonisch. Das Ergebnis ließ sich sehen. 10% Rabatt – statt des ansonsten üblichen Aufpreises für telefonische Buchungen. 20 Jahre im Einkauf hatten also doch ihr Gutes.

  • Lieber Demokrit

    mein Mann und ich reisen auch gerne per Motorrad. Durch gesundheitliche Probleme gelingt das in diesem Jahr jedoch nicht. Welch ein Glück, dass wir dein Blog gefunden haben. Beim Lesen denkt man, dabei gewesen zu sein. Toller Schreibstil, gute Infos und viel subtiler Humor zwischen den Zeilen.

    Ganz großes Kino, welches süchtig auf Mehr macht.

    LG
    Anne & Dieter aus dem Ländle

  • Thomas, erlaube mir bitte eine ernst gemeinte Frage:
    Auch dieser 2. Reisebericht, den ich mit Interesse und Freude an den schönen detailreichen Beschreibungen und Bildern lesen durfte um vielleicht lohnende Ziele für künftige Touren zu sammeln, verleidet mir die nahe an der Penetranz schleifende links-liberale Meinungsmache, gewürzt mit pauschalen Abwertungen, nahe dem Rassismus…..

    Warum nur? In einem politischen Blog durchaus legitim, abgesehen von pauschalen Abwertungen, aber in einem Motorrad-Reiseblog mMn gänzlich deplatziert.

    So viel Verbitterung – die Unfähigkeit oder zumindest das Nichtakzeptieren wollen von Wahlentscheidungen anderer souveräner Staaten lassen mich erschaudern.

    Ich lösche das Lesezeichen aus meinem Browser und wünsche dir trotzdem noch viele schöne Motorradtouren, denn dafür schlägt auch mein Herz.

    Gruß
    Jo

    • Hallo Jo,

      ich danke Dir für deinen Kommentar, glaube aber, dass Du hinsichtlich meines Blogs einer Fehleinschätzung unterliegst. Ich schreibe nicht für den „Tourenfahrer“ oder andere Blogs, die sich vielleicht einer politischen Neutralität verpflichtet sehen mögen. Nein, ich schreibe für „mein Blog“, welches deutlich über ein Motorradreise-Blog hinaus geht.

      Du nennst es „links-liberale Meinungsmache“ – dass sei Dir gegönnt. Ich sehe hinter dem, was derzeit in der Welt geschieht, eine extrem große Gefahr – für die Welt wie für Europa, an dessen Ideale ich felsenfest glaube. Trump in den USA, Kaczyński in Polen, Orban in Ungarn, Wilders in den Niederlanden, die FPÖ in Österreich, eine stetig wachsende AFD in Deutschland (und diese Liste ließe sich noch lange fortsetzen). All dies wird von einem mehrheitlich bürgerlichen Lager weitgehend fassungslos und leider auch oft schweigend hin genommen. Aber nicht von mir. Das kann man mögen, oder auch nicht.

      Ich denke trotzdem, dass Du es gut meinst – und ich hoffe, Du hättest ebenfalls protestiert, wenn Du statt einem „links-liberalen“ auf ein „rechts-nationales“ Motorradreise Blog gestoßen wärst.

      Die Linke zum Gruße,
      Thomas

    • Beim Intro zu dem Artikel habe ich auch zuerst geschluckt. Mit etwas Abstand und unter Berücksichtigung der realen ploitischen Situation in vielen östlichen EU Staaten sehe ich die Gefahr für Europa ähnlich wie Demokrit. Das mag man diplomatischer ausdrücken können, aber in der Sache ist es korrekt.
      Litauen ist von diesem Virus nicht befallen, und das gleiche gilt zum Glück auch für die anderen baltischen Staaten. Aber das geht aus dem Artikel auch deutlich hervor.

  • Puh, kann da dem Jo nur 100% zustimmen.
    Unfassbar wie manche Deutsche glauben unser selbstzerstörerische Weg wäre der einzig Wahre und Richtige und man müsse ihn allen anderen Ländern aufzwingen. Als wär hier noch nicht schon genug Schlimmes passiert seit 2015…
    Dann dieses Getue von oben herab und Aufspielen als oberste Moralapostel, andere Länder dafür zu kritisieren dass sie den Irrsinn der hier abgeht nicht mitmachen, einfach nur abstoßend.
    Ansonsten – guter Reisebericht und schöne Fotos!

    Gruß
    Hans

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