Irland 2012 Teaser

Es war an der Zeit. Ich wollte unbedingt noch einmal in eines meiner Lieblings-Reiseländer. Nach Irland, auf die grüne Insel. Sie ist so grün, weil es dort schon mal regnet. Doch wie viel Regen fällt in Irland, wenn es bereits auf dem Kontinent seit Wochen ohne Unterlass schüttet? Die Antwort vorweg: Mehr als sowieso schon üblich. Warum dieses Land trotzdem eine Reise wert ist – besonders auf zwei Rädern – erläutert mein kleiner Tourbericht aus dem allerorts verregneten Katastrophensommer 2012.

Prolog

Ein Urlaub beginnt zuerst im Kopf. Ich war bereits (oder erst?) sechs mal in Irland gewesen. Zum ersten mal in grauer Vorzeit, in den späten 70er Jahren des letzten Jahrtausends. Dann mehrmals in den 80ern und zuletzt in den späten 90er Jahren. War man einmal in Irland, dann will man wieder hin – und ich wollte dies eigentlich bereits seit einer ganzen Weile. Leider hatte ich in den letzten zwei Jahrzehnten, bedingt durch den täglichen Kampf in der Selbstständigkeit, nicht mehr die Freiheitsgerade von früher. Jetzt war es aber an der Zeit.

Auf fünf meiner Touren nach und durch Irland war ich auf meinem Motorrad unterwegs – und dieser rustikalen Fortbewegungsmethode wollte ich auch im Jahre 2012 unbedingt treu bleiben. Meine BMW K1100 RS, BJ. 1996, war hierbei mein zuverlässiger Reisebegleiter.

Mein Reisepartner und Wingman sollte Wolfgang sein – im Folgenden kurz Wolle. Ich kannte ihn vom Aachener Flyingbrick Stammtisch, und war schon einige kurze Touren durch die Ardennen und die Eifel mit ihm gefahren. Er fuhr sicher und vorausschauend, und schien auch sonst recht Tour-kompatibel. Beim monatlichen Stammtisch sprachen wir über einen Urlaub mit Motorrad, diskutierten mögliche Ziele und Zeiten. Malta war kurz im Gespräch, war aber sehr weit weg und vielleicht auch etwas zu warm für die Motorradkombi. Ich brachte dann Irland ins Spiel, und Wolle fand die Idee gut. Ging ganz schnell. Wir stimmten uns über die Route ab (einmal rum), besprachen die Dauer (14 Tage) und legten die Reiseetappen anhand des Rückfahrdatums der Fähre von Rosslare nach Cherbourg fest. Diese Fähre fährt nur an bestimmten Tagen – und dies über Nacht, mit komfortabler Kabine – und erspart so die zeitraubende Anreise über England und Wales. Wer nicht beabsichtigt, den Norden Irlands zu besuchen, bleibt außerdem im Euroraum. Es sollte schließlich der Zeitraum vom 6. bis 20. Juni 2012 werden. Unterbringung nach Tageslaune, Klima und Gelegenheit, also Zelt, B & B, Hostel oder Hotel.

Wolle ist zwar viel jünger als ich, mit Mitte 40 noch nicht der Pubertät entwachsen, praktizierender und überzeugter Apple Addict, aber wir verstanden uns trotzdem prächtig. Er fährt eine BMW K75 RT, die sogenannte „Telefonzelle“. Die K75 ist eine K100, welcher der 4. Zylinder abhanden gekommen ist. Im Fachjargon: Eine ¾ K. Das RT steht für Reise-Tourer. Den typischen RT Fahrer erkennt man nach einer Dauerregenfahrt daran, dass er trocken absteigt und Sachen wie war was? nuschelt. Elende Profiteure des Klimawandels. Dafür schwitzen sie verdient, wenn’s mal nicht regnet.

Uns war bewusst, dass man auf einem Motorrad dem Ökosystem eher ausgeliefert ist, als in einem Auto. Gerade die letzten Jahre hatten mit lang anhaltenden, ungewöhnlichen Wettersituationen dazu beigetragen, Wetter ernster zu nehmen, als früher noch üblich. Je näher der Juni kam, desto schlechter wurde das Wetter. Hier in Vaals, in der Grenzregion zu Aachen, wie auch in Irland. Die Wetterradarbilder zeigten Regengebiete von kontinentaler Größe über der Nordhalbkugel. Dies hob nicht gerade unsere Stimmung. Auch die Tatsache, dass es zu Hause nicht besser sein würde, munterte nicht wirklich auf. Die übelste Befürchtung nahm mehr und mehr Gestalt an. Dauerregen an den Hauptreisetagen. Die 10-Tages Prognose verkündete 10 Tage Regen.

Der Tag davor

Alles ist wasserdicht verpackt. Kritische Dinge, wie meine Nikon DSLR Ausrüstung, sogar doppelt. In sogenannten Mini-Seesäcken, die Norma, dieses hochgradig merkwürdige Unternehmen, unlängst im Angebot hatte. Norma Filialen scheinen einen eigenen Mikrokosmos zu bilden. Im Zentrum das Alkoholregal, drumherum, quasi in Alibifunktion, Staffagen für den restlichen humanen Bedarf. Das Neonlicht ist etwas härter als bei Aldi, die Regale wirken etwas verkrempelter. Bei Mitkunden ist man sich manchmal nicht sicher, ob sie eher einer Nervenheil- oder Haftanstalt entsprungen sind – irgendwie scheint Norma wohl wie das Privatfernsehen unter den Discountern. Aber bei Mini-Seesäcken macht denen keiner was vor. Da ist Norma die ungeschlagene Nummer Eins.

Mein kürzlich erworbenes Samsung Galaxy Note, welches der Navigation, Dokumentation, Kurzweil und Kommunikation dienen sollte, benötigte hinsichtlich der Verpackung besondere Aufmerksamkeit. Diese kleinen Mistdinger haben einen Feuchtigkeitssensor, in Form eines winzigen Kunststoffstreifens unter dem Akku. Tritt Feuchtigkeit ein, verfärbt er sich irreversibel und löscht damit die zarte Flamme der Gewährleistung für alle Zeit. Ich erwog kurz, den Streifen mittels Tesa Film wasserdicht zu überkleben, entschied dann aber, dass dies Unfug wäre, und sicherlich bauartbedingt berücksichtigt wurde, von den Erschaffern dieser hinterhältigen Überwachungstechnik. Wahrscheinlich kleinen, üblen koreanischen Gnomen, die Spaß daran haben, Steuererklärungen auszufüllen und ihre Fußnagelproduktion für die Ewigkeit zu archivieren.

Meine Lösung gegen die zu erwartende Nässe war der Wunderlich MediaBag, eine Art veredelter Bratenschlauch mit Klettband zum Verspannen. Neu erstanden grenzwertig teuer, aber zufällig günstig über Ebay verfügbar. Mein Galaxy Note passte rein, und ließ sich (enthandschuht) weiterhin über den Touchscreen bedienen. Da die Kabel (Headset, Ladestrom) beim Verschließen mit aufgerollt werden, erschien er mir hinreichend wasserdicht. Zur Sicherheit habe ich zwei Päckchen Silica Gel dazu gesteckt. Den MediaBag steckte ich in die Kartentasche des Tankrucksacks, und bildete so die zweite Feuchtigkeitsbarriere. Die letzte war die transparente Regenhaube für den Tankrucksack. Wer sich das Leben entschieden einfacher gestalten will, kauft besser ein wasserdichtes Motorrad-Navi von den üblichen Verdächtigen. Ich, als praktizierender Geizkragen, brauchte so was erst ab 2014.

Die beiden Koffer – je etwa 10 Kg – beinhalteten die Kleidung für die Reise. Mein Vorrat reichte für 10 Tage – unterwegs sollte per Handwäsche wiederaufbereitet werden.

Das kleine Topcase meiner ollen K diente nur meiner Kameraausrüstung. Meine alte Nikon D200, Systemblitz, Weitwinkel-Zoom 35-70mm/2.8, Super-Weitwinkel 15-20 mm/3.5, Mini-Stativ, Reserveakkus, Ladegerät(e), Kartenleser. Um es vorweg zu nehmen: Der Systemblitz blieb ungenutzt (und damit auch die Akkus und das Ladegerät), dass Super-Weitwinkel war nicht unbedingt erforderlich – dafür fehle mehrmals ein Teleobjektiv. Oft sagt das Detail mehr als die Perspektive. Auch das Stativ blieb totes Gewicht. Insgesamt ca. 8 kg, zusammen mit einem Rucksack, um alle Kamerateile bei möglichen Stopps zu transportieren. Reist man alleine, so kann man sich für jedes Foto die nötige Zeit nehmen. Reist man hingegen in Begleitung, so werden seriöse Fotopausen schnell zur Belastungsprobe. Ich habe deshalb auf der Tour eher geknipst als fotografiert.

Die Campingausrüstung, Zelt, Schlafsack, Iso-Matte, steckte in der Gepäckrolle, die meine hintere Sitzbank mit ca. 10 kg abwärts belastete. Genutzt haben wir sie nie. Dies war weniger dem Wetter geschuldet, als mehr der Tatsache spürbarer Rezession auf der Insel. Diese hatte zu ausgesprochen günstigen Preisen bei den B & B geführt. Die wirkliche Lust an Campingtouren sollte ich wohl erst 2014 wiederfinden.

Den Tankrucksack habe ich bewusst weich gepackt. Bei einem Frontalaufprall ist er der erste Kontakt, der intensiver wird. Er enthielt eine Motorradplane, Reiseführer, Regenkombi, Regenüberschuhe und Regenhandschuhe. Dazu noch Reiseproviant und Getränke. Er war somit fast leer, denn die Regenklamotten würden ganz sicher nicht in ihm reisen, sondern an mir. Ich habe ihn so gepackt, dass er stark abschüssig zu mir steht, damit zur Not ein Blick auf das Navi möglich ist. Das Routing und die akustische Navigation mit Navigon ist so perfekt, dass man in der Regel auf die Anzeige verzichten kann. Ansonsten ist Navigon eher motorradfeindlich – alles motorradrelevante scheint von Stümpern programmiert, die wohl ihr Fachwissen aus Data Becker Büchern bezogen haben. Die Dauerstromversorgung des Smartphones habe ich über eine zusätzliche Bordsteckdose in der Kniepartie der Verkleidung gesichert. Zur Sicherheit habe ich den Zigarettenanzünder-Übergang bei Regenfahrten mit Isolierband umwickelt, um das Eindringen von Spritzwasser zu verhindern. Diese Maßnahme war sehr wichtig, wie sich später zeigen sollte.

Da meine K, mangels ABS, ein großen, rechteckiges Loch unter der Sitzbank aufwies – quasi eine Art umbautes Nichts – bot sich dieses als Stauraum für meine umfangreiche Werkzeugausstattung an. Zwei Raschen, Nüsse in allen Formen und Größen, Ring- und Maulschlüsselsortiment, Schraubendreher, Inbusschlüssel, Draht, Kabel, Klebeband füllten einen weiteren, wasserdichten Mini-Seesack aus dem Hause Norma. Etwas 5 kg, an gravitativ günstiger Stelle platziert. Wer einmal auf einer nord-norwegischen Sandpiste nahe des Polarkreises einen Nagel im Reifen stecken hatte, der fährt nie wieder ohne Werkzeug aus dem Haus. Und hat man es dabei, passiert i.d.R. nie etwas. Ähnlicher Voodoo wie bei Regenschirmen. Wolle hatte eine eigene Werkzeugausstattung dabei. Eigentlich auch überflüssige Redundanz, bzw. mangelnde Absprache.

Rückblickend war meine Beladung zu hecklastig. Zusammen mit dem Problem eines bereits bei Abreise grenzwertigen Vorderradreifens (zu viel Profil für’s Recycling, zu wenig für das mentale Wohlbefinden) hatte ich manchmal, speziell im Regen, zu wenig Grip auf dem Vorderrad.

  • Danke für den tollen Reisebericht. Wir waren zur gleichen Zeit in der Bretagne unterwegs, und das Wetter war eine einzige Katastrophe. Wir haben nach 5 Tagen abgebrochen. Zwei Jahre später waren wir in Irland, und es war eine der schönsten Touren unseres Lebens. Die Menschen dort sind wirklich einzigartig.

    Viele Grüße aus Münster,

    Hans & Dagi

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