Dienstag, 31.07.18

Ich schlief dann doch noch bis 9 Uhr, und als ich aus dem Zelt kroch, war es gerade trocken. Mein Zelt wirkte stark lädiert, hatte aber noch eine grundsätzliche Zeltform. Anders sah es mit dem Vorzelt meiner Nachbarn aus. Es hatte einen letalen Riss durch die Mitte, und beide Hälften flatterten lustlos im Wind. Es landete schließlich in der bereit stehenden Restmülltonne.

Ich baute hurtig mein Zelt ab, verabschiedete mich von den Belgiern, trank noch schnell einen Kaffee, zu dem sie mich einluden, und fuhr dann zügig über Dervaig nach Tobermory. Dort angelangt fuhr ich direkt zum Fährhafen, um dann problemlos die 11:00 Uhr Fähre nehmen zu können (£ 7,10).

Die Fährtarife von CalMac wurden wohl zum Winterfahrplan 2016 dramatisch gesenkt. Das Stichwort heißt RET. Eine Fährfahrt sollte damit in etwa den Kosten einer Autofahrt über eine vergleichbare Distanz entsprechen – was natürlich auch den Tourismus positiv beflügeln sollte. De Facto sind die meisten Preise auf 1/3 des alten Kurses gesenkt worden.

Die Fähre nach Kilchoan war vergleichsweise winzig, und sie erinnerte mich an die alten Rhein- und Moselfähren. Erneut wollte ein Einweiser meine Kuh fixieren, ich nahm ihm aber diesmal den Spanngurt ab, um es selbst zu erledigen. Er schien durchaus dankbar.

Obwohl ich beim Befahren der Fähre allein war, hat sie sich dann doch noch komplett gefüllt. Es waren vorwiegend Kleinlaster und Vans, die wahrscheinlich die Versorgung der Insel sicher stellten. Die Überfahrt dauerte knapp 35 Minuten.

Die Ardnamurcan Halbinsel hatte ich erst einmal vorher befahren, und dies war über 30 Jahre her. Hier war die Gegend ausgesucht schön, und die kleine Singletrack B8007 bediente alle drei Achsen, dass es ein Vergnügen war. Eigentlich hätte ich meine Action Cams montieren können, denn es war gerade trocken. Dunkle Wolken am Himmel zeigten aber, dass dies nicht lange so bleiben würde. Mir fehlte aber auch irgendwie die Lust dazu. In Salen gönnte ich mir ein verspätetes Frühstück, um danach auf der besser ausgebauten A861 zur nordwestlichen Küste vor zu stoßen, die ich bei Glenuig erreichte. 12 km dahinter war ich zurück in der Zivilisation.

Auf der gut ausgebauten A840 – der Road to the Isles – ging es über hohe Berge weiter in Richtung Glenfinnan. Egal ob Regen oder nicht, heute wollte ich die Jacobite Dampflok auf dem Glenfinnan Viaduct fotografieren. Er würde diesen fahrplanmässig zwischen 15:05 und 15:15 Uhr passieren. Da bis dahin noch 1,5 Stunden blieben, kehrte ich ins noble Glenfinnan House Hotel ein, und gönnte mir einen durchaus teuren Lunch. Trotz abgelegter Regenklamotten sah ich ziemlich zerzaust und abgehalftert aus – trotzdem wurde keine Augenbraue gehoben. Der Service war perfekt und äußerst freundlich.

Schließlich brach ich auf zum Parkplatz des Viadukts. Für gewöhnlich war dieser in den Sommermonaten voll geparkt, heute hingegen war er völlig leer. Leiser Regen hatte eingesetzt. Ich wickelte meine Systemkamera in die wasserdichte Haube meines Foto-Rucksacks und suchte mir eine geeignete, hohe Position über dem Viadukt. Dazu musste ich sicher 500 m laufen. Geplant war auch hier eher einen Drohnenaufnahme, aber der Regen hätte sie wohl final gegroundet.

Um 15:07 Uhr war es dann tatsächlich so weit. Der Zug kam, und zum Glück auch nicht die Diesellock, welche mit dem Dampfzug im Wechsel fuhr. Ich schoss ein paar Bilder, und wickelte die Kamera schnell wieder ein. Hoffentlich wird das Nachfolgemodell der Panasonic FZ2000 etwas wetterresistenter.

Bevor ich weiter fuhr, machte ich noch ein paar Pflichtaufnahmen vom Glenfinnan Monument. Hier hatte Prinz Charles Edward Stuart zu Beginn der zweiten Jakobiterrevolte seine königliche Fahne gehisst, um zusammen mit den Clans der MacDonalds, Camerons und Macdonnells den schottischen und englischen Thron zurück zu fordern. Diese Aktion endete 8 Monate später in der Schlacht bei Culloden desaströs.

Ich hatte mich dummerweise nach dem Essen nicht wieder komplett gummiert – ein schwerer Fehler, denn der Regen peitschte mittlerweile wieder vom Himmel. Jacke und Hose waren zwar noch dicht, aber die Stiefel vermeldeten Land unter. Bevor die Flut dort weiter steigen konnte, schlüpfte ich in die Gamaschen und fuhr weiter in Richtung Fort William. Als ich 20 km später vor dem Lochy Holiday Park stand, wo ich eigentlich mein Zelt erreichten wollte, zogen berechtigte Zweifel auf.

Für die Nacht waren erneut starke Regenfälle angekündigt, und ich hatte eigentlich die Nase voll vom Campen bei Regen. Zuerst rief ich im Fort William Backpackers an, einem netten Hostel direkt im Ort. Es war natürlich ausgebucht. Der zweite Anruf ging an die Jugendherberge im Glen Nevis, die mich und meine Kumpels bereits vor drei Jahren vor bösem Wetter beschützt hatte. Und hier hatte ich Glück. Eigentlich waren sie auch ausgebucht, hatten aber gerade zwei Absagen herein bekommen. Man versprach mir, ein Bett für mich zu reservieren. Das war schon mal gut. Besser eine trockene Nacht im Schnarchsaal, als eine weitere im nassen Zelt.

20 Minuten später checkte ich ein. Diesmal konnte ich sogar eines der Betten mit eigener Steckdose erjagen. 8 Betten im Raum, von denen 7 belegt waren. Das könnte laut werden.

Gegen 18:30 Uhr marschierte ich zum 200 m entfernten Glen Nevis Restaurant, und kaufte mir ein Guinness und das Cajun Chicken (£ 11,-), und hockte mich an einen der kleineren Tische. Kurze Zeit später befand ich mich im Gespräch mit Cameron, einem lederhäutigen Silberrücken in meinem biblischen Alter, der ebenfalls in der Jugendherberge abgestiegen war, und mich beim Anlanden beobachtet hatte. Er war heute in aller Herrgottsfrühe aufgebrochen, und hatten den Ben Nevis bestiegen. Schotten haben einfach keine Ehrfurcht vor dem Regen – sie nehmen den einfach nicht wahr.

Cameron war politisch deutlich ertüchtigt – deutlich mehr als viele andere, die ich auf der Reise getroffen hatte. Er hatte große Sorgen wegen dem anstehenden Brexit, und er war ein bekennender Remainer. Wir waren uns aber einig, dass es keinen Weg zurück mehr geben konnte, ohne im Land einen Bürgerkrieg auszulösen. Besser für einige Zeit durch‘s tiefe Tal der Tränen wandern, um dann – hoffentlich geläutert – in den Schoß der EU zurück zu kehren. 1,6 Millionen dieser xenophoben, alten Säcke wären bereits weggestorben seit dem Referendum, und die Jugend, die zur Wahl den Arsch nicht hoch bekommen hatte, war jetzt wohl auch wach geworden. Ich hoffe, er wird Recht behalten.

Nach dem dritten Guinness stiefelte ich zurück zur Jugendherberge, und machte den Deckel drauf. Das Wetter sollte mies bleiben, und ich hatte beschlossen, morgen nicht nach Stirling, sondern zurück nach Hull zu fahren. Mit etwas Glück könnte ich mein Fährticket einen Tag früher nutzen. Falls nicht, dann sollte es zumindest am Abend in Hull etwas trockener werden, und ich würde dort einen Tag verbringen. Zweifelhaft war natürlich auch, ob ich es bis zum Boarding nach Hull schaffen würde. Bis dort hin waren es 600 km, 150 davon gingen über kleinere Straßen.