Montag, 30.07.18

Der 7. Tag meiner Reise begann wie die vorigen drei – mit leichtem Regen. Heute sollte zu es zu einer 140 km Inselumrundung kommen. Ich blickte auf die Uhr. 6:30 Uhr. Nope Sir, das war noch deutlich zu früh. Ich mümmelte mich erneut in meinen Schlafsack, um noch eine Runde zu schlafen. Diese fiel dann länger aus, als erwartet. Erst kurz vor 9:00 Uhr wurde ich wieder wach.

Die Belgier waren schon los gezogen. Nur noch das Vorzelt ihres Bullies stand auf dem Platz. Ich vollzog eine kurze Katzenwäsche im Toilettenhäuschen und schälte mich in‘s Plastik. Im Kopf spielte ich die Regentauglichkeit der heutigen Attraktionen durch. Eine davon war der Eas Fors Waterfall. Als ich die Reise plante herrschte bereits wochenlang Trockenheit in Schottland, und ich hatte Sorge, ob der Wasserfall überhaupt über genügen Wasser verfügen würde. Diese Angst war angesichts der letzten Tage gewichen.

Ich fuhr auf der B8073 gen Westen. Die geniale Singletrack mäanderte auf wechselnden Höhen an der Küste entlang. Die einzigen Lebenwesen, auf die man traf, hatten vier Beine und waren in dicke Wolle gekleidet. Abgesehen von einigen Farmen schien hier niemand zu leben. Die wenigen Häuser, die ich passierte, waren fast alles Self Catering Cottages, die an Touristen vermietet wurden. Mir fehlte deutlich ein Kaffee, ich war mies gelaunt. Das Schlimme war, ein solcher würde noch lange auf sich warten lassen. Erst nach 54 km würde ein Hotel mit Restaurant kommen. Der Regen hatte wieder zugenommen und wurde durch kräftige Windböen auf mich geblasen. Schön war anders, aber ich hatte mich mittlerweile schon daran gewöhnt. Was mich jedoch sehr ärgerte, war der Umstand, nicht fotografieren und filmen zu können. Ich hasste Handyfotos, doch mir blieb hier nichts anderes.

Der Eas Fors Waterfall besteht eigentlich aus drei Wasserfällen. Die Upper Falls liegen links, direkt neben und oberhalb der Strecke. Die Middle Falls füllen einen kleinen See rechts neben der Straße und die höchsten Fälle fallen direkt ins Meer. Sie sind nur für Waghalsige einsehbar, oder durch Menschen, die einen längeren Marsch entlang der Küste auf sich nehmen. Faul wir ich bin zählte ich lieber zu den Waghalsigen (ich hab mein Leben gelebt…). Für gewöhnlich stapeln sich hier die Besucher. Heute hingegen hatte ich die Fälle für mich alleine.

13 km hinter den Fällen bog ich auf die B8035 nach Süden ab, die der Küstenlinie folgte. Jetzt noch 24 km, dann winkte ein Frühstück. Dieser Teil von Mull gefiel mir am besten. Zur Rechten das Meer, zur Linken der Ben More. An der Kilfinichan Bay des Loch Scridain bog ich ab in Richtung des Tiroran House Hotels. Es war kleiner, als ich es von der Website her erwartet hätte. Nur ein anderes Fahrzeug stand auf dem Parkplatz oberhalb des Anwesens.

Gegen 10:30 Uhr betrat ich tropfend die Rezeption. Eine mittelalte Frau schaute mich erstaunt an, wechselte aber sofort zu einem breiten Lächeln serviler Prägung. Eigentlich würden sie Frühstück nur bis 10:00 anbieten, und dies auch vorzugsweise für Gäste des Hotels. Ich würde aber den Eindruck machen, dass ich eines benötige. Dies bestätigte ich in aller Deutlichkeit. Während ich mich aus den Regenklamotten schälte, sprach sie mit dem Koch. Dann führte sie mich zum besten Platz des Lokals, eine kleine Rothunde mit Blick über die Bay. Vor lauter Schreck hatte ich vergessen, das Haggis beim Full-Scottish-Breakfast abzubestellen. Die nette Frau kam aber nochmals an den Tisch, und fragte ob ich besondere Wünsche habe. Etwas betreten bat ich um ein Frühstück ohne Haggis und Black Pudding. Sie lachte und meinte, dass dies viele Kontinentaleuropäer so entscheiden würden – und sogar viele Schotten. Haggis muss man mögen. Sie selbst tat es auch nicht.

Das Frühstück war granatengut. Der Kaffee kam aus einer Aachener Preßkaffeemaschine (Plums Kaffee), und diese war zu meinem Glück komplett gefüllt. Das alles kostete am Ende £ 7,75. Ich war sehr angenehm überrascht. Als ich mich erneut gummierte, und gen Ausgang schritt, rief sie mir ein God bless you hinterher. Ich denke, auch sie hatte den Wetterbericht gelesen.

An der Ostküste

Eigentlich hatte ich vor, meine Mull Runde um einen Abstecher zur Iona Fähre zu veredeln. Dies hätte weitere 36 Meilen bedeutet. Ich fühlte mich spirituell zu wenig ertüchtigt, um diese Sackgasse auf mich zu nehmen, und folgte statt dessen der A849 nach Craignure im Osten. Kurz vor dem Ort fuhr ich noch schnell zum Duart Castle. Nicht um es zu besuchen, ein Blick von außen sollte mir genügen.

Auf der Höhe von Shieling Holidays zeigte ich kurz den Stinkefinger (ohne dass dies jemand gesehen hätte). Meine Premium Parzelle in Calgary war £ 50,- günstiger, und auch die Location war um einiges besser.

In Salem tankte ich zur Sicherheit voll, denn die Ardnamurcan Halbinsel, über welche ich morgen weiter reisen wollte, war ebenfalls extrem dünn besiedelt. Bevor ich nach Tobermory fuhr, besuchte ich noch schnell den Aros Park. Von hier hatte man den besten Blick auf den bunten Hafen von Tobermory. Dann checkte ich noch schnell den Fähranleger nach Kilchoan, über welchen ich morgen zur Ardnamurcan Halbinsel wechseln wollte. Ich notierte mir die Fährzeiten, und erfuhr von einem Mitarbeiter, dass ich mir wegen eines Motorrads keine Sorgen machen müsse: We‘ll squeeze you in..). Schließlich schlenderte ich noch etwas durch Tobermory und gönnte mir im The Galleon Grill einen Full rack of ribs, served with Galleon Grill BBQ Sauce, corn on the cob und garlic bread. Dazu einen großen Americano, denn ich musste ja noch fahren. War zwar etwas teurer, aber ausgesprochen gut, lecker und reichlich.

Ich hatte beschlossen, mir die abendliche Fahrt zum Pub in Dervaig heute zu sparen. Deshalb kaufte ich mir im örtlichen Coop eine Packung Ready-made Sandwiches und zwei Dosen Guinness. Dazu noch ein paar Cupcakes und zwei Mars Riegel für den kleinen Hunger zwischendurch.

Die B8073, auf der ich zurück nach Dervaig fuhr, war wunderbar kurvig. Da der reifenzehrende schottische Asphalt beste Feuchtigkeitseigenschaften hatten, drehte ich etwas mehr am Kabel. Am Loch Torr hielt ich kurz am Wildlife-Hide, das Wildlife hatte aber ganz offensichtlich heute ebenfalls frei. Mag aber auch sein, dass ihnen einfach der Regen auf den Keks ging, und sie sich alle im nächsten Pub tummelten.

In Dervaig stoppte ich kurz am Pub, um deren WiFi für einen schnellen Wetterüberblick zu missbrauchen. Die gelbe Wetterwarnung für heute Nacht war geblieben. Morgen – auf dem Weg nach Fort William – sollte es dafür nur mäßigen Regen geben. Man ist ja schon mit wenig zufrieden. Trotzdem bemerkte ich bei mir einen gewissen Frust. Wenn man mehrere Tage nicht aus den Regenklamotten raus kommt, dann läuft etwas schief.

Auch meine Belgier wirkten wettertechnisch etwas ernüchtert. Sie wollten zwar ursprünglich noch einen Tag auf Mull bleiben, hatten sich aber angesichts des Wetters für die morgige Abreise entschieden. Abreise, im Sinne von nach Hause. Ich konnte ihre Gedanken durchaus nachvollziehen.

Wir saßen dann noch einige Zeit im Vorzelt ihres Campers und ratschten über die nasse Schönheit Schottlands. Es war ihr dritter Tripp in die Highlands, und ihr erster, der gehörig ins Wasser fiel.

Um 21 Uhr drehte ich noch eine kleine Strandrunde, und verschwand dann in meinem Zelt, um noch etwas im Kindle zu lesen.

Die Nacht, die folgen sollte, war dann der pure Horror. Gegen 23 Uhr setzte ein Orkan mit extra starkem Regen ein. Erneut musste ich alle Zeltstangen mit meinen Extremitäten stützen. Dies gelang jedoch nur eine gewisse Zeit. Plötzlich wurde es heller im Zelt, und ich konnte die dreieckigen Abnäher an den Zeltkanten nicht mehr sehen, an welchen die Abspannleinen befestigt waren. Sonst schimmerten sie als dunkle Punkte durch die Planen, jetzt waren sie plötzlich weg. Ihre Abwesenheit wurde substituiert durch ungehindertes Eindringen von Wasser. Keine Frage, das Außenzelt war weg. Ich schmiss mir meine Regenjacke über, und krabbelte laut fluchend aus dem Zelt in den Regen. Tatsächlich, das Außenzelt war weg. Es hing nur noch an einer der Bandsicherungen an einer der Stangen, und flatterte horizontal im Wind. Die Heringe steckten größtenteils noch, aber alle Schnüre waren abgesprungen, und die Stangen waren aus den Ösen gehüpft. Ich musste mehr als 20 Minuten kämpfen, bis ich das Überzelt wieder halbwegs befestigt hatte. Diesmal bog ich alle Heringen bis auf den Boden um, so dass dies kein zweites mal geschehen konnte. Als ich schließlich zurück ins Innenzelt kroch, war dieses geflutet. Auch mein Daunenschlafsack hatte wohl einiges Wasser abbekommen, wirkte aber innen immer noch halbwegs erträglich. An Schlaf war nicht zu denken, den meine Zeltplanen knallten in einer Tour wie Kanonenschüsse. Der Sturm hielt an bis etwa 6 Uhr. Dann endete er fast schlagartig, und auch der Regen wurde deutlich gesitteter.