So., 29.07.18

Kurz nach 4 Uhr setzten Sturm und Regen fast schlagartig aus. Es war beinahe gespenstisch. Aber besser so, als anders, dachte ich mir, und schlief schnell ein. Wach wurde ich erst um 7:30 Uhr. Als ich den Kopf aus dem Zelt steckte, sah ich, dass mein Zelt sich vergleichsweise gut gehalten hatte. Die Abspannleinen baumelten zwar nur noch sinnlos runter, aber mein Zelt sah immer noch aus wie ein Zelt, was man von zwei anderen nicht behaupten konnte. Eines der Opfer suchte gerade sein Überzelt auf dem Golfplatz, ein anderer war damit beschäftigt, Litermengen an Wasser aus seiner Mobilie zu schöpfen.

Ich beschloss, mir die Dusche zu sparen und die kurze Zeit der Trockenheit lieber in den Abbau zu investieren. Das war eine gute Entscheidung, denn als mein Motor lief, setzte der Regen wieder ein. Ich fuhr die wenigen Meter bis zum Fähranleger, und stellte die Kuh auf den Platz mit der Nummer 1. Es war Sonntag, und die erste Fähre würde erst um 9:30 fahren. Die Sandwich Station öffnete erst um 8:45 Uhr, aber die noch fehlenden 15 Minuten würde ich noch überleben. Heute bestellte ich mir ein Smoked Mackerel with Arran Mustard Sandwich. Dazu einen Kaffee.
Während ich mir das Sandwich für die trockene Fähre aufhob, leerte ich den Kaffee fast in einem Zug. Nö, das war keine gute Nacht.

Direkt nach dem Kaffee durften wir auf die Fähre. Wir, das waren moi und ein belgisches Wohnmobil. Die Fähre war deutlich kleiner als die letzte. Kurz vor Abfahrt kam noch ein britischer PKW dazu, gefolgt von drei Fahrrad-Wanderern mit großem Gepäck. Die Fähre legte halb leer und pünktlich ab. Die Überfahrt sollte nur 30 Minuten dauern. 10 davon arbeitete ich am gigantischen Sandwich. Danach war auch meine Welt wieder in Ordnung. Es schaukelte ganz schön, und der Wind blies weiße Gischtkämme auf die Wellen.

Von Claonaig fuhr ich quer über die Halbinsel nach Kennacraig, um dann der inneren Küstenlinie nach Tarbert zu folgen. Hier legte ich eine kurze Kaffeepause ein, um dann weiter entlang der Ostküste nach Ardrishaig zu fahren. Die Landschaft war wunderschön, aber mir fehlte etwas die Lust, sie wahr zu nehmen. Der Regen hielt sich wacker, und ich fuhr recht vorsichtig. Gegen 12 Uhr hatte ich die knapp 100 km nach Oban hinter mir. Meine Anschlussfähre fuhr erst um 14 Uhr, und so blieb genug Zeit, um zu tanken (was man tunlichst machen sollte, denn auf Mull gibt es nur zwei Tankstellen, eine davon in einer Gegend, wo man eher nicht hinkommt). Dann fuhr ich noch schnell zum McCaig’s Tower auf dem Battery Hill über der Stadt. Warum das Ding Tower heißt, weiß ich nicht. Es ist eher eine Art irrsinniges Amphietheater, welches John Stuart McCaig zum Andenken an seine Familie hier hingestellt hat. Er wollte damit auch lokalen Steinmetzen helfen, über den kargen Winter zu kommen.

Pünktlich um 13:30 Uhr begann das Boarding, und erneut wurde meine Maschine durch Fachkräfte gesichert. Prima Service. Ich war der einzige Bekloppte mit Motorrad an Bord, alle anderen nassen Menschen fuhren Fahrrad. Mich erstaunte, dass die große Fähre nur halb gefüllt war, denn auch bei dieser Verbindung wurden viele Fährzeiten bereits als ausgebucht angegeben. Wahrscheinlich hat der drastische Wetterwechsel doch einige Touristen abgeschreckt.

Während eines Kaffees unterhielt ich mich mit Steve, einem der wetterfesten Radtouristen. Auch er war eigentlich auf einem Campingtrip, hatte aber gestern auf einen trockeneren Hostelplatz umgebucht. Eigentlich keine schlechte Idee. Ich hatte für den Wetternotfall auf Mull eine Liste mit vier Hostels im Roadbook, war aber noch nicht verzweifelt genug, sie hervor zu kramen.

Bedingt durch eine kurze Regenpause ging ich hinaus auf‘s Oberdeck. Es herrschte ein sehr merkwürdiges Licht. Halb mysthisch, halb bedrohlich – so als würde man beim Erstellen eines Farbfotos ein Schwarzweißbild bekommen. Die CalMac Fähre bot durch ihren Kurs die besten Einstellungen, wie z.B. das beeindruckende Duart Castle vor dem höchsten Berg der Isle of Mull, dem Ben More. Pünktlich wie die Schweizer Bahn legte wir in Craignure an.

Die Isle of Mull bietet nur zwei Campingplätze – und beide scheinen nicht gerade das Shangri-La des Zeltreisenden zu sein. Der Platz vor den Toren von Tobermory besitzt nur eine Dusche und ein WC pro klassischem Geschlecht, und gilt zudem als ziemlich runtergerockt, Shieling Holidays, direkt in Craignure wirkt – zumindest von der Website her – teuer und merkwürdig. Gezeltet wird hier auf Kunstrasen. Nüja, wer‘s braucht. Laut Website ist Shieling Holidays einer dieser Plätze, die Camping-Pauschen anbieten, welche nicht zu mir passen. A tent, car and up to 2 people costs £ 20.50pn. Ich hingegen benötigte A tiny tent, motorbike and only 1 person. Ich hatte entschieden, auf dem Absatz kehrt zu machen, wenn ich tatsächlich £ 20.50 bezahlen sollte (+ £ 4,50 für eventuellen Strom).

Shieling Holidays lag nur 600 m vom Fähranleger entfernt. Man hatte einen Premiumblick auf die dicke Fähre mit ihrem aufgerissenen Maul. Eine junge Frau begrüßte mich herzlich in der Rezeption. Ich erzählte ihr, dass ich zwei Tage bleiben wolle, aber gerne vorher den Preis pro Nacht mit und ohne Strom erfahren würde. Die Antwort fiel fast wie erwartet aus. Man hätte Pauschalen. Mümmel, mümmel. Mit Strom wäre ich mit £ 25,-/Nacht dabei, ohne mit £ 20.50. Ich glaube, sie hat gemerkt, wie erschüttert ich war. Es läge halt an den Pauschalen. Dieser Preis war einfach unverschämt, teurer als jedes Hostel und fast schon in der Region eines komfortablen B&B. Ich blieb aber geschmeidig, denn sie konnte sicher nichts dafür. Freundlich verabschiedete ich mich in den erneut einsetzenden Regen.

Ich hatte dies fast erwartet, und eigentlich sowieso meinen Plan-B bevorzugt. Dieser basierte auf Wild-Camping, welches auf der Insel, wie überall in Schottland, erlaubt war. Auf Mull gab es zwei Orte, die ausdrücklich für Wild-Camper vorgesehen waren. Beide verfügten sogar über ein eigenes Toilettenhäuschen. Mein Ziel stand fest: Calgary Bay. Calgary liegt nicht nur auf der Ostseite der Rocky Mountains, nein, es gibt auch ein Calgary auf Mull. Dieses liegt im Nordwesten der Insel – und am Calgary Beach wollte ich nächtigen.

Ich fuhr über die A849 in Richtung Salem (wo übrigens die einzig nutzbare Tankstelle auf Mull liegt). Etwa 4 km dahinter führt eine kleine Singletrack zum Mull Eagle Watch, welchen man nach weiteren 4 km erreicht. Normalerweise führen einen hier Ranger zu Beobachtungsplätzen für Weißschwanzadler, heute hingegen war niemand da. Ich habe auch keine Adler gesehen (wahrscheinlich hatten die sonntags frei) – war aber eher wegen der Otter hier. Der Tipp von Freddy aus dem Galloway Forest Park.

Die markante Baumreihe war schnell ausgemacht, und ich trat an das Ufer des Loch Frisa. Trotz intensiver Suche konnte ich keine Otter entdecken. Schließlich entschied ich, noch maximal 100 Meter zu gehen. Das war eine gute Entscheidung, denn sie führte zum Erfolg. Etwa 40 Meter von mir entfernt dümpelte ein Otter in Rückenlage vor sich hin. Auf dem Bauch ein Fisch, um den er sich gerade bemühte. Ich war so begeistert, dass ich zuerst vergaß, meine Kamera zu zücken. Als es mir schließlich doch gelang, schwamm er gerade von dannen. Erwischt habe ich ihn dann trotzdem noch.

Ein echter Otter

Zurück auf der A848 fuhr ich ein kleines Stück zurück in Richtung Craignure. Dann nahm ich die kleine Singletrack in Richtung Dervaig. Sie verläuft neben einem Bach und führt recht gerade quer über die Insel. Neben Schafen auf der Straße wird man auch durch einige Cattle Grids wach gehalten. Erneut fielen mir die tiefen Tannenwälder auf, die neben der Strecke standen. Abgesehen von einigen Farmhäuser gab es hier nichts. Keinerlei Verkehr, keine Menschen, nur pure Natur. Kurz hinter Achnacraig, einem Ort ohne Häuser, taucht das Meer am Horizont auf. Bei Dervaig ist man schließlich zurück in einer Minimalversion der Zivilisation. Hier gibt es ein Hostel und einen Pub, hier würde ich heute Abend einkehren.

Über die B8073, ebenfalls eine Singletrack, fuhr ich die letzten 8 km bis nach Calgary. Direkt hinter einem auf dem Land liegenden Segelboot geht ein kleiner Sandweg zur Calgary Bay. Er führte jedoch nur zu einem Parkplatz, der mir nicht für Camping geeignet schien. Der richtige Ort lag direkt an der B8073, nur wenige Meter hinter dem Sandweg. Hier stand nicht nur das versprochene Toilettenhäuschen, auch mehrere Picknickbänke luden zum Verweilen ein. Zusätzlich gab es Mülleimer inklusive Recyclingtonnen. Ich stellte meine Kuh auf einen asphaltierten Parkstreifen gleich neben der Straße. Mehrere kleine Bäche mäanderten hier ins Meer. Dieser Ort war ein kleines Paradies – und ich hatte ihn exklusiv. Für einen schnellen Zeltaufbau regnete es mir aber gerade zu ambitioniert.

Calgary Beach

Die Toiletten waren makellos sauber, und ein Schild an der Außenseite wies nochmals auf die Spielregeln des Wild-Camping-Code hin. Das einzige, was fehlte waren Duschen – aber die hatte ich ja gerade kostenlos von oben. Kein existenzielles Problem also, oder eines, welches locker durch eine Extraschicht Deo gelöst werden konnte.

Während ich unter dem Vordach des Toilettenhäuschen eine rauchte, reduzierte sich der Regen auf ein sanftes Tröpfeln. Dies war der Augenblick, auf den ich gewartet hatte. Ich baute meine Mobilie in Rekordzeit direkt neben einer Picknickbank auf, und machte sie schlaffertig. Als alles stand, konnte ich mir endlich die verhassten Regenklamotten ausziehen. Wie erwartet waren der Kragen und die Ärmel meiner Motorradjacke feucht, und auch der untere Teil der Hose hatte etwas abbekommen. Alles jedoch noch im grünen Bereich. Ich verspeiste einen 4er Pack Cupcakes, die ich in Oban erstanden hatte. Bis heute Abend würde es nichts anderes geben. Ich legte mich für ein Stündchen auf‘s Ohr. Das leise Rieseln des Regens auf mein Zelt begünstigte dies vortrefflich.

Gegen 18:30 Uhr hörte ich ein Motorengeräusch. Ein VW Campingbus hatte neben meiner Kuh eingeparkt. An Bord ein Paar so um die 50, die gerade mit dem Aufstelldach rangen. Ein Meet & Greet würde aber erst später stattfinden. Ich schlüpfte wieder in meine Regenklamotten, um zum Essen nach Dervaig zu fahren. Um Zelt und Inhalt machte ich mir Null Sorgen. Dies war Schottland, ein Land, in dem tagsüber alle Türen offen stehen.

Gegen 19 Uhr stand ich vor dem Bellachroy Hotel in Dervaig. Der Pub wirkte ausgesprochen nett und gemütlich, und er war bereits recht üppig gefüllt. Von Gefühl her waren viele Locals darunter, denn sie schienen sich alle untereinander zu kennen. Ich bestellte mir mein geliebtes Guinness und entschied mich für Steak mit Zwiebeln, Pilzen und Bratkartoffeln. Bei solch miesem Wetter muss man sich auch mal belohnen können.

Als mein Essen angeliefert wurde, war ich sprachlos. Das Steak war handballendick und dürfte mindestens 400 g auf die Waage gebracht haben. Dazu ein nett angerichteter Teller mit den Beilagen, und eine kleine Sauciere mit delikatem Bratenfond. Das Fleisch war so zart, dass es sich fast mit der Gabel zerteilen ließ. Das war exakt das, was ich jetzt gerade brauchte.

Nach dem Essen ging ich mit dem Guinness vor die Tür, um eine zu rauchen. Dort traf ich auf ein junges Pärchen, die wohl im Dervaig Hostel abgestiegen waren. Sie waren mit dem Fahrrad unterwegs, und waren damit echte Leidensgenossen. Sie erzählten, dass auch dieses Hostel von der Gemeinde betrieben wurde. Sehr sauber und preiswert, und nur gewöhnungsbedürftig, wenn zeitgleich andere Aktivitäten der Gemeinde statt finden würden. Dann müsse man sich den Esstisch schon mal aus dem Gemeindesaal zurück holen.

Zurück am Tisch nutzte ich das schnelle WiFi für den Wetterbericht. Die Wetterwarnung, die gestern noch für Mull aktiv war, war heute verschwunden. Statt dessen: Light rain and a gentle breeze. Das klang nach einer guten Nacht. Weniger gut sah die Prognose für den morgigen Tag aus. Heavy rain and gusty winds, dazu einer gelbe Wetterwarnung für die Nacht. Ich beschloss, dass dies bestimmt ein Irrtum sei, und leerte mein Guinness. Da ich noch fahren musste, schaltete ich um auf Bitter Lemon. Im Pub hatte mittlerweile eine Art Quiz begonnen. Trotz intensivem Bemühen, die Regeln zu erkennen, gelang es mir nicht. Es schien auch in einer mir fremden Sprache statt zu finden, denn ich verstand nur einzelne Worte.

Zu müde für einen langen Abend verließ ich gegen 21:15 den Pub. Zu meiner Freude regnete es gerade nicht, und ich konnte ohne Regenklamotten gen Heimat düsen. Der Himmel wirkte jedoch äußerst bedrohlich.

Zurück am Platz lernte ich meine Nachbarn kennen. Sie waren Belgier aus der Nähe von Brüssel. Sie war Englischlehrerin, hatte bei ihrem Mann aber kläglich versagt. Er sprach nur ein paar Brocken, lachte aber laut nach jedem Satz den er hörte oder sprach. Es waren sehr nette Leute, die mir sogar einen Teller ihres Eintopfs anboten. Dieser hätte aber nicht mehr rein gepasst, ich war pappsatt.

Gegen 22 Uhr ging ich in‘s Zelt – die Nacht verlief tatsächlich angenehm ruhig. Außer dem Geschrei der Seevögel, dem Blöken einiger Schafe und der Meeresbrandung war nichts zu hören.