Samstag, 28.07.18

Gegen 6:30 Uhr wurde ich durch ein merkwürdiges Geräusch wach. Krunsch, krunsch…krunsch…krunsch. Es klang sehr nah. Kruntsch…kruntsch. Ich wurde neugierig, und steckte den Kopf aus meinem Zelt. Keine 80 cm von mir entfernt graste ein kapitaler Hirsch. Zwölf Geweihenden und mindestens 140 m Rumpfhöhe. Er fühlte sich durch mich keinesfalls gestört, und graste munter weiter. Ich machte mir bereits Sorgen um meine Zeltschnüre, an denen er ebenfalls interessiert zu sein schien. Erst als ich aus dem Zelt kroch und mich aufrichtete, trottete er ein paar Meter weg. Schließlich staunte ich nicht schlecht, als er mit einem eleganten Sprung den hohen Zaun zum Golfplatz übersprang, wo seine Kumpels bereits warteten.

Während ich im morgendlichen Regen stand, begutachtete ich den Zustand meiner Mobilie. Als Haltungsnote vergab ich eine 8 (von 12). Drei der vier Zeltstangenenden waren aus ihren Bodenösen gehüpft, und vier Zeltschnüre hingen nicht mehr an ihren Heringen. Der See unter der Apsis war weitgehend verschwunden, aber ich sah sehr schnell, warum der überhaupt entstehen konnte. Ich Honk hatte mein Zelt in einer Senke errichtet. Vollkommen klar, dass so was bei Starkregen volllaufen musste. Ich zog alle Heringe, und schleifte mein Zelt auf eine Schräge im Boden. Besser 1° Neigung und trocken schlafen, als noch einmal solch ein Drama.

Ein Blick über den Platz zeigte, dass es anderen noch viel schlimmer ergangen war. Zwei der High-End Mikrozelte standen komplett im Wasser, und aus dem Zelt der niederländischen Nachbarn kam wüstes Gefluche. Auch hier war wohl Land unter. Ein älterer Brite kam aus seinem Zelt gekrabbelt und stellte sich neben mich. Während wir gemeinsam eine rauchten, sagte er nur: What a night!

Irgendwann ging ich dann duschen, und die Welt war wieder halbwegs in Ordnung. Der Sturm hatte nachgelassen, und einem böigen Wind Platz gemacht. Es regnete weiterhin ohne Unterlass. Keine gute Perspektive für meine geplante Inselumrundung.

Bevor ich mich für irgend etwas entschied, checkte ich nochmal das Wetter des Tages. BBC Weather zeigte fast das gleiche Bild wie am Vortag. Starker Regen am ganzen Tag, zusammen mit stürmischen Böen. Es war jedoch ein gelbes Warndreieck dazu gekommen, auf welches man klicken konnte. Cool, dachte ich. Ein Wetterwarnung: Heavy flooding and gusty winds, some disruption to travel in a few places. Die Wetterwarnung galt speziell für alle Inseln an der Westküste und einen Großteil der Highlands. Fast identische Warnungen wurden für die nächsten zwei Tage angezeigt. Ich hatte es also wieder mal geschafft. Nach 10 Wochen Trockenheit reise ich genau zu dem Zeitpunkt nach Schottland, wo diese endet. Warum wundern mich das nicht?

Ich beschloss, mich durch diesen Scheiss nicht von der Inselrunde abbringen zu lassen. Sehr ärgerlich war, dass ich wohl weder filmen und fotografieren konnte. Die Action Cams nutze ich grundsätzlich nur ohne Gehäuse, Drohne und Panasonic Systemkamera waren nicht wasserdicht. Blieb im Notfall nur das Smartphone.

Bevor ich schließlich gegen 8:30 Uhr vom Platz tuckerte, hatte ich mich vollständig gummiert. Regenjacke, Regenhose, Stiefelgamaschen und meine bewährten Gummihandschuhe. Der Regen konnte mich mal kreuzweise. Da ich linksdrehend um die Insel wollte, lag die Sandwich Station auf meinem Weg. Trotz des starken Regens war sie gut besucht. Vornehmlich von Nutzern der Fähre, die auf diese warteten. Der Laden war winzig, und bot keinerlei Gelegenheit, dass Erstandene indoor zu genießen. Bedient wurde ich von einer ausgesprochen gut gelaunten Frau, die Bestellungen an einen jungen Mann mit Rastalocken weiterreichte, der im Küchenbereich werkelte.

Ich bestellte mir ein Five Spice Roast Pork Shoulder w. Kimchi Sandwich (£ 4,50), und hatte die Wahl zwischen zwei Brotsorten. Beide wirkten total unbritisch, und eher so wie Krustenbrote aus deutscher Backkunst. Dazu den größten Kaffee, den sie zu bieten hatten. Die Frau grinste mich an, und meinte: Gute Wahl!. Was ich schließlich erhielt, raubte mir den Atem. Ein riesen Sandwich (etwa Schuhgröße 45) belegt mit dem besten Schweinefleisch, welches ich je gegessen habe. Dazu üppige Salatgarnitur und eine scharfe Soße. Auch der Kaffee war geeignet, Tote aufzuwecken. Ich stellte mich mit meinen Sandwich unter einen nahen Busunterstand und knusperte drauflos. Nur mit Mühe habe ich schließlich alles weggeputzt. Hervorragend. Die Werbung für diese Sandwich Bude lügt wirklich nicht!

Gut gesättigt fuhr ich gen Westen auf der A841, vorbei am Grab des unbekannten Seemanns (dessen Parkplatz ich mir als Wild-Camping Alternative ausgeguckt hatte). Als ich die westliche Seeseite erreicht hatte, fuhr ich zusätzlich zum motivierten Regen in eine dichte Nebelwand. Das Meer lag nur 2-3 m neben mir, das Land schien steil zur Linken aufzusteigen. Ich denke, bei Hochwasser dürfte es diese Straße nicht geben, denn sie verlief fast auf Höhe des Meeresspiegels. Nach ein paar Kilometern stieg sie etwas höher an, klebte aber weiterhin direkt am Meer. Viel sehen konnte ich nicht, aber ich bin sicher, dass die Umgebung wunderschön gewesen ist. Zumindest gehörte mir die Straße exklusiv. Auf den ersten 20 Kilometern begegnete mir kein anderes Fahrzeug.

An manchen Stellen, an denen der Nebel etwas aufriss, konnte man die schwache Silhouette von Kintyre sehen. Der trennende Kilbrennan-Sund ist an manchen Stellen nur 3 km breit.

Blick hinüber nach Kintyre

Mitten im Nichts tauchte plötzlich das winzige Örtchen Pirnmill auf. Vielleicht 10 Häuser, eine Grundschule und ein Restaurant – The Lighthouse – welches wohl gerade öffnete. Wie viele andere Restaurants in Großbritannien fehlte es auch hier an der Schanklizenz. In diesem Fälle darf man seine eigenen Alkoholika mitbringen, und ohne Zahlung von Korkgeld konsumieren. Mich lachte eher der Kuchen an, der tatsächlich vorzüglich aussah. Kaffee und Kuchen passen bei mir immer. Der einzige andere Gast, der kurz nach mir eintrat, fragte mich, ob es nicht geeignetere Tage gäbe, um mit einem Motorrad die Insel zu erkunden. Er war ganz offensichtlich ein Wanderer – ein nasser dazu – und so gab ich seinen Satz einfach mit Wanderer statt Motorrad zurück. Wir mussten beide dabei grinsen.

10 km später wartete die erste Attraktion – der Auchagallon Stone Circle. Anfangs war ich mir nicht sicher, ob ich mir die 200 Wandermeter antun sollte. Da aber zumindest der Nebel etwas nachgelassen hatte, machte ich mich doch auf den kurzen Hike. Das Ergebnis war dann doch nicht so spektakulär. Kennst Du einen Stone Circle, so kennst Du alle. Dieser war nicht sehr komplett, und hatte den besonderen Makel, nass zu sein. So wie die Umwelt. Ich atmete einmal tief die Geschichte ein, und marschierte zurück zu meiner Kuh.

Interessanter wäre wohl die Machrie Moor Standing Stones gewesen, die nur 4 Kilometer später warteten. Um sie zu erreichen muss man jedoch 2x 1,8 km laufen, und dies schien mir angesichts des Wetters nicht angebracht.

Mein nächstes Ziel fuhr ich nur aus Neugier an. Es lag an der Südküste, im kleinen Weiler Kilmory. Das Kilmory Hall & Bunkhouse ist ein von der Gemeinde betriebenes Hostel mit angeschlossenem Cafe, welches zusätzlich Wild-Camping nach den Regeln des schottischen Wild Camping Code erlaubt. Ich wollte zumindest auf einen Kaffee dort einkehren, um mal zu gucken, ob dies eine gute Alternative (z.B. für eine spätere Tour bei besserem Wetter) wäre.

Das Kilmory Hall & Bunkhouse

Was ich sah gefiel mir ausgesprochen gut. Das Hostel war zwar durch eine große Gruppe en Block gemietet worden, gegen Camping im Vorgarten hätte aber nichts gesprochen. Als ich dann tropfend wie ein Biber das kleine, nett eingerichtete Cafe betrat, stürzte eine junge, sehr attraktive Frau auf mich zu: My god, you are soaking wet. What can I do for you? Ich sagte ihr, dass ich zwar nass, aber ansonsten vollkommen ok wäre, und dass sie mit einem guten Kaffee sofort einen Logenplatz in meinem nächsten Nachtgebet bekäme. Sie lachte, und machte sich ans Werk. Zu meinem großen Erstaunen legte sie einen großen Brownie auf eine Servierte neben meinen Kaffeepott, und reichte mir ein Papiertaschentuch, mit dem ich mein nasses Gesicht trocknen konnte. Erst beim Zahlen sollte ich merken, dass der Brownie eigentlich £ 2,- kostete. Sie wollte aber nur Geld für den Kaffee. Ich bedankte mich herzlich, und trat raus in den Regen.

Zuerst fuhr ich ca. 2 km die Straße zurück, denn ich wollte am Ende mehr als die Küste gesehen haben. An einer Bushaltestelle führt eine winzige Singletrack namens The Ross. Sie schraubte sich gemächlich und ohne allzu viele enge Kurven in die Höhe. Die Landschaft ähnelte an vielen Stellen einem Mittelding aus Yorkshire Dales und Highlands. Viele Farmen lagen entlang der Strecke.

Nach etwa 7 Kilometern änderte sich die Landschaft komplett. Jetzt fuhr ich neben dichten Tannenwäldern entlang. Die Abfahrt zur Ostküste wurde schließlich etwas kurviger und anspruchsvoller – aber auf der gesamten Strecke sah ich keinen Menschen und kein anderes Fahrzeug. Ohne den starken Regen und frisch aufgezogenen Nebel wäre dies sicher ein besonderes Erlebnis gewesen. Bei Glenkiln erreichte ich wieder die Küste.

Eigentlich hätte ich jetzt vor gehabt, die Glenashdale Falls im Süden bei Whiting Bay zu besuchen. Sie zu erreichen erfordert aber einen Hike über mindestens 2 Meilen in anspruchsvollem Terrain. Den sparte ich mir heute. Statt dessen fuhr ich nach Brodick, um eine trockene Stunde im Isle of Arran Heritage Museum zu verbringen. Erstmals in meinem Leben nahm ich dabei den Seniorenrabatt mit. £ 3,- statt 4,-. Bislang das einzige Feature, welches frühes Welken mit sich bringt. Das Museum war gut gemacht. Viele alte Artefakte, die liebevoll mit weiterführenden Informationen angereichert waren. Hätte es nicht geregnet, wäre ich hier nie und nimmer eingekehrt. Es hat sich aber wirklich gelohnt.

Dann wanderte ich noch etwas durch Brodick, erjagte ein T-Shirt und kaufte mir einen neuen 6er-Pack Minimalwasser. Zum Abschluss noch ein kurzes Schwätzchen mit einem Rollerfahrer. Abgesehen von den Schweden vom Ankunftstag habe ich tatsächlich nur ein weiteres, motorisiertes Zweirad auf der Insel gesehen. Wahrscheinlich waren die alle schlauer als ich, und haben den Wetterbericht ernst genommen. Aber egal, der Tag hatte trotz allen Ungemachs Spaß gemacht.

Am Hafen von Brodick

Gegen 14 Uhr war ich wieder am Campingplatz, wo ich zwei Handlungsvarianten gegeneinander abwog: a) Besuch der Distillery, b) ein Schläfchen. Das Schläfchen hat schließlich gewonnen – welch ein Glück. Mit Distilleries ist es wie mit Steinkreisen. Kennst du einen….

Kurz nach 16 Uhr wurde ich wach, weil plötzlich etwas fehlte. Das starke Prasseln aufs Zeltdach hatte ausgesetzt. Besser noch, das Zelt stand für wenige Minuten in echtem Sonnenschein. Irgend was war schief gegangen, mit dem Wetter. Der Zustand hielt aber nur für 10 Minuten an, dann setzte erneut ein leichter Regen ein. Der Platz hatte sich stark geleert. Meine lärmenden Niederländer waren weg, ebenso wie die Gruppe der Briten mit ihren Expeditionszelten. Neben meinem standen nur noch 6 Zelte auf der Wiese – gestern werden es noch über 50 gewesen sein.

Als ich im Basecamp neben der Rezeption erneut das Wetter checkte, hatte sich gegenüber heute morgen nichts verändert. Alle Stationen meiner morgigen Weiterreise – Lochranza, Claonaig, Tarbert, Oban, Craignure – zeigten Starkregen mit Sturmböen für den Tag, und Weltuntergang mit Wetterwarnung für die Nacht. Jetzt fragte ich mich zum ersten mal, ob dies wirklich eine gute Perspektive für den Besuch einer weiteren Insel wäre. Alles, was vor dem Mainland liegt, bekommt wettertechnisch immer eine besonders hohe Dosis Wetter ab. Zur Sicherheit checkte ich diverse Ausweichdestinationen in den Highlands, den Cairngorms und an der Ostküste. Überall das gleiche Bild, an der Ostküste gar mit roter Wetterwarnung. Nur der äußerste Norden, die Gegend zwischen Durness und John o‘ Groats, schien außerhalb der Schlechtwetterfront zu liegen. Da war ich aber schon zu oft gewesen. Selbst im englischen Peak District, wo ich auch noch nie gewesen war, war die Perspektive miserabel. Ich entschied, die Nacht abzuwarten, und über die Reise nach Mull nach Lust, Wetter und Laune zu entscheiden.

Pünktlich zur Öffnungszeit des The Stags Pavilion Restaurant traf ich dort ein, um heute vielleicht ein italienisches Happa Happa zu ergattern. Heute hing ein anderes Schild im Fenster: Fully booked, sorry. War mir eigentlich ganz recht, denn im Pub würde ich wenigstens das eine oder andere Pint zum Essen bekommen. Mit Jeans und Regenjacke stiefelte ich los. Am Kopf wurde ich zwar nass, aber die 10 Haare die ich noch besitze trocknen in Sekundenschnelle. Es war auch nicht kalt, gefühlt so um die 18°C.

Heute bestellte ich mir einen Steak and Ale Pie, der zusammen mit in Olivenöl gebratenen Kartoffelspalten und Salat geliefert wurde. Er war so lecker, dass ich mir fest vorgenommen habe, ihn bei nächster Gelegenheit zu Hause nach zu kochen.

Heute gab es nur ein kurzes Schwätzchen mit dem Barmann, und nach dem zweiten Guinness machte ich den Deckel drauf. Der ganze Tag im Regen steckte mir doch in den gichtigen Knochen. Auf dem nassen Weg zurück zum Platz sah ich noch zwei Robben, die sich in der Nähe des Castles auf den Steinen räkelten. Die Isle of Arran gefiel mir ausgesprochen gut – und es wäre schön, wenn ich es nochmals hierher schaffen würde.

Dann kam die Nacht. Bis 23 Uhr war noch alles halbwegs normal. Dann setzte ein Orkan ein, der sich nicht hinter dem von Durness verstecken musste. Die Lautstärke des auf die Zeltbahnen aufschlagenden Regens erreichten das Startgeräusch eines Jumbo-Jets. Heute wurde das Wasser sogar durch den kleinen Luftspalt unter dem Außenzelt durchgepresst. Das Zelt lag die meiste Zeit flach auf mir drauf. Ich kroch aus dem Schlafsack, um es mit Händen und Füßen stabilisieren zu können. Obwohl heute unter dem Boden kein Wasser stand, füllte sich der Fußraum mehr und mehr. Nur die 3,5 cm starke Iso-Matte behütete meinen Schlafsack vor dem Wassereinbruch. Dieses Drama setzte sich fort bis etwa 4 Uhr. An Schlaf war nicht zu denken. Den anderen Campern erging es ähnlich – man hörte ihre Flüche durch die Nacht schallen.