Freitag, 27.07.18

Als ich gegen 6:30 Uhr wach wurde, war es erneut recht warm. Es war zwar bewölkt, aber die Sonne brach gerade an einzelnen Stellen durch die Wolken. Einem trockenen Zelt Abbau stand also nichts im Wege. Ich ließ das Duschen ausfallen, da erneut ein Reisetag anstand, an dem ich eh wieder schwitzen würde. Heute sollte es auf die Isle of Arran gehen, eine Insel westlich von Ayr, die als Miniaturausgabe von ganz Schottland galt. Wegen der Nähe zu Glasgow und den begrenzten Kapazitäten der Fähre, hatte ich das Ticket vorgebucht. Zum Buchungszeitpunkt war nur noch die Fähren um 12:30 und 20:30 Uhr buchbar. Alle anderen Zeiten wurden als ausgebucht markiert. Zum Fährhafen in Ardrossan waren es nur knapp 100 km. Ich konnte mir also viel Zeit lassen.

Da ich nur meinen Daunenschlafsack und meine Isomatte wasserfest verpackte, Zelt und Unterzelt hingegen nur in die Packrolle quetschte, gelang auch der Abbau binnen 10 Minuten. Dann verabschiedetet ich mich noch von den Niederländern und meinen britischen Nachbarn mit ihren vier Hunden, und setzte die Segel.

Ich fuhr die winzige Singetrack quer durch den Forest Park gen Straiton. Die Straße war einfach eine Granate. Perfekter Asphalt, der kein geradeaus zu kennen schien. Dazu zahllose Hügel und Beulen in der Straße, die Momente der Schwerelosigkeit bescherten. Im Nachhinein hat es mich geärgert, dass ich meine Action Cams nicht mitlaufen ließ – gelohnt hätte die Strecke es sicher. Unterwegs sah ich zwei mal Rotwild, und ein bunter Fasan startete quer über die Straße, nur Meter von mir entfernt. Dazu Schafe auf und neben der Strecke. In einem Gatter an einer Farm entdeckte ich sogar Alpakas, eine Spezies, die man nicht unbedingt in Schottland erwartet. Galloway Rinder waren gegenüber den zahllosen Holsteinern aber deutlich in der Minderzahl. Wahrscheinlich hatte ich große Teile des Bestands gestern verspeist.

Die Dörfer wurden immer pittoresker. Viel altes Fachwerk, reetgedeckte Häuser mit weiß gekalkten Wänden und man denkt an heile Welten, wenn man sie durchfährt. In Maybole, Ayrshire packte mich der Hunger, und ich legte eine kurze Pause im Souter’s Inn ein, einem sehr edlen Pub, der gerade geöffnet wurde. Das Full-Scottish-Breakfast (bereinigt um Black Pudding und Haggis) war ausgezeichnet. Gleiches galt glücklicherweise auch für den Kaffee, der sogar nachgeschenkt wurde. Gegenüber lag ein alter Friedhof mit den Ruinen einer Kirche. Der Himmel zog sich mehr und mehr zu, blieb dabei aber trocken. Mit 22°C war es wesentlich angenehmer, als an den Tagen zuvor.

Auch Ayr, die bekannte Stadt am Meer, wirkte wie aus dem Bilderbuch. Ich hatte dem Südwesten Schottlands auf früheren Reisen deutlich zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Die letzten 30 km bis Ardrossan verliefen weniger spektakulär. Kurz vor dem Hafen kaufte ich mir noch einen schnellen BigMac und tankte voll. £ 1,33/L (€ 1,48). Dies war fast der gleiche Spritpreis wie bei uns zu Hause.

Gegen 10:30 Uhr rollte ich auf‘s Fährgelände, wo schon eine mehrspurige Warteschlange an Fahrzeugen lauerte. Bei der Ticketkontrolle sagte man mir, dass ich ganz an den Anfang der rechten Schlange fahren sollte. Motorräder wurden also erneut zuerst verladen. Vor der Schlange wartete bereits eine einzelne BMW R1100 GS. Das schwarz-weiße Kennzeichen sagte mir nix, und eine Länderkennung gab es nicht. Ein sehr großer und schmächtiger Fahrer und eine Sozia. Bevor wir uns unterhalten konnten, wurden wir bereits auf die Fähre gewunken. Dort angelangt sollten wir quer zur Fähre in zwei auf den Boden gemalten Rechtecken einparken. Die Fahrzeugfixierung erledigte ein gut gelaunter Schauermann. Erst als ich stand, wurde mir bewusst, dass ich offensichtlich auf der 11 Uhr statt der 12:30 Fähre gelandet war. Die also, welche laut Online Buchungssystem bereits ausgebucht war. Mopeds passten aber wohl immer, und so hatte ich 1,5 Stunden gewonnen.

Ich besorgte mir einen großen Kaffee, und setzte mich auf‘s Außendeck. Der Wind war ausgesprochen böig, und leiser Niesel sprühte auf mich herunter. Zu wenig, um wirklich nass zu werden. Die Temperatur wirkte immer noch sehr angenehm. Pünktlich um 11 Uhr legten wir ab.

Die beiden anderen Biker stellten sich als Schweden heraus. Sie schien kein Englisch zu sprechen, er sprach es zumindest gebrochen. Für Schweden eigentlich sehr ungewöhnlich. Die beiden wollten nicht auf Arran bleiben, sondern nutzten die Insel nur, um schnell nach Kintyre zu gelangen. Auch sie hatten wohl bereits festgestellt, dass das Wetter sich zum deutlich schlechteren ändern würde. Da sie ebenfalls campen wollten wirkten sie verständlicherweise etwas nervös.

Die Überfahrt sollte 45 Minuten dauern. Unser Ziel, die Isle of Arran, zeichnete sich schwach im grau-in-grau des Horizonts ab. Auf halber Strecke passierten wir die Schwesterfähre aus der Gegenrichtung. Im Dunst erkennbar war das Outer Lighthouse auf der kleinen, vorgelagerten Insel Holy Island. Aus der Schiffsperspektive war die kleine Insel nicht als solche erkennbar.
Brodick, unser Zielhafen, war die einzig größere Ansiedlung auf Arran. Hier gab es eine Tankstelle, verschiedene Restaurants, Hotels und Geschäfte. Ein kleiner, netter Ort – so, wie man ihn gerne vorfindet. Das Fährterminal wirkte dafür etwas überproportioniert. Der Hafen war sehr deutlich der Inselmittelpunkt. Ab hier fuhren auch alle Busse der Insel. Brodick bietet vieles, aber leider keinen Campingplatz.

Mich zog es weiter in die Nordspitze der Insel. Im winzigen Örtchen Lochranza gab es nicht nur die einzige Whisky-Destillerie der Insel, einen kleinen Fährhafen (nach Claonaig auf der Kintyre Halbinsel) und einen Pub, es gab auch einen interessanten Campingplatz mit Top Kritiken: Lochranza Campsite and Golf. Genau da wollte ich hin.

Das Wetter war wieder deutlich sommerlicher geworden, und so ließ ich auf den 22 km meine Helmkamera mitlaufen. Bis hinter das kleine Örtchen Sannox folgte die Straße dem Küstenverlauf, mit Palmen und exotischen Pflanzen am Rande der Strecke. Alles wirkte wie aus dem Bilderbuch. Hinter Sannox führte die Strecke dann durch die Berge, und man bekam einen ersten Eindruck, warum die Isle of Arran als Schottland-Miniatur bezeichnet wurde. Viele der nichtmenschlichen Bewohner Arran‘s schienen die Straße als ihr Wohnzimmer zu betrachten. Zuerst querte ein dickes Murmeltier die Fahrbahn (ich habe es zumindest als ein solches gesehen), dann zwei Eichhörnchen und kurz vor‘m Ziel flog neben mir ein Fischadler her.

Der erste Eindruck von Lochranza war die Whisky-Destillerie direkt am Ortseingang. Sie wurde erst 1998 gegründet, kann also ihr Spitzenprodukt, den Arran 18 year old Single Malt erst seit zwei Jahren verkaufen.

Etwa 100 m hinter der Destillerie lauerte mein Campingplatz. Am geschlossenen Schlagbaum hing ein Schild: Arrivals after 2 p.m. please. Ich guckte auf die Uhr. 12:45. Mist. Es zogen gerade neue, dunkle Wolken auf, und das letzte was mir vorschwebte war ein Zeltaufbau im Regen. Während ich noch vor mich hin früstelte rief mir eine junge Frau in grünen Klamotten zu, dass sie mir in 15 Minuten öffnen würde. Sie müsse nur noch schnell das Sanitärgebäude reinigen. Damit konnte ich leben.

Und tatsächlich, genau um 13:00 Uhr öffnete man mir und bat mich in die Rezeption. Der Platz wurde wohl von einem jungen Paar gemanaged, und alles schien super gut durchorganisiert und gepflegt zu sein. Als ich nach einem Platz mit Stromanschluss zwecks Laden meiner Kameras fragte, redeten sie mir dies aus. Direkt neben der Rezeption wäre das Basecamp, ein wohnzimmerartig eingerichteter Raum mit sechs freien Steckdosen, einem Kühlschrank sowie einer Mikrowelle. Zusätzlich gab es einen kleinen Schuppen, in welchem man auf einem bereit gestellten Gaskocher köcheln konnte. Der Platz gefiel mir ausgesprochen gut, denn hier wurden Zeltcamper nicht als Randerscheinung betrachtet. Ich zahlte £ 9,-/Nacht, was für britische Verhältnisse unschlagbar günstig war. Ich hatte freie Platzwahl auf drei großen Arealen, die nur für Zeltcamper vorgesehen waren. Viele davon hätten tatsächlich Stromanschluss geboten, aber die dafür erforderlichen £ 4,- sparte ich mir gerne. Die Anlage war riesig – und gut besucht. Etwa 200 Wohnmobile und Wohnwagen, dazu mindestens 50 Zelte, die auf gut gepflegten Rasenflächen standen. Direkt neben dem Platz – durch einen Zaun mit mehreren (offenen) Toren abgegrenzt, lag der Golfplatz, welcher sich bis hinter den Horizont erstreckte.

Meine Heringe flutschen wie durch Butter geschmiert in den Boden. Sehr erfreulich im Vergleich zum vorigen Platz, wo nach 2 cm eine Steinschicht kam. Das Zelt stand in Rekordzeit, und als ich fertig war, tröpfelte der erste Regen auf die Planen. Damit konnte ich gut leben. Der Regen hielt auch nicht lange an. Bereits wenige Minuten später riss der Himmel auf, und es wurde (fast zu) warm.

Meine Nachbarn, etwa 10 m entfernt, waren eine Gruppe junger Briten aus den Midlands. Ihre Zelte hatten sie – ähnlich einer Wagenburg – im Kreis um einen großen Grill aufgestellt. All ihre Zelte waren High-End Minimalzelte, geeignet für Himalayaüberquerungen. Keine Frage, diese Leute waren hier, um durch die Berge zu hiken.

Die anderen Nachbarn, die zwischen mir und dem Golfplatz ein großes Hauszelt errichtet hatten, waren weniger erfreulich. Ein junges, niederländisches Ehepaar mit zwei kleinen Kindern. In der Ehe gab es momentan wohl etwas Stress, denn das Geschimpfe war unüberhörbar. Ich fühlte mich direkt an meine ätzende Nachbarin erinnert, die sich auch fast täglich laute Scharmützel mit ihrem Ehemann geliefert hat. Das größere der beiden Kinder war ausgesprochen laut. Es nöhlte in einer Tour. Ok, shit happens.

Nachdem meine Mobilie stand und eingerichtet war, drehte ich eine kleine Platzrunde. Das Sanitärgebäude war mustergültig und supersauber. Im Basecamp gab es nicht nur die zugesicherte Einrichtung, es gab auch Karten und Informationen zu allem, was gerade auf der Insel statt fand. So gab es z.B. freitags im nahen Gemeindezentrum Fish & Chips für £ 7,50. Im Casks Cafe des Visitors Centre der Destillerie konnte man Frühstücken (leider erst ab 10:00 Uhr), am Fähranleger gab es die Sandwich Station Possibly the best sandwich in the whole world – including North America… – und direkt am Platz das The Stags Pavilion Restaurant (täglich ab 17:30, außer mittwochs). Als Pub (Essen und Trinken) bot sich das Lochranza Hotel Country Inn an (leider 1,5 km entfernt). Verhungern und verdursten würde ich hier also nicht.

WiFi gab es kostenlos. Die Nutzung war allerdings nur in der Nähe des Basecamps möglich. Mobilempfang klappte in Lochranza gar nicht. Weder Telefon nach Daten. Zur Not hätte es aber eine Telefonzelle gegeben.

Als ich mich dem Golfplatz direkt neben meiner Zeltwiese widmete, glaubte ich meinen Augen nicht. Der ganze Platz stand voll mit Rotwild, welches dort in aller Ruhe graste. Selbst Hunde, die mit ihren Menschen dort (auf einem speziellen Dog-Walk) Gassi gingen, brachten die Tiere nicht aus der Ruhe. Bei einer ersten Zählung kam ich auf 35 Tiere, und ich konnte nur einen Bruchteil des gesamten Platzes einsehen.

Nach der Platzrunde wollte ich mit der Kuh die nähere Umgebung erkunden. Ich fuhr zuerst zum Fähranleger, von dem aus ich übermorgen nach Kintyre übersetzen wollte. Dies Fähre kann man nicht vorbuchen. Statt dessen stellt man sich einfach auf numerierte Rechtecke auf dem Asphalt (1-16), und sichert sich so die Mitfahrgelegenheit. Die gegenüberliegende Sandwich Station war gut besucht. Alle Picknickbänke davor waren voll besetzt, und eine kleine Schlange stand vor dem winzigen Gebäude. Ich denke, dies wird morgen meine Frühstücksquelle sein.

Auf dem Weg zum Lochranza Castle nahm ich den Pub des Ortes wahr. Von der Straße wirkte er eher wie ein großes Wohnhaus. Im (Bier)Garten davor standen einige Picknickbänke. Das würde ich mir nachher bei einem Guinness näher betrachten.

Das Castle stand auf einer kleinen Landzunge im Meer. Es war eher eine gut erhaltene Ruine, und der Eintritt war frei. Hier wollte ich ein paar Aufnahmen mit der Drohne machen – und hier wäre dies auch erlaubt gewesen. Leider war ein starker und böiger Wind aufgezogen, der Flüge unmöglich machte. Trotzdem war es eine tolle Location. Im Castle hingen viele Schilder, welche die frühere Nutzung der Räume erläuterten. Auch alle Umbauten zwischen dem 13. und 17. Jahrhundert waren dokumentiert.

Lochranza Castle

Lochranza gefiel mir ausgesprochen gut, und ich freute mich darauf, morgen die gesamte Insel zu erkunden.

Schließlich fuhr ich zurück zum Platz und legte mich für ein Stündchen auf‘s Ohr. Da das Zelt meiner niederländischen Nachbarn gerade leer war, hörte man nichts außer dem böigen Wind und den Geräuschen der nahen Natur. Alles war gut.

Bei der Rückkehr stellte ich fest, dass das kleine Restaurant direkt am Platz ein großes Closed Schild im Fenster hängen hatte. Dies sollte sich später als geschlossene Gesellschaft herausstellen. Schade eigentlich, denn mir wäre durchaus der Sinn nach italienischer Pasta mit leckerem Salat gewesen.

Bevor ich mich auf den langen Weg zum Pub aufmachte, wollte ich noch das Wetter checken. Ich hockte mich auf ein Sofa im Basecamp, und schmiss den Browser an. Was ich sah, gefiel mir gar nicht. Ab 22:00 Uhr sollte Starkregen bei gleichzeitigen heftigen Sturmböen einsetzen. In vollstem Vertrauen an die klimatische Resistenz meines Billigzeltes machte mir dies erst mal keine Sorgen. Schlimmer war jedoch die Vorhersage für die folgenden Tage. Das Wetter sollte bis nach dem geplanten Ende meiner Reise ausgesprochen mies und regnerisch bleiben. Ich checkte zur Sicherheit auch meine nächsten Destinationen: Craignure (Isle of Mull), Fort William und Stirling. Überall das gleiche Bild. Der makellose Sommer, der heuer in Schottland über 10 Wochen gehalten hatte, war offensichtlich vorbei. Da Wetter eines der Phänomene im Leben ist, welches man nur ertragen kann, blieb nur die Hoffnung auf eine Fehlprognose. Eine solche ist bei maritimem Wetter gar nicht ungewöhnlich. Ich marschierte Los in Richtung Pub.

Die 1,5 km vergingen wie im Fluge. Vorbei am Gemeindezentrum, der Jugendherberge und dem Castle wanderte ich die Straße lang. Von oben kam leiser Nieselregen, der jedoch nicht störte. Die Temperatur war weiterhin sehr angenehm, und der Regen endete, als ich den Pub gegen 18:30 erreichte. Im Schankraum saßen vier Personen und aßen. Was ich sah, gefiel mir. Gute Portionen mit sehr leckerer Optik. Es lief gedämpfte Heavy Metal Musik, was wohl dem Barmann geschuldet war, der etwas punkig wirkte. Ich bestellte mir ein Guinness und Chilli-con-Carne, und bekam zu meinem Erstaunen einen Deckel, anstatt, wie sonst üblich, direkt bezahlen zu müssen. Dann setzte ich mich mit meinem Guinness vor den Pub, wo mittlerweile die Sonne wieder schien.

Wohl ausgelöst durch meine Motorradjacke fragte einer der Männer, die dort bereits saßen: What bike you‘ve got? Als ich antwortete wurde schnell klar, dass ich auf einen Kenner gestoßen war. Er hatte selbst eine BMW R nineT, und erwog aktuell den Kauf einer GS. Beide Männer lebten in Lochranza, einer arbeitete im Hafen, der andere war früher Greenkeeper auf dem Golfplatz, jedoch vor Kurzem retired, so wie ich. Als einer schließlich fragte, was ich in Schottland machen würde, erzählte ich ihm, dass dies mein zweitliebstes Reiseziel in Europa wäre, und ich schon oft hier gewesen bin. Jetzt war natürlich klar, dass sie nach meinem liebsten Reiseziel fragen würden – und beide wirkten sehr erstaunt, als ich schließlich Irland sagte. Meine Erklärung leuchtete ihnen aber ein. Ich sagte ihnen, dass Schottland zwar die etwas grandiosere Landschaft hätte, ähnlich freundliche Menschen, aber dass die Pubkultur in Irland einfach besser und authentischer wäre. Das leuchtete ihnen ein, denn es war eine harte Tatsache. Auch dieser Pub würde wohl gegen jeden irischen Pub gewaltig abstinken. Ihm fehlte einfach das offene Torffeuer, das gediegene Mahagoniambiente, die live-music und die Anwesenheit des halben Dorfes. Viele Dörfer in Schottland hatten gar keinen Pub mehr, und das Pubsterben setzte sich leider weiter fort.

Die beiden schienen trotzdem stolz darauf, dass ihr wunderschönes Land zumindest auf meinem Platz 2 stand. Anders wäre das zweite Guinness nicht zu erklären gewesen, welches plötzlich vor mir stand. Dazu die Einladung, an ihren Tisch zu wechseln – der ich gerne folgte. Das Chilli war ausgesprochen gut und reichlich. Dazu gab es eine große Portion Nachos und eine kleine Salatgarnitur. Ich verputzte es zumindest mit Heißhunger. Nach der Guinness Einladung war klar, dass dieser Abend übel enden würde. Ich holte die nächste Runde, und der dritte Mann am Tisch die übernächste. Nach vier Pints Guinness bin ich für gewöhnlich tilt, hielt mich heute aber ausgesprochen Wacker. Wir hatten viel Spaß zusammen.

Gegen 22:00 Uhr, zum angekündigten Beginn des Starkregens, machten wir uns gemeinsam auf. Einer bog in die andere Richtung ab, der andere begleitete mich noch 500 m in Richtung Campingplatz. Er erzählte einen (guten) Witz nach dem anderen, und mir tat schon der Bauch weh vom Lachen. Schließlich wünschte er mir noch eine gute Tour, und verabschiedete sich schwankend in eine Seitenstraße. So etwas würde einem in Deutschland nie passieren. Ein toller Abend mehr in diesem wunderbaren Land.

Abendimpression

Im letzten Licht des Tages beobachtete ich noch eine Weile das nahe Rotwild. Es war weiterhin trocken, aber ein stürmischer Wind hatte bereits eingesetzt. Der Himmel im Westen, von wo das Wetter kam, war schwarz wie die Nacht.

Ich hatte wohl schon zwei Stunden tief und fest geschlafen, als ich durch lauten Regen auf mein Zeltdach geweckt wurde. Regen auf Zelt zur Schlafenszeit ist eigentlich etwas tolles, doch dieser war irgendwie anders. Sehr laut, sehr stark und in Momenten starker Windböen sehr nass. Irgendwas lief hier falsch, denn ich wurde von oben angesprüht. Die Ursache wurde mir sofort klar. Mein Zelt hatte eine kleine Falte im Außenzelt, welche man mittels einem steifen Klettband öffnen konnte. Dies diente der besseren Belüftung, die in den letzten Tropennächten durchaus angebracht war. Diese Öffnung wies genau nach Westen, also in die Richtung, aus welcher der Regen kam. Die orkanartigen Böen bliesen den Regen waagerecht in genau diese Öffnung. Ich fluchte und kroch raus in den Regen, um die Öffnung zu schließen. Danach war ich nass, das Problem aber abgestellt.

Der Regen ließ nicht nach, nein, er steigerte sich sogar noch. Ich fühlte mich an meine Sturmnacht in Durness erinnert. Ähnlich wie damals wurde die gesamte Zeltkonstruktion durch starke Böen mehrmals auf mich herab gedrückt. Jedes mal gab es einen kleinen Stoß von Feuchtigkeit, der auf mich herabspritzte.

Gegen 2 Uhr stellte ich fest, dass sich der Boden meines Zeltes anfühlte, wie der Boden eines schwimmenden Gummibotes. Ich fühlte um mich, und es war deutlich. Ich trieb irgendwie auf einer dicken Schicht aus Wasser, und am Fußende war es bereits ins Zelt eingedrungen. Hier, am Eingangsbereich, ist die Belastung des Zeltbodens natürlich am größten, und irgendwo in der dicken Bodenplane musste ein kleines Loch sein. Bewaffnet mit Stirnlampe und Wischlappen beförderte ich etwa 2 Liter Wasser aus meinem Fußraum. Die Apsis, welche keinen Boden hatte, war komplett geflutet. Dort stand das Wasser fast 5 cm hoch. Vermutlich war der Grasboden durch wochenlange Trockenheit so verhärtet, dass das Wasser nicht mehr versickern konnte. Was immer auch die Ursache sein möge, es war scheisse.

Da der Regen auch die folgenden drei Stunden nicht nachließ, legte ich noch mehrmals meinen Fußraum wieder trocken. Irgendwann in den frühen Morgenstunden ließ der Starkregen und der Sturm nach, und machte einem regelmäßigen Landregen Platz. Viel Schlaf werde ich in dieser Nacht wohl nicht gefunden haben, aber zumindest mein Daunenschlafsack ist halbwegs trocken geblieben.

Isle of Arran - Von Brodick nach Lochranza

Die letzten trockenen Stunden meiner Reise. Das Motorrad-Intro endet bei 6:13