Donnerstag, 26.07.18

Nach der langen Fahrt vom Vortag hatte ich hervorragend geschlafen. Da es eine tropische Nacht war, habe ich mich einfach auf den Schlafsack gelegt. Um 7 Uhr war es im Zelt bereits zu warm, um noch liegen zu bleiben. Die Sanitärräume waren bestens, und die Dusche am Morgen das pure Vergnügen. Als ich gegen 7:45 Uhr vom Platz tuckerte, standen die meisten anderen Camper gerade erst auf. Die gewundenen, perfekten Straßen luden dazu ein, am Kabel zu drehen. Ich tat dies aber nur gebremst, denn Ian hatte mir am Vorabend erzählt, dass die Rotwildpopulation im Galloway Forest Park bei bis zu 30 Tieren pro km² lag. Nicht auszudenken, wenn man mit einem kapitalen Hirsch kollidiert.

Mein erstes Ziel war der Otter Pool. Um zu ihm zu gelangen musste man bei High Bridge die A712 (The Queen‘s Way) verlassen, und ca. 6,5 km der Raiders Road folgen. Road klingt hierbei etwas hochtrabend, denn die Raiders Road ist eine Single-Track Schotterstrecke, welche dem Lauf des River Dee folgt. Hatte man diese Aufgabe bewältigt, so lockte ein kleines Paradies mitten im tiefen Wald. Ich hatte es fast exklusiv, denn außer mir stand nur noch ein Wohnmobil auf dem Parkplatz. Ich hockte mich an die Stromschnellen und suchte nach Ottern. Der einzige, den ich schließlich fand, bestand aus Beton. Ich hatte keinen Zweifel, dass es hier tatsächlich Otter geben würde, aber ich vermutete sie eher flussauf- oder flussabwärts, an ruhigeren Stellen des Flusses.

The Otter Pool

Am Parkplatz des Otter Pools gab es Picknickgarnituren, Grillstellen und ein unbewirtschaftetes Forsthaus mit Toiletten und Informationen zur Gegend. Eine davon frustrierte mich etwas. Alle Forest Parks Schottlands waren No-Fly-Zones für Dronen – und eine solche wollte ich gerade starten lassen. Ich habe es dann natürlich gelassen, denn die benannten Gründe leuchteten mir ein.

Vor der Weiterfahrt hockte ich mich noch auf eine der Picknickbänke, um eine zu rauchen und die Seele etwas baumeln zu lassen. Dann sah ich, wie der Fahrer des Wohnmobils auf mich zu kam. Er begrüßte mich und bat mich um eine Zigarette. Dabei streckte er mit 50 Pence entgegen. Ich gab ihm gerne eine, und verweigerte die Annahme der Bezahlung. Er quittierte dies mit einem but they are so expensive! Ich lachte nur, und zeigte ihm den Preis, der noch auf der Packung prangte. € 3,- für eine 25er Packung, zusammen mit einer slowenischen Gesundheitswarnung. Er glaubte seinen Augen nicht. Im UK kostet eine 20er Packung aktuell fast € 13,- – noch teurer ist sonst nur Norwegen.

Frederick (call me Freddy) kam aus Yorkshire und er war, obwohl verheiratet, alleine unterwegs. Seine Frau hätte ihn genötigt, für vier Tage zu verschwinden. Sie wollte endlich mal ihre Ruhe haben. Er grinste breit, als er dies erzählte. Wir haben uns dann gepflegt fest gequatscht, und er bot mir an, uns einen Kaffee zu machen. Außer Minimalwasser hatte ich heute noch nix, und ich hätte Füße geküsst, für einen Kaffee. 5 Minuten später stand ein großer Pott vor mir, zusammen mit einem Teller mit leckerem Sandkuchen. Diese offene Freundlichkeit, mit der sich Menschen im UK begegnen, ist für viele Kontinentaleuropäer verwirrend. Für mich hingegen ist sie einer der Gründe, warum ich so gerne in rechtsdrehende Länder reise.

Als ich ihm von meinen weiteren Reiseplänen erzählte, gab er mir einen Tipp für die Isle of Mull. In der Nähe des mir bekannten Mull Eagle Watch gab es einen See. An diesem stünden mehrere Bäume in einer exakten Reihe. Genau an dieser Stelle würde ich die Otter finden, die hier heute fehlten.

Bevor ich weiter fuhr, steckte ich Freddy noch die angebrochene Packung Zigaretten zu. Er war fast sprachlos. Dann ging es zurück auf die Schotterpiste. Mein nächstes Ziel war der Clatteringshaws Dam, eine große Staumauer am Clatteringshaws Loch, direkt am Ende der Raiders Road. Auf dem Parkplatz davor gab es keine Drohnenverbotsschilder. Gute Sache, das. Danach fuhr ich weiter zum nahen Clatteringshaws Visitor Centre. Hier gab es ein nettes Cafe, in welchem ich mein Frühstück nachholte. Zwei Park Ranger standen bereit, den Besuchern mit Tipps zur Gegend weiter zu helfen – allein, es waren außer mir fast keine Besucher da. Und dies zur Hauptferienzeit. Das machte angesichts der schönen Gegend fast sprachlos.

Die nächste Attraktion folgte nur wenige Kilometer später. Die Red Deer Range war ein naturnahes Gehege, in welchem man Rotwild beobachten konnte. Außer mir parkte nur noch ein PKW auf dem großen Parkplatz. Als ich auf den Beobachtungsplatz zu lief, stieß ich auf einen Ranger und eine Rangerin, die gerade damit beschäftigt waren, mittels eines Erdbohrers einen Pfahl auf der Mitte des Weges zu pflanzen. Bevor ich sie erreicht hatte, streckte mir der Ranger strahlend das Bohrwerkzeug entgegen. Ich wäre bestimmt die Hilfe, die er jetzt bräuchte. Ich stieg auf die Story ein, und antwortete: Where are we heading? Australia?. Die beiden lachten und wir quatschten noch eine Weile. Dann erfuhr ich, dass in diesem Gehege etwa 60 Tiere lebten. Viele waren verletzt hier angekommen, wurden wieder aufgepäppelt um später wieder ausgewildert zu werden. Ich nutzte die Öffnungen im Zaun für ein paar Fotos, und war völlig begeistert, einen gewaltigen Zwölfender direkt vor mir zu sehen. Die Tiere schienen die Anwesenheit von Menschen gewohnt zu sein. Sie wirkten nicht sehr scheu. Etwa 20 konnte man mit einem Blick erkennen.

Nur 3 km weiter lag der Wild Goat Park. Ebenfalls ein Wildgehege, in welchem wilde Bergziegen lebten. Bedingt durch die große Hitze waren aber die meisten unter den hohen Farnsträuchern abgetaucht. Zuerst konnte ich nur eine Ziege entdecken, als diese sich gerade in einem Busch umgeparkt hatte. Später entdeckte ich dann weitere in den steinigeren Regionen, die ich mit großer Brennweite heranholen konnte. Von hier aus hatte man auch einen guten Blick auf das nahe gelegene Murray’s Monument. Es wurde 1835 zu Ehren von Alexander Murray erreichtet, einem örtlichen Schäfer, der es später bis zum Professor of Oriental Languages an der Edinburgh University brachte. Von oben hatte man einen guten Ausblick auf die nördlichen Täler von Cairnsmore of Flee sowie auf die Ruine von Murray’s Geburtshaus. Angesichts der 32°C erschien mir der Aufstieg jedoch zu mühsam.

Nach einem weiteren Stopp am Glen of the Bar Viewpoint fuhr ich nach Newton Stewart, um etwas gegen meinen Hunger zu unternehmen. Es war auch bereits 13:30 Uhr. Direkt am River Cree lag The Riverbank, ein ausgezeichnetes Restaurant mit großem Speiseangebot zu kleinem Preis. Ich war fast versucht, das erste Seniorenangebot meines Lebens zu ordern (Tagessuppe plus Hauptgericht für £ 7,75), fand dann aber das Burger Special des Tages (einer von 8 verschiedenen Burgern plus Softdring nach Wahl für £ 7,50) noch spannender. Der Laden brummte – und alle Besucher schienen Locals zu sein, denn viele kannten sich. Mein Cheeseburger mit Fritten und Salat war vorzüglich, und Meilen entfernt von dem üblen Gematsche, welches McDonalds & Co. so alles als Burger verhökern. Ich war so satt, dass ich fast nicht mehr in den Sattel kam.

Bevor ich zum Campingplatz zurück kehrte, fuhr ich noch zum benachbarten Glentrool Visitor Centre. Hier gönnte ich mir noch ein leckeres Eis und ein kurzes Schwätzchen mit anwesenden Wanderen. Welch ein geiler und zutiefst entspannender Tag in der Sonne.

Zurück am Platz schleppte ich meine Iso-Matte unter einen großen Baum, und machte ein ausgiebiges Erholungsschläfchen im angenehmen Schatten. Dann nutzte ich noch die Zeit, um Backups meiner Aufnahmen des Tages auf eine mobile Festplatte vorzunehmen, und meine Kameras wieder aufzuladen. Während ich dies tat, freute ich mich schon auf das abendliche Festmahl im House O’Hill Hotel.

Als ich gegen 19 Uhr dort eintraf, war der Laden proppevoll – und in Dunkelheit gehüllt. Stromausfall. Dies bedeutete übles. Kein Guinness, denn der Zapfhahn funktionierte elektrisch. Zwei der Local Ales funktionierten zum Glück per manuellem Pumpbetrieb, und so erfreute ich mich an einem ebenfalls leckeren, regionalen Brown Ale.

Gekocht wurde zum Glück auf Gas, und so bestellte ich mir ein Ribeye Steak mit Zwiebelringen, Tomaten, Pilzen und jungen Kartoffeln. Mit £ 18,95 nicht ganz billig, aber als ich das Riesen- Steak sah, relativierte sich der Preis. Es war butterzart und geschmacklich nicht zu übertreffen.

Als mein Brown Ale leer war, funktionierte der Strom zum Glück wieder. Als ich mit meinem Guinness von der Theke zurück kehrte, setzte sich das niederländische Paar vom Vortag zu mir. Sie waren ausgesprochen angenehme Leute, und wir philosophierten über zeitgenössisches Camping. Wir einigten uns darauf, dass wir wohl an unterschiedlichen Evolutionssträngen des Begriffs Camping existierten. Sie in ihrem luxuriösen Wohnmobil mit integrierter Dusche, Toilette und Satellitenschüssel, ich in meiner textilen Mobilie mit ohne Extras, abgesehen von weitgehender Trockenheit, sofern man Glück hat.

Ich war heute ziemlich geschafft von der Hitze des Tages, und machte mich bereits um 22 Uhr auf den Rückweg zum Zelt. Vor dem Schlafen kontrollierte ich noch wie gewohnt den Wetterbericht, und was ich sah, klang nicht sehr verlockend. Hier, im Galloway Forest Park, sollte es morgen einen Mix aus Wolken, Sonne und etwas Regen geben (also vollkommen normales, schottisches Wetter), im Zielgebiet meines morgigen Tages, der Isle of Arran, sollte es vorwiegend bewölkt und regnerisch sein. Regnerisch auf noch harmlosen Niveau. Kein Anlass zur Sorge, also.

Ein Tag im Galloway Forest Park

Ein heißer und spannender Tag im Park. Das Motorrad-Intro endet bei 7:50