Mittwoch, 25.07.18

Die zwei Dosen deutsches Bier haben nicht funktioniert, die drei Guinness hingegen schon. Jedes davon wollte des Nachts einzeln gen Toilette getragen werden, eine Aufgabe, der ich locker im Halbschlaf nachkommen konnte. Die Überfahrt verlief in völliger Ruhe. Meine Kabine war kurz vor‘m Bug, also weit von den tosenden Maschinen entfernt. Ich hatte ganz ausgezeichnet geschlafen.

Als ich um 6:30 Uhr (local time) zur Guten-Morgen-Ziggi auf‘s Außendeck trat, fuhren wir schon lange unter Land. Der Hafen von Kingston upon Hull liegt recht tief ins Land hinein, und bevor wir ihn erreichten, mussten wir noch durch eine Seeschleuse, welche den Tidenhub kompensierte. Mein Frühstücksraum, The Kitchen, würde um 7 Uhr öffnen. Fünf Minuten vorher stand schon eine lange Schlange davor. Auch Iris kam dazu, und wir setzten uns an einen Tisch. Vergleichen mit dem Frühstück bei DFDS war dieses eine Granate. Riesige Auswahl, und alles sehr lecker zubereitet. Für mich, als typischer Frühstückstotalverweigerer, war es durchaus eine Aufgabe, die € 14,30 vollumfänglich wieder einzufahren. Ich gab mir aber große Mühe, um den heutigen, sehr langen Fahrtag bestmöglich und ohne unnötige Pausen zu überstehen.

Nach 10 Minuten kam auch Callum, und setzte sich zu uns. Ähnlich wie ich zeigte er angenehme Symptome einer normalen Morgenmuffligkeit, Iris hingegen war das genaue Gegenteil. Kurz vor’m Anlanden tauschten wir dann noch unsere Adressen und gegenseitige Einladungen, und ich würde mich tatsächlich freuen, beide einmal wieder zu sehen.

Ich guckte noch kurz beim Schleusen zu, und holte dann meine Tasche aus der Kabine. Es war leicht bedeckt, aber die Sonne hatte bereits große Lücken in die Wolken gefressen. Es winkte ein sehr warmer, sonniger Tag.

Ankunft in Kingston upon Hull

Zeitgleich mit dem Festmachen wurde das Fahrzeugdeck geöffnet. Da die Motorräder auf einem Zwischendeck (3a) standen, konnten sie erst raus, als das Deck darunter entladen war. Bis dahin war es ein anspruchsvolles Training für die Lungen. Eine solche Dieselabgasmenge inhaliert man sonst in 10 Jahren nicht.

Die Einreise verlief erfreulich einfach. Ich musste noch nicht einmal den Helm abnehmen. Ein kurzer Blick in den Ausweis, und ab die Poscht. Mein erstes Zwischenziel war ein nahe gelegener Geldautomat. £ 160,- hatte ich noch im heimatlichen Fundus, £ 400,- zog ich zusätzlich aus der Maschine. Erfreulich war, dass der übliche Abzockversuch – möchten Sie eine Abrechnung in Euro? – ausblieb. Dies sollte man nie möchten, denn damit finanziert man den Bankstern bloß den nächsten Bonussegen.

Mein heutiges Tagesziel lag 420 km von Hull entfernt. Die ersten 290 davon legte ich auf schnellen Straßen zurück. Auf der A66, in der Nähe von Appleby-in-Westmorland, knallte mir ein startender Vogel in die Maschine. Der Schlag war hart zu spüren. Der Tod des Tieres tat mir leid, und ließ mich eine Weile mit betretenem Gefühl weiter fahren. Schäden am Fahrzeug waren nicht festzustellen.

Mir fiel etwas auf, was wohl auch dem nahenden Brexit geschuldet ist. Auf früheren Reisen gab es zwei Arten KFZ-Kennzeichen. Etwa 50% sahen ähnlich aus, wie bei uns. Links die EU-Sterne, darunter ein GB, daneben dann das eigentliche Kennzeichen. Der Rest hatte nur ein britisches Kennzeichen, und i.d.R. auch keinen GB-Aufkleber. Dies war heuer anders. Maximal 15% hatten noch die alte Form mit EU Sternen. Der GB-Aufkleber scheint ein echtes Revival erlebt zu haben – quasi ein Statement der Brexiteers.

Ab Gretna Green wurden Landschaft und Straße attraktiver. Ich legte eine kurze Pause ein. Keineswegs, um schnell zu heiraten (wer will mich schon?). Nein, mein Sinn stand nach einem Chippie. Eine Portion Fish & Chips später ging es weiter auf der A75 Richtung Westen. Ab Castle Douglas wechselte ich auf kleine Regionalstraßen, die wirklich Spaß machten. Zuerst war die Landschaft karg und hügelig, ähnlich wie die Yorkshire Dales, später durchfuhr ich dichten Wald. Die Straße gehörte mir fast alleine.

In Newton Stewart, dem letzten seriösen Ort vor meinem abgelegenen Tagesziel, erledigte ich noch einige Einkäufe. Das Wichtigste war Mückenspray, um gegen das schottische Wappentier – die Midge – gewappnet zu sein. Der große Sainsbury’s Markt bot eine breite Auswahl. Eigentlich wollte ich noch zwei Dosen Guinness kaufen. Es gab aber nur 4er Packs zum gehobenen Preis von £ 5,-. Dies war deutlich mehr, als ich erwartet hätte. Mir fiel aber eine Nachricht wieder ein, die ich vor 1,5 Jahren im Guardian gelesen hatte. Die Alkoholpreise in Geschäften wurden in Schottland drastisch angehoben, um zwei Effekte zu erzielen: Reduzierung von Bilge-Drinking (mit dem sich vornehmlich Jugendliche ins Alkoholkoma saufen) bei gleichzeitiger Wiederbelebung von Pubs, die in vielen Regionen vom Aussterben bedroht sind. Dort wurden die Alkoholpreise sogar leicht gesenkt. Da mir ein Guinness im Pub eh lieber war als eines im Zelt, begnügte ich mich mit einem 6er Pack Minimalwasser. Dieser erschien erforderlich, denn über mir prangte ein wolkenloser Himmel und das Thermometer meiner Kuh zeigte 32°C. So was hatte ich in Schottland noch nie erlebt.

Über die A714 ging‘s weiter bis in den kleinen Weiler Bargrennan, ab dem ich einfach der Beschilderung zum Glentrool Visitor‘s Centre folgte. Etwa 600 m vor der Glentrool Camping And Caravan Site passierte ich den einzigen Pub der Gegend, das House O’Hill Hotel, welches sich nicht nur zahlloser positiver Kritiken bei Google erfreute, sondern gar den Dumfries & Galloway Life Award des Jahres 2017 – Restaurant of the Year – gewonnen hatte. Hier wollte ich später meine Ernährung in kompetente Hände legen. Aber zuvor galt es noch, meine Mobilie zu errichten.

Der Campingplatz war gut besucht, was bei dem Heldenwetter zur Hauptsaison nicht weiter verwunderte. Wie auf allen Campingplätzen bestand die Mehrheit aus weißer Ware – Caravans und Wohnmobile aller Prägungen standen in perfekt ausgestatteten Parzellen. Zwei große Campingwiesen boten freie Platzwahl für die Zeltcamper. Eine von ihnen lag an einem schönen See mit blühenden Seerosen und vielköpfiger Entenpopulation. Die gut gelaunte Rezeptionistin begrüßte mich ausgesprochen herzlich. Sie hatte einen schottischen Akzent zum Bären morden. Ich verstand ihn aber recht gut. Sie erklärte mir alle Einrichtungen des Platzes, und wies darauf hin, dass ich meine Maschine nicht mit auf‘s Gras nehmen dürfe. Zelt, Fahrzeug und Bewohner kosteten £ 13,-/Nacht. Ich gönnte mir zusätzlich den Stromanschluss, der mit £ 3,- zu Buche schlug. Schließlich hatte ich vor zu filmen und zu fotografieren, und auch die abendliche Datensicherung zerrte an den Akkus meiner digitalen Gimmicks.

Wie auf jeder Reise dauert der erstmalige Zeltaufbau immer länger als die folgenden. Nach 10 Minuten war meine Mobilie aber bezugsfertig. Die Hitze war tatsächlich beeindruckend, und so legte ich mich erst mal ein paar Minuten ins perfekt gepflegte Gras, und hauchte einer Lucky ihr Leben aus. Dann drehte ich eine Platzrunde, und kam mit den ersten anderen Gästen in Kontakt. Es waren vier Briten, die mit vier Hunden in einem relativ kleinen Wohnmobil neben meinem Zelt wohnten. Während ich die Vierbeiner durchknetete bekam ich eine eisgekühlte Limonade angeboten, die ich dankend annahm.

Als ich noch etwas Gepäck aus der geparkten Kuh holte, wurde ich von einem niederländischen Ehepaar angesprochen, die ebenfalls in einem Wohnmobil unterwegs waren. Es war ihr erster Trip nach Schottland, und ich konnte ihnen einige Tipps für die Weiterreise geben.

Da es noch zu früh war, um in den Pub zu marschieren, legte ich mich noch etwas an den schönen See in die gleißende Sonne. Fast alle Enten hatten Nachwuchs, und sogar ein Reiher stakste im knietiefen Wasser umher. Um den See herum verlief ein langer Weg, der zum Gassi-Gehen der zahllosen Hunde diente. Doggy poo bags gab es kostenlos dazu.
Der Campingplatz war makellos, top ausgestattet und umgeben von echter Natur. Die Zufahrtsstraße wurde nur von Besuchern des nahen Glentrool Visitor Centres genutzt – nach 18 Uhr also fast kein Verkehr mehr.

Als gegen 17:30 Uhr die ersten Grills angeschmissen wurden, meldete sich auch mein Magen. Ich machte mich auf in Richtung Pub. Das House O’Hill Hotel wurde von zwei Mädels gemanaged – Karen und Helen – die ziemlich herumwirbelten, um dem Besucheransturm gerecht zu werden. Die Bar und die Gasträume waren liebevoll dekoriert, und die Gerichte auf den Tellern wirkten ausgesprochen lecker. Ich bestellte mir ein Pint Guinness (£ 3,80) und einen Wildteller mit Gemüsen der Saison und Kartoffelspalten (£ 14,-), und setzte mich in den Schatten vor dem Pub. Aus dem gegenüberliegenden Wald drang ein vielstimmiges Vogelgezwitscher. Wollte man den Galloway Forest Park mit deutschen Regionen beschreiben, so würde wohl am ehesten der Schwarzwald passen. Zum Glück jedoch mit deutlich weniger Touristen.

House O’Hill Hotel
Das House O’Hill Hotel in Bargrennan bietet ausgezeichnetes Essen und exquisite Gerstensäfte vom Fass.

Während ich an meiner Biertisch Garnitur hockte, und am Guinness schlürfte, hielt ein Postwagen neben einem Landrover auf der Gegenspur. Die Fahrzeuge blockierten dabei gekonnt die Straße, was sie jedoch nicht davon abhielt, ein 10 minütiges Schwätzen zu führen. Gestört wurde aber niemand, da keine weiteren Fahrzeuge da waren. Hier hatte man noch Zeit. Das gefiel mir.

Mein Wildteller entpuppte sich als Wildgulasch, welches in einer dicken, dunklen und sehr sämigen Soße serviert wurde. Es war zum morden lecker, butterzart und ausgesprochen reichlich. Dies war ganz sicher nicht die Britische Cusine, die ich noch in den 70er Jahren erleben musste. Helen, die mich bediente, strahlte breit, als ich das Essen lobte.

Zum zweiten Guinness gesellte sich Ian, der auf einer Fahrradtour durch Schottlands Süden war. Die Midges hatten ihm schwer zugesetzt, und er hatte sich erst viel zu spät mit Mückenspray eingedeckt. Die winzigen Mistviecher triggern auf ausgeatmetes CO² und auf Schweiß, Dinge also, die beim Fahrrad Fahren in tropischen Temperaturen unvermeidbar sind. Ian lebte in Cairnryan an der Westküste, und arbeite als freier Softwareentwickler für eine Firma in Stranraer. Ein intelligenter und sehr lustiger Typ. Auch er schien sehr frustriert wegen des drohenden Brexit. Seiner Theorie nach wurde der Brexit nur durch die Alten, die Doofen und Facebook ausgelöst – und ich denke, damit lag er ziemlich richtig.

Nach dem dritten Guinness war es Zeit für‘s Zelt. Ich verabschiedete mich von Ian, wünschte ihm eine angenehme Weiterreise und machte mich auf den Weg zurück. Morgen wäre der erste echte Urlaubstag, und ich hatte mit viel vorgenommen.

Bevor ich schlafen ging, setzte ich mich noch auf eine Ziggi an den See, der im Mondlicht schimmerte. Ein stetes Quaken von Fröschen schaffte eine gute Kulisse für einen entspannten Schlaf. Der Galloway Forest Park ist der erste Dark Sky Park Großbritanniens, doch leider war mit dem Einbruch der Nacht auch ein leichter Dunst aufgezogen, der den Blick auf den Himmel etwas dämpfte.