Dienstag, 24.07.18

Gepackt war natürlich schon seit Tagen. Wegen der tropischen Temperaturen hatte ich für meinen Proviant (2 Dosen Bier und 6 Bütterlies) einen Kühlakku vorbereitet. Alles passte exakt in eine Soft-Kühltasche, die ich vor vielen Jahren mal geschenkt bekommen hatte. Um 12 Uhr sattelte ich die Kuh und setzte die Segel. 239 km Autobahn bis Zeebrugge. Schafft man locker in zwei Stunden, aber als passionierter Pausenfreak gönnte ich mir drei. Um am Ankunftstag Zeit zu sparen, tankte ich vor der Fähre noch mal voll (Achtung: Bleifrei Super in Belgien entspricht E10 Spezifikation). Dann hockte ich mich an die gut gefüllte Strandpromenade, und ließ die Seele baumeln. Ein leckeres Essen plus Eis als Nachtisch später machte ich mich auf zum Fährterminal.

Wie immer wollte man am ersten Gate meinen Ausweis und mein Ticket sehen. Als Gegenleistung bekam ich die Boarding Card mit aufgedruckter Kabinennummer (2116). Da 100 m weiter der Britische Zoll lauerte, behielt ich den Ausweis gleich griffbereit. Diese doppelte und völlig sinnfreie Kontrolle gab‘s schon immer, und angesichts des nahenden Brexits macht es jetzt auch keinen Sinn mehr, sich darüber aufzuregen. Wie gewohnt wurde ich an den Anfang der Fahrzeugschlange gewiesen, wo bereits etwa 15 andere Motorräder standen. Vorwiegend Briten, aber es waren auch ein paar französische und belgische Maschinen darunter. BMW war mit 75% der Bikes mal wieder auf der Pole Position.

Warten auf das Boarding

Zeitgenössische Motorradfahrer vom Kontinent eint ein Merkmal, welches ich noch nie verstanden habe. Sie sind alle Biker, aber sie sprechen nicht miteinander. Stehen lieber rum, gucken in die Gegend, schwitzen, fummeln nervös am Gepäck und langweilen sich. Zum Glück sind Briten da anders. Bereits zwei Minuten nach meiner Ankunft redete ich mit Callum, einem Schotten aus Glasgow, der gerade aus den Alpen zurück kehrte. Er war in meinem Alter und fuhr eine BMW F800 GS. Sie war ähnlich bepackt wie meine, inkl. dicker Campingrolle. Er war genau so wenig begeistert von den Erlebnissen in den Alpen wie ich zuvor, und auch die Gründe waren die gleichen. Ihn hatte die blähende Touristenschwemme und die ätzende Motorradpopulation der Knieschleifer aber noch viel härter erwischt als mich. Bevor ich seine Frage zu meiner Meinung über den Brexit beantworten konnte, begann das Boarding – pünktlich um 16:30. Abgesehen von sechs extra hohen Wohnmobilen durften wie als erste an Bord. Dies war gut so, denn ich wollte unbedingt eines der unteren Betten in meiner Sammelkabine erheischen. Und es war ja nicht auszuschließen, dass ich sie diesmal tatsächlich mit Anderen teilen musste.

Fährerprobt wie ich war, klappte alles wie am Schnürchen. Kuh auf Seitenständer, Lenkeranschlag links, erster Gang rein, Nierengurt samt Handschuhen auf die Sitzbank, Spanngurt drüber, Navi in‘s Topcase, Kühltasche samt Kindle aus dem Tankrucksack und Tasche mit Eintagesbedarf aus dem rechten, zugänglichen Koffer. Dann noch den Helm per Drahtschloss gesichert und ab die Poscht. Ich war fertig, bevor viele andere auch nur ihren Helm abgenommen hatten. Als ich mich Richtung rotes Deck aufmachte, kam Callum gerade angetuckert.

Bei DFDS bekommt man mit der Boarding Card auch gleich die Keycard zur Kabine. Bei P&O gibt’s dafür auf jedem der Kabinendecks einen Schlüsselmeister. Ich sah, dass am Schlüsselbrett der Nr 2116 zwei Schlüssel hingen (statt wie erwartet vier). Dies war schon mal beruhigend, denn es war nicht zu erwarten, dass bereits jemand anderes Zugang zur Sammelkabine begehrt hatte. Ich würde also maximal einen Co-Schnarcher bekommen. Auffällig war, dass die erste „2“ der Zimmernummer 2116 auf dem Schlüsselanhänger spiegelbildlich geschrieben war. Genau dies war mir zwei Jahre zuvor auf meiner Reise nach Nordengland auch aufgefallen. War wohl tatsächlich die gleiche Kabine.

Als ich sie betrat, war sie leer. Nur drei der vier Betten waren vorbereitet, eines der oberen war nicht ausgeklappt. Ich sicherte mir das darunter. Das Premium Bett. Dann nahm ich eine ausgiebige Dusche, und pfiff mir eins. Getränke und Speisen in der Kühltasche waren tatsächlich noch angenehm kühl. Alles war gut. Die Vorfreude auf die Reise kulminierte.

Zur Sicherheit schaltete ich mein Smartphone in den Flugzeug Modus. Die Bord Funkzelle war auf Nassau/Bahamas registriert, und würde man auch nur ein Telefonat annehmen, so würde der Gebührenticker glühen. Auf meiner Alpenreise wurde in Samnaun/CH mein gesamtes Prepaid Guthaben von € 70,- binnen zwei Minuten von Google Maps aufgefressen, welches einfach nur geöffnet war. 12 MB = € 70,-. Das passiert mir nicht noch einmal.

Mit dem ersten Bier der Reise machte ich mich auf zum Außendeck. Einige Fußpassagiere hatte bereits sämtliche der spärlich vorhandenen Sitzgelegenheiten besetzt. Außendeck-Wetter herrscht auf und an der Nordsee eher selten. Ich hockte mich auf die Treppe zum Oberdeck, welches nur für die Crew zugänglich war. Der erste Schluck Bier der Reise schmeckte wie immer vorzüglich. Wie versprochen widmete ich ihn Frau P&O.

Nach etwa 15 Minuten kam Callum aufs Deck, ein großes Bier in der Hand. Als er mich entdeckte, steuerte er direkt auf mich zu, und setzte sich neben mich. Wir quatschten uns richtig fest, und Callum war begeistert, dass ich selbst kleinste Details zum Brexit wusste. Selbst ihm, als felsenfester Remain Befürworter, war nicht bewusst, dass Tony Blair nach der EU Osterweiterung nicht von der 7-jährigen Opt-Out Möglichkeit für die Einschränkung der Reisefreiheit aus den neuen Mitgliedsländern Gebrauch gemacht hat, wie dies fast alle Westeuropäischen Länder taten. Die Immigration aus Osteuropa war einer der Hauptaspekte, die zu diesem elenden Brexit führten. Spannend fand er auch, dass das Brexit Referendum just zu dem Moment statt fand, als die EU neue Maßnahmen gegen Steueroasen einleitete (9 davon gehören zum UK oder sind mindestens im Kronbesitz). Jacob Rees-Mogg, einer der einflussreichsten Britischen Politiker und Verfechter eines ultraharten Brexits, wäre einer der größten Profiteure, wenn unangenehme EU Steuergesetze vermieden werden könnten. Callum erzählte, dass die Schotten einen harten Brexit vermeiden werden. Würde ihnen dies nicht gelingen, so wäre ein neues Unabhängigkeitsreferendum eine ausgemachte Sache. Und dieses würde dann wohl anders ausgehen, als das erste. Ich hoffte insgeheim, dass er Recht behalten sollte.

Pünktlich um 19 Uhr stachen wir in See. Callum verabschiedete sich, denn er hatte das Abendessen gebucht. Kurz, nachdem er gegangen war, fragte mich eine recht korpulente Frau, ob sie sich neben mich auf die Treppe setzen dürfe. Das heiße Wetter setzte ihr sichtlich zu. Auch das folgende Gespräch mit ihr war hochinteressant. Sie lebte das halbe Jahr in den USA, den Rest im UK. Und sie war sprachlos wegen Trump und Brexit. Eine sehr interessante, weltgewandte und herzliche Frau, die fast in Tränen ausbrach, als wir über den Brexit sprachen. Da sich bei mir ein Hüngerchen eingestellt hatte, fragte ich sie, ob sie noch ein paar Minuten hier bleiben würde, um meinen Treppenplatz zu sichern. Sie lachte, und versprach mir, ihn mit ihrem Leben zu verteidigen. Hurtigen Schrittes eilte ich zu meiner Kabine, um meine Vorräte zu holen. Als ich die Kabinentür öffnete, entfuhr mir ein Strike! Die Kabine war leer. Kein Mitbewohner. Wäre ich fromm, so hätte ich mich wohl bekreuzigt. So blieb einfach nur die Freude darüber.

Zurück auf der Treppe entdeckte ich, dass ich mehr dabei hatte, als in mich rein passen würde. Ich bot Iris, meiner Gesprächspartnerin, an, sich ebenfalls zu bedienen. Ich wies allerdings darauf hin, dass die deutsches Brot wäre. Brote im UK waren nur selten wirklich schmackhaft, und Schwarzbrot war fast nur in Delikatessengeschäften erhältlich. Iris war begeistert von einem Krustenbrot mit Lachsschinken und einem Schwarzbrot mit Edamer. Schweigend mümmelten wir vor uns hin.

Etwa eine Stunde nach dem Ablegen tauchten die ersten Anlagen eines riesigen Offshore-Windparks zu unserer Rechten auf. Auf meiner letzten Reise, im Juni 2016, waren diese Windmühlen noch im Bau gewesen. Die Anlage war gigantisch. Ich zählte über 160 Windkraftanlagen in einem Feld, an dem wir fast 50 Minuten vorbei fuhren. Wegen der fast völligen Windstille drehte sich aber kein einziges von ihnen.
Als Callum wieder zu uns stieß, gingen wir gemeinsam in die Bar, wo gerade eine Show präsentiert wurde. Ehe ich mich versah, stand ein Guinness vor mir. Ich hatte den Fehler begangen, Iris zu erzählen, dass ich mich auf‘s erste Guinness freue. Dies ging dann natürlich reihum, und als ich mich schließlich gegen 23 Uhr in die Kabine verabschiedete, hatte ich trotz spiegelglatter See deutliche Schlagseite. Welch ein toller Abend – und würdiger Einstieg einer hoffentlich schönen Tour.