Mittwoch, 01.08.18

Die Nacht war nicht wirklich entspannend. Mehrkehliges Schnarchen hat mich über große Teile wach gehalten. Um 6 Uhr war ich aufgestanden, und hatte meine Kuh gesattelt. Das Frühstück um 7 Uhr habe ich noch mitgenommen, und bin dann in den Regen gefahren.

Ich nahm die schnelle A82 durch‘s Glencoe zum Loch Lomond, und sah viele markante Punkte meiner früheren Reisen wieder. Die Straßen waren noch weitgehend leer, und ich konnte gut am Kabel drehen. Gegen 10 Uhr hatte ich Glasgow hinter mir gelassen, und fuhr auf die M74. Cruise Control auf 115 km/h, Gehirn aus und ab die Poscht. Voraussichtliche Ankunftszeit: 15:30 Uhr.

Natürlich wäre die geplante Ankunftszeit nur ohne Pausen und Tankstopps zu erreichen gewesen. Nach einem fürstlichen Mahl bei der schottischen Spezialitätenkette McDonalds, zwei Tankstopps und zwei Zigarettenpausen erreichte ich den Fährhafen gegen 16:15 Uhr. Soweit, so gut. Ich stellte meine Kuh vor‘s große Terminal Gebäude, und marschierte tropfend hinein. Mein Anblick muss wohl so schrecklich gewesen sein, dass ein Security Mitarbeiter aufsprang, eine Hand an seinen Reizgasbehälter legte, und mich fragte, wie er mir helfen könne. Er wirkte durchaus nervös.

Ich erzählte ihm, dass ich ein Ticket für morgen hätte, aber gerne schon heute reisen würde. Er schickte mich zum Ticketschalter, wo zwei junge Damen Langeweile schoben. Auch sie guckten mich ziemlich entgeistert an, und fragten, wo ich denn herkomme. Ich antwortete nur: Aus dem schottischen Regen. Mein Zelt wäre lädiert, mein Schlafsack nass – ich muss hier weg. Zeebrugge oder Rotterdam, völlig egal.

Man sah, dass beide Damen sehr stark mitfühlten. Da ich nur das Billigticket hatte, drohte mir eine Umbuchungspauschale von mindestens £ 25,- zuzüglich einer eventuellen Preisdifferenz. Bewaffnet mit meinem Ticket marschierte eine der Damen in ein benachbartes Büro. Sie kam lächelnd zurück mit den Worten we can squeeze you in. To Zeebrugge. Coole Sache, dachte ich. Danach druckte sie mir ein neues Ticket aus, und wünschte mir eine gute Reise. Ich blickte sie entgeistert an, und fragte, ob ich nichts aufzahlen müsse. Die Antwort: That‘s ok – bon voyage.

Ich bedankte mich herzlich, und versprach, auch in Zukunft P&O den Vorzug zu geben. Das hätte auch ganz anders ausgehen können.

Am Gate wurden Ticket und Ausweis kontrolliert, und ich wurde wie erwartet vor die vierrädrige Fahrzeugschlange dirigiert. Als ich gerade Gas geben wollte, wuchtelte ein Uniformierter mich jedoch in die Gegenrichtung. Ich verstand zuerst nicht, was er wollte – bis ich das offene Zollgebäude entdeckte, in deren Tor eine korpulente Zöllnerin winkte. Auffällig war, dass hier nur nicht-Briten kontrolliert wurden, die Briten wurden alle durchgewunken. Vielleicht auch einer der vielen, kleinen Brexit Nadelstiche?

Die Kontrolle verlief dann wie erwartet – und mit großer britischer Höflichkeit. Einer wollte in mein Topcase gucken, die Zöllnerin befragte mich nach Waffen. Damit konnte ich, wie bei der letzten Tour, natürlich dienen. In der Folge wurde erneut mein Taschenmesser beschlagnahmt. Die spinnen, die Briten. Ich muss allerdings zugeben, dass ich nach jeder Tour ein neues (für € 5,-) kaufe, weil das Beschlagnahmen solch ein tolles Erlebnis ist.

Dann durfte ich endlich zu den anderen Motorrädern fahren. Etwa 15 Maschinen warteten bereits auf den Beginn des Boardings. Alle waren in Gruppen unterwegs, so dass sich erst mal kein Gespräch ergab. Ich war auch ziemlich groggy von der anstrengenden Fahrt.

10 Minuten später durften wir auf die Fähre. Ich erledigte eine Bondage Session mit meiner Kuh, griff die Tasche aus dem rechten Koffer, und marschierte los, um den Schlüssel meiner Shared-Cabin zu holen. Erneut hingen nur 2 am Brett, erneut war es die Kabinennummer 2116. Mal gucken, ob ich wieder Glück haben würde.

Ich hatte. Auch nach dem Auslaufen blieb ich der einzige Nutzer meiner Kabine. Ich Glüxschwein, ich. Da der Regen kurz vor dem Fährhafen ausgesetzt hatte, hockte ich mich mit einem Guinness (£ 4,20) auf‘s Außendeck. Als wir in der Seeschleuse waren, riss gar der Himmel auf, und eine warme Sonne schien auf mich herab. Dazu ein Regenbogen. Klare Sache: Ich reise ab – das Wetter wird gut. So ist es sehr oft, auf meinen Reisen. Ich war trotzdem froh, an Bord zu sein. Die Tour war trotzdem schön, speziell die Erlebnisse mit den vielen Menschen, die ich unterwegs treffen durfte. Ich hatte keine Ahnung, welche Auswirkungen der Brexit haben würde, und ob und wann ich erneut den Fuß auf diese unterhaltsame Insel setzen würde.

Bei einer Zigarette ergab sich noch ein spannendes Gespräch mit einem britischen Ehepaar in gehobenem Alter. Im Wesentlichen sprach er mit mir, und dies sogar teils in gebrochenem Deutsch. Wir unterhielten uns darüber, wie es zu dem katastrophalen Brexit kommen konnte. Ich sagte: 45 Jahre EU Bashing durch die britische Regenbogenpresse (sogenannte Tabloids, wie The Sun, Daily Mail, Daily Mirror), Vermeidung von EU Maßnahmen gegen Steuerparadiese (gut erkennbar an Jacob William Rees-Mogg, einer der Tory-Galleonsfiguren des anstehenden Brexit), fehlender Moral bei britischen Politikern, die ihren Machterhalt über das Wohl des Landes stellen, und fehlende Bildung und Wissen über die EU in breiten Teilen der Bevölkerung. Wir waren uns absolut einig, auch wenn seine Frau dabei nicht glücklich guckte. Schließlich ging sie sogar wortlos weg.

Mein Gesprächspartner erklärte dies. Sie liest täglich die Tabloids, und sie glaubt, was dort steht. Sie hat für den Brexit gestimmt, und wie viele andere Brexiteers begreift sie so langsam, dass diese Entscheidung wohl doch einiges an Ungemach mit sich bringen dürfte. Es sei jedoch absolut typisch für die Brexiteers, ihre Entscheidung keinesfalls als Fehler einzusehen. Sie halten stur an der einmal eingeschlagenen Richtung fest. Dazu kommt eine weitere britische Eigenart. Man spricht nicht über Politik, da man dadurch Gefühle verletzen könnte. Ich hatte durch meine rationale Analyse wohl die ihren verletzt, aber ihr Mann fand dies absolut erforderlich. Und auch ich hatte eigentlich kein schlechtes Gewissen.

Von einem der belgischen Biker erfuhr ich, dass auch sie ihre Tour durch Schottland vorzeitig abgebrochen hatten. Nach nur 4 Tagen. Es stimmt natürlich traurig, so etwas zu hören – speziell wenn die 10 Wochen davor eher Heldenwetter waren.

Um 22 Uhr, nach dem dritten Guinness, machte ich den Deckel drauf. Ich duschte noch schnell, und versank dann im Reich der Träume.