Schottland 2018 Teaser

Prolog

Bereits seit Jahren geplant war eine Reise nach Südwestengland. Genauer in die Grafschaften Somerset, Devon, Cornwall und Dorset. Einzige Erklärung: Diese Regionen waren auf meinen bisherigen 32 Reisen auf die Britischen Inseln immer zu kurz gekommen. Sie versprachen pittoreske Häfen und malerische Dörfer, gute Wetteraussichten, grandiose Landschaften und eine gewisse Pilcherisierung bei hohem Preisniveau, welche, zusammen mit einem heftigen Inlandstourismus, als einzige abschreckende Kriterien blieben.

Alles war geplant. Die Tour stand – und zwei Tage vor Abfahrt entschied ich mich um. Nope Sir or Madam. Kein Geld mehr für die Haupt Brexit Regionen. Brexit means Brexit, wie Theresa May gebetsmühlenartig zu sagen pflegt, und Menschen sollen das Resultat ihrer xenophoben Entscheidungen am eigenen Leib verspüren. Eine gleiche Entscheidung würde ich heute auch hinsichtlich der neuen deutschen Bundesländer treffen, die ich als Quell der neuen braun-deutschen Suppe ausgemacht habe.

Statt dessen wollte ich zu den Opfern des Brexit, den europafreundlichen Schotten. Genau wie ich und die Mehrheit der Nordiren werden sie in diesem Strudel aus populistischem Irrsinn mitgerissen, ohne dies zu wollen. Weiter begünstigt wurde die Angelegenheit durch das momentan extrem belastete Pfund. Zum Zeitpunkt meiner Reise war es auf unter € 1,12 angelangt. Gut so! Und ich denke, da geht noch mehr.

Da ich nicht ausschließen konnte, dass dies auf lange Sicht meine letzte Reise auf die Insel sein würde, wählte ich Regionen, in denen ich noch nie war. Geplant hatte ich sie schon oft, aber manches fiel auf früheren Reisen dem Wetter zum Opfer. In einem Tagesakt stoppelte ich mir eine schöne Tour zusammen. Beginnen wollte ich mit dem Galloway Forest Park. Danach sollte es zur Isle of Arran gehen. Dann weiter über die Kintyre-Halbinsel nach Oban, von wo aus ich die Fähre zur Isle of Mull nehmen würde. An jedem Ort wollte ich zwei Nächte bleiben, um den Regionen mehr Aufmerksamkeit schenken zu können, als auf früheren Heute-hier-morgen-dort Reisen. Am Ende sollte es weiter über die Ardnamurchan Halbinsel gehen. Dann 2 Tagesaufenthalte in Fort William und Stirling. Da ich diese Orte bereits kannte, dienten sie eigentlich eher als Jokertage.

Die gigantische Dürre, die seit April den gesamten Kontinent mürbe macht, herrschte auch in Schottland – mit Temperaturen bis über 30°C. Auch dies schien verlockend, denn ich kannte bislang vorwiegend die andere Seite des schottischen Wetters. Anderseits war mir klar: Wo immer ich auch anlande, ändert sich das Wetter. Und zwar IMMER.

Ich ging nicht davon aus, auf so kurzen Termin noch eine der komfortablen Fähren in die Zielregion zu ergattern. Also DFDS (Ijmuiden nach Newcastle) oder P&O (Rotterdam oder Zeebrugge nach Hull). Aber weit gefehlt. Platz war spannenderweise vorhanden – und dies zur Hauptreisezeit, in der ich früher nie auf die Idee gekommen wäre, zu verreisen. Vielleicht schon ein Pre-Brexit Effekt?

Amsterdam → Newcastle flog früh aus der Wertung. Zu teuer, speziell durch die Notwendigkeit, eine Mehrpersonen Kabine alleine zu zahlen und zu nutzen. Zur Not könnte ich Multiple-Persönlichkeiten von mir auftreiben, aber ich war nicht bereit, jeder davon ein Bett zu bezahlen.

P&O hat deutlich mehr Herz für Alleinreisende. Hier konnte man für kleines Geld einen Kabinenplatz in einer 4er-Sammel-Innenkabine buchen (€ 41,-). Zudem war ihr Bordfrühstück wesentlich besser als das von DFDS. Für € 152,- wäre ich bei P&O per niederländischem Buchungsportal dabei gewesen (Bike, gichtiger Fahrer, Kabinenbett und Frühstück). Die Rückfahrt wäre etwas teurer gekommen: € 205,-. Aber als praktizierender Geizhals mit 20 Jahren Einkaufserfahrung musste da doch noch etwas gehen. Für das folgende Telefonat ist es wichtig, zu wissen, dass P&O nicht das Baltikum abdeckt. Dies tut derzeit nur DFDS.

Das Freizeichen bei P&O. Eine nette Dame geht ran:

Guten Tag, mein Name ist Thomas Skierlo. Ich möchte übermorgen spontan verreisen. Mit dem Motorrad. Alleine. Baltikum oder Nordengland. Egal wohin. Haben Sie was Nettes im Angebot? Irgend was, was weg muss?

Am anderen Ende kurzes Schweigen. Ab wo möchten Sie denn reisen?

Eigentlich egal. Zeebrugge, Amsterdam, Rotterdam, Kiel.

Erneut kurzes Schweigen. Dann schnelles Getippe auf einer Tastatur. In‘s Baltikum bieten wir leider nur Frachtfähren, aber ich könnte Ihnen Zeebrugge oder Rotterdam nach Hull anbieten. Zeebrugge ist etwas günstiger. Mit Frühstück und Doppelkabine mit Seeblick kämen wir für die Hinfahrt auf € 257,-, die Rückfahrt dann für € 347,-.

Diesmal schwieg ich ein paar Sekunden – bewusst – und sagte dann:

äh

Sie meinen, für mich, mein Kleinmotorrad und den minimalen Frühstückkonsum, zu dem ich in frühen Morgenstunden fähig bin, soll ich > € 600,- bezahlen? Ich brauche keinen Seeblick, meine Augen sind alt und welk, und mir reicht eine Sammelkabine.

Das änderte natürlich alles. Als nächstes hörte ich exakt den Online-Preis, den ich vorher ermittelt hatte. Jetzt erst begannen die eigentlichen Verhandlungen.

Mit den 35% Rabatt auf die Baltikum Fähren lande ich bei DFDS für Hin- und Rückfahrt bei € 311,-, und dies inklusive reichhaltigem, skandinavischen Frühstückbuffet (kleine Lüge) und einer um 40% längeren Strecke.

Jetzt war der Sportsgeist der Dame geweckt: Zeebrugge → Hull und Retour für € 300,-. Ein Angebot, zu dem man nicht Nein sagen kann, was ich natürlich auch nicht tat. Am Ende ging ich mit € 271,40 aus dem Rennen, denn ich hatte noch zwei gültige Frühstücksgutscheine von der letzten P&O Reise. Ich versprach ihr, sie zukünftig in mein Nachtgebet aufzunehmen, und die ersten zwei Guinness auf ihr Wohl zu trinken. Wir hatten eine gute Zeit, und ich zumindest viel Spaß dabei.

Zeebrugge → Hull ist übrigens immer ein paar Euro günstiger als Rotterdam → Hull – und dies bei etwa gleicher Entfernung (nach Aachen). Die Fähren sind i.d.R. nur halb voll, und man spart sich die ätzende Fahrt durch Rotterdam. Zudem kann man sich bei verfrühter Ankunft wenige Meter neben der Fähre an die Strandpromenade setzen, und eine Frikandel Speziaal oder ein Eis verspeisen, während man sich die Floorshow beguckt.

  • Erster!

    Hallo Thomas,

    wollte doch mal gucken, wo du dich in diesem Jahr rumgetrieben hast. War irgendwie klar, dass es dich wieder nach Nordwesten ziehen würde. Wahrscheinlich wäre der Südwesten Englands in diesem Fall trockener gewesen. Tine und Frank waren im Juli dort, und sind mit bösem Sonnenbrand zurück gekommen. Es war jedoch so überlaufen, dass sie mehrmals keinen Campingplatz gefunden haben.
    Jetzt musst du nur noch alles trocknen, und wieder vom Guinness-Missbrauch runter kommen 🙂
    LG
    Berni

    p.s. ich will auch so eine Drohne haben!

    • Mensch Berni, alter Schwede,
      von Dir habe ich ja seit Ewigkeiten nix mehr gehört. Fährst Du noch die klapprige Africa Twin mit dem toten Rentier auf dem Sattel?
      Wettertechnisch gesehen zähle ich zu den biblischen Plagen. Wo immer ich auftauche, beginnt es zu schütten. Diesmal hatte ich aber das Glück, dass es 4 Tage dauerte. War trotzdem eine geniale Tour, von der ich keinen Augenblick missen möchte (Abgesehen vielleicht vom kurzzeitigen Verlust meines Außenzeltes).
      Lass uns mal wieder telefönieren!
      Beste Grüße,
      Thomas

  • Die Isle of Arran ist tatsächlich ein Erlebnis. Und sie ist gut ab Glasgow zu erreichen. Wir waren im September 2008 für 3 Tage dort und hatten großes Glück mit dem Wetter. Ein Aufstieg zum Goat Fell lohnt auf jeden Fall. Die Aussicht vom Gipfel ist atemberaubend.

  • Hallo Demokrit,

    wir reisen auch sehr gerne auf die britischen Inseln, kämen aber nicht auf die Idee, dass mit einem Zelt zu tun. Es gibt doch nichts schöneres als ein B&B mit Familienanschluß. Und wenn es dann mal regnet, bleibt man den Tag „zu Hause“ am offenen Kamin. Wir haben mittlerweile schon einige Stamm-B&B, wo wir immer wieder einkehren. Es ist fast schon ein freundschaftliches Verhältnis daraus entstanden.
    Galloway haben wir bislang auch immer ausgelassen. Angesichts des Videos sicher ein Fehler. Hoffentlich nimmt uns der Brexit nicht die Möglichkeit, dieses tolle Land erneut zu bereisen. Auch wir sind interessanterweise fast nur auf „Remainer“ gestoßen. Selbst in Nordengland. Keine Ahnung, wo sich die (kleine) Mehrheit der Brexiteers versteckt.
    Danke für den spannenden Bericht – wir freuen uns auf mehr.
    Mette & Inge

  • Hallo Thomas, habe nun einige Tage gebraucht, um Deinen Reisebericht genussvoll zu lesen. Dein Fehler war, ohne mich zu reisen. Erlebnisse Deiner Art sind mir völlig fremd. Trotzdem könnte mich Schott- oder Irland reizen – schon wegen Guinness. Allerdings wäre eine korrekte Bestellung für ein Sandwich schon eine Herausforderung. Auch die Fotos und Dein Video haben mir gefallen. Schade nur, dass die Drohne nur einmal zum Einsatz kam. Vielleicht kriegen wir ja noch eine Kurztour hin?

    Liebe Grüße aus Herne
    Alex

    • Moin Alex,

      reist man mit mir, hat man immer Regen. Reist man mit Dir, scheint immer die Sonne. Wären wir zusammen gefahren, wär’s wahrscheinlich nur bedeckt gewesen – und damit Idealwetter 🙂

      Sie Sandwichbestellung wäre sehr einfach gewesen. Sie hatten eine große Tafel mit bunten Abbildungen.

      Ich denke tatsächlich über einen Kurztrip nach. Ein 3-Tages Sentimental Journey nach Cuxhaven, wo ich in frühen Tagen 8 Jahre lang mein Unwesen getrieben habe. Wäre aber werktags, z.B. Mo.-Do.

      LG
      Thomas

  • wo liegt der reitz an einem land, in dem es immer regnet? da fahr ich doch lieber in den süden und lasse mir die sonne auf den pelz scheinen. und zelt geht gar nicht. wenn ich mir kein anstendiges hotel leisten kann bleib ich lieber zuhause. immerhin weis ich jetzt wo ich nie hin will. auch schon was wert.

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