Bevor meine Räder im Vorjahr britischen Boden verließen, war mir bereits klar, dass ich auch in diesem Jahr Schottland bereisen wollte. Alles war zu perfekt, um es bei einmal zu belassen, und ich hatte auch noch wesentliche Teile Schottlands nicht befahren. Natürlich war mir bewusst, dass ich mit dem Wetter extremes Glück gehabt hatte – und dies nicht unbedingt die Regel sei.

Ihr plant gerade eure erste Motorradtour nach Schottland? Prima Idee, denn es gibt nur wenige Länder in Europa, die Bikerherzen höher schlagen lassen. Perfekter Asphalt, grandiose Streckenführung und endlose Natur sind nur einige der einzigartigen Features Schottlands. Um dies zu erleben, muss man manchmal auch mit widrigen Witterungsverhältnissen klar kommen. In Schottland kann es schon mal regnen. Der nachfolgende Reisebericht beschreibt eine Zeitspanne, in der das Wetter, selbst für schottische Verhältnisse, extrem verrückt gespielt hat. Soll heißen: Das war nicht „normal“. Die Temperaturen waren 5°C niedriger als im statistischen Mittel für Mai/Juni, und die Regenmenge lag bei 300% über normal. Eine dieser Wetterkapriolen, an die sich Klimagewandelte wohl gewöhnen müssen.

Wenn euch sowas nervös macht, so lest besser meinen Bericht vom Vorjahr. Gleiches Reiseland, gleicher Zeitraum – und Sonnenbrand bei Rückkehr. Vom Gefühl her war auch die Vorjahrestour ein statistischer Ausreißer, denn sie verlief zu warm und zu trocken. Die „Wahrheit“ liegt wahrscheinlich, wie immer, in der Mitte.

Prolog

Während der Wintermonate plante ich mit den üblichen Kartendiensten die Tour, fand neue, unerforschte Strecken und Ziele, wie die Isle of Mull und die Ardnamurchan Halbinsel. Zudem sollte mehr Zeit für die Cairngorms und die Speyside bleiben. Am Ende war es eine Tour über 3008 km, jeder Tag gefüllt mit neuen Attraktionen.

Als ich per Rundmail an unseren Aachener BMW Stammtisch zur Mitfahrt einlud, erhielt ich – anders als im Vorjahr – gute Resonanz. Zwei Stammtischmitglieder planten Schottland, allerdings nicht in der Zeit, zu der ich reisen wollte (den statistisch trockensten Monaten Mai/Juni), zwei weitere wollten mit. Wolle, mit dem ich im Jahre 2012 in Irland war, und Uli, den ich bereits von unseren zahllosen Eifelrunden kannte. Beides erfahrene und gute Fahrer, mit denen man sich ohne weiteres auf die abenteuerlichen Singletracks des schottischen Nordwestens stürzen konnte.

Geplant war eine Campingtour. Zur Sicherheit und für sehr widrige Witterungsbedingungen hatte ich das Roadbook zusätzlich mit Hostels, Jugendherbergen und B & B gefüttert, so dass es fast an jedem Zielort auch Alternativen zum Campen gab. Das dies fast schon überlebensnotwendig werden würde, war mir zum Zeitpunkt der Planung nicht bewusst.

Nach meinen ersten Gehversuchen mit Action-Cam und Video vom Vorjahr habe ich diesmal digital aufgerüstet. Meine Nikon D200 DSLR war nicht videotauglich und auch sonst technisch schon sehr angestaubt, und so gönnte ich mir die neue Nikon D750 mit Vollformat Sensor. Da alle meine Objektive aus der Analogzeit stammten, konnte ich sie nun endlich voll ausschöpfen. Fast zwei Monate verbrachte ich mit der Einarbeitung und zahllosen Testaufnahmen. Da Video ohne Stativ nicht klappt, kaufte ich auch noch ein Reisestativ von Cullman, welches gerade so in mein Topcase passte. Zusätzlich erstand ich für EUR 98,- eine weitere Action-Cam, speziell für eine zweite, synchronisierte Kameraperspektive. Diesmal bei Aldi. Im Lieferumfang war nur ein geschlossenes Gehäuse, welches, speziell bei Gegenlicht, zu starken Farbstichen führt. Mit etwas Internetrecherche fand ich heraus, dass die Medion Cam baugleich mit der Praktika SC1 ist. Für diese gibt es ein Open-Frame Gehäuse, und damit waren die Kernprobleme weg.

Mir war durchaus bewusst, dass es ein ambitioniertes Vorhaben ist, mit zwei Freunden auf Tour zu gehen, und diese nicht durch ewige Fummelei mit Stativ und Kamera in den Wahnsinn zu treiben. Ich wollte also gezielt die Zeiten vor Abreise zur Tagesetappe und nach Ankunft am Zielort nutzen, um ungestört ein paar Aufnahmen zu machen. Will man mit Filtern arbeiten, so braucht man Muße. Klang in der Theorie ganz gut, klappt aber in der Praxis nicht. Die Action-Cams sollten in unseren wenigen trockenen Stunden viel zum Einsatz kommen, die DSLR hätte ich auch zu Hause lassen können. So diente mein komplettes, erigiertes (*) Topcase nur dem Transport überflüssigem Gewichts.

Dafür war meine restliche Packliste jetzt perfekt. Auf jeder meiner früheren Reisen hatte ich Dinge im Gepäck, die ich nicht gebraucht habe. Klamotten kann man waschen, z.B. mit Duschgel, welches man sowieso dabei hat. Damit kann man sich auch prima nass rasieren. Fünf Wäscheklammern ersetzen jetzt gekonnt 8 Liter Wäschevolumen. Eine weitere Änderung betrifft die Unterbringung meines Gepäcks. Für die Vario-Koffer der GS gibt es schmucke Innentaschen, und auf der letzten Tour hatte ich auch beide dabei. Leider nehmen diese Dinge viel Platz im Koffer weg, und so habe ich mich diesmal entschlossen, nur noch die rechte (kleinere) Innentasche mitzunehmen. Diese enthält genau den Bedarf für einen Tag. Plus Jeans und Sneakers, für den zivilen Auftritt. Im linken, großen Koffer befanden sich die Reserven – untergebracht in einer popeligen Plastiktüte. Keiner der Koffer war wirklich voll, so dass das tägliche Beladen zum Kinderspiel geriet. Kein Quetschen und Zerren, alles flutschte beim ersten Anlauf in Position.

Eine weitere Änderung betraf die Fahrerausstattung für Regenfahrten. Ist man auf einer mehrtägigen Motorradreise, so darf eines nicht geschehen. Die Kombi, Handschuhe und Stiefel dürfen nicht nass werden. Zeitgemäße Klamotten mit Membran halten Wasser einige Zeit fern, aber auch sie sind nicht lange wasserdicht. Mein erster Tag der Vorjahrestour war eine 300 km Dauerregenfahrt von Newcastle bis zum Loch Lomond, und alles war trocken geblieben. Dies lag an kompetenter zweiteiliger Regenkombi, Überziehgamaschen für die Stiefel und Überziehern für die Handschuhe. Letztere jedoch sind immer der Horror. Man verliert bei Nutzung jegliches Gefühl in den Fingern, und man bekommt sie nicht angezogen, wenn der Handschuh bereits leicht feucht ist. Zudem bekommt man das gesamte Paket nicht unter das Bündchen der Regenjacke, so dass Wasser, welches den Arm hinunter läuft, zwangsweise im Handschuh versickert. Prädikat: Vollkommen ungeeignet. Für die anstehende Tour habe ich mir gefütterte, wasserdichte Arbeitshandschuhe besorgt. Solide Ausführung, Typus Ölplattformarbeiterhandschuhe. EUR 13,-. Ein Schnäppchen. Sobald ein Tropfen fiel, wanderten die Lederhandschuhe ins trockene Topcase, und die Gummidinger wurden angezogen. Das kleine Manko bei passiver Sicherheit wurde sicher durch eine bessere „Fahrbarkeit“ kompensiert. Erproben konnte ich sie fast täglich. Für mich ein voller Erfolg.

Wir hatten uns ein Zeitfenster von 21 Tagen für eine 14-Tages Tour gesetzt. Dies sollte dem Zweck dienen, bei widrigen Wettern im Zielgebiet die Fähre entsprechend später zu buchen. Im Vorjahr hat mir diese Taktik einen ausgesprochen sonnigen Schottland Urlaub beschert. Doch dieses Jahr war alles anders. Die Fähre, welche im Vorjahr an fast allen Tagen noch freie Kapazitäten hatte, war heuer oft schon ausgebucht. Offensichtlich fand 2015 ein touristischer Run auf Schottland statt.

14 Tage vor unserer geplanten Abreise (26.05.) begann ich, die Wetterberichte von BBC-Weather und Met Office zu verfolgen. Was ich sah, wirkte erschreckend. Täglicher heftiger Regen bei ausgesprochen niedrigen Temperaturen von 8-11°C. Und das miese Wetter hielt sich stabil. Betroffen war das komplette Nordeuropa, mit der Wetterscheide etwas nördlich von London. Wir verschoben die Abreise auf den 28.05., um wenigstens zwei weitere Tage auf Wetterbesserung hoffen zu können. Direkt nach unserer Buchung waren die Fähren bis Monatsende ausgebucht.

Im Vorjahr hatte ich das Thermofutter meiner Textilkombi bei Abreise „montiert“. Während der Regenfahrt am Ankunftstag wurde es mir deutlich zu warm, und so habe ich in einer Bushaltestelle einen Striptease hingelegt, und es herausgenommen. Danach hatte ich dauernd diese großvolumigen Teile im Weg. Für diese Tour wollte ich es gleich weglassen. Einen Tag vor Abreise änderte ich vorhersagebedingt meine Entscheidung, und baute es wieder ein. Zum Glück.

  • Lieber Thomas,
    Deine Sprache passt einfach zu dir! So bist du und das find ich in Ordnung. Ich würde gerne wieder mit dir reisen.
    Gut gemacht die Seite. Respekt vor der Arbeit.
    Uli

  • Wir fahren im Juni hin. 2 FJR und 1 GS. Hoffentlich ist das Wetter besser als bei euch. Unsere Route haben wir nach dem Bericht schn etwas angepasst. Wollen nach Mull und Sky. Auch Irland liest sich gut. Vielleicht nächstes Jahr
    Macht Spaß die Beiträge zu lesen. Weiter so

  • Salue Thomas
    Danke!!
    Nach 2005 (via Isle of Man) muss ich wieder mal nach Schottland!!
    Habe einiges wiedererkannt.
    BG
    Volker

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