Schottland 2014 Teaser

Schottland wird vielleicht bald unabhängig, und mir gefiel das Gefühl nicht, das abhängige Schottland nicht noch mal besucht zu haben, bevor es zu spät ist. Ich reise sehr gerne in rechtsdrehende Länder, und Schottland hatte ich erst zwei mal zuvor besucht. Da beide Reisen bereits Urzeiten zurück lagen, war es jetzt an der Zeit. Leider hatte ich nur 13 Tage zur Verfügung, wollte aber das Beste daraus machen. Meine Reisebegleiter sollte eine unlängst erworbene BMW R1200 GS und ein Zelt sein. Schottland rustikal – ganz schön mutig, wie ich finde.
Als Lesebegleiter empfehle ich übles Gekröse im Schafsmagen und das eine oder andere Schlückchen Talisker.

Prolog

Nach meiner sehr angenehmen Irland Tour vom Vorjahr entstand sehr schnell der Wunsch nach “mehr”. In seinem Mix aus grandioser Landschaft, lebendiger Pub-Kultur und den vielleicht freundlichsten Menschen Europas bleibt für mich Irland die Nummer 1 meiner Lieblings Motorradbiotope, aber ein 3. mal in Folge hinfahren? Das geht nicht. Die Leute würden mich für bekloppt halten, ich inklusive. Also kramt man in der Erinnerung, und sucht andere Länder in Europa, die meinen hohen Ansprüchen gerecht werden können. Die Kanalinseln Guernsey und Jersey kamen mir kurz in den Sinn, aber sie boten zu wenig “Motorrad”. Strickte Geschwindigkeitsbegrenzungen im irrational tiefen Bereich und ein sehr begrenztes Straßennetz – da war nicht genug Substanz für 14 Tage. In Wales ist es auch toll, aber da war ich schon zu oft.

Ist man mental erst einmal in Wales angekommen, so stößt man im Norden auf den Lake District. Wann immer ich im Lake District war, war mein erster Gedanke hey, dass ist hier fast schon so toll wie in Schottland. Warum also nicht mal wieder das Original begucken?

In Schottland war ich zuletzt vor 18 Jahren, und seit 18 Jahren weiß ich um die atemberaubende Schönheit. Prädikat: Genau wie Irland, bloß anders. Durch den Kauf einer Schottland Karte im September 2013 besiegelte ich mein nächstes Reiseziel. Den folgenden Winter verbrachte ich mit der Tourplanung. Mit Finger auf der Landkarte und Street View auf dem Display erarbeitete ich mir die volle Dosis Schottland. Mein Roadbook, ein Amazon Kindle wuchs und gedieh, ebenso wie meine Lust, sofort los zu fahren.

Etwas Ablenkung verschaffte mir mein Wunsch nach Aktualisierung meines zweirädrigen Fuhrparks. Ich fuhr bereits seit 28 Jahren BMW K-Maschinen, und meine aktuelle K1100 RS hatte auch schon 18 Jahre auf dem stählernen Buckel. Zudem fand ich es ziemlich beeindruckend, wie mir Toni mit seiner R1200 GS in Irland die Kurven um die Ohren gehauen hat. Das weckt Begehrlichkeiten. Begünstigt durch die unerwartet frühe Auszahlung einer Lebensversicherung habe ich im März 2014 in München eine gebrauchte R1200 GS K50 erstanden. Sündhaft teuer, versehen mit viel Licht – und auch einigem Schatten – stand sie vor mir, bereit fürs erste Abenteuer.

Fährt man nach Schottland, so stößt man auf irisches Wetter in heftig. Die feuchte Luft über dem Nordatlantik neigt dazu, die erste merkliche Landmasse, die sich ihr bietet, zum Abregnen zu nutzen. Die Berge in Irland fallen im Vergleich zu schottischen deutlich niedriger aus. Oft sind sie zu mickrig, um die Wolken wirklich zum regnen zu veranlassen. Sie heben sich ihren Vorrat lieber für Schottland auf. Reist man nach Irland, so gibt es eine hohe Wahrscheinlichkeit, 1-2 mal gepflegt nass zu werden, in Schottland hat man da 100% Sicherheit. Ein Blick in die Klimatabelle macht also durchaus Sinn.

Wie zu erwarten ist das Ergebnis identisch zu Irland. Mai und Juni sind nicht nur besonders “trocken”, sie liegen auch angenehm weit entfernt von der Hauptsaison (im Juli/August), in der Wohnmobile und andere überflüssige weiße Ware die Highlands verstopfen, und Preise zum Kulminieren bringen. Auch die schottischen Wappentiere, die Midges, sind im Frühsommer noch nicht anzutreffen (so dachte ich zumindest). Möchte man campen, so muß man in Schottland auch berücksichtigen, dass Minusgrade Anfang Mai nicht unüblich sind. Da ich dieses Jahr den Geldspeicher der Familien Klatten und Quandt üppig nachfüllen durfte, wollte ich unbedingt zelten, und terminierte meine Abreise für die letzten Mai Tage. Da ich diesmal alleine reisen würde, plante ich die Anreise über Dünkirchen und Dover, eine Fährverbindung, die man nicht wirklich vorausbuchen muss. Herrscht dauerhaft miese Wetterlage, so fährt man halt zwei Tage später. Nachteilig sind natürlich die fast 700 Fahrkilometer mehr, die gegenüber der Amsterdam – Newcastle Fähre anfallen. Sie tun sogar besonders weh, denn wenn man es rational angeht, so sind es Autobahnkilometer. Will man es wirtschaftlich, so gewinnt trotzdem die Fahrt über Dover:

Vergleich Anreise Vaals bis Loch Lomond/SCO (1 Person)
Potentiell „eckige Reifen“ und Abschreibung Fahrzeug nicht berücksichtigt: Ein Motorradfahrer ist ein Genußmensch, und meist kein Buchhalter
Ausgabe Via Dover Via Newcastle
Fahrkilometer 1.210 540
Benzin €100,- €44,-
Reifen €45,- €20,-
Fähre €19,- €220,-
Übernachtung B&B €50,-
Übernachtung Camping €10,-
Frühstück/EUR €8,- €13,50
Summe €182,-/€222,- €297,50

Reist man hingegen nicht alleine, so ist die Fähre nach Newcastle auf jeden Fall die bessere Wahl.

Das DFDS Paradoxon

Als europäischer Konsument ist man ja viel Leid gewohnt. Man hat erlebt, wie Frau Aigner die Industrie vor dem Verbraucher schützt, wie verständnisvoll unsere Bundesmutti mit ungeladenen “Freunden” im “Neuland” umgeht. Alles, was im Internet statt findet, hat irgendwie den Ruch von Abzocke und Cybercrime. Ich buche nicht gerne Fähren. Buchen hat irgend wie so was Finales. Obs passt oder nicht, man muss an dem Tag fahren. Ich schiebe die Fährbuchung also gerne bis Ultimo vor mir her. Aber wenns dann soweit ist, dann will ich den Bestprice – als praktizierender Geizhals europäischer Prägung. So habe ich meine Preisfindung auf der deutschen Website von DFDS begonnen. Nennen wir’s “Preis A”. Danach das gleiche über die UK Website, “Preis B”. Zum Abschluss dann noch die NL Website von DFDS: “Preis C”.

Preis B war in British Pounds, also noch dem Währungsrisiko unterworfen, aber „Preis C“ war der beste. Zum Zeitpunkt meiner Buchungen €23,- unter dem deutschen Preis – für die exakt gleiche Leistung. Das lindert sogar den Schmerz des überteuerten und miserablen Frühstücks für €13,50. Das Ergebnis ist doppelt erstaunlich, denn die Umsatzsteuer in den Niederlanden ist 2% höher als die in Deutschland. Also, europäisch denken, und über die jeweils günstigste DFDS Website buchen.

Die zweite Frage ist der richtige Augenblick. Ich selbst habe die Passage mit der Newcastle Fähre erst 24 Stunden vor Abfahrt gebucht, zu einem Preis, der deutlich unterhalb dem lag, der noch vor einen Monat aufgerufen wurde. Unterwegs traf ich einen anderen Alleinreisenden, der 3 Monate im Voraus gebucht hatte, und €100,- mehr bezahlt hatte, als ich. Die Preise scheinen stark nachfrageabhängig, und Dienstag – Donnerstag sind deutlich günstigere Fährtage, als die verbleibenden Tage.

Ladungssicherung auf Fähren

Jede Fährgesellschaft hat eigene Spielregeln bei der Ladungssicherung von Motorrädern. Manche übernehmen die komplette Fixierung der Fahrzeuge durch kompetente Decksmanschaft, andere überlassen die Fahrzeugsicherung den Passagieren. DFDS zählt zu den Letzteren. Ist wahrscheinlich eine Haftungsfrage. Spanngurte sind in ausreichender Zahl und Menge an Bord vorhanden, muss man also NICHT selbst mitbringen. Die Einweiser sorgen beim Boarden dafür, dass man direkt zwischen geeigneten Fixierpunkten an Deck landet. Die meisten Motorräder stehen auf dem Seitenständer stabiler als auf dem Hauptständer – aber es gibt auch Ausnahmen. Eine GS steht am besten auf dem Seitenständer, Lenkeranschlag links. Erster Gang rein und 1 Spanngurt quer über die Sitzbank. Das genügt. Ich lege gerne meinen Nierengurt drunter, um Verformungen der Sitzbank zu vermeiden.

Wer mag, kann und darf auch mit mehr als einem Spanngurt arbeiten. Ist aber meistens nicht erforderlich. Ich würde jedoch dringend davon abraten, die Telegabel zu verspannen. Dies hat bei einer stürmischen Überfahrt über die Irische See bei meiner K1100 RS zu Leckage an den Gabeldichtringen geführt.

Kommt ihr nicht klar, so helfen euch andere Motorradfahrer oder die Decksleute weiter. Also, keine Sorgen wegen der Ladungssicherung. Ist wirklich peanuts.

Alleine vs. Mitfahrer

Ohne Frage. Ein(e) mitreisende(r) Kumpel/In hat was. Man kann quatschen, etwas gemeinsam unternehmen, abends ein Bier oder zwei zusammen trinken – und auch im Falle einer Panne (oder gar eines Unfalls) ist man besser im Rudel, als alleine. Dagegen steht, dass man bei einer gemeinsamen Tour natürlich eine Schnittmenge der persönlichen Ansprüche aller Beteiligten bilden, und leben muss. Der eine will eigentlich nur fahren, die andere an jeder Kirche und Ruine anhalten, um tief in die Kultur einzutauchen. Und ich brauche meine Ziggi, spätestens alle 150 km. Und ich bleibe auch einfach gerne mal irgendwo stehen, um eine halbe Stunde ein Loch in die Gegend zu gucken. Einfach so. Reist man alleine, so macht man genau das, wonach einem gerade ist. Im eigenen Rhythmus und nach jeweiliger Tageslaune. Beide Varianten haben also Vor- und Nachteile. Ich reise sehr gerne mit Begleitung, gräme mich aber auch nicht, wenns dann am Ende doch die Solotour wird. Alleinreisende erleben ihr Reiseland wahrscheinlich intensiver.

Bald gehts los

Mitte Mai begann ich, die Großwetterlage über dem Nordatlantik zu verfolgen. Nach dem Katastrophensommer 2012, der Westeuropa unendliche Regenmassen und spätem Schnee in der Eifel bescherte, war ich vorsichtig geworden. Und tatsächlich. Zum geplanten Reisezeitpunkt hielt sich ein großes Schlechtwettergebiet statisch über Schottland. In den Cairgorns gabs gar Minusgrade. Da ich über Dover wollte, war ich terminlich flexibel. Wenigstens ein Vorteil. Neuer ETD: Dienstag, 3. Juni 2014, 6:00 Uhr.

Und tatsächlich, die eine Woche schien meteorologisch Wirkung zu zeigen. Met Office und BBC Weather waren sich einig, alles wird gut. Meine Endorphine gerieten in Wallung. Jetzt für morgen buchen, und ab die Post. Bereits morgen Abend werde ich bei Freunden in Nottinghamshire sein, oder sonstwo im rechtsdrehenden Verkehr. Im Idealfall mit einem Guinness in der Hand.

Irgendwie hatte ich doch Horror vor der langen Autobahnfahrt durch England, denn ich rief erneut die Preise der Ijmuiden – Newcastle Fähre auf. Zu meinem Erstaunen waren alle Varianten an Kabinen verfügbar (einen Monat vorher wurden einige davon bereis als “nur noch 2 verfügbar” markiert), und die Preise waren günstiger, als bei meiner letzten Abfrage. Während ich irgendwas wie “mieses Pack” murmelte, begann ich, die Komfortfähre zu buchen, inklusive “Großem Frühstücksbuffet” für €13,70. Fahre ich halt über Dover zurück. Man gönnt sich ja sonst nix.

Am Vorabend war alles gepackt, die GS vollgetankt und mit den Hufen scharrend. Statt Abreise um 6 Uhr konnte ich mir bis mittags Zeit lassen, denn die Fähre fährt erst am Spätnachmittag ab. Bis Ijmuiden brauche ich nur 2,5 Stunden.

  • Kann es sein, dass wir uns 2014 am Applecross Inn in Schottland über den Weg gelaufen sind? Silberne Transalp mit gelber Gepäckrolle und altem Mann drauf, der zu doof war, die Kreditkartentanke zu benutzen 🙂

    Ich war am Frühstück gescheitert, aber ihr hattet wohl mehr Glück.

    Habe übrigens jede Zeile verschlungen, und meine und deine Reise noch einmal erlebt. Weiter so!

    LG
    Horst Berter

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