Biken in Corona-Zeiten

Jetzt ist neben der Corona Pandemie auch noch der Sommer ausgebrochen, und die Europäischen Regierungen bemühen sich verzweifelt, die Menschen davon abzuhalten, nun in Scharen die typischen touristischen Hotspots ihrer Region anzusteuern. Dies scheint im Großen und Ganzen zu funktionieren, nicht jedoch bei motorisierten und unmotorisierten Zweiradfahrern.



Es schmerzt mich besonders, dies hier zu schreiben, denn ich bin selbst passionierter Biker. Ich triggere nicht auf sommerliche Temperaturen, sondern fahre, wann immer die Straßen schnee- und eisfrei sind. In diesem Winter waren‘s knapp 2500 km. Aber seit Corona bleibt die Kiste stehen – auch wenn mich niemand daran hindern würde, auf meiner Kuh ein einsames Ründchen zu drehen. Belgien ist zwar jetzt weggefallen, aber Deutschland und die Niederlande gehen bislang noch.

Ich darf mein Katzenstreu beim Fressnapf in Aachen kaufen, und meinen Vla beim Aldi in Vaals. Dies ist auch nicht weiter verwunderlich, denn die einschränkenden Maßnahmen sind auf beiden Seiten der Grenze fast identisch. Die offene Grenze ist für die Anwohner der Grenzregion (z.B. mich) ausgesprochen wichtig. Vaals ist der Ort in den Niederlanden mit dem größten Einwohneranteil deutscher Staatsbürger (etwa 30 %), und wer hier wohnt, arbeitet und konsumiert nutzt alle Vorteile der lokalen Euregio. Schon immer.

Vaalser tanken in Aachen Super, Aachener in Vaals Diesel. Kaffee, Obst und Gemüse sind hier besser und günstiger als in Deutschland, Non-Food kauf man i.d.R. besser auf deutscher Seite der Grenze. Da Aachen keinen ernstzunehmenden Wochenmarkt hat, hat sich der Vaalser Markt auch gleich für Aachen mit etabliert, und wird zu nicht-Corona Zeiten von der Gesamtheit aller Aachener im Rentenalter überflutet. Fielen diese weg, so wäre der Markt leer. Und er ist auch leer, denn aktuell bleibt natürlich die Risikogruppe als erste zu hause.

Betrachtet man die aktuelle Folklore auf den Straßen und Wegen der Region, so bemerkt man, dass sich fast alle Menschen an die Spielregeln halten. Sie gehen einzeln, als Paar, oder, in selteneren Fällen, als Familie, und alle halten Abstände ein. Und dann kommt mir eine Rotte von 8 Motorrädern entgegen, und meine Bikerfaust ballt sich in der Tasche.

Natürlich droht keine Infektion, wenn 8 oder 100 Motorräder hintereinander her fahren. Motorrädern in Bewegung ist Nähe nun mal artfremd, abgesehen von den (hoffentlich seltenen) Momenten, die mit 90° Schräglage enden. Die Gruppe legt aber keinen dynamischen Start hin, sondern beginnt mit und bei einem Treffpunkt. Und mit Benzingesprächen, die bei solchen Events völlig unvermeidlich sind. Gleiches gilt für jede Rast entlang der Strecke, jede Zigaretten- oder Tankpause. Am schlimmsten dabei ist, dass sie damit ein Zeichen setzen. Es lautet Wasch mich, aber mach mich nicht nass.

Ein zweites Problem scheint der nervliche Zustand der Biker zu sein. Vom Gefühl her drehen viele deutlich mehr am Kabel als in normalen Zeiten. Bis zu einem gewissen Punkt kann ich dies verstehen. Es ist einfach ein grandioses Gefühl, nach dem unkommoden Winter wieder im Sattel zu sitzen. In der Eifel sind jedoch am letzten Wochenende drei Biker schwer verunglückt. Liegen die jetzt in einem der Intensivbetten, die momentan eigentlich Covid-19 Patienten ein Überleben sichern sollten?

Noch einen Tick besser schafft es die Spandexfraktion der Fahrradfahrer. Im Gegensatz zu den motorisierten Bikern kommen sie einem in Gruppen auf engen Waldpfaden entgegen, mit kärcheresk geblähten Lungen, deren Inhalt möglichst schnell nach draußen gepumpt werden will. Mehr an Horror geht für den coronabewussten Wanderer an dieser Stelle nicht.

Heute lese ich in den Aachener Nachrichten, dass die meisten Menschen, die gestern (entgegen allen Warnungen, dies nicht zu tun) den Rursee besucht haben, vernünftig waren – außer den Bikern. Dazu ein Foto, welches keine Zweifel lässt.

Hier in Vaals ist seit heute die Mergellandroute gesperrt, die wahrscheinlich einzige wahre Motorradstrecke der Niederlande, welche 300 m von meinem Haus entlang führt. Gestern hörte man noch im 10 Sekunden Takt Motoren heulen, heute herrscht dagegen Totenstille. Auch das Dreiländereck auf dem Vaalser Berg ist dicht, und weitere Anziehungspunkte des regionalen Tourismus werden folgen. All diese Maßnahmen werden ergriffen, weil man uns nicht zutraut, die Regeln einzuhalten. Und im Umfeld der Fahrrad- und Motorradfahrer hat man damit vielleicht sogar Recht.

Herr Seehofer möchte gerne weitere Grenzen schließen. Z.B. meine. Dies mag in Bayern – mit Blick auf Italien – durchaus sinnvoll sein, aber es ist völlig sinnlos, wenn beide Staaten gleiche Regeln teilen – wie im Falle von Deutschland und den Niederlanden. In der Köpfen der Menschen hat diese Grenze längst keine Bedeutung mehr. Jetzt berät man beiderseits der Grenze, ob man sie vielleicht doch schließen sollte. Und jede Bikergruppe, die jetzt noch fährt, könnte das Zünglein an der Waage sein.

Ich denke, eine Solorunde durch die nähere Umgebung ist völlig ok. Ich weiß, wie sehr so was geeignet ist, den Kopf mal wieder frei zu kriegen. Meine dringende Bitte: Tut dies alleine, und meidet motorradspezifische- oder touristische Brennpunkte. Riskiert nicht ein generelles Motorrad-Fahrverbot.

Glückauf – und bleibt gesund!

  • Hier bei uns in Heimbach scheint es kein Corona Problem zu geben. Hunderte Biker wie in normalen Jahren. Es ist zum kotzen.

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