Corona App

Datenschutz ist eine tolle Sache, und ich sehe alle Maßnahmen, diesen einzuschränken, mit großer Sorge. Sogenannte soziale Netzwerke sind für mich der blanke Horror, und Videoüberwachung mit Gesichts- und Kennzeichenerkennung per KI gehören für mich zu Folterinstrumenten aus dem Vorhof der Orwell‘schen Hölle. Normalerweise. Soll heißen, wenn es gerade keinen Grund gibt, sich jeglichen Datenschutz gepflegt in den Dickdarm zu schieben.


Was bisher geschah

Als ich noch in vollem Saft stand, in den Jahren 1981 – 1987, bemühte sich die damalige BRD um eine Volkszählung. Diese scheiterte gekonnt an der Sorge der Bevölkerung vor dem großen Bruder, der sich tatsächlich erdreistete, Fragen nach Familienstand, Ausbildung und Wohnumfeld zu stellen. Daten, die der Bund unter anderem für den Länderfinanzausgleich benötigte. Angetrieben von FDP und Grünen wurde das Ansinnen 1983 durch das Bundesverfassungsgericht gestoppt. Der darauf hin drastisch entschärfte Fragebogen wurde 1987 erneut von großen Teilen der Bevölkerung boykottiert – die Volkszählung endete in einem Fiasko. Dafür war der Datenschutz geboren, der mich heute beschäftigen soll. Nochmals: Ich rede von einer Zeit, als Bürger noch ihr Hirn benutzten. Ich spreche also von einer sehr lange zurück liegenden Vergangenheit.

Cut

Seit den Nullerjahren erlebe ich mit großem Entsetzen, wie Milliarden von Facebook-, Google-, Instagram– und WhatsApp Nutzern ihre persönlichsten und intimsten Daten mit großer Inbrunst vor die Füße der übelsten Datenkraken spucken. Die Datenschutzhinweise von Big Data werden ungelesen und binnen Millisekunden akzeptiert, und ab die Poscht. Fun beats Privacy. App an, Hirn aus. Das absolute Rest-Minimum an Datenschutz wird vom Staat und/oder der EU erzwungen. Institutionen also, denen man jetzt, wo es tatsächlich um Leben oder Tod geht, nicht vertrauen will. Das ist kafkaesk.

Aktuell fühlt sich jeder Nerd berufen, durch immer neue Einwürfe das Projekt Corona App zum erstarren zu bringen. Vielleicht sollte man den Digitalexperten einmal nahe legen, dass derzeit die Welt brennt – und das nichts ist, wie es mal war. Diese Erklärung scheint nötig, denn ein nicht unerheblicher Teil dieser Nerds verlässt auch in Nicht-Corona Zeiten selten das heimische Biotop. Solange das Virus nicht bereit ist, meine Privacy zu respektieren, sollte die Funktionalität der App ausschließlich durch Epidemiologen und Pandemieexpterten festgelegt werden. Dabei gilt hier deutlich das Prinzip mehr hilft mehr. Mit einem Gehirntumor gehe ich zu kompetenten Ärzten, und nicht ins Nagelstudio.

Viele unserer verfassungsmäßigen Rechte sind derzeit stark eingeschränkt. Aus gutem Grund. Die Angst, mit einer singulären und ereignisbezogenen App einen bösen Geist für immer aus der Flasche zu lassen, ist stark konstruiert und weltfremd. Niemand ist gezwungen, die App zu nutzen. Niemand ist gezwungen, Bluetooth zu aktivieren oder das Smartphone immer dabei zu haben. 8-10% der Bevölkerung könnten die App nicht nutzen, da sie erst gar kein Smartphone besitzen. Die Wirkung einer solchen App basiert auf freiwilliger Teilnahme. Und wer daran nicht teilnehmen will, hat wohl den Knall noch nicht gehört.

Wenig hilfreich ist (erneut) der nationale Ansatz. Jedes EU Land bastelt sich seine eigene App. Das ist völlig weltfremd, denn in den Grenzregionen und Euregios tummeln sich Teilnehmer aus vielen Ländern. Ziel soll es ja auch sein, Grenzschließungen bald wieder aufzuheben. Was hilft mir eine nationale App, wenn ich Kontakt mit einem Infizierten aus Belgien hatte?

In asiatischen Corona Apps – die mehrheitlich auf Datenschutz scheißen – sehe ich infizierte Personen oder Haushalte in Kartendiensten – und dies in Echtzeit. Ich kann also Kontakte, die für mich unkommod enden könnten, tatsächlich vermeiden. Beim europäischen Minimalkonsens zu einer Corona-App werde ich erst informiert, wenn es (für mich) zu spät ist. Ist für die Teilnahme wahrscheinlich genau so motivierend, wie die Forderung nach einem Mundnaseschutz, der nur Dritte schützt. Trotzdem macht mein Kontakt im Big Picture absoluten Sinn. Man muss keine Begegnungen mühsam recherchieren, sie wurden bereits automatisch angeliefert. Mir wäre zwar die asiatische Variante lieber, aber die wäre bei uns nie durchsetzbar.

Momentan wird alles wieder gelockert, und ich erlebe täglich, wie sorglos die Menschen gegen sinnvolle Maßnahmen verstoßen – und dies in deutlich steigender Zahl. Den seriöseren Epidemiologen rollen sich die Fußnägel hoch, wenn sie den Neo-Populisten Laschet von Rücknahme der Beschränkungen schwadronieren hören, und selbst der Bundesmutti wird davon Graus und Bang. Die Reproduktionsrate wird erneut steigen, und sie wird dies voraussichtlich drastischer tun, als gut für uns ist. Im Gegensatz zur ersten Welle, die aus einzelnen Viren-Hotspots entstand, haben wir jetzt eine großflächige Verteilung über ganze Länder hinweg. Wenn jetzt das Feuer wieder entfacht, sitzen wir ganz schnell im nächsten Lockdown, und die Wirtschaft geht noch mehr vor die Hunde.

Eine App macht Sinn. Die Teilnahme an der App macht Sinn. Und – wenn‘s nach mir ginge – auf den Datenschutz sei dabei geschissen. Die Herren Lindner und Laschet bräuchten sie ja nicht installieren. Für alle Anderen wäre es ein Weg aus dem ansonsten noch lange währenden Lockdown. Aber anstatt längst auf jedem Smartphone installiert zu sein, zanken sich Kreti und Pleti über lokale vs. dezentrale Speicherung der Daten oder andere Nickeligkeiten, die in naher Zukunft noch mehr Leben kosten könnten.

Ich glaube, es war der großartige Schweizer Kabarettist Emil Steinberger, der einmal als Feuerwehrmann einen Notruf entgegen nahm. Er ließ sich die Größe des Feuers schildern (war noch nicht so groß), und machte sich während des Telefonats Sorgen, dass das Feuer nicht mehr brennen könnte, wenn die Löschmannschaft eintrifft. Bitte halten Sie das Feuer am brennen, damit es sich noch lohnt, vorbei zu kommen. Genau dazu sehe ich Parallelen, wenn‘s um die Corona App geht.

Just my 5 cents.

Bleibt gesund – und haltet Distanz!

  • Neben Schutzmaßnahmen und höheren Testkapazitäten ist die schnelle Erkennung von Infektionswegen der dritte Schlüssel hin zu einer „relativen Normalität“, in der wir, über einen längeren Zeitraum, unser Gesellschafts- und Wirtschaftsleben am laufen halten können.

    Die Betonung liegt hier auf „schnelle Erkennung“. Dies erfordert zentrale Möglichkeiten zur Auswertung.
    Die Angst, dass eine zentrale Datenspeicherung für Deutschland weniger sicher sein sollte, als zentrale Datenspeicherung für eine kleinere Region erschließt sich mir nicht. Steuerdaten , Gesundheitsdaten, Kontodaten, etc.werden alle irgendwo zentral gespeichert,.
    Wichtig wäre mir nur, dass die Daten anonymisiert sind und dass die Daten nach dem Stand der Technik geschützt werden.
    100 prozentige Daten-Sicherheit wird es nie geben.

    Ich setzte deshalb den Gesundheitsschutz und die Absicherung unserer wirtschaftlichen Existenz über das Risiko eines immer denkbaren Datenklaus oder Datenmissbrauchs.

  • Asiaten wissen mit Pandemien umzugehen, denn sie haben schon einige durchlitten. Sie stellen diszipliniert persönliche Freiheiten (wie das Recht auf immer währende Bespaßung) zurück, um andere zu schützen. Die Erfolge dieser Mentalität kann man an der Infiziertenstatstik ablesen.
    In Europa tummeln sich viele Egomanen und „Experten für alles“. Hier wird alles, was aus der misslichen Situation heraus führen kann, von Anfang an boykottiert und kaputt diskutiert. Die Quittung wird dann in 3 Wochen nachgereicht und Menschen mit wachem Verstand können sich ausmalen, wie die wohl aussehen wird. Ich denke, die anstehende App wird so lange weich diskutiert, bis sie völlig wirkungslos ist. Was Europa jetzt braucht ist Vernunft und ich befürchte, dass es davon nicht genug gibt. Am Ende könnte Darwin recht behalten. Wir Europäer wären nicht die erste Hochkultur, die von einem Virus ausgelöscht werden könnte.

    • Ich vermute, du sprichst von Darwins „Survival of the fittest“. In der Natur sind dies entweder die körperlich Fittesten (in Corona Zeiten die unter 50) oder die intelligenteren einer Spezies, die durch besonnenes Verhalten ihre Auslöschung verhindern. In der aktuellen Pandemie hilft Intelligenz und persönliche Besonnenheit nur bis zu einem gewissen Punkt, denn man kann sehr schnell von dummen Menschen infiziert werden. Und genau diesen gehen die bewusst langsam voran getriebenen Lockerungen nicht schnell genug.

  • Es soll jetzt doch dezentral und anonym gespeichert werden. Hier steht, wie es gehen soll:
    (falls der Link nicht klappt, einfach nach „Github DP-3T comic-de.pdf“ suchen)

    Etwa 60% der Bevölkerung müssen mitmachen, damit es Wirkung zeigen kann.

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