Coronabrot

Lust am Einkauf ist mir völlig fremd, zumindest wenn es um den so genannten täglichen Bedarf geht. Auch ohne Viren in aller Munde habe ich diese, für Männer oft unkommode Beschäftigung, auf einen Tag pro Woche reduziert. In dieser Woche ist mir dies misslungen. Denn: Donnerstags gibt‘s keine Bauernkruste.



Ich hätte natürlich heute, am Freitag, fahren können. Aber für heute war die Urnenbeisetzung einer lieben Freundin unseres Grufti-Motorradstammtischs geplant, der wir eigentlich (mit nötigem Abstand untereinander) die letzte Ehre erweisen wollte. Nein, sie ist nicht an Covid-19 verstorben. Ihr Tod war aber dennoch tragisch – und vermeidbar. Da ich gestern noch nicht wissen konnte, dass Bestattungen mittlerweile gesetzlich auf den engsten Familienkreis beschränkt sind, beschloss ich, am Donnerstag den Einkauf zu erledigen. Jetzt wird eine Urne vielleicht genau von denen versenkt, die ursächlich für ihren frühen Tod sind. Live stinks – and death as well.

Im Kaufland kurz hinter der niederländischen Grenze (aus eurer Sicht davor), stieß ich auf die ersten Maskenträger. Ein asiatisches Pärchen, mutmaßlich Studenten an der RWTH, stapften mit großem Sicherheitsabstand und aufgepfropftem Mundschutz durch die Gemüseabteilung. Jetzt weiß man natürlich, dass viele Asiaten bereits mit Mundschutz geboren werden. Ob gegen täglichen Smog, Sars, H5N1, R2D2 oder eine andere Seuche des Augenblicks – bei Asiaten ist dieser Anblick völlig normal.

Kurze Zeit später wurde mir bewusst, dass auch etwa 10% der anderen Kunden mit Mundschutz unterwegs waren. Geeignet gegen Viren war keiner davon, denn es waren eher die normalen Spuckschutzbinden, die über keinerlei Filterwirkung verfügen. Ein junger Mann hatte sich gar einen ultralangen Schal um den Mund- und Nasebereich gewickelt, ganz nach dem Motto: Viel hilft viel. Er wirkte wie ein kopfstehendes Michelinmännchen am Rande des Erstickungstodes.

Man konnte die Angst, die viele Menschen derzeit empfinden, aus den Gesichtern ablesen. Ich denke, dass auch mein Antlitz nicht mehr so entspannt wirkt, wie noch vor 4 Wochen. Aber ich bekämpfe erfolgreich Panikreaktion, die rationales Handeln fast immer verhindern.

Früher hatte Kaufland regelmäßig gute Sonderangebote bei Katzenfutter. Dies ist seit etwa 14 Monaten Geschichte. Wenn es noch Angebote gibt, betrifft dies fast immer Sheba, welches nicht nur ungesund für Katzen ist, es ist auch noch dermaßen überteuert, dass man es nur unter Rotlicht verkaufen sollte. Deshalb betrete ich diesen Laden nur noch, wenn es andere attraktive Produkte zum schlanken Preis gibt. Heute war dies Milka Schokolade (EUR 0,59). Der Genuss von Schokolade setzt Endorphine frei. Kleine Glüxhormone, von denen man in Krisenzeiten nicht genug bekommen kann. Der Rest der Bevölkerung zieht diese derweil aus Klopapier, was wahrscheinlich deutlich kalorienbewusster und veganer ist.

15 Tafeln Noisette (die jetzt Marisa heißt – warum auch immer) und 10 Tafeln Nuss später stand ich an der Kasse. Obwohl ich sie sortenrein gestapelt hatte, zog der junge Kassierer Tafel für Tafel über den Scanner – und guckte mich dabei misstrauisch an. Ich erklärte ihm mit ruhiger und akademisch-tiefer Stimme, dass amerikanische Wissenschaftler unlängst herausgefunden haben, dass Hamster und Klopapier nicht gegen Corona helfen, Schokolade hingegen schon. Endlich konnte ich auch mal diese Welt um einen Hoax bereichern. Ein gutes, analoges Gefühl – und dies ganz ohne Seelenverkauf bei Facebook. Zum Misstrauen des Kassierers hatte sich mittlerweile auch noch grenzenlose Verwirrung gesellt. Er fragte noch nicht einmal, ob ich Treuepunkte sammle. Ich hätte die Frage eh verneint, denn Treuepunkte machen – artbedingt – nur bei großem, zeitlichem Vorlauf zu einer Apokalypse Sinn.

Um 7:55 Uhr stand ich endlich vor‘m Aldi. Sonst ist man hier zu dieser Uhrzeit völlig alleine, doch heuer wartete bereits eine 15 Meter lange Schlange auf Einlass. Vorwiegend bestehend aus der Risikogruppe der Alten und Schwachen (temporär entsprungen aus der nahe gelegenen Altenverwahranstalt), doch auch einige junge Menschen waren darunter. Alle hielten so viel Abstand zueinander, dass es für Neuankömmlinge unmöglich war, noch einen Parkplatz anzufahren. Als eine Frau dies tatsächlich versuchte, ging eine alte Schachtel förmlich auf sie los. Hier hingen viele Nerven blank, und ich beschloss, 15 Minuten im Auto zu warten, um nicht von der Welle dieses Wahnsinns weg gespült zu werden. Ich hörte Zombie von den Cranberries, und ich hielt dies für eine exzellente Wahl. Nach meiner kleinen Pause hatte ich den Laden fast exklusiv.

Ich mag Aldi sehr, denn Aldi beschäftigt intelligente und hochprofessionelle Mitarbeiter/innen. Im Kaufland brauche ich für 3 Artikel 30 Minuten, im Aldi schaffe ich einen prallen Wagen voll in 8 Minuten. Und so auch heute. Alles war da, lediglich der Klopapierstapel war etwas dezimiert durch die erste Panikrentnerwelle. Mir fiel eine junge Frau auf, die nicht nur eine wirklich virenresistente Atemschutzmaske trug, sondern gar eine Laborbrille vor den Augen und Latexhandschuhe an den Händen. In ihrem Wagen lag eine Babytrage, gefüllt mit Einkauf statt mit Baby. Die Frau hatte blanke Panik in den Augen und lief vor jedem weg, der ihren Gang benutzen wollte. Sie tat mir leid, denn ihre Angst muss ihr gerade die Hölle auf Erden bereiten.

Beim Zahlen bedankte ich mich bei der Kassiererin für ihren Einsatz. Sie wissen, dass sie im Moment systemrelevanter sind, als jeder Bundespräsident? Bleiben sie gesund! Die Kassiererin lächelte mich an und wünschte auch mir Gesundheit. Wir verstanden uns auch ohne große Worte.

Jetzt hätte ich eigentlich nur noch ein Brot beim Bäcker meines steigenden Unvertrauens im Eingangsbereichs des HIT Marktes an der Vaalser Straße kaufen müssen. Eine Bauernkruste. Für mich die einzig genießbare Backware in deren Portfolio, da sie zumindest noch so aussieht, wie man sich ein echtes Brot vorstellt. Die Optik täuscht jedoch darüber hinweg, dass auch dieses Produkt aus einer industriellen Backfabrik kommt, in welcher Enzyme gekonnt dafür sorgen, dass der Teig sich nicht durch reifen inkommodieren muss. Das, was man isst, ist also optisch korrekt – und man muss trotzdem herzhaft furzen, wenn man es konsumiert hat. Ganz anders sieht dies aus bei Brot, welches man noch bei richtigen Bäckern in der nahen Eifel kaufen kann. Zumindest bei denen, die noch nicht Teil der Aachener Backwarenmafia sind. Da es ohne Furzenzyme hergestellt wird, ist es auch 30% günstiger, und hält sich doppelt so lange. Im Moment ist die nahe Eifel leider unerreichbar weit weg.

Donnerstags gibt‘s aber eh keine Bauernkruste. Irgend ein BWL Cleverle hat ausgerechnet, dass man durch diese Maßnahme pro Brot 0,01 Cent mehr verdient. Ich fuhr also brotlos heim, um mein gebackenes Manna morgen, also genau genommen heute, kaufen zu fahren.

Um 9:30 Uhr sattelte ich meine Kuh und fuhr zum HIT. Vaals war deutlich leerer als sonst, aber keinesfalls menschenleer. Im HIT standen drei kurze Schlangen mit großem Abstand zueinander – direkt vor der langen Backwarentheke. Genau so, wie‘s aktuell gerade opportun ist. Ich wählte die mittlere. Jetzt geschah etwas, was in den 62 Jahren meines Lebens noch nie geschehen war. Meine Schlange baute sich schneller ab, als die anderen zwei. Da meine deutschen Gene rücksichtsloser Ausnutzung von Vorteilen schon längst durch Wohnsitzverlegung in die Niederlande verdünnt waren, wies ich auf die Frage wer ist der Nächste deutlich (gestisch wie akustisch) auf die Schlange rechts neben mir, und trat einen Schritt nach Links. Diese Schlange bestand zu dem Zeitpunkt aus einem einzelnen Mann in den frühen 40ern. Er wirkte (zumindest optisch) weniger doof als viele Andere und stand mit mindestens 5 m Abstand zur Theke. Er bedankte sich nicht etwa bei mir, sondern fuhr mich böse an, ich solle gefälligst beiseite gehen. Ich guckte ratlos an der etwa 8 Meter langen Theke entlang, die menschliche Lücken von mindestens 2,50 m Breite aufwies, und sagte ruhig: Was hätte ich ihrer Ansicht nach besser machen können, als auf sie zu verweisen? Aus 5 Meter Abstand erreichten mich seine hasserfüllten Worte: Treten sie beiseite, gehen sie von der Theke weg!. Seine Stimme war jetzt etwa eine Oktave höher, und überschlug sich multipel.

Als mir ein Armer Psycho raus rutschte, setzte kurzer Szenenapplaus anderer Kunden ein. Keine Frage, auch dieser Mann wird eher an einem Magengeschwür zugrunde gehen als an Covid-19. Nur diesmal hielt sich mein Mitleid in Grenzen.

Aus 4 Meter Distanz schrie er seine Bestellung über die Theke, und es schien, als würde er beim Abholen und Bezahlen wirklich die Luft anhalten. Er wurde zumindest immer röter im Gesicht. Dann machte er auch noch eine alte Dame an, die es wagte, mit nur 3 Meter Distanz seinen Weg zu kreuzen. Man glaubt es nicht. Bringt Jod und heißes Wasser!

Die Bäckerthekenfachverkäufermanschaft im Hit zu Aachen hat seit kurzem einen neuen Mitarbeiter. Dunkle Haut, vielleicht ein Flüchtling, und ausgefallen freundlich, lustig und angenehm. Beim letzten Brot – vor einer Woche – hat er mir durch sein Verhalten den Tag gerettet. Heute hatte ich weniger Glück. Ich bekam statt dessen den größten Honk des Ladens. Bäckereithekenfachverkäufer/Innen sind angehalten, Brot und Backwaren nicht mit bloßen Händen anzupacken. Statt dessen greifen sie es mit einem Papierchen. Und just diesem Papierchen waren meine Blicke schon einige Zeit lang gefolgt. Mal griff er das Brot mit der einen Seite, mal mit der anderen. Einmal fiel es sogar runter, und er hob es wieder auf. Zudem wirkte er total unbeholfen und berührte das Brot mehrfach mit den Fingern, während das zerknüllte Papierchen an seinen schwitzenden Händen klebte. Händen, mit denen er schließlich auch kassierte. Leider hat die WHO bislang nur mitgeteilt, wie lange sich Covid-19 Erreger in der Luft, auf Edelstahl- und Kunststoffoberflächen halten. Ich hätte aktuell lieber eine Halbwertszeit für Brot. Aber dazu später mehr.

Heute ist ein grauer Tag. Verschwunden ist die Sonne der letzten Tage, und die Temperatur lag bei nur 7°C, während bleierner Nebel über der Landschaft dümpelt. Trotzdem hatten die wenigen Kilometer von meinen Latifundien in Vaals zum Einkaufen in Aachen dazu geführt, dass ich mein Motorrad noch etwas ausführen wollte. Motorradbedingte Endorphine sind bekanntlich wesentlich wirkungsvoller als die von Schokolade oder gar Klopapier. Nicht die direkte Heimfahrt nach Raren sollte es werden, sondern der kleine Umweg (12 km) über meine Hausstrecke. Da mein schönes Königreich an seinem südlichen Zipfel quasi nach Belgien rein erigiert, bleibt meiner Hausstrecke nur der mehrmalige Grenzübertritt nach Großfrittanien. Ohne solche wäre sie eine Einbahnstraße. Belgien hat derzeit schon genau das, was uns erst nächste Woche droht: Totaler Lockdown mit Ausgangssperre. Jetzt ist Belgien eher ein putziges Königreich, wo es auch Regeln gibt – an die sich dann aber später niemand hält. Wo auch immer jemand in der Nähe einer Straße eine Schippe in den Boden steckt, wird sofort eine Baustelle ausgewiesen, und mit Tempo 30 Schildern plakatiert (die danach grundsätzlich nie aufgehoben werden). Fährt man hier tatsächlich 30 km/h, so setzt sofort ein Hupkonzert ein, und man wird gefährlich überholt. So wird es auch mit der Ausgangssperre sein.

Ich entschied, dass meine kleine Hausrunde Belgien bestenfalls touchiert, und das eh niemand an der winzigen Nebenstrecke nach Gemmenich stehen würde. Anders wären die 20% belgischen Autos vor dem Aachener Aldi nicht erklärbar gewesen. Ich sollte mich aber gewaltig täuschen. Bereits 10 Meter hinter dem Grenzstein war die Straße gesperrt, und ein Polizist bat mich freundlich, zu wenden – was ich natürlich auch umgehend tat. Ich dampfte also Strecke samt Endorphinausstoss etwas ein, und schraddelte lustbetont durch die niederländischen Wälder meines Hausbergs. Das war sehr schön und damit geeignet, einen Lagerkoller noch etwas hinaus zu zögern.

Zu Hause angelangt erinnerte ich mich an mein veritables Brotproblem. Bauernkruste à la SARS-CoV-2? No Way. Ich gab der Bauernkruste weitere 10 Minuten bei 150°C im Umluftherd. Besser Acrylamid als Covid-19 🙂

Glückauf – und bleibt gesund!

  • Auch wenn der Anlaß schrecklich ist. Ich finde es gut, daß du das Blog wieder neu belebst. Wir brauchen alle im Moment etwas Ablenkung und deine Geschichten sind gut dafür geeignet.
    Bitte unbedingt weiter machen!

    Bleib gesund!

    Bernd

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