Mobiler Backup auf Reisen

Foto- und Videografen kennen das Gefühl: Was ist, wenn die Speicherkarte meiner Kamera einen plötzlichen Tod erleidet? Das geschieht leider häufiger als man denkt, und ohne Backup führt es zum Totalverlust aller Aufnahmen. Mich hat dieses Schicksal bereits drei mal in 8 Jahren ereilt, und dies führte stets zu einer unangenehmen Grundstimmung auf all meinen Reisen. Keine Frage: Eine mobile Backup Lösung musste her.

Neben dem völlig unerklärlichen, plötzlichen Tod von Flash-Speichermedien gibt es verschiedene Szenarien, die – selbst verursacht – zum Ableben der Daten führen können. Am PC reicht es bereits oft, die Karte zu entnehmen, ohne sie vorher vom Betriebssystem abzumelden (Auswerfen, Unmount). Genau das gleiche ist bei Kameras erforderlich. Hier geschieht es aber automatisch nach dem Ausschalten der Kamera. Viele Kameras schreiben aber noch Daten auf die Karte, wenn die Kamera bereits ausgeschaltet ist. Oft leuchtet in diesen Situationen eine kleine LED, die man leicht übersehen kann. In solchen Situationen hilft der schönste Backup nichts. Fotografen kennen aber i.d.R. diese Fallstricke, und vermeiden sie.

Die Aufgabe

Mobiler und zuverlässiger Backup all meiner Speichermedien auf einer Motorradreise, deren Nächte auch gerne in einem Zelt (ohne 230 V Stromversorgung) statt finden können.

Der Haken

Alles, was mit irgend einer Art Gefummel verbunden ist, wird i.d.R. auf einer Reise nicht gemacht. Dies ist zumindest meine Erfahrung.

Die Rückversicherung

Was ist, wenn während der Reise die mobile Festplatte stirbt? Klare Antwort: Dann ist ebenfalls alles weg. Aus diesem Grund reise ich mit einem großen Fundus an (schnellen, 4K geeigneten) Speicherkarten. Ist eine dieser Karten voll, so führe ich den Backup durch, und ersetze sie durch eine leere Karte. Erst wenn mein Kartenvorrat zur Neige geht – und dies war noch nie der Fall – formatiere ich die älteste Karte neu, um sie erneut zu nutzen. Auf diese Weise habe ich alles doppelt – und genau diese Redundanz ist ausgesprochen beruhigend.

Meine Datenquellen

1x Xiaomi Yi 4K Plus Action Cam (16 – 64 GB micro SD, exFAT)
1x ISAW A3 Extreme Action Cam, FHD (4 – 64 GB micro SD, fat32/exFAT)
1x Medion MD 87205 Action Cam, FHD (4 – 32 GB micro SD, fat32)
1x Panasonic DMC-FZ2000 1“ 4K Systemkamera (16 – 256 GB SD, exFAT)
1x Drohne Djy Mavic Pro 4K (16 – 128 GB micro SD, exFAT)

Problem exFAT

Speicherkarten stoßen bei 32 GB mit FAT/FAT32 an ihre jeweiligen Grenzen. Zudem ist die maximale Dateigröße auf 4 GB limitiert. Speziell für Flash-Speicher hat Microsoft deshalb ein proprietäres Dateisystem namens exFAT geschaffen, welches, ähnlich wie NTFS, diese Limitierung umgeht. Dritthersteller unterliegen Lizenzübereinkünften und Patenten von Microsoft, müssen somit für die Nutzung des exFAT Standards zahlen. Für alle bekannten Betriebssysteme ist dies erfüllt, nicht jedoch für alle Standalone Backup Systeme.
exFAT ist tatsächlich nur für Flash-Speichermedien gedacht. Bitte niemals eine Festplatte damit formatieren – auch wenn es geht. Benötigt man Dateien > 4 GB, so bietet sich z.B. NTFS an.

Der erste Ansatz – ein Stand-Alone Backup System

Natürlich gibt es in der heutigen Welt für jedes Problem eine fertige, technische Lösung. Nach kurzer Internet Recherche fand ich zwei Produkte, die mein Problem auf intelligente Weise erschlagen sollten: Intenso Memory 2 Move Pro und WD My Passport Wireless. Beide Festplatten lassen sich sowohl per WLAN als auch per USB 3.0 mit einem Host System koppeln, und verfügen zusätzlich über einen integrierten Kartenleser. Ich benötige unterwegs kein WLAN (zu langsam, zu stromfressend, zu fummelig) und (bei einem Stand-alone System) eigentlich auch kein USB 3.0. Mich interessierte ausschließlich die mobile Backup Funktion für SD Karten. Karte rein, Button drücken, zurücklehnen (oder Essen gehen) – und dies bitte betriebssicher. Die Rezensionen zu beiden Produkten auf Amazon waren dann jedoch ziemlich ernüchternd. Speziell die, welche meine Kernaufgabe betreffen. Da ich sicher kein typischer Rücksender bin, habe ich im Bekanntenkreis nach einer dieser beiden Backup Lösungen gesucht. Ein Kumpel aus der Nikon Fotocommunity hatte unlängst ein Intenso Memory 2 Move Pro erstanden, aber noch nicht ausgiebig getestet. Er schien fast froh, dass ich diesen Test gerne ausführen würde. Per Post bekam ich die Festplatte zugeschickt.

Der erste Eindruck: Durchaus wertig, mit guter Haptik. Die wesentliche, maximale Schreibgeschwindigkeit wurde mit 75,00 MB/s angegeben. Dies klang sehr ambitioniert. 1 TB war mehr als ausreichend. Was mich sehr erstaunte war das vorhandene FAT32 Dateisystem. Wie soll so was mit Dateien von 30 GB klar kommen? Fragen über Fragen. Bullshit talks, experience walks. Ich hatte Testmaterial auf allen Cams vorbereitet, und begann mit den (vergleichsweise kleinen) FHD Aufnahmen der einfachsten.

Die primitivsten Dateien der Medion Kamera (32 GB micro SD, fat32, Dateigröße max. 4 GB) wurden auf doppelten Knopfdruck tatsächlich transferiert. Dies jedoch mit einer (durchschnittlichen) unterirdischen Transferrate von gerade einmal 7 MB/s. Es beginnt schneller, aber die Transferrate sackte später gravierend ab. Der Verdacht keimt auf, dass der integrierte Kartenleser wohl eher über USB 2.0 angebunden ist. Zudem wurde natürlich auch das Dateidatum verändert. Dies war aber kein Problem, denn die eingebetteten Meta-Daten blieben wie erwartet erhalten.

Bei der ersten, exFAT formatierten Karte, fand gar kein Kopierprozess statt. Konnte es etwa sein, dass das Gerät kein exFAT unterstützt? Ich prüfte die verfügbaren Downloads auf der Intenso Seite. Nix im Angebot. Also kontaktierte ich den Support, und erhielt nach 2 Tagen eine beta Firmware (Version 2.000.042), die exFAT unterstützen sollte. Ich holte mir von meinem Kumpel das OK, die Firmware einspielen zu dürfen. Nach dem Update formatierte ich die Platte auf NTFS, um auch Dateien > 4 GB. transferieren zu können. Die erste 5 GB Datei wurde danach auf Knopfdruck transferiert. Dies dauerte erneut fast 12 Minuten. Bei der zweiten Datei (14 GB) begann der Kopierprozess, brach aber nach 15 Minuten still und leise ab. Nach Anschluss der Platte per USB stellte sich heraus, dass die Zieldatei 0 Byte lang war. Die 128 und 256 GB Karten aus meiner Panasonic führten direkt zu einem Fehler. Ich versuchte es trotzdem noch einige weitere Stunden, mit folgendem Ergebnis: Dateien > 10 GB scheiterten weitgehend reproduzierbar. Kleinere Dateien klappten manchmal, aber nicht immer. Inkrementaler oder selektiver Backup war gar nicht erst vorgesehen – kopiert wird immer die komplette Karte. Der interne Akku schien während des Betriebs nicht nachladbar. Bei meiner Test-Platte ging ihm nach 170 Minuten die Lampe aus – was ebenfalls zu Verlust der zu transferierenden Dateien führte (kein Resume). Zwei aus fünf erfolgreich transferierte Video Dateien waren nicht mehr abspielbar. Der Transfer einer großen Zahl RAW Dateien brach mittendrin ab. Mein Resümee: Schon in der sauberen Umgebung eines heimatlichen Schreibtischs vollkommen unbrauchbar.

Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht. Eines war klar. Einem solch unzuverlässigem Backup Medium würde ich meine Dateien nicht anvertrauen. Eine Alternative musste her.

Anmerkung: Dieser Test wurde im März 2018 durchgeführt. Es ist nicht auszuschließen, dass eine neuere Firmware zu besseren Ergebnissen führt.

Ich fand sie in einem US-amerikanischen Motorradreise Forum, und sie war geradezu banal.

Der zweite Ansatz

Benötigt wird:

1x Smartphone oder Tablet mit USB Anschluss (bei mir ein Nokia Telefon mit pure Android 8)
1x OTG Hub mit 3 USB 2.0 Ports und integriertem Kartenleser (z.B. Inatek, EUR 7,55)
1x 2,5“ USB 3.0 HDD 1 TB. (z.B. WD Elements, EUR 42,-)

Das zentrale Element ist der OTG Hub. Er erlaubt den Anschluss beliebiger USB Geräte an ein Smartphone. Da ein solches nicht in der Lage ist, eine Festplatte mit ausreichend Strom zu versorgen, liegt dem Hub ein Anschlusskabel für eine USB Stromquelle bei. Dies kann ein normaler USB-Ladeadapter sein (falls 230 V verfügbar), eine Power-Bank, oder wie in meinem Fall, ein als Power-Bank missbrauchter Flug-Akku meiner Drohne.

Schließt man alles an, so werden die Partitionen (2,5“ Festplatte und SD-Karte im Kartenleser) automatisch unter Android eingebunden. Der Android Dateimanager sieht direkt die Medien, und erlaubt sowohl die individuelle als auch die komplette Kopie der SD Karte. Somit ist auch ein inkrementaler Backup problemlos möglich. Ich konnte auf Anhieb alle SD-Karten fehlerfrei kopieren. Eine 42 GB Datei meiner 4K Action Cam lies sich in 2h:42s übertragen – und dies makellos. Nach dieser Kopieraktion verfügte der Flugakku noch über 86% seiner Ladekapazität, das Smartphone (welches während des Transfers nicht geladen wird) noch über 82%.

Auf meiner gerade beendeten Alpentour sind insgesamt ca. 250 GB angefallen. Kopiert habe ich etwa jeden dritten Abend. Am Ende der Tour habe ich den gesamten Inhalt meiner Festplatte in einem Rutsch auf eine zweite Platte gleichen Typs übertragen, die einem Kumpel gehörte. Auch dieser Transfer verlief ohne Auffälligkeiten – dauerte aber fast die ganze Nacht. Selbst bei dieser Brachialaktion verfügten sowohl das Telefon als auch der Flugakku am Morgen noch über ausreichend Restkapazität.

Ein nicht zu unterschätzender Vorteil ist die Tatsache, dass man alle transferierten Dateien auf dem Smartphone testen kann. Selbst RAW Dateien lassen sich inspizieren und bei Bedarf entwickeln, z.B. mittels Lightroom mobile. Zum Betrachten von FHD/2K/4K Videos bietet sich der VLC for Android-Player an. Trotz USB 2.0 war die Netto-Datenrate immer noch 3 mal höher als bei der vorher getesteten Intenso Stand-Alone Platte. USB 3.0 würde alles gewaltig beschleunigen, aber zeitgenössische Telefone bieten dies wohl noch nicht.

Eine Sache ist bei dieser Lösung extrem wichtig. Möchte man die SD Karte und/oder die Festplatte vom Androiden trennen, so muss man sie vorher auswerfen. Unter Android 7/8 geschieht dies unter Einstellungen → Speicher

Diese Lösung ist nicht nur betriebssicher, sie ist auch offen für die Zukunft. Da ein echtes Betriebssystem im Spiel ist (statt einer Microcontroller-gesteuerten Media-Festplatte mit proprietärer Firmware) werden neue Kartenstandards automatisch unterstützt, sobald das Betriebssystem diese beherrscht. Da ich das Telefon sowieso bereits hatte (ich nutze es u.a. als Livebild-Monitor für die Drohne, oder – trara – zum telefonieren), ist sie auch mit gerade einmal EUR 50,- unschlagbar günstig.

Ich schließe nicht aus, dass Stand-alone Systeme irgend wann erwachsen werden. Ein Markt dafür wäre zweifellos vorhanden. Sie scheinen bei typischen FHD Videos aus etwas betagteren Kameras zu funktionieren. Für meine Konstellation mit 4K Datenquellen funktionierten sie leider gar nicht. Schlimmer noch. Oft hatte man das Gefühl, dass ein Transfer geglückt ist – um dann festzustellen, dass die kopierte Datei leider unbrauchbar ist (0 KB).

Klappt sowas auch mit einem Apple Telefon oder Tablet?

Kann ich leider nicht sagen, da ich kein Produkt von Apple besitze. Ich vermute aber eher nein. Damit OTG funktioniert, ist ein vollwertiger USB Port erforderlich. M.W. möchte Apple nicht den bidirektionalen Transfer von/zu einem Apple Mobilprodukt, sondern möchte alles über WLAN/Clouds erledigt wissen.

Viel Spaß auf der nächsten Reise!

  • Prima Artikel. So was habe ich schon lange gesucht. Das neue Nokia 8 hat übrigens USB-C (inklusive Unterstützung von USB 3.1). Brauchts nur noch einen USB-C OTG Hub, dann geht der Turbo-Backup ab 🙂

    Grüße aus Bernau,
    Bernd

  • Mein Huawei Telefon will die per OTG angeschlossene Platte immer mit fat32 neu formatieren und auch SD Karten mit exfat werden nicht gelesen. Mach ich was falsch?

    • Dann hat sich der Hersteller möglicherweise die Microsoft Lizenzgebühren für exFat gespart. Kann man aber nachrüsten. Suche mal nach Paragon exFAT/NTFS für Android“.

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