Wo bin ich?

Wer mich kennt, weiß, dass ich nicht wirklich ein Fanboy von Garmin Produkten bin. Ich wurde eher zwangsverheiratet mit ihnen, denn BMW bereitet seine Motorräder ab Werk exklusiv für Garmin Navigationsgeräte vor. Da meine bevorzugten Motorradbiotope eher im Norden als in den Bergen liegen, verliefen frühere Reisen weitgehend unauffällig. Abgesehen natürlich von der elenden Tortur, die Reise mit Garmin Basecamp zu planen, der wohl unintuitivsten Software, die je ein Programmierer verbrochen hat. Hatte man diese Hürde hinter sich, dann war man wirklich urlaubsreif. In flachen Regionen erledigte danach die Hardware ihren Job weitgehend unauffällig. Aber auf der ersten Tour dieses Jahres sollte es nicht flach bleiben – sie ging in die Alpen.

Eigentlich wollte ich ja nie in die Alpen, und habe stets Sachen gesagt, wie da kann ich immer noch hin, wenn ich mal alt bin. Jetzt, mit 60, kam ich nicht mehr raus aus der Kiste. Zumindest die erste Reise dieses Jahres sollte in die Berge führen. Wie immer nutzte ich die unkommoden Wintermonate für die Reiseplanung, und wie immer begann ich mit Google Maps, um nach fertiger Planung schließlich das Ergebnis in einem stets schmerzhaften, letzten Akt in Garmin Basecamp zu übertragen. Ziel war es, ein Maximum an attraktiven Alpenpässen in Österreich, Slowenien, Norditalien und der Schweiz in den engen Rahmen von 11 Tagen zu pressen.

Mein Ansinnen scheiterte erstmals gepflegt. Google Maps berücksichtigt Wintersperren, die zum Zeitpunkt der Planung gelten. Man kann diese zwar umgehen, in dem man ein späteres Datum (z.B. Juni) vorgibt, aber man kann dann nur zwischen zwei Punkten routen, und nicht alle Fahretappen eines ganzen Tages abdecken. Bing Maps von Microsoft schert sich nicht um Wintersperren, und so nutzte ich eine Mischung aus Bing und Google, um den Reiseverlauf zu planen. Alles war gut.

Sechs Wochen vor der Tour machte ich mich mit mulmigen Gefühl im Bauch an die Übertragung der Route in Garmin Basecamp. Und mein großer Grundekel war keinesfalls unbegründet. Ähnlich wie bei Fähren war Basecamp komplett unwillig, irgend eine haarnadelkuvenbewährte Passstraße zu nutzen. Zog man die Route per Drag & Drop (eine Technik, die Garmin bereits 20 Jahre nach deren breitenwirksamen Einführung erlernt hat) auf eine Passstraße, so plöppte sie automatisch wieder zurück auf eine „harmlosere“ Strecke. Passiert so etwas, so erwacht automatisch mein Forschergeist. Ich wählte zwei nebeneinanderliegende Orte am Stilfserjoch, und guckte begeistert zu, wie Garmin die halben Alpen umkreiste, um die Passstraße zu meiden.

Ich erinnerte mich an meine Erlebnisse aus 2014. Damals wollte ich mit der Fähre von Dünkirchen nach Dover, mein Garmin hingegen wollte ausschließlich die wasserscheue Variante durch den Eurotunnel. Nach Tagen der Forschung fand ich heraus, dass man einen POI in die Mitte des Kanals legen konnte, welcher tatsächlich zur Nutzung der Fährverbindung führte. Ich schrieb damals den Garmin Support an, um zu fragen, ob sie dies ernst meinen würden. Drei Wochen nach meiner Reise erhielt ich als Antwort: Garmin ist ein US Unternehmen, und Fähren spielen in den US of A eine eher untergeordnete Rolle. Lag in dieser Antwort vielleicht auch bereits der Widerwille gegen Alpenpässe verborgen?

Der Stammsitz von Garmin liegt in Olathe – im US Bundesstaat Kansas. Reist man durch Kansas, so entsteht der Eindruck, dass die höchste Erhebung des Landes wohl ein Termitenhaufen wäre. Der höchste „Berg“, Mount Sunflower, ist nicht wirklich als Erhebung erkennbar. Kansas ist flach wie ein Brett, mit endlosen Feldern von Horizont zu Horizont. Und Kansas ist Trump Country. Nur zwei der 105 Counties gingen an die Demokraten, der Rest des Landes wählte stetig und mit evangelikal-talibanesker Inbrunst die Republikaner. Hier glaubt man an die NSA und an Gottes Schöpfung binnen 7 Tagen, man ignoriert Evolution und glaubt offensichtlich auch nicht an Alpenpässe. Wozu auch? Straßen in Kansas verlaufen stets wie mit dem Lineal gezogen.

Der Gipfel des Mount Sunflower
By N0YKG - Self-photographed, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1106814

Des Rätsels Lösung lag schließlich in den „Vermeidungen“ verborgen. Ein Garmin Navi – und so auch Basecamp – vermeidet bei Motorradbetrieb ab Werk so einiges. Z.B. Autobahnen, was i.d.R. sehr edel und grundsätzlich gut gemeint ist. Es vermeidet aber auch „Kehrtwenden“. Eine Kehrtwende ist ein Wenden auf einer Straße. Fahre ich z.B. von Cuxhaven nach Hamburg, und vollziehe eine Kehrtwende, dann fahre ich nach Cuxhaven zurück. Ganz anders verhält es sich mit Kehren. Fahre ich eine solche, so behalte ich zwar nicht die Richtung, aber mein Fahrziel bei. Dieser dialektische Unterschied wird wohl in Kansas anders gesehen. Kurz gesagt: Nimmt man die Vermeidung von Kehrtwenden raus, so klappts bei Basecamp auch mit den Alpenpässen (Betonung hier auf Basecamp). Bitte nicht vergessen, sich danach an den Kopf zu schlagen.

Am Ende hatte ich die gesamte Tour in Basecamp, verteilt auf mehrere Reisetage: Innsbruck → Gerlosstraße → Fusch → Großglocknerstraße → Nockalmstraße → Villach → Wurzenpass → Mangart Road → Ampezzo → Lago di Sauris (SP 73/SP 619, den absoluten Highlights der Tour) → Cortina d’Ampezzo → Passo Falzarego → Tremosine sul Garda → Monte Baldo Runde → Lago d‘Idro → Passo di Croce Domini → Breno → Gaviapass → Umbrailpass → Reschenpass → Samnaun → Innsbruck.

Auf früheren Reisen konnte ich mein Garmin nie hören. Dies würde heuer anders sein, denn Katrin hat mir zum 60. das wohl beste Motorrad Headset des Marktes geschenkt. Ein Sena 20S. Ein Produkt, mit dem ich sehr zufrieden bin, denn es überlebt zwei komplette Reisetage unter Volllast mit nur einer Akku-Ladung.

Jetzt kommen wir zur Praxis. Abgesehen vom Einsetzen des Regens auf der Gerlosstraße verlief diese garmintechnisch recht unauffällig. Ab und an fuhr ich neben der Strecke (also in der Todeszone), aber dies kannte ich bereits aus einigen sanften Tälern des Ourtals zwischen Eifel und Ardennen. Auf der Großglockner Hochalpenstraße, die wir im heftigen Dauerregen und dichtem Nebel durchfuhren, gesellte sich ein neues Garmin Highlight hinzu. Es kündigte sich bereits visuell vor dem eigentlichen Eintreten an. Ich sollte in x Kilometern abbiegen, und dies mehrfach. Der Abbiegepunkt stellte sich dann fast immer als Kehre heraus. Die Ansage: Links abbiegen kam immer vor einer Rechtskehre, die Ansage Rechts abbiegen vor einer Linkskehre. Jetzt sind mir viele Menschen mit Rechts-/Links-Schwäche bekannt – und ich würde sie nie als Tourguides einsetzen – aber von Navis hätte ich so was nicht erwartet. Eines ist sicher: Ich könnte dieses nicht schreiben, wenn ich mich an die Anweisungen gehalten hätte. Ich läge zerschmettert an irgend einem Felshang und könnte Garmin nicht mehr mit ihrer eigenen Inkompetenz konfrontieren. Unsere Tour beinhaltete gefühlt über 1000 Kehren, und kein Mensch kann diese irreführenden Ansagen auf Dauer ertragen. Also verzichtete ich während heftiger Gebirgsstrecken auf Musik, und schaltete mein Sena Headset ab. Passiert so etwas, so öffnet Garmin sofort ein Fenster über dem Navigationsbildschirm: Verbindung zum Bluetooth Headset getrennt. Ohne dieses Fenster wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass ich gerade den Ausschalter betätigt hatte. Zu allem Ärger muss ich dies dann auch noch per Fingerdruck bestätigen.

Tiefe Täler und enge Schluchten veranlassen Garmin regelmäßig, komplett die Orientierung zu verlieren. Dafür geht kein eigenes Fenster auf. Statt dessen folgt der Irre Iwan. Kommt man in diesem Zustand an eine Kreuzung oder Weggabelung, so zeigt das Navi einfach alle möglichen Straßen als Teil der Route an. Dies soll wohl heißen: Such dir was aus. Tut man dies, so folgt schnell ein Bitte wenden, und das Drama geht von neuem los.

Jetzt könnte man meinen, dies wäre ein generelles GPS Problem. Physik der Abschattung trifft auf Technik. Aber weit gefehlt. Das TomTom Navi von Alex zeigte hier und anderswo keinerlei Empfangsschwäche, und auch die Smartphone Navigation (Navigon, ebenfalls Garmin, aber unlängst abgekündigt) auf Wolle‘s Iphone behielt stetig die Orientierung. Als ich dies begriffen hatte, steckte ich mein Nokia Smartphone in die Kartentasche des Tankrucksacks und ließ Google Maps mitlaufen – und im Zweifel entscheiden. Das Teil kostete zwar nur 170,- Euro, war aber offensichtlich besser angelegt als die 650,- für mein Garmin.

Der nächste Punkt sind Tunnel. Zeitgenössische Navigationssysteme machen hier nicht die Blutgrätsche, sondern simulieren statt dessen den GPS Empfang im Tunnel. Da ein BMW/Garmin Navigator 5 direkten Kontakt zur ZFE des Fahrzeugs hat, war ich fest davon überzeugt, dass das Navi sich die Geschwindigkeitsinformation während der Tunneldurchfahrt vom Fahrzeug holen würde. Weit gefehlt. Es simuliert mit „irgend einer“ Geschwindigkeit durch den Tunnel, während es die letzte Geschwindigkeit vor Abbruch des GPS Signals visualisiert. Zumindest temporär. Danach schwankt diese. Deutlich wurde dies in einem etwa 10 km langen Tunnel bei Bormio, für welchen eine Höchstgeschwindigkeit von 70 km/h galt. Da zwischen uns die Polizia Stradale fuhr, stellte ich meine Cruise Control vor Einfahrt in den Tunnel auf 70. Zu meinem Erstaunen stieg das Tempo laut Navi im Tunnel an, so dass ich die CC mehrfach neu (gemäß Navi) setzte. Später erfuhr ich von meinen Mitfahrern, dass ich zwar mit 70 in den Tunnel eingefahren, aber am Ende mit 45 km/h herausgekommen war. Ein Blick auf den Tacho hätte hier natürlich genügt, aber als Navi User ist man an die (für gewöhnlich) exaktere Anzeige des Navis gewöhnt.

Bleiben die Höchstgeschwindigkeitsangaben. Dies stimmen nicht nur in der Eifel und den Ardennen nie, sie stimmen auch so gut wie nie in Österreich, Slowenien, Italien oder der besonders teuren Schweiz. Laut Garmin hätte ich durch zahllose italienische Gemeinden (Tempo 30/40/50) mit 90 britzeln dürfen. Vielleicht ist Garmin aber da nur der Zeit voraus. Schließlich fahre ich im Juni 2018 mit dem Kartenstand 2019.1. Ich vermute stark, dass die bis zum nächsten Januar ca. 1 Million Schilder in der Region auf Garmin‘s Tempolimits angleichen werden. Täten sie es nicht, so wäre die Geschwindigkeitsanzeige restlos überflüssig, wenn nicht gar gefährlich.

Das absolute Highlight navigatorischen Unvermögens ereilte uns am Gardasee. Wir wollten von Tremosine sul Garda die Abfahrt nahe Limone nutzen, auf der Uferstraße tanken, um dann bei Gargnano auf die winzige SP9 gen Idrosee zu wechseln. Kurz hinter dem Ortsanfang schickte uns das Navi rechts den Berg hoch, auf einer Straße, die selbst Google Maps nicht in ganzer Länge bekannt ist. Die Via delle Limonaie. Sie war etwa 2,20 m breit, hatte eine Steigung von 40-45% und bestand aus geriffeltem Beton mit deutlicher Wölbung nach oben. Später sollte ich erfahren, dass dieser Hồ Chí Minh Pfad etwa 200 m vor der eigentlichen SP9 den Berg hoch führte. Die Straße war für LKW gesperrt, und hatte nur eine einzige Aufgabe: Zufahrt zu den Häusern am steilen Hang. Tatsächlich mündete sie nach etwa 1,5 km auf die gewünschte SP9, aber bevor man diese erreichte, musste man 1000 Tode sterben. Es galt, im ersten Gang mit möglichst konstanter Geschwindigkeit zu fahren. Jeder Stopp hätte mit einem Umfaller enden können, denn die Wölbung der Straße hätte eine Fußkontakt an vielen Stellen verhindert. Ich legte mich förmlich auf den Tankrucksack, um Gewicht auf‘s Vorderrad zu bekommen. Eine solche Steigung war ich nie zuvor gefahren, und ich rechnete sekündlich mit dem Überschlag über‘s Hinterrad. Spitzkehre knüpfte sich an Spitzkehre, dazu kam Sand, Schotter und durchbrechender Bewuchs an vielen Stellen. Während ich schwitzend den Berg erklomm, wurde mir bewusst, dass dies keine Einbahnstraße war. Was wäre, wenn jetzt noch Gegenverkehr käme? Just in diesem Moment, in einer scharfen Linkskurve, stand die Oma in ihrem Fiato Stroppo vor mir. Mit großer Mühe erreichten Alex und ich einen kleinen, tiefer liegenden Schotterstreifen, während Wolle noch auf der Fahrbahn stand. Die Oma war pfiffig, und fuhr nur 2 m vor, so dass wir passieren, und Wolle auf unseren Schotterstreifen vorrücken konnte. Als wir schließlich die SP9 erreichten, fuhr ich die erste Parkgelegenheit an, um eine zu rauchen. So dicht an einem Umfaller war ich in meinem ganzen Leben noch nicht gewesen. Diese Straße wäre eine Herausforderung für eine echte Enduro gewesen. Wie, um Himmels willen, kann man hier nur lang routen? Warum ist das Navi hier von der Basecamp Route abgewichen, welche tatsächlich die SP9 ab Uferstraße genommen hätte? Man weiß es nicht. Vielleicht weiß man‘s in Kansas?

Am vorletzten Reisetag haben wir in Samnaun meine Drohne steigen lassen. Zehn Sekunden nach Aktivierung zeigte sie an, 18 Satelliten zur Positionierung nutzen zu können. Einen Tag später schaltete ich mein Navi ein, um gen Innsbruck zu fahren. Auf den ersten 100 m schien es sich noch auszukennen, dann jedoch plöppte ein Fenster auf, welches ich zuvor noch nie gesehen hatte: Warte auf besseren Empfang – man musste es bestätigen. Könnte aber auch Warte auf die Erosion der Berge geheißen haben, oder Warte auf einen kompetenteren Anbieter. 3 (in Worten drei) Satelliten reichen zur Straßennavigation. Kann es sein, dass Garmin GPS Chips verbaut, die dafür geschaffen sind, Kim Jong-un‘s Atomraketen von Zielen fern zu halten? Was auch immer: Garmin sucks.

Aber nicht alles ist schlecht bei Garmin. Die Unterstützung von Bimbes ist 1a. Während Alex auf seinem TomTom regelmässig Probleme mit der Bluetooth Kopplung seines Headsets hatte, plöppte bei mir jede Verbindung wie Butter in Funktion. Vor jedem falschen Abbiegehinweis auf den Kehren wurde bei mir die Musik sanft ausgeblendet, während bei Alex die Musik durch Naviansagen final terminiert wurde. Auf TomTom Navis scheint die Navigation das Wesentliche, bei Garmin ist‘s der bunte Bimbes und das BlingBling. Soll heißen: Abgesehen von den Navigationsfunktionen bin ich mit meinem Garmin Navigationsgerät voll zufrieden.

Whatsoever, die nächste Reise geht nach Devon und Cornwall, fern ab von GPS Aussetzern und unerwünschter Garmin Folklore. In die Alpen fahre ich erst wieder, wenn BMW seine Fahrzeuge mit etwas Seriöserem einpaart.

  • Köstlich geschrieben – ich teile deinen Frust über Garmin. Unser Zümo 345 fuhr fast immer neben der Strecke, als wir durch die Alpen fuhren. Die können’s wirklich nicht. Unser Kumpel nutzte Tom Tom – ohne Probleme.

  • Leider wahr. Ich klebe mir in den Alpen immer das Medion Navi aus dem PKW meiner Frau über den Navigator. Da stimmen (fast immer) die Geschwindigkeitsangaben und auch der GPS Empfang funktioniert.

  • Hallo Thomas und Mitfahrer,
    seid ja gesund zurück-ich bin ab morgen dort in den Bergen. Mein „billig“ Garmin ist zum drittenmal hier und hat sich an die Berge und Kurven offensichtlich gewöhnt. Sehen uns im Juli.
    Gruß
    Uli

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