2001: A Space Odyssey

Letzte Woche hat die International Astronomical Union Namen für die höchsten Berge eines der entferntesten Objekte unseres Sonnensystems vergeben, dem Mond Charon, welcher in 6 Milliarden Kilometern Entfernung von der Erde um den Nicht-Planeten Pluto kreist. Kubrick Mons und Clarke Montes sind jetzt zwei der höchsten Berge auf Charon. Damit ehren sie – punktgenau zum 50. Jubiläum eines der besten Filme aller Zeiten – den Regisseur Stanley Kubrick und den Schriftsteller und Futuristen Sir Arthur C. Clarke.

Die Ehre ist durchaus angemessen, denn ihr gemeinsames Meisterwerk 2001: A Space Odyssey ist wohl einer der größten Filme aller Zeiten. Am Anfang stand Kubrik‘s einziger Anspruch, einen glaubwürdigen Science Fiction Film zu machen. Völliges Neuland also, denn vor 50 Jahren definierten Machwerke wie Flash Gordon, Barbarella und Buck Rogers das Genre, welches bislang durch aufstellbare Papp Monstern und Bindfäden geprägt war, an welchen fliegende Untertassen baumelten. SciFi war bis dahin nur mit absolut dichter Gummihose zu ertragen.

Kubrick wandte sich an den britischen Schriftsteller Clarke, und die beiden arbeiteten an einem Drehbuch, das langsam an Umfang und Ehrgeiz anschwoll. Schließlich schufen sie eine Geschichte, welche nicht nur die Ursprünge und das Schicksal der menschlichen Spezies beschreibt, sondern auch gleich metaphysische Belange um andere, höhere Daseinsformen (Gott?) touchiert. Entstanden ist ein bildgewaltiges Road Movie über die Reise vom Affen zum modernen Menschen – und dessen Aufbruch in die Unendlichkeit des Universums.

Laut ihrer Geschichte würden einfache Höhlenmenschen Objekten intelligenter Außerirdischer begegnen, welche sie ertüchtigen würden, Geisteskraft zu erlangen und so die Menschheit auf den Weg ins Universum zu bringen. Bezeichnend war hierbei, dass die erste menschliche Erfindung gleich eine todbringende Waffe war – eine Keule aus einem Oberschenkelknochen. Wenn aber die Raumfahrt erst einmal erreicht war, würde die Menschheit weiteren Kontakt mit diesen Außerirdischen aufnehmen, die uns dann – nachdem wir die mörderischen Aufmerksamkeiten eines Supercomputers überlebt hatten – helfen würden, uns zu einer neuen, besseren Spezies an der Seite unserer Schöpfer zu entwickeln.

Und das war es, was Kubrick schließlich produzierte. Nicht mehr, und nicht weniger. Während der Dreharbeiten in den britischen MGM-Studios in Borehamwood, Hertfordshire, wurden Schlüsselszenen gedreht und geändert, Dialoge geschrieben und umgeschrieben. Gigantische Sets und detaillierte Requisiten wurden gebaut – und wieder verworfen, und neu gebaut. Die riesigen Monolithen, die im Film auftauchen, waren anfangs aus durchsichtigem Plexiglas, wurden aber später durch die mystischere pechschwarze Variante ersetzt. Jede einzelne Szene ist detailverliebt, und man muss den Film mehrmals sehen, um sie alle zu erkennen. Grandios der Moment, als der Affe den Knochen in die Luft wirbelt, und dieser durch einen harten Schnitt zu einem modernen Satellit mutiert, welcher lautlos durchs All schwebt. Während die Stewardess dem schlafenden Passagier des Raumtransporters einen im Raum schwebenden Kugelschreiber zurück in die Jackentasche steckt, halten Magnetschuhe sie in der Senkrechten. In der Rückenlehne des Sitzes vor ihm ist ein Display integriert, auf welchem ein Film läuft, und in einer sekundenkurzen Szene ist ein Hinweisschild zur Nutzung der Zero Gravity Toilet zu erkennen. Oder die Raumstation, die bei Annäherung des Shuttles noch im Bau befindlich ist. Alles wirkt perfekt und wie aus dem wahren Leben.

Das Endergebnis ist einfach atemberaubend. Während der ersten 25 Minuten des Films wird kein einziges Wort gesprochen, und von den insgesamt 142 Minuten Laufzeit enthalten nur 40 Sprache. Anders als in der Jahre später folgenden Popcorn-Dummware à la Star Wars und Star Treck hatte Kubrick erkannt, dass es im All keine Geräusche gibt. Statt dessen läuft Atmosphères oder das elegische Lux Aeterna von György Ligeti. Auch der Kontrast von Richard (Also sprach Zarathustra) zu Johann Strauss (An der schönen blauen Donau) wird bildgewaltig und passend zum Geschehen umgesetzt. Das Kinderlied (im Original Daisy Bell, in deutscher Fassung Hänschen klein), mit dem der Bordcomputer HAL (jeweils ein Buchstabe vor IBM) seine eigene Abschaltung begleitet, dürfte niemanden emotional unberührt lassen.

Lange vor der Erfindung von CGI und Bluescreen nutzte Kubrik Spezialeffekte, die bis heute einzigartig sind. Ein Vorgänger der heutigen Motion-Control-Technik erlaubte absolut lebensechte Aufnahmen von detailgetreuen Modellen, die u.a. an das spätere, reale Space Shuttle erinnern. Fast alles, was in diesem Film an technischen Gimmicks gezeigt wird, ist heute zur Realität geworden. Der Film ist somit eine große, visionäre Offenbarung.

Das Finale des Films ist bis zur Unergründlichkeit rätselhaft – und lässt die Zuschauer aufgewühlt und mit bohrenden Gedanken zurück. Das American Film Institute wählte den Film 2008 auf Platz eins der besten Science-Fiction-Filme aller Zeiten – und ich teile dieses Urteil ohne Einschränkung.

2001 hinterließ auch viele Spuren. John Lennon erwähnte nach Besuch des Films, ab jetzt jede Woche das Jahr 2001 zu erleben. David Bowie produzierte innerhalb eines Jahres seine eigene musikalische Hommage, Space Oddity. Der Film hat auch eine Generation von jungen Kinobegeisterten angeregt, die seitdem das Genre dominieren. James Cameron, Ridley Scott, Steven Spielberg und Christopher Nolan haben 2001 alle als wichtigen Einfluss auf ihre Werke anerkannt. George Lucas konsternierte damals geschockt: Stanley Kubrick hat den ultimativen Science-Fiction-Film gemacht. Es wird sehr schwer sein, da noch mitzukommen und einen besseren Film zu machen. Wie Recht er doch hatte.

Wie schön wäre es gewesen, wenn nicht nur ich dieses Jubiläum entdeckt hätte, sondern auch die Öffentlich Rechtlichen. Ein tumber Wilsberg im ZDF weniger oder Verzicht auf eine jodelnde Nonne in der ARD – wäre dies zu viel verlangt? Jetzt habt ihr‘s vergeigt, ihr halbverbeamteten, langweilenden Sesselpuper.

  • keine ahnung was der hype um diesen film soll. ich hab nach 15 minuten abgeschaltet. wenn ich stummfilme will kucke ich dick & doof

    • Hallo Teifoon,

      Du bist mit deiner Entscheidung natürlich nicht allein. Bei der Premiere des Films haben fast 200 Besucher die Vorstellung vorzeitig verlassen, teils unter wüstem Geschimpfe. Viele prüde Amerikaner haben den Film gar als Sakrileg verstanden. Der Film drohte damals ein Flopp zu werden, wurde aber schließlich dennoch zum umsatzstärksten Film des Erscheinungsjahres. Sehr ähnlich ist es Pulp Fiction ergangen. Entweder man liebt den Film, oder man hasst ihn. Das ist völlig ok.

      Demokrit

  • Hallo Demokrit

    ich erinnere mich noch gut an mein erstes mal mit 2001. Was ich damals sah, hatte es so noch nie gegeben. Der verstörende Schluss hat mich noch lange beschäftigt, und tut es immer wieder, denn ich habe den Film bestimmt schon 20 mal gesehen. Ausgelöst durch deinen Artikel wirds heute Abend wohl das 21 mal werden.
    Daumen hoch und Grüße aus Wien!

    Michael

  • Der Film zieht seine Kraft aus der engen Zusammenarbeit von Regisseur und Autor. Die Basis war Clarke’s Buch „The Sentinel“ von 1951. Dieser Stoff wurde parallel zum Film und in Kooperation von Kubrick und Clarke zum neuen Buch „2001: A Space Odyssey“ weiter gesponnen. Buch und Film weichen leicht voneinander ab, wobei das Buch in den Erklärungen deutlich weiter geht. Ein Tip für alle denen das Filmende zu kryptisch ist.

    2001 ist tatsächlich bis heute unerreicht. Moderne Filme bieten vielleicht (noch) bessere Effekte, aber die Plots sind zumeist eher banal und vorhersehbar. Eine Ausnahme ist vielleicht James Cameron’s Avatar – aber auch dieser dürfte stark von 2001 beeinflusst sein.

    Danke für diese gekonnte Erinnerung!

    Grüße,
    Martin

  • Arthur C. Clarke hatte schon interessante Visionen! Besonders beeindruckt hat mich seine Kurzgeschichte „The Star“, Die habe ich seinerzeit sogar mal als Lesestoff für den Englischkurs mit Schreibmaschine auf Wachsmatrize getipselt. 🙂

    Petra

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