Amstel Gold Race 2018 in Raren

Wohnt man – so wie ich – inmitten grüner Felder mit glücklichen Kühen, Eseln, Pferden, Ziegen, einigen Schafen sowie wettergegerbten Wanderern mit stocknagelbeschlagenen Walking-Sticks und schlechtem Liedgut, so fallen vorbeirasende Motorräder schon mal auf. Zumal ich selbst passionierter Biker bin, und meine nur drei Meter breite Straße mittlerweile Tempo 30 Zone ist.

Tatsächlich ist die Rarenderstraat eine gern genutzte Übungsstrecke für die motorradtechnisch ertüchtigte niederländische Polizei. Für gewöhnlich fahren 5-6 Polizeimaschinen mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit endlos im Kreis herum. Diese Hochgeschwindigkeitsfahrten sind unabdingbar, denn man muss ja schließlich in der Lage sein, den mit 60 km/h daherschleichenden zivilen Verkehr auch einzuholen. Das einzige Motorradbiotop der Niederlande liegt nämlich in den Hügeln zwischen Vaals und Maastricht – auf der sogenannten Mergelland-Route. Auf dieser herrscht außerorts durchgängig ein striktes Tempolimit von 60 km/h. Dieses ist ein wesentlicher Teil niederländischer Verkehrsverhinderungspolitik: Verkehr soll und darf keinen Spaß machen. Nie nich. Punkt. Und das klappt auch ziemlich gut. Niederländische Motorradfahrer trifft man eigentlich vorwiegend in der deutschen Eifel oder den belgischen Ardennen. Wer kann‘s ihnen verdenken?

Zumeist üben die Herren (und es scheinen nur solche bei der berittenen Polizei beschäftigt zu sein) auf etwas älteren BMW R1200 RT – doch heute war alles anders. Nachdem etwa 15 BMW K1600 Edel-Sechszylinder vorbeigerauscht waren, unterbrach ich meine Arbeit und ging neugierig vor die Tür. Als ich dort ankam, düste gerade die nächste Kolonne an Motorräder vorbei, gefolgt von einem nicht enden wollendem Strom an PKW und Kleintransportern mit aufgepflanschten Fahrrädern. Erneut zahllose BMW Sechszylinder. Keine Polizei der Welt braucht solch aufgeplusterte Dickschiffe, und ich fragte mich, welche magischen Pilze der Innenminister seiner Majestät wohl bei der Bestellung dieses overdressten Fuhrparks konsumiert haben mochte. Es war also wieder soweit. Das Amstel Gold Race war erneut über mich herein gebrochen.

Viele Jahre erschien mir das Amstel Gold Race als größtes niederländisches Motorrad und Auto Straßenrennen. Angesichts der endlosen Blechlawine blieb eigentlich auch keine andere Erklärung. Aber mein Nachbar klärte mich dann schließlich auf. Das Amstel Gold Race ist das bedeutendste Fahrrad Rennen des Landes, und ich hatte das besondere Glück, es Jahr für Jahr durch meinen Vorgarten rauschen zu sehen. Normalerweise schicken die Veranstalter vorher einen Brief, damit die Anwohner Vieh, Haustiere und sich selbst rechtzeitig von der Straße retten können. Heuer hat man wohl die Kosten der Briefmarken seriöser gegen den Wert einzelner Anwohner abgewogen, und sich gegen eine Vorwarnung entschieden. Hier wohnen ja auch vorwiegend alte Menschen, die im Zweifelsfall nix mehr kosten. Dass die Kühe der Region nach diesem Getöse und Gehupe drei Wochen keine Milch mehr geben, wird wohl als lässlicher Kollateralschaden hingenommen.

Als deutscher Asylant in den Niederlanden ereilt mich immer ein plümerantes Gefühl, wenn es um Fahrradfahren geht. Dann merke ich, wie fremd ich hier noch immer bin. Zur Not bekomme ich gar einen religiösen Anfall, und sage Dinge wie: Wenn der Herrgott gewollt hätte, dass ich Fahrrad fahren, so hätte er mir Pedale anstatt Füße gemacht. Niederländer hingegen wachsen mit Fahrrädern auf. Als Säuglinge bekommen sie nicht die Brust, sondern die Fahrrad-Trinkflasche mit isotonischen Durstlöschern – und sie lernen auch, diese danach in die Topologie zu schmeißen – denn beim Radrennen zählt jedes Gramm. Fahrradtechnischer Umweltfrevel wird hier toleriert, auch wenn das Land ansonsten so sauber ist wie die Schweiz. Toleriert wird auch alles, was von Fahrradfahrern ausgehen kann. Zu sechst nebeneinander, entgegen der Einbahnstraße oder durch Fußgängerzonen fahren, Ampeln ignorieren, Leute anproleten oder gegen Autos treten – ist alles ok, im schönen Königreich. Schießt man mal einen dieser Spandexfreaks von der Straße, so wird nicht lange die Schuldfrage diskutiert – man endet kross und qualmend auf dem nächstgelegenen Scheiterhaufen.

Komisch, irgendwie. Jetzt waren schon einige hundert Fahrzeuge vorbei gerast, und keines von ihnen war pedalgetrieben. Da mein Nachbar das Radlerfeld über eine App beobachtete, erfuhr ich, dass es noch 10 Minuten dauern würde. Ich strumpfte los, um meine kleine Action Cam zu holen. Natürlich war der Akku leer. Also erneut ins Haus, den Reserveakku holen. Während ich dies tat, verpasste ich wohl die nächste und übernächste Blechlawine.

Am Ende kamen tatsächlich ein paar Fahrradfahrer, zusammen mit einer Duftwolke aus Anabolika. Tolle Sache, das – aber insgesamt nur halb so spannend wie Curling oder Herrensynchronturmspringen. Nach 10 Sekunden war das Hauptfeld vorbei. Den Abschluss bildeten dann zwei Krankenwagen, die wahrscheinlich den mobilen Bedarf an Doping Mitteln sichern sollten. Ohne Drogen würde sich schließlich kein gesunder Mensch einer solch unkommoden Tätigkeit unterziehen.

Ich würde gerne wissen, wie wohl die Ökobilanz eines solchen Rennens aussehen mag. Wahrscheinlich auch nicht viel schlechter als die einer Weltumrundung von 10 schwerölbetriebenen Containerschiffen. US-amerikanische Wissenschaftler haben jetzt herausgefunden, dass das Mikroplastik in den Weltmeeren mehrheitlich aus fermentierten, orangefarbenen Fahrrad-Spandexanzügen besteht. Mich wunderts nicht.

Der Rest ist ein kurzes Video vom letzten Drittel des Geschehens. Leider ohne O-Ton, denn in der Hektik hatte ich vergessen, dass ich die Cam zuletzt mit externem Mikrofon benutzt hatte. Denkt euch also einfach Krach. Viel Krach und Gehupe.

Amstel Gold Race 2018

Fahrradfahren - die angeblich ökologischste Form der zeitgenössischen Fortbewegung

  • Lieber Demokrit,

    habe mich heute ziemlich auf deiner Seite festgelesen und mir gefällt das Augenzwinkern mit dem du schreibst.
    Natürlich ist die Oköbilanz vom Fahrradfahren bestens, wenn es um den alltäglichen Einsatz geht. Großveranstaltungen sind da wohl eine andere Hausnummer. Vorweg die ewig lange Sponsorenkarawane (dieselgetriebene Sprinter und Kleinbusse), dahinter der Tross der Service- und Begleitfahrzeuge. Insgesamt immer mehr Motor als Pedal. Der Zähler in deinem Film ist schon recht aussagekräftig.
    Wir haben bei uns ein Jedermannrennen mit teilweise über 2000 Teilnehmern. Die reisen aus ganz Europa an – natürlich mit Kleintransporter oder Kombi – und parken alle Großparkplätze voll. Da fragt man auch besser nicht nach Ökobilanz.
    Ich fahre übrigens Fahrrad und Motorrad. Beides mit halbwegs gutem Gewissen 🙂

    Viele Grüße,
    Herbert & Moni

    p.s. Die holläündische Polizei scheint tatsächlich edel ausgestattet zu sein.

  • Hallo Thomas,
    Wie immer klasse geschrieben! Solche schier endlosen Konvois habe ich auch schon erlebt, es ist schon erstaunlich welch Aufwand hier betrieben wird. Da muss man tatsächlich die Ökobilanz in Frage stellen.
    Interessant wie du das mit dem Zähler im dem Film umgesetzt hast. Einmalig!

    Viele Grüße
    Harald und Regina

  • Richtig spannend werden Radrennen, wenn die Begleitfahrzeuge beginnen, die Fahrer zu überholen. In Altenstadt hats damals 5 auf einen Schlag niedergestreckt. Auch in deinem Film ist das zu sehen. Ziemlich am Ende. Völliger Wahnsinn, sowas.

    Mit welchem Programm hast Du den Zähler im Video gemacht? Prima Idee.

    • Den Zähler habe ich manuell erstellt in Premiere Pro. Wann immer ein Fahrzeug im Einzelbild-Modus vorbei war, habe ich die entsprechende Rubrik um +1 erhöht, und den geänderten Zähler über das Bild gelegt. Viel Copy & Paste. Ein Motorrad habe ich übersehen 🙂

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