Schluck Dich glücklich

Zum Ende des letzten Jahrtausends war es schick, sich einen Therapeuten zu halten. Zumindest für die schönen Menschen aus den selbst ernannten Eliten der damaligen Zeit, wie Musiker und Filmsternchen, Wirtschaftsfuzzies, Politiker und ähnlich wichtigem Volk. Therapeuten hörten sich Probleme an, die keine waren, verdienten gutes Geld damit, und alle waren am Ende zufrieden.

Heute ist dies anders. Psychosen, Burn-out, Bore-out und Depressionen sind zum Alltagsphänomen geworden, und die Pharmaindustrie kann den Bedarf an Stimmungs- und Verhaltensverändernden Substanzen kaum noch befriedigen. Mit Neuroleptika in die Krabbelgruppe, mit Tranquilizern zum Abitur. Danach wird dynamisch umgeschaltet auf Antidepressiva, die dann bis zum Lebensende geschluckt werden. Braucht man sein Hirn dann doch mal temporär, so greift man zu Psychostimulantien. Will man es hingegen abschalten, so liegen Schlafmittel bereit.

Mehr und mehr Menschen entkoppeln sich zusätzlich von der Realität, in dem sie nur noch Online leben. Ihr Biotop heißt Facebook, ihr Sprechapparat WhatsApp. Verzweifelt stammeln sie Alexa, wie geht Leben?. Verlassen sie doch mal ihr physisches zu Hause, so irren sie als Smombies durch die Gegend. Viele sterben unter Bussen, rennen gegen Laternen, oder verfallen in Schnappatmung, wenn der Akku mal zur Neige geht. Besser wird dadurch nichts – ganz im Gegenteil.

Um zu verstehen, was da vorgeht, muss man gar nicht in die digitale Hölle sogenannter sozialer Netzwerke absteigen. Es reicht ein Blick in die wesentlich harmlosere Tagespresse. An einem x-beliebigen Tag. Nehmen wir mal heute, Dienstag, den 6. März:

Themen des Tages
Cyberkrieg, Donald Duck Trump, Digitalisierung, Inflation, Tafeln für Arme, Kinderarmut, Altersarmut, Abgasskandal, Korruption, Lobbyismus, Pharmakartell, Klimawandel, Artensterben, Brexit, Mutti v. 4.0, Stickoxide, Feinstaub, Erdogan, Pflegenotstand, Waffenhandel, Säureattacke, Lügenpresse, Populistenschwemme, Putin-Trolle, Pegida, gesellschaftsfähige Neofaschisten, bewaffnete Lehrer, Schulmassaker, Berlusconi, Kim Jon Un, Genozid in Syrien, Gott ist tot, AfD, Heimat, Türkenterror, Extremwetter, Bildungsmisere, NRA, Handelskrieg, soziale Ungleichheit, Immobilienblase, Mietwucher, Atomwaffen, Gewaltbereitschaft, Orban‘s Ungarn, gescheiterte Osterweiterung, Ukrainekrise, EU-Krise, Hasspostings, Filterblase, Rechtsrutsch, Asylantenschwemme, Grippe, Depression, Stress, vomstaatverarschtundvergessen, GroKo, Wutbürger, Einsamkeit, toxische Lebensmittel, Mobbing, prekäre Beschäftigung, Politikverdrossenheit, Kriege überall, Aufrüstung, Weltmacht China, Wertewandel, Genderisierung, Roboterfertigung, Killerdrohnen, Burn out, Abgehängt, fassungslos, CSU, angsterfüllt, Protektionismus, Globalisierung, Trumpismus, Fahrverbote, #metoo, Massentierhaltung, Plastikmüll, Energiewende, Überwachungsstaat, Maut, Rassismus, schmelzende Polkappen, Polen‘s Kaczynski, Rentenlücke, Boko Haram, Hungersnöte, IS-Terror, al-Qaida, Taliban, Islam, Polumkehr, Ozonloch, Hormonwasser, Krankenhauskeime, Demenz, Glyphosat, Mikroplastik, Wohnungseinbrüche, Mafia, Bevölkerungsexplosion, Menschenrechtsverlust, Isolationismus, Verlust an Würde, Zukunftsangst, Datenmissbrauch, steigende Aggressivität, Schwulenhass, Rohstoffknappheit, nur Kacke im TV, Terror, Egoismus, Kreationismus, alternative Fakten, Evolutionsumkehr, Staatsverdrossenheit, Bedrohung durch Meteoriten, Machtmissbrauch, Polizeigewalt, Börsencrash, feindliche Übernahmen, Giftmorde, Obdachlosigkeit, Abstiegsangst, Überschwemmung, Dürre, Waldbrände, Assad, Russland, Gaffer, Pay-gap, Antisemitismus.

Got the point? Totaler Wahnsinn, wohin man auch blickt. Doomsday liegt in der Luft – so könnte man meinen. Man könnte sich jedoch alternativ auch fragen, wie wohl die Nachrichtenflut vor 40 Jahren ausgesehen hätte, wenn technischen Möglichkeiten zur Verbreitung bereits auf heutigem Stand gewesen wären. Berechtigte Existenzängste professioneller Medienschaffender führen heute zu einer beängstigen Nachrichtendichte, die kommentiert, verdichtet, filettiert und verbreitet werden will. Mit Nachrichten ist es wie mit Kriegswaffen. Verkaufe ich sie nicht, so tut‘s eben ein Anderer. Und only bad news is good news.

Jetzt kann man Pillen schlucken, der AfD beitreten oder zum Prepper auf einem Latifundium in Grönland werden. Oder man kann der brutalen Nachrichtenflut ein herzhaftes Fuck you! entgegen schleudern, und sich ihr einfach mal ein paar Tage entziehen. Wirklich verpassen wird man nichts, denn alles ist vorhersehbar. Die GroKo wird weiter die Wirtschaft schützen, Glyphosat bleibt uns erhalten, die Lebensmittelampel wird verhindert bleiben, Trump wird irgend einen Scheiß twittern, Putin einen Frieden verhindern. Ein Krieg hier, ein Genozid dort. Business as usual.

Abschalten hilft. Muss ja nicht für immer sein.

  • Nach Deinem Tip lebe ich schon seit Jahren. Und es bringt auch sehr viel, zumindest, solange man es durchhält. Irgendwann siegt dann doch die Neugier, und man ist wieder einige Zeit auf der Droge „News“. Zu Pillen würde ich deshalb aber sicher nicht greifen. ich kenne allerdings aus meinem Beruf viele dieser „Opfer“, die völlig antriebslos ihr Leben „hinter sich bringen“ und „funktionieren“. Das ist sehr traurig, und es wird auch nicht besser werden.

    „Unkommod“ gefällt mir übrigens sehr, und es ist schade, dass Du noch keine Mitstreiter gefunden hast. Die heutige Zeit ist mit galligem Humor oft besser zu ertragen.

  • Liebe Monika, ich freue mich sehr über dieses Video, diese Art gefällt mir am besten. Es wirkt ehrlich, menschlich und hilft bestimmt nicht nur den Klienten, die Schwierigkeiten haben sich zu öffnen, sondern auch für die Klienten, die sich vor unangenehmen Themen drücken. Wenn man dem Therapeuten sterben Themenbereiche überlässt und darauf reagiert, dann erreicht man sicherlich tiefer liegende Bereiche. Dankeschön dafür! LG

    • Hallo faiz,
      bist Du sicher, dass Dein Kommentar zu meinem Beitrag passt? Eine Monika haben wir hier auch nicht, aber wenn es eine gäbe, so würde ich sie gerne kennen lernen.
      Beste Grüße,
      Demokrit

  • News haben die gleiche Wirkung auf den Kopf wie Zucker auf den Körper. Sie machen abhängig, verursachen Angst und zeichnen ein völlig falsches Bild des realen Lebensumfelds. Eine News-Diät ist also kein Fehler.

  • Du hast natürlich völlig Recht. Früher bekam man gar nicht alles mit, heute ist alles omnipräsent. Ich schlucke (noch) keine Pillen, aber in meinem beruflichen Umfeld scheint dies gang und gäbe. Ich nehme an keinen „sozialen“ Netzwerken teil, kann mir aber gut vorstellen, dass dies jungen Menschen den Rest gibt. Aufwachsen möchte ich in einem solchen Klima des Wahnsinns nicht.

  • Ein bisschen mehr Ruhe und Gelassenheit würde der heutigen Welt sicher gut tun. Die immer-Angst-Haber machen mir langsam Angst. Mal abschalten ist ein guter Ansatz.

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