Alle Prognosen im Vorfeld des Brexit Referendums waren sich einig. Remain würde eine knappe Mehrheit erlangen. Für viele Grund genug, sich nicht zu inkommodieren, und erst gar nicht daran Teil zu nehmen. Ein tragischer Fehler, wie sich am nächsten Tag zeigen sollte. Einen Fehler, den ich kommen sah, denn ich schraddelte just zu der Zeit durch die späteren Brexit Hochburgen in Nordengland und Wales.

Natürlich muss man sich die Frage stellen, wie eine solch gravierende Entscheidung mit nur einfacher Mehrheit getroffen werden kann. 51,9% der teilnehmenden Wähler wollten den Brexit, 48,1% wollten ihn nicht. Ist dies eine Mehrheit, von der man das Schicksal eines ganzen Landes abhängig machen sollte? Zudem in einem Referendum, welches nicht bindend war? Wohl kaum. Sucht man jedoch nach den wahren Gründen für diese kranke Abstimmung, so ist das Ergebnis noch viel erschütternder. Es ging zu jedem Zeitpunkt ausschließlich um den brutalen Machterhalt der Torries, der erzkonservativen Elite dieser merkwürdigen Insel. Aber auch Labour, mit ihrem charismatischen Chef Jeremy Corbyn, sprang – in falsch verstandenem Demokratieverständnis – auf den Brexit Zug auf – und hat heute Probleme, ihn gesittet wieder zu verlassen. Lediglich die Grünen und die Liberaldemokraten waren gegen den Brexit –  beides leider vollkommen bedeutungslose Parteien im UK.

Nicht teilnehmen durften zudem Briten, die länger als 15 Jahre im Ausland lebten (ca. 2 Millionen), nicht teilnehmen durften Briten, die zum Zeitpunkt des Referendums noch keine 18 Jahre alt waren – und die wohl am härtesten von den Auswirkungen eines Brexit betroffen sein werden. Alle Probleme, die heute klar und deutlich auf dem Tisch liegen, wurden im Vorfeld von den Remain Befürwortern benannt – aber von ihren Gegnern als Project Fear belächelt und abgetan. Die Pro-Brexit Argumente verpufften bereits am Tag danach per Relativierung durch eigene Protagonisten. Legendär war z.B. Boris Johnson‘s roter Bus, auf dem die Brexiteers 350 Millionen Britische Pfund pro Woche für den maroden NHS bereit stellen wollten, anstatt ihn der undemokratischen EU in den gefräßigen Rachen zu werfen.

Direkt nach dem Referendum begannen die Statistiker mit der Auswertung. Die Jungen, welche mehrheitlich nicht teil genommen hatten, waren klar für den Verbleib in der EU. Die Alten – ein ehemalig gewaltiges Empire vor Augen – waren mehrheitlich gegen die EU. Je geringer Bildung und Einkommen, desto mehr wollte man die EU verlassen. Und umgekehrt. Frauen wollten bleiben, Männer wollten raus. Greater London – als weltoffene Metropole – war klar gegen den Brexit, ebenso wie viele andere Großstädte. Je abgelegener die Region, desto mehr schrie man nach Brexit. Es ist geradezu grotesk, dass der EU Hass in der Diaspora am größten war, da sie am meisten von der Gemeinschaft profitiert hat.

Tumber EU Hass ist natürlich kein britisches Phänomen. Bild Leser wissen da (wie immer) mehr. Briten waren aber anfälliger, da für sie die EU zeitgleich mit dem Einsetzen erster Negativeffekte der Globalisierung kam. Und während die Globalisierung für die meisten sehr abstrakt war, war die EU greifbar – und angreifbar. Brexit beruht also mehrheitlich auf einem Irrtum und mangelnder Bildung.

Obwohl die Torries nach dem Referendum eine komfortable Mehrheit hatten, rief die Premierministerin Theresa May irrsinnigerweise Neuwahlen aus. Ziel war es, einen noch größeren Rückhalt in der Bevölkerung zu erlangen. Dies war jedoch ein Griff ins Klo. Labour war der unerwartete Wahlgewinner, und die Torries verloren ihre Mehrheit. Nur mit der talibanesk-protestantischen nordirischen Splitterpartei DUP unter Arlene Foster konnte die Macht in Form einer Minderheitsregierung erhalten bleiben – nach einer schnellen Milliardenzahlung zu deren Gunsten. Um sich als Kontinentaleuropäer die DUP vorstellen zu können, ergänzt man eine Melange aus AfD (nach weiterem Rechtsruck), Kreationisten, Todesstrafenbeführwortern, Schwulenhassern, Abtreibungsgegnern und Ku-Klux-Klan mit kompletter Verweigerung jeglicher Rationalität und Gesprächsbereitschaft. Ein höchst obskurer Mehrheitsbeschaffer. Heute hat Frau May zudem mehr Feinde im eigenen Lager, als in der Opposition – und ihre Mehrheit im Parlament ist mit sechs Sitzen nur hauchdünn. Und alle wetzen täglich die Messer. Den einen kann der Brexit gar nicht hart genug sein, den anderen wird hinsichtlich der wirtschaftlichen Perspektive eher plümerant. Frau May, die angebliche frühere Brexit Gegnerin, gilt seit dem als Lame Duck, die täglich Haken schlägt, um Kabinettsfreunden zu gefallen. Das einzige, was sie dabei erreicht, ist die EU in den Wahnsinn zu treiben. Herr Barnier muss ein wirklich geduldiger und schmerzresistenter Mensch sein.

Einen echten Plan scheint die Regierung bis heute nicht zu haben. Im Dezember noch schloss sie eine harte Grenze zwischen Nordirland und der Republik aus, möchte heute jedoch ausschließlich einen harten Brexit (Verlassen von Zollunion und gemeinsamem Markt), welcher nicht ohne harte Grenze zu verwirklichen ist. Eine solche wäre das Ende des GFA, und damit das Ende des brüchigen Friedens zwischen beiden irischen Landesteilen. In Gibraltar besteht das Problem, dass der eigene Flugplatz nur über eine spanische Straße zu erreichen ist. Das alles ist kafkaesk und komplett planlos. Ob mit oder ohne weiterem Abkommen, Ende März 2019 ist das UK raus – der erste Tag in Freiheit ist bezeichnenderweise der April Fools Day. Ob es danach eine 20-monatige Übergangsperiode für die Ausarbeitung eines Handelsabkommens gibt, hängt vom Wohlwollen der EU und vertraglicher Klarheit bei den drei Kernthemen zum Verlassen der EU ab. Ein Handelsabkommen schließt automatisch Services aus, wie z.B. die Passporting Rights der britischen Finanzindustrie, welche die Insel bekanntlich am Schwimmen halten. Angesichts der knappen Zeit müsste Frau May längst halb Kent zum LKW-Parkplatz umfunktionieren lassen; in Calais rechnet man mit einem Rückstau von 30 km, wenn plötzlich Kontrollen von Fracht und Fahrer durchgeführt werden müssten.

Soviel zur Geschichte. Seit dem Referendum ist eine Menge geschehen, und vom ehemals Vereinigten Königreich ist nur noch ein zerstrittenes Backwater geblieben. Offener Hass zwischen Brexiteers und Bremainern. Das Britische Pfund ist im freien Fall, der Immobilienmarkt bröckelt und die ehemals als Project Fear verschrienen Argumente der Brexit Gegner werden langsam aber sicher zum Project Reality. Die Stimmung kippt, und sie tut dies merklich. Viele Alte sind seit dem Referendum weggestorben, viele Junge aufgewacht. Verschiedene Volksbefragungen zeichnen heute ein deutliches Bild: Man hat keinen Bock mehr auf Brexit – außer in der Regierung, die eisern daran festhält. Und dann wird zu allem Überfluss auch noch ein Gutachten des Parlaments zu den Auswirkungen der verschiedenen Brexit Szenarien geleaked. Minus 2% im günstigsten Fall (Verbleib in Zollunion und gemeinsamen Markt), minus 8% beim (angestrebten) Hard-Brexit. Es bleibt ein allgemeines Rätsel, wie man unter solchen Vorzeichen dieses Vorhaben weiterhin voran treiben kann, ohne zum Verräter am eigenen Volk zu werden.

Wäre ein Exit vom Brexit überhaupt möglich? Juristisch würde es wohl passen, wenn keiner der 27 verbleibenden Mitgliedsstaaten dies blockieren würde. Die EU hat mehrfach klare Signale ausgesendet, dass eine Rücknahme von Artikel 50 denkbar wäre. Mrs. May schließt aber ein zweites Referendum kategorisch aus, und bestreitet somit, dass Menschen auch ihre Meinung ändern könnten. Ohne ein klares, zweites Referendum würde ein Exit vom Brexit wohl in einen Bürgerkrieg münden.

Als anglophiler Mensch hat mich das Geschehen auf den Britischen Inseln schon immer interessiert. Begünstigt durch das Internet habe ich schon lange vor dem Brexit Referendum begonnen, neben niederländischen und deutschen Medien auch britische zu konsumieren. Da mein Herz eher Mitte-Links schlägt, waren dies vornehmlich Guardian und The Independent. Also irgendwie schon eine eigene Art Filterblase, in welcher es hinsichtlich der EU Mitgliedschaft keine besonderen Auffälligkeiten gab.

Geht es mir mal zu gut, dann kasteie ich mich aber auch schon mal mit den sogenannten Tabloids, also z.B. The Sun und Daily Mail (in DE vergleichbar mit der BILD). Ich lese nicht nur die Artikel, sondern auch gerne die Kommentare der Leser. Und diese zeichnen ein erschreckendes Bild, welches eigentlich geeignet sein sollte, meine Anglophilität etwas zu dämpfen. Auch hier gilt: Je geringer Bildung und Wohlstand, desto drastischer die Meinung. Der doofe Brite (beliebigen Alters) befindet sich noch im 2. Weltkrieg, in dem alle Deutschen Nazis sind, und die EU missbrauchen, um ihr 4. Reich aufzubauen. Dies ist keine isolierte Ansicht, sondern offenbar weit verbreitet. Heute, wie auch schon vor 40 Jahren.

Egal, was schief läuft im Leben, die EU (und/oder Deutschland) ist schuld daran. Man ist nicht bereit, auch nur den geringsten Vorteil in der EU zu sehen. Die EU ist undemokratisch und überbürokratisiert, die EU ist deutschlandhörig, die EU ist nur dafür da, den Briten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Merkel hat nicht nur Deutschland mit Moslems geflutet, nein, sie ist auch für alle Einwanderer im UK verantwortlich und ursächlich für das Leid der Griechen. Zudem möchte sie die Türkei in die EU bringen und nationale Eigenheiten wegbügeln. So steht‘s in den täglichen Tabloids von Herrn Murdoch, so denkt das gemeine Volk. Zusätzlich wird mit großer Inbrunst der komplette Zerfall der EU prophezeit – oder besser – herbeigesehnt. Als Ursache galten in Folge die Niederlande, Frankreich, Osteuropa – und heute Italien. Wenn dieser Untergang nicht eintritt, so wird schnell auf das nächste Land umgeschaltet, in welchem Wahlen anstehen. Zur Not wird nach der RAF geschrien, die Europa einfach zusammenbomben könnte. Warum auch immer.

Was in der halbseidenen Berichterstattung vollkommen fehlt, sind Fakten. Kein Wort dazu, dass eine übereilte EU-Osterweiterung im Wesentlichen von den Briten verursacht wurde. Kein Wort dazu, dass ein ungeregelter Zuzug von Osteuropäern vermeidbar gewesen wäre, hätte die britische Regierung dies nur gewollt. Kein Wort dazu, dass Großbritannien vor dem EU-Beitritt das „kranke Land Europas“ war – und nach dem Beitritt zur zweitstärksten Wirtschaftsmacht der EU erstarkte. Warum sich auch mit Fakten inkommodieren, wenn diese das eigene, kaputte Weltbild ins Wanken bringen würden?

Kurz nach dem Referendum waren ähnliche Anwürfe vereinzelt auch in der seriöseren Presse zu finden. Heute sind sie die absolute Ausnahme, und werden durch andere Leser sofort korrigiert und gerade gerückt. Während das dumme Volk in den Tabloids weiterhin dumpfes Gedankengut verbreitet, zeigt sich in der „besseren“ Presse das genaue Gegenteil. Exit vom Brexit sei der einzig gangbare Weg. Und aus britischer Perspektive hätten sie damit wohl auch Recht.

Ich hingegen denke, dass die Briten wirklich durch‘s tiefe Tal der Tränen müssen. Erst wenn sie die EU tatsächlich verlassen haben, wird ihnen die Möglichkeit genommen, die böse EU für alles verantwortlich zu machen, was irgendwo schief läuft. Die Brexiteers werden dies am deutlichsten spüren, denn sie werden mit Abstand die größten Verlierer sein. Natürlich wird dies einige Zeit dauern, denn auch außerhalb der EU kann man selbige noch für vieles verantwortlich machen. Es wird aber mehr und mehr einem Gefühl weichen, dass vielleicht doch eher eigene Eliten für das bald wachsende Elend des Landes verantwortlich sind. Und wenn es soweit ist, dann würde ich mich freuen, wenn das UK der EU wieder beitritt. Natürlich dann ohne speziellen Briten-Bonus. Im Idealfall mit offenen Schengen Grenzen und mit dem Euro. Mit etwas Glück ist Irland bis dahin auch wiedervereinigt.

Bis dahin ist Europa besser ohne die Briten bedient.

  • Das Problem mit Corbyns Annäherung an den Brexit ist, dass er die Handlung selbst nicht als undurchführbar abgetan hat. Er versucht, es als ein Tory-Problem darzustellen, aber zu sagen, „wir würden es immer noch besser machen“, macht es nicht zu einem Tory-Problem, er darf es zum britischen Problem machen. Die Tragödie von May und Corbyn ist, dass keiner von ihnen für die Jugend Großbritanniens spricht, die bleiben will und einer Stimme beraubt wurde. Ich stehe täglich in der Hoffnung, dass dieses Verbrechen berichtigt wird und dass die 16- bis 17-Jährigen, deren Meinung vorsätzlich ignoriert wurde, gehört werden, aber ehrlich gesagt, wenn die Regierung und die Opposition den Brexit als unvermeidlich akzeptieren, ist dies unwahrscheinlich. Corbyn und May sind zwei entgegengesetzte Seiten eines schmutzigen Spektrums.

    (using google translate)

  • War es wirklich nur die Gier nach Machterhalt, der zu diesem Irrsinn geführt hat? Könnte auch ein gut kaschierter Tory Masterplan gewesen sein, Banker wieder komplett von der Leine zu lassen. Viele EU Regularien, z.B. zu Arbeits- und Umweltschutz, Arbeitnehmerrechten und Regulierung von Banken und Kapital stoßen der britischen Elite schon länger sauer auf. Auch der NHS in bisheriger Form stört nur.

    Es könnte aber tatsächlich auch nur an totaler Unfähigkeit der britischen Politiker liegen, gepaart mit dem latenten Hass der Bevölkerung auf alles nicht-britische..

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