Tatort "Meta"

Keine Frage, für diesen Tatort werden Köpfe rollen, im öffentlich rechtlichen Fernsehen deutsch-dümmlicher Prägung. Es kann einfach nicht angehen, dass man zur Primetime auf‘s vortrefflichste unterhalten wird, ohne dabei zwanghaft zu einem besseren Menschen erzogen zu werden. Aber es ist geschehen. Und jetzt will‘s bestimmt keiner gewesen sein.

Wie viele Faktoren müssen wohl zusammen kommen, damit eine solche Perle geboren wird? Zum einen gab es bestimmt eine Amöbenruhr bei der Degeto, welche diese Anstalt aus verbeamteten Sesselpupern, die immer schon irgend was mit Medien machen wollten, für Monate lahm gelegt hat. Sie produzierten genau das weiter, was sie schon immer produzierten, aber sie taten es in diesem Fall und zum Segen der Zuschauer ausschließlich auf der Kloschüssel. Das alleine reicht aber nicht. Zusätzlich muss der Mitarbeiter ausgefallen sein, der sonst für besondere Mopsigkeit beim neuen, dunkeldeutschen Rundfunk RBB sorgt. Auch die Aufsichtsgremien, bestehend aus sämtlichen Lobbyistenverbänden, Kirchenvertretern, Karnickelzüchtern, Frauen im Besonderen, Politikern im Abklingbecken sowie Fernsehköchen müssen während dieser Produktion verhindert gewesen sein. Waren bestimmt auf einer Weiterbildung in irgend einem grenznahen, polnischen Puff.

Am Ende wird es eine ganz einfache Erklärung dafür geben. Vielleicht hat ein cineastisch interessierter Pförtner einfach im Drehbuch von Erol Yesilkaya geblättert und es kommentarlos in den Postausgangskorb gelegt, adressiert an die Produktionsfirma Wiedemann & Berg. Auch die sonst üblichen Merkblätter ignoriert den Weißabgleich und guter Ton wird überbewertet hat er vergessen, beizufügen.

Das Ergebnis ist ein Parforceritt durch das Geschehen mit (mindestens) zwei Meta-Ebenen eines Films im Film, welcher der realen Handlung fast exakt entspricht. Der Plot ist genial – und so wohl auch noch nie da gewesen.

Berlin, während der Biennale. Es beginnt mit einem abgetrennten Frauenfinger, den Kommissar Karow (großartig: Mark Waschke) per schmuckem Karton angeliefert bekommt. Zusammen mit seiner Kollegin Nina Rubin (ebenfalls großartig: Meret Becker) kann er den Karton zu einem Self-Storage Lagerhaus zurückverfolgen, in welchem die Reste der 14-Jährigen Leiche, eingelegt in Formalin, auf die Protagonisten wartet. Als Mieter des Lagerraums ist schnell eine Produktionsfirma ausgemacht, deren neuster Film Meta gerade auf der Biennale seine Premiere feiert.

Als sie zufällig den Trailer des Films sehen, verschlägt es ihnen die Sprache. Ein Finger wird per Karton angeliefert, eine Polizistin schreit auf, Kommissare ermitteln…

Der Regisseur von Meta hat große Hollywood Ambitionen, und behauptet somit anfangs, selbst das Drehbuch geschrieben zu haben. Im letzten Jahr, und binnen 6 Monaten. Dumm nur, dass die Leiche bereits seit 18 Monaten im Formalin dümpelt. Um seinen Hals zu retten, benennt er den tatsächlichen Autor. Peter Koteas – ein hochintelligenter, cineastischer Videothekenbesitzer, der jedes Detail des Drehbuchs werkgetreu umgesetzt sehen wollte.

Während sich Karow den ganzen Film anschaut, recherchiert Rubin über den Drehbuchautor, der wohl nicht nur Schlüssel zum Film, sondern auch zum Verbrechen ist. Er ist kein Autor oder Schriftsteller, hat nur dieses eine Drehbuch geschrieben. Und es scheint autobiographisch zu sein. Der Film erzählt die ganze Geschichte. Koteas war ein Killer für die Organisation Gehlen, den Vorläufer des BND, der laut Film im Film jedoch nie in diesen übergegangen ist, sondern ihn – quasi als Filialbetrieb für alles Schmutzige – bis in die heutige Zeit ergänzt. Bei einem seiner Auftragsmorde wurde der Killer von der 14-Jähringen überrascht, die als Prostituierte am Tatort anschaffen musste. Als Killer mit Moral tötet man keine Minderjährigen – er lässt sie am Leben. Später jedoch wird er von seinen Auftraggebern genötigt, diesen Fehler zu korrigieren. Als späte Rache hat er schließlich das Drehbuch verfasst, welches die komplette Geschichte erzählt, und Ross und Reiter nennt. Dann hat er sich der Polizei gestellt, und sich kurz darauf in der Zelle erhängt.

Während Karow felsenfest davon überzeugt ist, dass der Film bis in‘s kleinste Detail realistisch ist, hat seine Kollegin da große Zweifel. Während sie den Film erneut sehen, rutscht es aus ihr raus: Das ist doch nur ein Film!. Ihre Worte sind noch nicht ganz verklungen, als ein Ermittler im Film den gleichen Satz ausspricht.

Als Zuschauer kennt man nicht den kompletten Film, erlebt aber in der Haupthandlung Szene für Szene, dass alles Wesentliche übereinstimmt. Man versinkt in einer schräg-dystopischen Welt voller Zweifel, und erlebt, wie Karow schließlich immer mehr zum Taxi-Driver Travis Bickle mutiert, der als einsamer Rächer um die Häuser zieht.

Nein, Meta ist kein normaler Tatort. Meta ist ganz großes Kino, welches geeignet ist, meine starken Zweifel an deutschen Filmproduktionen doch etwas ins Wanken zu bringen. Toller Plot, gute Schauspieler, perfekte Kamera und Ton – alles passt. Dazu gekonnte Reminiszenzen an die Zeiten, in den Hollywood noch großes Kino produzierte. Kurz vor dem Abspann wird man noch daran erinnert, was mit motivierten deutschen Beamten geschieht, wenn sie ihren Job zu gut machen. Sie werden aus psychischen Gründen aus dem Amt entfernt. Unter anderem so geschehen bei der Steuerfahndung Frankfurt V.

In der gleichen Liga spielte 2014 der ebenfalls geniale Tatort Im Schmerz geboren. Jetzt wissen wir es also: Alle 4 Jahre kann man beruhigt einen Tatort anschauen.

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