Weihnachtshorror

In der Regel ist es der erste Dienstag im September, an dem die nächste Weihnachtszeit über mich herein bricht. Ich tätige dann meine Wocheneinkäufe, und beim Discounter meiner Wahl werden plötzlich Paletten voller Domino Steine, Marzipangedöns und zum Weihnachtsmann umgeschmolzene Restbestände der Osterhasen von der letzten christlichen Eiersaison aufgefahren.

Der Sommer war eh mal wieder nix, und plötzlich hat man die Gewissheit, dass wohl auch die folgenden sieben Monate aus Kälte, Regen, Schnee und saisonalem Ungemach bestehen werden. Und man irrt nie, zumindest wenn man älter als 12 ist, und nicht an Jesulein, Jehova oder wen auch immer glauben mag. Wer Kinder hat, muss dass natürlich anders sehen. Ich habe aber keine. Zumindest keine, von denen ich weiß.

In der Rechtskurve, kurz vor dem Ortseingang von Vaals, nehme ich dann das provisorische Gehege mit etwa 100 Gänsen wahr. Von Mai bis Juni verkaufen sie dort leckeren, überteuerten Spargel und Erdbeeren. Eine tapfere Geschäftsidee, nur 100 Meter von einer Grenze entfernt, hinter der dies alles einen Bruchteil kostet. Ich vermute, die Gänse werden letztendlich ähnlich viel Spaß am Fest haben, wie ich.

Zwischen Oktober und November pumpt sich dann unaufhaltsam die Besinnlichkeitsmaschinerie in Position. An den Käsetheken Europas erschallen Weihnachtslieder, die Kommunen versenken Millionen für die Weihnachtsbeleuchtung und die Aggression der Menschen in den Einkaufsstraßen kulminiert. Jetzt weiß der kleine Weihnachtstotalverweigerer es sicher: Das Grauen naht mit Riesenschritten.

Spätestens Mitte November weichen die Gänse den Weihnachtsbäumen. Das Gatter ist plötzlich leer, und einen Tag darauf mit Nordmanntannen und Krüppelkiefern gefüllt. Wie jedes Jahr frage ich mich, wo die Gänse wohl zwischenzeitig bleiben mögen, bevor sie mit einem Apfel im Südpol neben dem bunten Teller enden.

Jetzt könnte man denken, ich wäre alt und verbittert. In der Seele erkaltet. Bei alt hätte man Recht, bei allem Anderen läge man falsch. Ich habe Spaß am Leben, genieße es aus vollen Zügen – ich mag nur Weihnachten nicht. Die Zeit, in der die Bremsscheiben meines Motorrades leichten Flugrost ansetzen, weil das Wetter über Wochen zu nass und unkommod ist, um sie daran zu hindern. Man steht auf im Dunklen, um kurz nach der Mittagszeit erneut darin zu versinken. Was an dieser Zeit toll sein soll, ist und bleibt mir ein Rätsel.

Wenn dann die Nachbarn beginnen, ihre Häuser weihnachtlich aufzurüsten, beginnen bei mir die Selbstzweifel. Bin ich aus der Art geschlagen? Fehl es mir an frühkindlicher Nestwärme? Liegt es an den Genen? Ich bin zwar stolzer Besitzer einer weihnachtlichen Lichterkette, käme aber nie auf die Idee, diese auch tatsächlich einzusetzen. Ich hoffe, Besitzer von Atomwaffen verfahren mit ihrem Arsenal genau so.

Auch viele Erwachsene mögen die angeblich besinnlichen Tage, wie z.B. Jeff Bezos, Diät- und Zahnärzte, Gänsezüchter, Marzipan-, Geschenkpapier-, Alkohol-, Socken-, Krawatten- und Streusalzhersteller, Scheidungsanwälte – oder Fernsehschaffende.

Letzteren gelingt es alle Jahre wieder, dass auch Bestattungsunternehmer nach den Feiertagen auf ihre Kosten kommen. An Ostern, Weihnachten und anderen christlichen Feiertagen schießt schließlich nicht ohne Grund die Selbstmordstatistik durch die Decke. Damit dies auch in Zukunft so bleibt, muss das beste öffentlich-rechtliche Fernsehen der Welt (Eigenaussage) ab erstem Dezember nur die Festplatte einlegen, die vor 40 Jahren genau für diese Zeit des Jahres produziert wurde. Sie enthält – neben dem alternativlosem Kleinen Lord – gefühlswabernde Schätze der deutschen Fernsehunterhaltung. Großes Drama mit Natalia Wörner, ein x-beliebiger Weihnachtsvierteiler von Degeto. Dazwischen Kinderchöre, Blockflötenkonzerte oder irgend was mit rieselndem Schnee, flackernden Kerzen oder verschmitzte Nonnen in besinnlichen Schmonzetten. Gern genommen werden auch Rankingshows mit Klapptechnik und anfermentierten C-Promis. Dazwischen Schlager- und Volksmusikfuzzis der übelsten Art, die glitzertreppenhinunterschwebend ihre heile-Welt Scheisse in die Wohnzimmer ejakulieren, in denen Menschen zwangsvereint hocken, die sich das ganze Jahr über nix mehr zu sagen haben.

Damit der Herrenwitz nicht zu kurz kommt, werden sepiafarbene Publikumslieblinge ausgegraben, die dann in theolingenhafter Mopsigkeit frühe Schenkelklopfer zum Besten geben. Harald Juncke, Peter Alexander, Hans Moser, Inge Meysel – keine Fernsehmumie ist zu abgeschmackt, um sie für die Festtage nicht noch mal auszuwickeln.

Während die festangestellten Fernsehschaffenden sich ab Oktober von der Sommerpause (Juni – August) erholen, schnippeln unbezahlte Praktikanten die unvermeidlichen Jahresrückblicke zusammen. Die schlimmsten Anschläge des Jahres, Donald Trump, verhungernde Kinder in Syrien, der Brexit, Deutschlands letzter Platz bei irgend einem scheiß Song Contest, gepaart mit Momenten höchsten Glücks – i.d.R. irgend ein überbezahltes Fussballarschloch aus den Paradise Papers, welches einen Pokal in die Luft hält.

Natürlich ist mir bewusst, dass eine gewisse Menge Weihnachtsbesinnlichkeit sein muss. Deutsche Michel wollen so was, lernt man auf der deutschen Fernsehfröbelschule. Aber muss dieser Brei aus markerschütternder Melancholie, opihafter Bräsigkeit und menschelnd-aufgesetzter Völkischkeit tatsächlich zeitgleich aus 20 öffentlich-rechtlichen Kanälen schwappen? 100 Prozent der Zuschauer werden mit diesem Müll zwangsbeglückt, auch wenn nur noch 40% von ihnen an irgend einen Gott glauben. Und da sind schon die Anhänger des kölschen Katholizismus mit gerechnet, die eigentlich an nix glauben, bis sie dann mal Krebs bekommen.

Ja, das öffentlich-rechtliche Fernsehen steckt in einer tiefen Krise. Nett wäre es, wenn mal irgend ein sogenannter Medienprofi ermitteln würde, warum dies so ist, und wie man aus dem selbst verursachten, tiefen Tal der Tränen entfliehen kann. Mein Tipp für den Anfang. Lernt euren Job – z.B. während eines Auslandspraktikums – und wählt einen (in Worten EINEN) Kanal, auf dem an Ostern und/oder Weihnachten Programme angeboten werden, deren Konsum nicht zu Schwermut, Trunksucht, Selbstmord oder Familientragödien führt. Es muss ja nicht gleich das Texas Kettensägen Massaker sein. Nehmt einfach einen Schwedenkrimi (einen, den ihr nicht schon 100 mal wiedergekäut habt), oder kauft was in Österreich ein, wo man es noch versteht, unterhaltsames Fernsehen mit ohne Lehrauftrag zu machen.

Allen, die es brauchen, wünsche ich eine frohe, besinnliche Weihnachtszeit. Für den Rest reicht ein ehrlich gemeintes Glückauf.

  • Mein Tip zur Vermeidung von Flugrost an den Bremsscheiben und Schäden an der Seele: Flucht nach Nordafrika über die geheiligten Tage. Man tauscht zwar manchmal Weihnachtsterror gegen realen, aber dem kann man mit etwas Vorsicht ausweichen. Ganz verschont von Weihnachten bleibt man aber auch dort nicht. Dafür sorgt schon die Tourismusindustrie. Aber bei tollem Wetter ist das alles nicht so bedrohlich.
    Darauf zu hoffen, daß sich am Besinnlichkeitsmatsch in Europa etwas bessern könnte, wäre naiv.

  • Ja. Im Nachgang zeigt sich, dass die „Kreativen“ sich mit diesem Weihnachtsprogramm ihren Platz im Olymp der totalen Bräsigkeit gesichert haben. Ätzender gehts nicht – und zu allem Überfluss wurde jeder Beitrag auch noch mehrfach wiederholt.
    Danke für den Tipp zu Österreich. Deren Mediathek hat mich vor dem Wahnsinn bewahrt.

    Mitleidendende Grüße aus dem Norden
    Thomas

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