Fernsehersatzprogramm

Eigentlich mag ich ja clevere Ideen, um dramatisch viel Geld einzusparen, ohne dem Kunden den Eindruck zu vermitteln, es würde plötzlich etwas fehlen. Telefonanbieter, die Deutsche Bahn und zeitgenössische Politiker sind besonders versiert in dieser Disziplin. Die jüngsten Mitglieder in diesem Club scheinen ARD und ZDF zu sein.

Früher, als alles noch besser war, gab es das Testbild. Es war nett anzuschauen, mal in bunt, mal in schwarzweiß – und – es kostete fast nix. Wenn man das Testbild guckte, dann war man nicht allein. Ein 1000 Herz Ton klang vertraut und heimelig, und er verstärkte den Wunsch, hurtig gen Bett zu eilen. Das einzig Dumme daran: Man bekam keinen Heißhunger auf Psychopharmaka oder andere Erzeugnisse der Pharmaindustrie.

Das Testbild des 21. Jahrhunderts heißt Bares für Rares oder Wer weiß denn sowas?. Beides Trendsetter im rasanten Downspin des ÖRF – wenngleich auch hoch gelobt in Bäckerblume oder der Apotheken Umschau. Bevor es zur Master Frage geht, bekommt man erst mal das Gesamtsortiment globaler Gerontopharmaka um die schrumpeligen Öhrchen gehauen. Und man braucht dieses auch, denn ohne Antidepressiva überlebt kein denkender Fremdschämer die anbiedernden Sülzanfälle eines Horst Lichter.

Keine dieser Sendungen ist wirklich schlecht. Isoliert betrachtet kann man sie sogar mögen. Und genau darin liegt ihre Perfidie. Wenn man nicht aufpasst, nimmt man diese Programmersatzstoffe schnell als normales und angenehmes Grundrauschen der Fernsehunterhaltung wahr, und geht damit den Cleverles auf den Leim, die seit Jahrzehnten darum bemüht sind, Milliardeneinnahmen aus Rundfunkgebühren in anspruchslose Programme umzusetzen, ohne sich dabei durch Arbeit zu inkommodieren. Das Resultat sind dann Sendungen, deren Plot sich beliebig multiplizieren lässt. Aus einer dieser täglichen Lindwurmsendungen werden bald zehn. Alle aufgebaut nach dem exakt gleichen Schema.

Nehmen wir mal exemplarisch Bares für Rares.

Der Plot:
Eine Plattform schaffen, auf der anfermentierte, mediengeile Senioren ihren Hausrat (grundsätzlich „in gute Hände“) verhökern können, den sie auf ihrem finalen Weg ins Pflegeheim nicht mitnehmen können.
Zielmarkt:
Pharmakonsumenten mit mindestens Hauptschulabschluss (alle anderen werden besser bedient im Privatfernsehen)
Aufwand:
1 Praktikant mit Grundkenntnissen in AfterEffects (zwecks Bedienung der Klapptechnik für Standbilder), zwei Kameras mit Bedienpersonal, eine Handkamera für „draußen“, ein medienwirksamer und schleimtauglicher Koch, 5 „Händler“, von denen mindestens 2 „urig“ sein müssen sowie 2-3 Experten mit komischem Doppelnamen. Mehr ist da nicht.
Nebenwirkung:
Das Einbrennen des Senderlogos in jedes Display Deutschlands.

Der große Charme dieser Sendungen ist ihr Mehrfachnutzen. Man kann sie beliebig oft wiederholen, ohne dass dies auffällt. Auch neue Folgen kennt man schon. The best surprise is no surprise – das offensichtlich einzige Credo deutscher Film- und Fernsehschaffender.

Nimmt man heutzutage ein deutsches Fernsehprogramm, und streicht all diese Machwerke heraus, und ergänzt diese Streichliste noch um den täglichen Hitler im ZDF, Spocht, Ranking Shows, das Gesamtangebot des MDR, der 10-Millionsten Wiederholung von Wilsberg, Barnaby und x-beliebigen Krimis deutscher Prägung (also mit tougher Kommissarin inklusive dösigem männlichen Sidekick), Volksmutantenscheiße, irgend was mit verschmitzten Nonnen und Talk Shows mit Bosbach, Wagenknecht und (zukünftig auch) braunem Geschmeiß, so bleibt schnell eine leere Seite. Abgesehen von ARD Brennpunkt und ZDF Spezial, in welchem man all das erfährt, was bereist seit 12 Stunden ohne Unterbrechung berichtet wird.

Politiker staunen heute nicht schlecht, wenn ein Präkariat aus Dumpfheit ihnen die Sitze weg nimmt. Aufmerksame Fernsehzuschauer hingegen bemerken, dass diese Dummheit sehr gezielt gemacht wird. Wenn Menschen, die ohne fremde Hilfe ein Loch in den Schnee pissen können, erst ab 22 Uhr einschalten dürfen, ohne Schaden am Geist zu nehmen, dann läuft etwas gehörig schief im Deutschen Staatsrundfunk. Vielleicht läuft es aber gar nicht schief, sondern folgt nur einem großen Masterplan? Möchte man mich vielleicht zu Netflix treiben? Wirtschaftsförderung per Holzhammer?

Vor vier Tagen beglückte mich ARTE mit der jüngsten Fassung von Nineteen Eighty-four (1984). Verglichen mit heute zeigt dieser grandisose Film eine heile Welt, in welcher das Brainwashing der Bevölkerung immerhin von offizieller Seite eingeräumt wird. Lief natürlich zu später Stunde, damit es ja niemand mitbekommt.

  • Gewohnt böse, aber auf den Punkt gebracht. „Das Gesamtangebot des MDR“ – ich hab mich abgerollt. Ein Sender der besonders gerne alte DDR Klamotten zeigt und den Mief von Plasten und Elasten zurück in sächsische Wohnzimmer treibt. Ich stamme aus Ostdeutschland und empfinde das Angebot des MDR (und teils auch RBB) als Zumutung. Bei uns sind tatsächlich viele „so“, aber glücklicherweise längst nicht alle. Ich freuie mich auf den nächsten Artikel von dir.
    Mark

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