Sechzig

Als Gott (oder Jehova, Allah, Buddha, Steven Jobs oder das fliegende Spaghettimonster) den Menschen geschaffen hat, muss er (oder sie, oder es) sich Gedanken über die Nutzungsdauer gemacht haben. Damit diese nicht ewig währt, und Renten- und Krankenversicherungen in den Ruin treiben würde, hat er eine geplante Obsoleszenz in Form eines Alterungsprozesses (aka regelmäßiger Zelltod) eingebaut. Das ist für die Allgemeinheit ganz ok, für das Individuum (mich) jedoch ziemlich unkommod.

Als ich vor 30 Jahren 30 wurde, habe ich beschlossen, mich nicht mehr über Geburtstage zu freuen – und nur noch an den verbleibenden 364 Tagen zu feiern. 40 werden war dann eher unspektakulär. Körper und Geist waren noch im Werkszustand (mit üblichen, gebrauchsbedingten Abnutzungsspuren), und in Bussen und Bahnen kam noch niemand auf die dumme Idee, für mich den Sitzplatz aufzugeben. Von Katrin – meinem heutigen Hausgeist – erhielt ich damals Kukident, irgend was mit Ginseng und eine Erwachsenenwindel zum Geburtstag.
Seit meinem Fünfzigsten war ich dann alt. Nicht unbedingt im oberen Bereich des Kopfes – aber weiter unten wurden damals erste Teile der Beissmechanik im Rahmen eines Werkstattbesuchs ersetzt (geizig wie ich bin, durch Gebrauchtteile von Ebay). Als Raucher hätte ich eigentlich erwartet, dass auch Teile der Extremitäten abfallen würden – aber dies ist bis heute ausgeblieben. Keine Ahnung, was da schief läuft.

Hat man mal die 50 geknackt, so stößt man auf ein gesellschaftliches Phänomen. Man wird wertlos – außer man ist Politiker, Mafiapate oder Vorstand irgend eines x-beliebigen, verbrecherischen Großkonzerns. Verliert man seinen Job, so kann man sich nen Wolf suchen, um wieder einen neuen zu finden. Für die, welche nicht fündig werden, hat der Staat den Dosenpfand und die Altersarmut eingeführt. Jüngere Mitbewerber können zwar oft nicht lesen und schreiben oder sich selbst die Schnürsenkel binden, können dafür aber alle Folgen von Game of Thrones lippensynchron mitsprechen. Neue Zeiten erfordern halt neue Talente. Betraf mich glücklicherweise nicht, denn ich habe noch nie die Arbeit gesucht.

Erkrankt man in einem westlichen Wirtschaftswunderland jenseits der 50, so hört man oft Getuschel der Ärzte: Lohnt sich das noch? Zahlt das noch wer? Ich mag so was nicht hören, und meide Ärzte deshalb seit 40 Jahren. Alte Menschen wie ich kleiden sich in Erdtönen, so, als wollten sie sich bereits jetzt ihrer zukünftigen Umgebung anpassen. Und sie schmutzen rum – wenigstens ein Altersfeature, welches Spaß macht.

Soviel zur Vorgeschichte. Letzten Donnerstag endete für mich die Dekade der Fünfziger. Das Jahr 2017 schien dafür den perfekten Rahmen zu setzen: Die erste, eher miese, Motorradtour meines Lebens, ununterbrochenes Mistwetter seit Mitte Juni, ein kleiner Stinker namens Daffyd, der täglich wesentliche Stücke aus meinem Unterarm beißt, ein komplett vermooster Vorgarten mit Pilzbesatz, Diebstahl des geliebten Motorrads im Juli, Ausfall der Herbsttour in die Alpen, vier weitere Jahre mit der Bundes-Mutti, völkische Nazis in den Parlamenten der EU, Trump und der irrsinnige Exit eines meiner Lieblingsländer. Ein gutes Jahr, um endlich steinalt zu werden.

Alles hätte so ruhig und unaufgeregt verlaufen können, wie in früheren Jahren. Wäre da nicht Katrin, meine hinterlistige, zu üblen, konspirativen Komplotten neigende Mitbewohnerin. Wir hatten seit vielen Jahren einen klaren Deal. Wir schenken uns nix, weder an Geburtstagen, noch zu Weihnachten. Ich habe mich IMMER daran gehalten (als Überplansollerfüller habe ich sogar regelmässig ihren Geburtstag komplett vergessen) – sie hingegen NIE. Frauen können nicht nur nicht richtig rückwärts einparken, sie sind auch generell nicht vertragsfähig. Das gewünschte Ergebnis ist ein bohrendes Schuldgefühl bei mir, und diebischer Spaß bei ihr.

Mein Geburtstag – der 19.10. – verlief dann auch recht angenehm. Katrin gratulierte mir, und brach danach ins Wochenende auf, welches sie wie üblich mit ihrer deutlich besseren Hälfte Axel in Köln verbringen wollte. Bevor sie dies tat, zerstörte sie jedoch meine schwache Hoffnung, dass diesmal alles vertragsgemäß ablaufen würde. Sie und Axel würden mich am Samstag heimsuchen, um mir eine Kleinigkeit zu schenken, und mit mir essen zu gehen. Gnampf! Kein vernunftbegabter Mensch fährt 200 km, um mit MIR essen zu gehen.

Eigentlich wollte mich Alex (nicht zu verwechseln mit Axel), mein angenehmer Reisebegleiter der letzten zwei Motorradtouren, am Wochenende besuchen. Am Donnerstag sagte er jedoch wegen einem schlimmen, familiären Problem ab. Es würde also eher ein ruhiges Wochenende werden – so dachte ich zumindest in meiner grenzenlosen Naivität.

Ich wartete dringend auf meine Kentekencard, das niederländische Äquivalent des deutschen Fahrzeugscheins, mit welchem ich mein fast neues, bajuwarisches, Qualitätsprodukt auf meiner Terrasse nicht nur in Besitz, sondern auch in Gebrauch nehmen konnte. Erst wenn man diese Karte hat, kann man die Kiste versichern und ein Kennzeichen machen lassen. Donnerstag war sie zu meinem Frust nicht in der Post, aber am Freitag um 13 Uhr lag sie im Briefkasten. Passend zu ihrem Eintreffen hatte (natürlich) auch wieder Regen eingesetzt. War mir aber völlig latte, denn nach fast drei Monaten erzwungener Motorradabstinenz würde mich popeliger Regen nicht daran hindern, ein schnelles Ründchen zu drehen.

Auf dem Rückweg von der Kennzeichenbeschaffung fuhr ich noch schnell zu einem (anderen, netteren) Thomas in Heerlen, um eine CD ab zu geben. Er war – zusammen mit seiner Frau – wesentlicher Bestandteil unseres Aachener Altherren-Motorrad-Stammtischs (zur Klarstellung: Dort treffen sich alte Männer und ihre zeitlos jung gebliebene Frauen). Wir quatschten kurz. Kein Wort über meinen soeben erlebten Geburtstag. Ich erzählte ihm, dass mich Flyingbrick (eine sektenähnliche Vereinigung der Besitzer/innen bestimmter BMW Motorräder aus dem Zeitraum 1983-2001) endlich erfolgreich aus ihrem Online-Forum verbannt hatte, gefolgt von einem kurzem Plausch über eine Software, die es bald zu installieren galt. Danach kratzte ich hurtig die Kurve, schraubte mein Kennzeichen an, und bemühte mich erfolgreich, mal wieder gepflegt nass zu werden. Insgesamt ein guter Tag. Ich saß endlich wieder im Sattel und freute mich über ersten Dreck an meiner GS.

Auch der Samstag begann mit Regen. Laut Wetterbericht sollte der jedoch mittags nachlassen – und einer weiteren Tour würde nix im Wege stehen. Gegen 13 Uhr wollte ich gerade meine Motorradklamotten besteigen, als ich das typische Wummern eines BMW Boxers vernahm. Dieses Geräusch ist nicht unüblich in meinem Biotop – etwa 20 davon passieren trockentäglich mein Anwesen. Nur dieses fuhr nicht vorbei, es parkte ein.

Mit breitem Grinsen klappte Alex seinen Helm hoch. Großes Hallo. Das restliche Wochenende war somit gerettet. Nach einem schnellen Kaffee war der Regen in vereinzelte Schauer ohne echtes Bedrohungspotential über gegangen, und wir fuhren noch eine kleine Runde durch die Ardennen. Zum Abschluss bestiegen wir noch den höchsten Punkt der Niederlande – natürlich mit Sauerstoff im Gepäck. Alles war gut. Kurz nach 17 Uhr waren wir zurück, um auf Katrin und Axel zu warten. Dann nahm alles seinen Lauf.

Als die beiden kurz nach 19 Uhr eintrafen, schlug ich vor, ins Boscafé ‚t Hijgend Hert‘ zu fahren, eine nette Kneipe mitten im finstren Wald zwischen Vaals und Epen. Es war Katrin‘s Lieblingskneipe, und ich hätte misstrauisch werden sollen, als sie meinen Vorschlag schnöde ausschlug. Nö, wir fahren nach Aachen. Neue Kneipe – kennst Du nicht. So einfach gab ich mich nicht geschlagen, und erbat zumindest den Stadtteil. Die Antwort: ’s wäre in der Nähe vom Louisenhospital, eine Überraschung. Jetzt ist Oche im Allgemeinen schon ein miefiges Dreckskaff, aber die Gegend um‘s Louisenhospital gehört ganz sicher nicht zu den kulinarischen Brennpunkten der Printenmetropole. Ich brabbelte: Da gibt’s nur das Schlüsselloch (kein Essen), einen Inder (Banane auf indisch geht nicht an misch) oder das Meisenfrei. Ansonsten vielleicht noch die Kantine des Finanzamts (Samstags Ruhetag) oder den Hostienverkauf von Misereor (glutenfrei, aber ebenfalls geschlossen). Oder der McDonalds im Hauptbahnhof. Ich war gespannt, wo die Reise wohl enden würde.

Nach Katrin‘s erstaunlich unauffälligem, rückwärtigen Einparken marschierten wir in Richtung Meisenfrei. Hier gibt’s nur das Meisenfrei – hier gibt’s nix anderes, meckerte ich. Als wir davor standen, gab sie zu, dass wir wohl hinein gehen würden.

Der Laden war brechend voll. Beim Betreten entdeckte ich Carlo‘s glänzende Pläte. Carlo ist der engagierte Häuptling unseres Motorradstammtischs, und auch noch auf mehreren Nebenkampfschauplätzen tätig – wie Slot-Car Rennen und Luftgewehrschießen. Mein erster Gedanken war, dass er hier zufällig noch einen weiteren Stammtisch besuchen würde. Dann entdeckte ich Wolle, meinen Wingman von einigen Touren, und Manni, und Uli, und eigentlich alle wesentlichen und regelmässigen Besucher unseres BMW Stammtischs. Aber damit nicht genug. Auch Melanie, eine hoch geschätzte frühe Sekretärin, Buchhalterin, Verwaltungsfachangestellte heimliche Chefin meiner alten Firma, saß mit am Tisch. Daneben zwei Ex-Kollegen aus meiner Zeit bei einem Maschinenbauer aus Würselen – die einzigen zwei, die mir damals als Besitzer von Charakter, Anstand und Rückgrat aufgefallen waren. Über dem ganzen Geschehen schwebte eine Art güldener Fesselballon mit Bömmeln, auf dem in größtmöglicher Peinlichkeit eine 60 geschrieben stand.

Als dann noch der ganze Tisch nebst völlig Unbeteiligten zum Happy Birthday ansetzte, war ich zum ersten mal seit dem 21.06.1984 völlig sprachlos. Wäre dies jetzt nicht der geeignete Zeitpunkt, vom Schlag getroffen darnieder zu sinken? Klappte nicht – alle Versprechungen der Tabakindustrie auf frühen Tod, ungesunde Ernährung, zu wenig Bewegung – alles Lüge. Alle wussten Bescheid, und Katrin grinste wie ein Honigkuchenpferd. Dies war ohne Zweifel der Höhepunkt von Katrin‘s Perfidie, unseren Geburtstagsvertrag zu brechen. Soviel zu meinem Plan, meinen Sechzigsten in aller Stille und in Sack und Asche zu begehen.

Als mir dann noch zwei prall gefüllte Sparschweine, mehrere motorradspezifische Gutscheine, zahllose Karten und Umschläge sowie das Paket unter dem goldenen Fesselballon übergeben wurden, fuhr ich mental auf der letzten Rille. Wenn ich mit allem gerechnet hätte, damit sicher nicht.

Natürlich steckte Katrin hinter allem. Ich erfuhr jedoch schnell, dass sie zahllose willfähige Mittäter hatte. Eigentlich wussten alle Bescheid, inklusive Alex. Und niemand von ihnen hat sich vorher verplappert. Das allerschlimmste daran war: Wie soll man bei so was seiner langjährige Abneigung gegen Geburtstagsfeiern treu bleiben? Ich konnte nicht anders. Was hier gerade passierte, war einfach nur genial.

Den Rest des Abends zermarterte ich mir mein Hirn. Wie konnte sie diesen Plan überhaupt umsetzen? Kontakt zum Motorradstammtisch war klar, schließlich stand ihre Harley bei Uli auf dem Gnadenhof, und sie wusste, wo der lag. Und Uli grinste auch mehrfach extrabreit. Auch Thomas aus Heerlen war involviert – und den hatte ich noch am Tag zuvor besucht. Aber wie um alles in der Welt konnte sie Alex kontaktieren? Ich hatte seinen Vornamen zwar mehrfach erwähnt, keinesfalls jedoch seinen Nachnamen. Zum Hacken meines Linux PCs, auf welchem ich mein Adressbuch pflege, war sie zu faul. Ich erinnerte mich aber daran, dass sie vor langer, langer Zeit mal fragte, für welche Versicherung Alex denn tätig sei. Dass er in Herne wohnte, wusste sie wohl, seit dem ich für ein Wochenende hingefahren war. Lag aber fast 2 Jahre zurück, und ich hätte es längst wieder vergessen. Sie erzählte, dass sie ihn nach 5 Minuten googeln gefunden hatte. Wie kann diese Frau sich all die kleinen Details nur merken? Plant sie tatsächlich mehrere Jahre voraus, um besonders gekonnt unseren geburtstäglichen Nichtangriffspakt brechen zu können?

Die Nutzlast unter dem Fesselballon war dann eine weitere Überraschung. Ein Sena S20 Bluetooth Headset für meinen Helm. Wie um alles in der Welt konnte irgend jemand wissen, dass ich mir genau dieses Produkt als Ersatz für meine verblichenen China-Headsets anschaffen wollte? Es ist nicht nur das einzige Headset auf dem Markt, welches mit allen anderen Fabrikaten kommunizieren kann, es hält auch einen kompletten Reisetag bei Dauereinsatz durch.

Ohne es zu bemerken hatte ich wohl alle Details auf unserer nächtlichen Fahrt nach Brüssel ausgeplaudert. Da ich mein BMW Navi mit nach England genommen habe, bot ich an, es für die Navigation zu nutzen. Wäre zwar ohne Ton, aber man könnte auch prima rein optisch damit fahren. Irgendwie hat sie an dieser Stelle wohl aus mir rausgeleiert, dass ich mir bald diesen Sena Headset kaufen wolle, um mein Navi endlich auch einmal hören zu können.

Ich beschloss, mit Katrin in Zukunft nur noch unter Anwesenheit eines Anwalts zu sprechen. Ich gebe mich geschlagen. Sie spielt bei so was deutlich in der Profiliga, und ist mir einfach über. Erkennt man auch an kleinen Details: Ich war mit einem Restbestand an 3 Ziggies zu unserem kurzen Essen aufgebrochen, und hatte einer davon bereits auf dem Weg zur Kneipe ihr Leben ausgehaucht. Auf dem Tisch lauerte eine volle Packung, von der ich angesichts der Aufregung auch reichlich Gebrauch machte. An diesem Abend wurde nix dem Zufall überlassen – schließlich weiß sie, wo genau meine Patientenverfügung und mein Testament warten.

Ich kann mich nur wiederholen. Ich war völlig sprachlos an diesem genialen Abend. Tausend Dank an alle meine Freunde. Ich werde wohl auch in Zukunft das älter werden strikt ablehnen. Aus persönlichen, sexuellen, finanziellen, politischen und gesundheitlichen Gründen. Sollte ich aber noch mal 60 werden, so dürfte der Abend gerne exakt so wieder ablaufen.

Viel Schlaf blieb nicht. Aber schlafen kann ich ja noch genug, wenn ich‘s mal hinter mir habe.

Leute – Ihr seid die Besten!!!

  • Lieber Thomas,
    auch diesen Abend hast Du, wie auch Deine Reiseberichte, in der Dir lockeren, trockenen Art, sehr schön beschrieben. Danke, dass wir dabei sein durften, es war ein sehr schöner Abend, vor allem Dein saud…… Gesicht, als Du Deinen Kopf durch die Tür der Kneipe schobst.

  • Ich = Alex (oben namentlich erwähnt) bin wieder begeistert von Deinem Schreibstil. Du solltest wirklich unter die Schriftsteller gehen. Loriot ist tot – es lebe Thomas. Gerne komme ich zum Deinem 70sten, 80sten, 90sten, 100sten…… – aber nur, wenn wir dann zum Boscafé ‚t Hijgend Hert‘ gehen. Ich habe auch schon zwei Rollatoren für uns.

  • Lieber Demokrit,

    ich kenne Dich nur aus deinem Blog, aber ich liebe die Art, wie Du schreibst. Nur wenigen Menschen ist es gegeben, große Bos- und Wahrheiten in solch charmante Worte zu verpacken:
    „Für die, welche nicht fündig werden, hat der Staat den Dosenpfand und die Altersarmut eingeführt“.
    Ich kann mich Alexander nur anschließen. Du solltest Bücher schreiben. Ich würde sie kaufen.
    Natürlich weißt Du, dass 60 heutzutage kein Alter ist – aber Du kokettierst gekonnt damit. Ich freue mich auf viele weitere Jahre mit Deinem Blog, und wünsche Dir alles Gute für das kommende Jahr, welches ganz sicher nicht so schlimm werden wird.

    LG
    Marion

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