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Dieser Tage hat unser aller Ulla von der Leyen leidsam erfahren müssen, dass es wohl doch einen Unterschied zwischen Chips- und Cola-vertilgenden, sozial- und sexuell gehemmten Hardcore Gamern (den so genannten „Computer Kids“, aus Sicht von Papa und Mama gerne auch „Hacker“ genannt) und seriösen Programmierern und Systemspezialisten gibt. Die Ersteren werden in diesem unserem Europa sehr gerne und in großer Quantität heran gezüchtet, die Letzteren sucht man hier vergebens, denn ihr Mikrokosmos liegt in den USA, Israel, Irland oder Großbritannien. In Ländern also, in denen das Internet schon lange kein „Neuland“ mehr ist, und wo „Digitalisierung“ bereits in der Frödelschule beginnt. Dort muss man sich auch nicht per ISDN einwählen, nur weil man vielleicht in einem Dorf lebt.

Von nix kommt nix – alles hat irgend eine Ursache, und ist mit vielem anderen verbunden. Wenn man im Cyberwar der Gegenwart und Zukunft mitspielen möchte, dann muss man dafür auch eine Basis schaffen. Dies beginnt mit einem vernünftigen Netzausbau, einer kompetenten Ausbildung für Lehrkräfte an Schulen und Hochschulen und einem Anreiz, dass Land nicht zu verlassen, wenn man zu den wenigen Gesalbten gehört, die dies alles bereits können. Nichts von diesen Voraussetzungen ist in Deutschland oder den wesentlichen Nachbarstaaten erfüllt, abgesehen vielleicht von Estland, wo man anscheinend den Knall vernommen hat. Hilfreich wären vielleicht auch Politiker, die unter 60 sind, und deshalb nicht nur ihr gut alimentiertes Pöstchen im Abklingbecken der EU oder in irgend einem Aufsichtsrat im Sinne haben.

Lieber BND, das wird so nix. Findet euch damit ab, dass ihr genau so wirkungslos sein werdet, wie der Rest der Truppe. Euer G36 schießt nicht um Ecken, es spielt „Call of Duty“. Eure Tankflugzeuge stehen nicht kaputt ab Werk am Boden, sie lesen fleißig „Basic for Dummies“ und meckern darüber, dass es im Bundesversorgungsportfolio nur unschmackhafte Chips gibt.

Euer „Hacker-Test“ zur Eingangsqualifizierung ist absoluter Pillepalle – fast schon eine Beleidigung. Jede Dumpfbacke kann sich vorgefertigte Angriffspakete runter laden, die ohne jede Sachkenntnis zum Erfolg – dem root Password – führen.

Ich weiß, ihr habt die besten und teuersten Beraterstäbe überhaupt, die McKinseys und Roland Bergers, die eurer fehlenden Berufskompetenz auf die Sprünge helfen sollen. Die braucht ihr aber gar nicht, denn zum Glück habt ihr mich. Und mich gibt‘s – wie immer – für lau.

Ihr sucht bekanntlich Cyberwarrior – wahrscheinlich, weil euch dies jemand mit vielen Pickeln im Gesicht erzählt hat. In Wirklichkeit sucht ihr Programmierer und Systemspezialisten sowie Fachleute für Router- und Firewall Technologien. Alles, was ihr eigentlich bräuchtet, wäre eine Europäische Strategie für eigene (rein Europäische) Open Source und Webservices Projekte. Open Source war und ist das wahre Mekka und Sammelbecken genau der Leute, die ihr benötigt.

Komisch, gell? Mehr ist da nicht. Das einzige Problem, was bleibt: Es gibt sie nicht, die Europäischen Open Source Projekte oder Webdienste. Jede/r der/die über diese Schiene in die Entwicklung von Software und Systemen eintaucht, landet vollautomatisch bei Google, Twitter und Co., aber keinesfalls in Oer-Erkenschwick oder St. Kützelmütz.

Europäische Legislative fordert zwar härteste Datenschutzprinzipien ein, stellt aber nie die Frage, ob diese mit Europäischen Mitteln überhaupt erzielbar wären. Dies sind sie nämlich nicht, denn es gibt keinerlei Europäische Web-Services. Diese sind heute für jedes Webprojekt unabdingbar, und sie kommen mehrheitlich aus den US of A, wo deren Nutzer und Anwender dann auch schnell durch ziemlich gute Headhunter abgegriffen werden.
Dort hat man auch erkannt, dass der Aufwand, ein wirklich guter Hacker zu werden, in etwa dem entspricht, einer der weltbesten Gehirnchirurgen zu werden. Mit dem Unterschied, dass sich für Letzteren nicht alle 6 Monate die komplette Arbeitsumgebung verändert. Soll heißen: Wer glaubt, einen digitalen Spezialisten für einen Hungerlohn zu bekommen, wird nur die dritte Garde finden.

Es gab eine Zeit, da erschien mir ein zur Kriegsführung unfähiges Land als das höchste Ziel überhaupt. Die ist vorbei. Heute tropfen die permanenten Angriffe aus jedem Modem, und es ist höchste Eisenbahn, endlich mal den verbeamteten Kopf aus dem Sand zu ziehen.

Glückauf

  • Nach den kleinen Einblicken, wie man Server und Webseiten „safe“ macht, scheint mir diese Einschätzung mehr als realistisch zu sein. Was ich dabei rudimentär kapiert habe ist, dass das WEB zu einem lebendigen Organismus geworden ist, sehr flexibel, sehr wendig, sehr schnell und intelligent. Und das bedeutet eine stets und ständige Auseinandersetzung mit der Welt. Das ist neu, gell.

    Als ich die Bemühungen von Frau von der Leyen in den Medien vernahm, konnte ich mir ein heimliches Grinsen nicht verkneifen und dachte, das wird so nichts.
    Aber es ist auf den Weg gebracht, und da steht es nun. Das Politikerherz hat wieder Ruh.
    Welche Person der ersten Liga wird sich für ein Sold der Bundeswehr rekrutieren lassen?

    Wenngleich ich nur erahnen kann wie viel Know How und vor allen Dingen Infrastruktur erforderlich wären, um eine kluge, tragfähige und zukunftsorientierte europäische Abwehrstrategie zu entwickeln, ist die Rekrutierung einer Handvoll „Spezialisten“ nicht mal ansatzweise ein zielführender Weg.
    Betrachten wir es einfach wie das Rheinische Grundgesetz:
    Et es wie et es. Et kütt wie et kütt. Et hätt noch emmer joot jejange.

    Waidmannsheil

  • Hallo Demokrit,

    aus deinen Zeilen spricht viel Frust, den ich als europäischer Softwareentwickler sehr gut nachvollziehen kann. Im Feld der Internettechnologien liegt Europa noch hinter manchen 3. Welt Ländern. Wer deren Wichtigkeit nicht begreift, sollte mal die Börsenwert von Alphabet, Facebook und Co. mit denen der Europäischen Kernindustrien vergleichen. Europa ist bei Schlüsseltechnologien bedeutungslos, und wird auch noch die (neue) Automobilindustrie verlieren.

    LG
    BobB

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