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© Filmwerk-Kiel, CC0 Public Domain Via pixabay

Nach langer Zeit der Stagnation steigen aktuell die Zulassungszahlen für Krafträder wieder. Dies schließt auch reine Vernunftfahrzeuge, wie Motorroller, mit ein. Seit 10 Jahren konstant ist ein durchschnittlicher Hubraum von 650 cm³ und eine Motorleistung von ca. 50 kW. Das, was heute durchschnittlich ist, war in den 1970ern der absoluten Königsklasse vorbehalten. Damals lag die mittlere jährliche Fahrleistung noch bei ca. 12.000 km. Aktuell liegt sie bei 2.300 km – und sinkt Jahr für Jahr. Der Gesamtbestand an Krafträdern liegt heute bei ca. 4.3 Millionen (1960: ca 1.9 Mio.).

Das Resümee: Immer mehr Motorräder werden gekauft, und stehen danach die meiste Zeit rum. Ihr Kauf war ein Fehler, denn mieten wäre deutlich billiger gekommen. Aber Besitz scheint wichtig – in einer Zeit mit verzweifeltem Wunsch nach (käuflicher) Individualität.

Besucht man heute ein x-beliebiges Motorradforum, so stößt man auf drei Schubladen mit Bikern drin. Die kleinste – gefühlt 3-5% – ist gefüllt mit Leuten wie mir. Menschen, die auf einem Motorrad alt geworden sind, und es als Alltags- und Freizeitfahrzeug nutzen, egal ob Sommer oder Winter. Dies sind i.d.R. alte Säcke, die darüber meckern, dass man bei modernen Motorrädern nur noch eingeschränkt selbst Hand anlegen kann, wenn‘s mal nicht mehr will. Bei der jährlichen Reiseplanung gibt‘s nur eine Frage: „Wohin“ – das Reisemittel steht immer schon fest. Es hat zwei Räder, und wird neben einem Zelt geparkt. Komische Typen, die immer noch anhalten, wenn ein anderer Biker kopfkratzend am Wegesrand steht. Keine Frage: Die Bewohner dieser Schublade sind aus der Zeit gefallen. Bald sind sie alle weg gestorben, und man kann die Schublade wegschmeißen. Die Hersteller weinen ihnen keine Träne nach, denn sie warten ihre Kräder selbst, und fahren sie, bis sie auseinander fallen. Da zeitgenössische Motorräder dies schon gerne sehr früh tun, stirbt mit ihnen auch viel rufschädigendes Gemecker.

In der zweiten Schublade tummelt sich der neue Geldadel, gefühlt 50% der heutigen Biker. Erfolg im Beruf, Doppelhaushälfte, Doppelgarage mit zwei PKW der unteren Oberklasse, iPad, iPhone, 50“ Fernseher mit Sky Abo und türkischer Putzfrau, die 3 mal in der Woche vorbei schaut. Man hat alles, was gerade hipp ist. Da der ansonsten identisch langweilige Typ aus der anderen Doppelhaushälfte noch kein Motorrad hat, kauft man sich eins – und dreht in der Garage auch schon mal laut am Gas. Zum Fahren mangelt’s oft an Zeit und Lust – vielleicht mal schnell zum Treff an der Eisdiele – um neue Customizing Anbauteile vorzuführen. Oder mit dem Hänger nach Garmisch zu den BMW Days, oder nach Killarney, zum Harley Treff. Man gruppiert sich gern mit seinesgleichen – und so gibt es heute Motorradtreffen, die nur eine bestimmte Farbe eines bestimmten Motorrads betreffen (z.B. BMW R1200GS TrippleBlack).

Heute kann man sein Bikerherz auch durch Accessoires zu Schau stellen. Zum Glück sind Motorradhersteller längst zu Vollsortimentern mutiert, die passende Uhren, sündhaft teure, gebrandete Kleidung und sogar Bettwäsche anbieten. Endlich kann man Biker sein, ohne Regen und Wind abzubekommen. Die Hersteller lieben die Menschen aus dieser Schublade – und verkaufen ihnen spätestens alle zwei Jahre eine neue Maschine. Eigentlich lieben die Hersteller ausschließlich diese Kundengruppe, denn neue, unbenutzte Fahrzeuge gehen seltener kaputt – und die Kundenzufriedenheit ist groß.

Die dritte Schublade beherbergt die Kreischsemmelisten. Typen mit kleinem Schwanz, hohler Birne und dem Credo Loud pipes save lives. Sie sind meist zwischen 16 und 30 Jahre jung. Ihre ausgeräumten Akrapovics beschallen die Eifel und sind ursächlich für die starke Inflation an Streckenverboten und Motorradkontrollen. Fahrzeuge und Fahrer sind dekoriert mit Devotionalien der Moto-GP Szene, wenn sie zum fünften Mal durch Blankenheim krakeelen, nur weil‘s davor und danach so geile Kurven zum Knieschleifen gibt. Diese Leute schwimmen oft nicht im Geld, sind mehr die Parias der Szene. Im Leben eher die kleine Wurst, im Sattel dafür alles kleine Rossis. Sie sind beliebt und begehrt in den Krankenhäusern der Region. Ohne sie gäbe es wohl keine Begriffe wie „Nierenwetter“ in den Zulieferbetrieben der Organbanken dieser Welt. Diesen überflüssigen Typus hat es schon immer gegeben, und neben den (wenigen) Rockern sind sie ursächlich für die starke und nachvollziehbare Aversion der restlichen Bevölkerung gegenüber uns Motorradfahrern.

Was bliebe wäre eigentlich eine 4. Schublade der wachsenden Gemeinde der Rollerfahrer. Auch sie bewegen sich auf 2 Rädern, haben aber ansonsten mit der Unvernunft des Motorradfahrens nichts am Hut. Ihre Motivation ist rein sachlich. Manche von ihnen haben autotechnisch resigniert. In zeitgenössischen Städten gibt es mit dem PKW kein Vorankommen mehr. Ein Roller kann sich überall durch schlängeln. Er ist an diesen Orten schlicht „vernünftig“. Keine Parkplatzsuche, kein Dauerstau und minimale Betriebskosten. Hier tummeln sich auch viele, die sich einfach keinen PKW mehr leisten können – und trotzdem auf ein Alltagsfahrzeug angewiesen sind. Im Gegensatz zu Motorrädern verschwinden Roller auch nicht aus dem Bild winterlicher Städte. Anders als Motorradfahrer sind Roller auch nicht unbeliebt in der Bevölkerung. Ich befürchte, hier liegt die Zukunft des motorisierten Zweiradfahrens.

Wir befinden uns kurz vor einem motorischen Paradigmenwechsel. Verbrenner sind angezählt, und die Zukunft, so Trump und Putin uns eine lassen, wird elektrisch fahren. Natürlich werden elektrisch angetriebene Motorräder keine große Reichweite erzielen – aber dies scheint anlässlich 2.300 km/Jahr auch ziemlich unbedeutend. Motorradreisende fallen dann einfach durch‘s Raster. Ausgestorben, wie einst die Dinosaurier.

Ich kann es nicht verhehlen. Heutige Biker und Bikerinnen machen mich nervös. Oft ist es mir lieber, wenn keine da sind. Die Chance ist einfach zu groß, auf jemanden zu stoßen, der/die mir nicht liegt. Während ich in frühen Jahren meiner Leidenschaft irgendwo neben einem anderen Motorrad anhielt, und sofort in einem angenehmen Gespräch war, passiert dies heute bestenfalls noch bei alten Bikern – oder auf Fernreisen. Ist man vielleicht heute so verkrampft individualistisch, dass man auf andere Motorradfahrer nur noch herablassend oder gar ablehnend reagieren kann? Keine Ahnung, warum das so ist. Auch in den Foren ist dies täglich spürbar. Arrogante Ablehnung von allem, was nicht exakt den eigenen Ansichten entspricht. Hasserfüllte, seitenlange Threads über das Pro und Contra von Warnwesten und ihren Trägern. Geht‘s noch? Die Zeiten, wo Biker bei anderen Bikern einen automatischen Sympathievorsprung hatten, sind längst Geschichte. In Zeiten des Posens scheinen nur noch Egomanen zu zählen – und diese gibt‘s zu Hauf.

Vom Gefühl her hat sich die Fahrzeugindustrie genau die Kunden heran gezüchtet, die sie immer haben wollte. Markengläubig, kaufkräftig, fahrabstinent und unkritisch.

Ich bin sehr dankbar für ein erfülltes Leben im Sattel. Mit etwas Glück werden noch neue Kapitel folgen, aber ich weiß, dass sie an die Erlebnisse aus den 1970ern und 1980ern nicht mehr heran reichen können. Eines jedoch bleibt: Der ungefilterte Geruch von frisch gemähten Wiesen, der plötzliche Temperaturgradient bei tiefen Senken und die G-Kräfte, die jede Kurvenfahrt erst möglich machen. Nur guter Sex kann so was noch toppen – aber in meinem biblischen Alter ist Motorradfahren einfach wahrscheinlicher 🙂

Glückauf!

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