Untertitel im TV

Mein heutiges Erlebnis in einem Aachener Fotofachgeschäft lies mich erneut über etwas nachdenken, was mich schon seit Jahren bewegt. Warum sprechen viele Deutsche kein oder nur unbrauchbares Englisch?


Was war geschehen? Ein britischer Tourist hat seine Objektivkappe verloren, und fragte in lupenreinem, akzentuiert und langsam gesprochenen Oxford English nach Ersatz. Der Verkäufer brabbelte etwas, was wohl Deutsch für Kleinkinder gewesen sein mag. Und er tat dies laut, ganz nach dem Motto: Vielleicht verstehen Ausländer gebrülltes Deutsch besser als normal gesprochenes. Tat der Brite natürlich nicht, er wirkte eher verzweifelt. Ein zu Hilfe gerufener zweiter Verkäufer war dann auch nicht zielführend. Sein englischer Wortschatz war begrenzt auf den Halbsatz no English. Ich habe dann übersetzt, und der Brite schwirrte dankbar und glücklich mit einem neuen Deckel in Richtung Dom.

In meiner Wahlheimat, dem schönen Königreich der Niederlande, spricht bereits jedes Kleinkind Englisch. Auch Deutsch wird oft verstanden und gesprochen.

Jetzt könnte man meinen, die Niederlande hätten bessere Schulen, oder würden mehr Wert auf höhere Sprachkompetenz legen. Mag auch so sein, denn in einer kleinen Sprachgemeinschaft hat eine Fremdsprache eine höhere Bedeutung, als in einer großen mit 98 Millionen Deutschsprachigen (Deutschland, Österreich, Schweiz, Ostbelgien). Es mag aber auch eine ganz andere Ursache haben.

Im deutschen Fernsehen wird grundsätzlich alles in Deutsch ausgeliefert. Abgesehen von kleineren Ausnahmen bei Arte, gibt es keine weitere Tonspur mit der Originalsprache. In den Niederlanden und in Belgien werden Serien und Filme nicht lokalisiert. Sie laufen im Originalton mit Untertiteln. Dies führt wahrscheinlich automatisch dazu, dass die Originalsprache erlernt wird. Unbewusst und ohne Pauken von Vokabeln. Wer mag, kann auch komplett auf den O-Ton umstellen, denn er ist im Datenstrom verfügbar.

Würde man in Deutschland auf die Synchronisation verzichten, so gäbe es vermutlich einen Volksaufstand. Wäre also keine Lösung. Warum also nicht die Original Tonspur verfügbar machen, wie es bei fast allen Sendeanstalten im Ausland üblich ist?

Die Antwort ist simpel: Es geht nicht.

Deutschland ejakuliert seine Programme unverschlüsselt über den gesamten Kontinent – als einziges Europäisches Land. Dies ist eine politische Entscheidung, die den Deutschen Fernsehzuschauer nicht nur teuer zu stehen kommt, sie macht ihn auch sprachlich inkompetent.

Die Kosten für die Ausstrahlung einer Sendung orientieren sich an der Größe der (sprachlichen) Zielgruppe. „Inspektor Barnaby“ wird in Österreich für 8 Millionen potentielle Zuschauer eingekauft, in Deutschland für 98 Millionen. Gäbe es einen zusätzlichen Kanal für den Originalton, so läge der Zielmarkt bei 740 Millionen Zuschauern – und die Rundfunkgebühren würden noch weiter explodieren. Übersetzt heißt dies, dass deutsche Gebührenzahler bereits jetzt 22% mehr bezahlen, als sie bezahlen müssten – denn sie bezahlen für Österreich, die Schweiz und Ostbelgien mit. Diese Länder hingegen vermeiden Mehrkosten, indem sie ausschließlich verschlüsselte Programme an ihre Bürger ausstrahlen. Dies ist nicht gerade gerecht, und schon gar nicht Europäisch. Zu allem Ärger haben die Österreicher auch noch hervorragende Inhalte.

Würden deutsche Programme ebenfalls verschlüsselt, würden die Gebühren dramatisch fallen, und eine oder mehrere zusätzliche Tonspuren würden keinerlei Mehrkosten verursachen, denn die Zielgruppe würde damit nicht vergrößert. Auch die Abwanderung der Zuschauer zu Streaming Diensten, welche auch den O-Ton anbieten, würde gemindert. Ist aber politisch nicht opportun – ganz bewusst und zum Schaden der deutschen Bevölkerung.

Die wahre Ursache dürfte woanders liegen. Würde das öffentlich rechtliche Deutsche Fernsehen verschlüsselt, so könnte man nicht von Jedem die Gebühren kassieren, sondern nur von denen, welche die Schlüsselkarte auch wirklich abonnieren. Es wäre das Ende von belehrendem, erziehendem und weitgehend langweiligem Staatsfernsehen deutscher Prägung. Vollkommen undenkbar. Also bleiben deutsche Fotofachverkäufer sprachlich inkompetent und auf meine zufällige Anwesenheit angewiesen.

Gäbe es eine Verschlüsselung, so würde ich natürlich in die (dann dunkle) Röhre gucken, denn ich schmarotze deutsches Fernsehen in den Niederlanden komplett kostenlos.

  • Montags ist Barnaby-Abend bei uns (ZDF Neo); schade-nur syncronisiert. In der Originalsprache wäre es sicher noch eindrucksvoller. Aber wir sind ja nicht in den Niederlanden….

  • Ich arbeite bei einem bekannten, globalen IT Unternehmen in Dublin – zusammen mit 300 Menschen aus ganz Europa. Wir haben tatsächlich regelmässig Probleme, Deutsche mit englischen Sprachkenntnissen zu finden. Genau so schwer scheint es aber zu sein, Deutsche mit brauchbarem deutsch zu finden. Sprechen geht ja oft noch, aber sobald es schriftlich wird….

    Trotzdem ein interessanter Ansatz, dies alles mit dem Fernsehton zu verknüpfen.

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